• Dieser Beitrag wurde gelöscht, Informationen über den Löschvorgang sind nicht verfügbar.

    Vielen Dank für eure Antworten, sowohl für den Zuspruch als auch die Kritik.


    Zurzeit bin ich aus persönlichen Gründen noch nicht in der Lage mit "realen" Personen über meine (Schuld)Gefühle über den Suizid meiner Tochter zu sprechen, gleichzeitig habe ich jedoch das Gefühl, es zu müssen und zu brauchen, wenigstens anonym. Deswegen habe ich Hyperion gebeten, den Faden wieder zu öffnen.


    Es ist im Moment sehr vieles wirr: Wie ich mit dem Kummer und den (Selbst)Vorwürfen umgehen soll. Welche Gefühle ich für meine Tochter habe. Welche ich empfinden soll. Wie ich mit ihrer Entscheidung leben lernen soll. Wie es weitergehen soll..................


    Ich pendele grob gefasst zwischen zwei Extremen: unbändige Trauer und Verzweiflung darüber, dass meine Tochter sich das Leben genommen hat, und dass sich daran nicht mehr rütteln lässt. Sie unwiederbringlich nicht mehr da ist, und es keine Chance gab noch mit ihr zu sprechen. Dass ich meinen Anteil zu dieser Entscheidung beigetragen habe. Dass ich es nicht kommen gesehen habe. Es sind so viele Gedanken…


    UND


    Irgendwann – dann wenn ich für mich selbst bis zur neuerlichen Erschöpfung getrauert habe, und keine Tränen mehr da sind – pendele ich zum anderen Extrem. Dieses, wo es mir etwas "besser" geht, und ich die Entscheidung meiner Tochter nicht "annehmen" kann. Wo ich das Gefühl habe, dass meine Bemühungen, ihr ein gutes Leben zu ebnen, fehlgeschlagen sind, und mich das frustriert und wütend macht.


    Ich habe sie damals, als sie geboren wurde, nicht annehmen können. Ich war ungeplant und ungewollt schwanger geworden, und als sie dann da war, konnte ich die Bindung zu diesem Kind nicht aufbauen. In vielen Momenten hatte ich Ekelgefühle, Unwillen, eine Abneigung gegen sie, und gleichzeitig wusste ich, dieses Kind braucht seine Mutter, es ist von mir.


    Dennoch, ich konnte dieses fordernde Kind nicht vorbehaltlos lieben, ich habe seine Berührungen nicht ertragen können. Heute weiß ich, dass es sehr wahrscheinlich eine postnatale Depression war, die diese Gefühle erzeugt hat.


    Zudem war sie auch von einem Mann, den ich nicht (mehr) als Vater wollte, weil die Beziehung schon den Bach runtergegangen war. Weitere Unterstützung im Umgang mit ihr gab es nicht, ich war noch in Ausbildung, in einer sehr, sehr schwierigen finanziellen Lage und mit meinem Schreikind völlig überfordert.


    Ja, ich habe mich dann irgendwann berappelt, indem ich die Zähne zusammengebissen habe, um uns beiden ein einigermaßen gutes Leben zu sichern. Für mich bedeutete das in erster Linie finanzielle Sicherheit: raus aus den Entbehrungen und der Furcht, dass etwas kommt, dass das Aus bedeutet, wir auf der Straße stehen könnten, auch im übertragenen Sinne. Eine solide Karriere zur Einkommensabsicherung, ein eigenes Haus als Zuflucht erschienen mir wichtig als Basis. Für sie, meine Tochter, habe ich mir gewünscht, dass sie den Gleichaltrigen nicht nachstehen muss, ich habe ja gesehen, dass sie darunter litt, für ihre gebrauchten Sachen gehänselt zu werden, nicht so schönes Spielzeug zu haben, nie in Urlaub fahren zu können.


    Das sind auch alles Dinge, die ich in meiner eigenen Kindheit vermisst habe, und später musste ich mir alles selbst aufbauen, ohne jegliche Unterstützung meiner Eltern. Ich habe mir für meine Tochter einfach gewünscht, dass sie günstigere Bedingungen vorfindet. Am Anfang hat es nicht so funktioniert wie ich das wollte, daher hoffte ich, es zu einem späteren Zeitpunkt wieder gutmachen zu können.


    Es hat nicht sein sollen, offenbar. Ich hatte sie in der Zwischenzeit verloren, und wir haben uns auch nie besonders gut verstanden. Habe ich sie verloren, weil wir uns nicht verstanden, oder haben wir uns nicht verstanden, weil ich sie verloren hatte?


    Und jetzt ist sie einfach nicht mehr da.

    Es drängt mich noch etwas dazu zu schreiben. Dein letzter Beitrag macht einiges klarer. Die prägenste Zeit ist die Kindheit. Du selber hast wenig Unterstützung durch Deine Eltern erfahren. Vielleicht - so spekuliere ich - warst Du nur gut, wenn Du Leistung gezeigt und Erfolge gebracht hast. Aber das ist meine Spekulation und die hat keinen Anspruch auf Richtigkeit. Du schreibst, dass Du seine Berührungen nicht ertragen konntest. Das klingt in aller Konsequenz unsagbar traurig. Nicht nur für Dich sondern auch und vor allem für Deine Tochter. Ich nehme an, dass Deine Tochter ein sehr sensibler Mensch gewesen ist, aber selbst wenn sie nicht so sensibel war wie ich glaube, wird sie gespürt haben, dass sie nicht angenommen wurde, angenommen werden konnte. Es macht keinen Sinn, Dich zu verurteilen. Du selbst wirst hart mit Dir "ins Gericht" gehen. Da muss ich das nicht auch noch tun und empört aufschreien: "Wie konntest Du nur....?!?"


    Sie hatte andere Voraussetzungen. Sie musste die "Zähne nicht zusammenbeißen". Materiell hat es ihr an nichts gefehlt, emotional wohl an vielem.


    Ich habe selbst mehrere Angehörige und Freunde durch Tod verloren. Dennoch könnte ich nicht sagen: "Ich weiß wie Du Dich fühlst". Aber diesen Nebel und dieses Chaos habe ich auch erlebt und ich kann mich auch gut mit dem Bild des Meeres identifizieren. Meine Erlebnisse liegen inzwischen Jahrzehnte zurück und ich habe mittlerweile das rettende Ufer erreicht. Das hat rückblickend mehrere Jahre gedauert. Geholfen hat mir kompromisslose Ehrlichkeit und die Erkenntnis, dass man die "Fäden des Schicksals" nicht in der Hand hält. Wenn jemand sich entscheidet zu gehen, wird er es tun, ob das aus einem spontanen Lebensüberdruss geschieht, oder lang geplant ist, spielt im Nachhinein keine Rolle mehr, denn es ist nicht mehr änderbar. Ich habe mich nach Deinem Eingangsbeitrag natürlich auch gefragt, ob denn niemand etwas gemerkt hat, ob nicht der Freund der rückhaltlos zu ihr gestanden hat gespürt hat, dass etwas nicht in Ordnung war. Aber selbst das wäre eben nicht mehr änderbar und sie hat, wenn ich Dich richtig verstehe, eben auch nicht über diese Abgründe gesprochen. Das ist ja das einzige was man tun kann. Nur das Sprechen bringt uns dazu andere zu verstehen.


    Vor etwa einem Jahr habe ich eine Freundin durch suizid verloren. Sie war depressiv lange bevor wir uns kennen lernten. Uns trennten mehrere hundert Kilometer, daher konnten wir uns nicht sehen, haben aber mindestens einmal monatlich telefoniert. Sie hat in jedem Telefonat davon gesprochen, wie schlecht es ihr geht, das ihre Kraft zum Leben nicht mehr reicht; sie hat gesprochen und ich habe ihre Motive verstanden. Ich konnte sie trotzdem nicht retten. Sie hat sehr oft Sätze gesagt wie: "Du weißt ja gar nicht, wie das ist...." Und das stimmte auch. Ich stecke in niemandes anderen Kopf. Ich kann mich immer nur bemühen, etwas zu verstehen.Wir hatten eine grundlegend unterschiedliche Einstellung zum Leben. Für sie war es eine Last aufgrund ihrer vielen negativen Vorerfahrungen. Für mich ist es eine Herausforderung, aber das liegt eben auch an der Bestätigung, die ich als Kind erfahren habe. Selbst das ist allerdings keine Gesetzmäßigkeit. Auch Kinder, die geliebt wurden, können sich für den Freitod entscheiden. Es ist immer ein Zusammenspiel zwischen äußeren und inneren Faktoren.


    Ich hoffe, dass Du irgendwann Ordnung in Dein Gefühlswirrwar bringen kannst und der Hass den Du jetzt manchmal fühlst kleiner wird.

    Zitat

    Ich habe sie damals, als sie geboren wurde, nicht annehmen können. Ich war ungeplant und ungewollt schwanger geworden, und als sie dann da war, konnte ich die Bindung zu diesem Kind nicht aufbauen. In vielen Momenten hatte ich Ekelgefühle, Unwillen, eine Abneigung gegen sie, und gleichzeitig wusste ich, dieses Kind braucht seine Mutter, es ist von mir.


    Dennoch, ich konnte dieses fordernde Kind nicht vorbehaltlos lieben, ich habe seine Berührungen nicht ertragen können. Heute weiß ich, dass es sehr wahrscheinlich eine postnatale Depression war, die diese Gefühle erzeugt hat.


    Zudem war sie auch von einem Mann, den ich nicht (mehr) als Vater wollte, weil die Beziehung schon den Bach runtergegangen war. Weitere Unterstützung im Umgang mit ihr gab es nicht, ich war noch in Ausbildung, in einer sehr, sehr schwierigen finanziellen Lage und mit meinem Schreikind völlig überfordert.

    Ich möchte dir für diese sehr ehrliche Reflektion sehr danken.


    Ich bin eine Tochter, die von ihrer Mutter vermutlich nie "richtig" geliebt werden konnte. Und die "Gegenseite" mal zu hören, das hilft mir zu verstehen.


    Auch meine Mama hat sich in Arbeit gestürzt und immer betont, dass sie mir und meinen beiden Geschwistern ein besseres Leben ermöglichen wollte. Auf der einen Seite vielleicht ein Versuch, die fehlenden Gefühle irgendwie "wieder gut zu machen", dem Kind irgendwie etwas Gutes zu tun, auf der anderen Seite aber auch eine gute Möglichkeit zur Flucht, sich nicht mit dem Kind beschäftigen zu müssen, seine Ruhe vor diesem ewig fordernden Kind zu haben.


    Ich verstehe das. Ich liebe meine beiden Kinder unendlich, aber wenn ich mir nun vorstelle, ich könnte es nicht (und jede Mama, auch ich, ist mal überfordert/genervt gewesen, wenn auch nur für vereinzelte Momente/Situationen, aber halt nicht grundsätzlich) dann würde ich es vermutlich genauso machen.


    Du hast dein Bestes gegeben, genau wie meine Mama.


    Trotzdem hatte ich massive Probleme in meinem Leben. Bei deiner Tochter hört es sich nach Borderline an, auch ich hatte solche Anwandlungen. Wenn du die Beweggründe deiner Tochter mehr verstehen möchtest, würde ich dir empfehlen dich evtl. mit dieser Persönlichkeitsstörung zu beschäftigen.


    Ich wünsche dir sehr, dass du bald Frieden findest! @:)

    Ich lasse dir einen lieben Gruß da. :)_


    Mache dir keine Vorwürfe. Auch ich wollte immer, dass es meiner Tochter besser geht, als mir damals in dem Alter. Ich habe sie damals bei der Wohnungssuche unterstützt. Wir kauften gemeinsam für die erste Wohnung ein und hatten viel Spaß dabei und ich bin heute noch für sie da. Das für mich selbstverständlich. Nur dieses Verhältnis hatte ich nie zu meiner Mutter. Aber trotzdem hatte ich eine schöne Kindheit, weil sie erst später im Laufe der Jahre stets meine Schwester vergötterte.


    Es ist nicht leicht zu erkennen, ob jemand depressiv ist. Und nicht immer kann man von außen helfen.


    Meine Freundin ist depressiv, war schon öfters in einer Klinik, aber sie hat die Hilfe stets selbst gesucht, wenn sie merkte, dass es nicht mehr ging. Auch ich fragte mich oft, wie ich ihr helfen kann.


    Das du geschockt bist, verstehe ich. War ich damals bei meiner Nachbarin auch oder jetzt als meine Mutter starb.


    Hier hilft nur die Zeit.


    Vielleicht suchst du dir einen Psychologen. Meiner Freundin tun die Gespräche sehr gut. Man muss akzeptieren, was passiert ist. Es war ihr Wunsch. Ich finde den Spruch wunderschön "Du bist nun frei und unsere Tränen wünschen dir Glück". Auch, wenn das Loslassen schwer fällt. Ihr geht es nun besser.

    Anemone Nemorosa

    Zitat

    Es hat nicht sein sollen, offenbar. Ich hatte sie in der Zwischenzeit verloren, und wir haben uns auch nie besonders gut verstanden. Habe ich sie verloren, weil wir uns nicht verstanden, oder haben wir uns nicht verstanden, weil ich sie verloren hatte?

    Manchmal kann man sein Bestes geben und trotzdem kann es sein, dass es einfach nicht so ankommt. Du kannst Dich jetzt auf die Suche begeben, Du kannst analysieren, Du kannst Dir Vorwürfe machen, Deiner Tochter Vorwürfe machen (gehört ja auch vieles zum Trauerprozess), aber nichts wird daran ändern, wie es war und wie es jetzt ist. Du wolltest, dass Deine Tochter es besser hat als Du. Sehr wahrscheinlich war es auch so und im Endeffekt führte möglicherweise genau das dazu, dass ihr zu weit von einander wart, angefangen bei den Werten, die ihr hattet. Dass das sehr traurig für eine Mutter ist, kann ich mir gut vorstellen. Ich weiß nicht, wie gut Eltern ihre Kinder generell kennen, aber für mich war es nicht sehr verwunderlich, dass Du Deine Tochter nicht in all ihren Facetten kanntest und dass Dir die Seite, von der Du im Nachhinein erfahren hast, völlig fremd war. Eines ist meiner Ansicht nach aber klar, wenn sie nicht wollte, dass Du diese Seite von ihr kanntest, dann hattest Du auch wenig Chancen.

    Es gibt eine Frage die ich mir und auch dir Anemone Nemorosa stelle. Nämlich was würde deine Tochter wohl denken, wenn sie deine Beiträge hier lesen würde.


    Ich hab sehr ambivalente Gefühle bei deiner Schilderung. Einerseits totales Mitgefühl für eine Mutter die ihr Kind verloren hat. Das Bedürfnis dich zu trösten und dir einen Weg aus deinen Schuldgefühlen raus zu zeigen. Meine Mutter hat auch ein Kind durch einen Unfall und Unaufmerksamkeit verloren. Ich selber hätte im Alter von 1 Jahr und zehn Monaten meinen Sohn durch Ertrinken in einem eiskalten Gebirgsbach auch fast verloren. Er lag kalt und steif und lila angelaufen in meinen Armen. Ich kann den Schmerz und die Schuldgefühle einer Mutter die ihr Kind verloren hat in Etwa nachfühlen.


    Und dann kommt wieder dieses "komische" Gefühl hoch. Du wirkst auf mich in deinem Text irgendwie eiskalt. Kalkuliert, beherrscht und auf eine groteske Weise in deiner Sprache "wohldosiert".


    Wie würde deine Tochter das sehen? Was würdest du ihr jetzt am liebsten sagen/schreiben.


    Wenn ich dir Unrecht tue, bitte verzeih. Aber so wirkst du auf mich.

    Kalt wirkt Anemone auf mich nicht. Wir Menschen sind zum Glück alle unterschiedlich. Manche sind einfühlsam und warmherzig, andere nicht. Manche sind sogar abgebrüht.


    Das erkennt man nur zu gut im Kollegenkreis.


    Meine Mutter konnte uns nie in den Arm nehmen. Sie äußerte ihre Liebe durch Essen. Hört sich verrückt an. Schon die Enkelkinder wurden immer gefragt, ob sie ein Eis oder etwas anderes wollten. Auch Besuch wurde ständig gefragt, ob er noch etwas essen will.


    Gefühle hat meine Mutter erst vor einem Jahr gezeigt. Da hat sie geweint und mich in den Arm genommen. Sie hatte oft Wutanfälle und ich bekam es verbal ab. Als ich kurz vor meinem Auszug nachfragte, warum sie so zu mir ist, war ihre schlichte Antwort "Es ist doch schon wieder vorbei". Sie meinte es nicht so. Sie musste in diesem Moment verletzen. Später stellte sie dann gekauften Kuchen vor meine Tür.


    Aber trotz allem hat sie wegen mir geweint, weil ich wegzog. Auch am Tag meines Auszuges und hat mir ein Foto von sich und meinem Vater mitgegeben und liebe kurze handgeschriebene Zettel. Ich bin jetzt froh, dass als Erinnerung an sie zu haben.


    Darum urteilt nicht nach Geschriebenen. Jeder von uns drückt sich anders aus.


    Anemone trauert, weil sie keine Chance auf ein Gespräch hatte. Ich bin froh, dass sich bei mir vor einem Jahr dieses kurze Gespräch ergeben hatte.

    Ich würde so gerne auf alle Beiträge, die gekommen sind, eingehen, zu jedem fällt mir etwas ein, ich wünschte, es gäbe eine Möglichkeit, Gedanken nur durch das Denken zu Papier zu bringen. Seit Tagen will ich mich schon äußern, fühle mich aber so bleiern, und oft ist mein Kopf auch so leer, oder ich habe plötzlich keine Gefühle mehr, oder wieder im Übermaß, sodass ich aufhören muss, weil ich es nicht mehr ertragen kann, auf meinem Stuhl zu sitzen und von Emotionen umspült zu werden. Überhaupt habe ich gerade den Eindruck, dass nur ständige Bewegung mich noch am Laufen hält, mich vor Gefühlen und Gedanken schützen kann.


    Aber nun schreibe ich einfach, in der Hoffnung, dass das den Knoten löst, , dass ich doch noch den Schwung finde bevor ich wieder aufspringen muss.


    Ich möchte so gerne über sie sprechen - und über mich.


    Manchmal - und das empfinde ich jetzt außerhalb dieser bestimmten Situation(en) als sehr eigentümlich, dass ich das so empfunden habe - kann ich sie und mich nicht mehr voneinander trennen. Ich habe inzwischen mehr als die Hälfte ihrer Tagebücher durch, und oft ist mir, als wäre ich in einem Sog, weil ihre Worte so ergreifend sind, dass es anfängt in mir zu klingen, und ein Fluss entsteht, und ich das Gefühl habe, zu wissen, was sie als nächstes schreibt. Es ist als würde ich von mir selber lesen, als wäre ich kurzzeitig sie, dann ist sie mir näher als zu Lebzeiten. Und das finde ich dann so…traurig. Und schrecklich.


    Und dann springt es um, dann wenn ich Sachen von ihr lese, die ich nie erwartet hätte, die ich mir selbst nie zugestanden habe, oder sie ablehne. Ich beginne mehr von ihr zu verstehen, und gleichzeitig entfernen ihre Zeilen sie weiter von mir.


    Es ist nicht alles Bitterkeit was sie geschrieben hat, manchmal habe ich sie auch beneidet. Ja, ich schäme mich dafür, dass ich ihr Dinge, Erlebnisse… geneidet habe.


    Gestern war der Geburtstag meiner Tochter, sie wäre 29 geworden. Es wirkt so irreal, vieles. Sie war schon groß. Sie ist mir so abhanden gekommen, dass ich sie viel jünger vor mir sehe – nicht so sehr äußerlich (auch wenn sie optisch jünger wirkte als sie war), sondern mehr von meiner Auffassung her kommend. Vielleicht ist es ebenso eine Einbildung von mir, aber beim Überfliegen des Themenstranges hier, erscheint sie anhand meiner Worte auch jünger.


    Sie wäre wirklich tatsächlich 29 Jahre alt geworden, gestern.

    Zwei Fragen, die hier im Themenstrang aufgeworfen wurden, einmal von Baldurhh und von Bambiene, haben mich auch beschäftigt, und daher habe ich das Gefühl, darauf eingehen zu müssen.


    Der Freund meiner Tochter, der zu ihr gehalten hat.


    Es bestand zwischen ihm und mir kein Kontakt. Sie waren lange zusammen, aber auch ihn hat sie ferngehalten, ich kannte ihn nur aus ihren Erzählungen, die sie von Zeit zu Zeit gestreut hat. Daraus hatte ich mir dieses Bild des sie Liebenden, Unterstützenden geformt. Um den ich sie beneidet habe, was mir sehr unangenehm ist.


    Inzwischen habe ich ihn kennengelernt, wenn man das so nennen kann. Oberflächlich auf der Beerdigung, als er mir sehr distanziert gegenübertrat, gleichzeitig völlig aufgelöst war. Möglicherweise liegt es an meiner Sicht der Dinge, oder daran was ich in ihren Aufzeichnungen gelesen habe. Ich glaube, ich habe in seinem Blick sowas wie Anschuldigung gesehen. Abneigung und aber auch Neugier. Das ist also das Muttermonster.


    Ich habe es nicht fertiggebracht, mich mit ihm zu unterhalten, bis heute nicht, und von ihm kam auch nichts. Ich schäme mich so, ich kann mir ja denken, was sie ihm von mir erzählt hat, und ich sehe ja selbst, was verkehrt gelaufen ist. Zusammengefasst, was sie mehrfach über ihn (und andere) schrieb: sie könne nicht lieben und Kontakte nicht pflegen, weil Menschen sie auslaugen. Gleichzeitig hat sie sich Verlassen gefühlt und sich gewünscht, es gäbe da einen Jemand, der zu ihr durchbrechen kann, und "das Ruder rumreißt". Mit ihm hat sie ihre Gedanken nicht geteilt, auch auf sein Nachfragen hin nicht. Auch bei ihm schien sie die Fassade nicht ganz fallen gelassen zu haben. Sie hat sich vorher von ihm getrennt um sicher zu gehen, dass er ihr nicht in ihr Vorhaben funkt.


    Insgesamt wurde das sehr viel detaillierter (Einträge über Jahre) und komplexer von ihr geschildert. Es erscheint mir…verkehrt, da tiefer reinzugehen und öffentlich mit mehr Details aus ihren Aufzeichnungen zu erzählen, zumindest gerade. Ich weiß nicht, was das richtige Maß ist. Mal glaube ich, dass es in Ordnung ist, da sie nicht mehr lebt, und diesen Teil ihrer Aufzeichnungen nicht vernichtet hat, mal denke ich das Gegenteil, weil sie die Bücher nicht so bereitgelegt hat, als wollte sie, dass man liest.


    In diesem Zusammenhang fallen mir Bambienes Feststellung und Frage ein: Du wirkst auf mich in deinem Text irgendwie eiskalt. Kalkuliert, beherrscht und auf eine groteske Weise in deiner Sprache "wohldosiert".


    Wie würde deine Tochter das sehen? Was würdest du ihr jetzt am liebsten sagen/schreiben.


    Ich würde gerne auf diese Frage antworten, zumindest in meinem Kopf - das habe ich sogar schon getan. Ob ich es öffentlich schon fertig bringe…mal schauen.


    Vorweg wüsste ich jedoch gern, was von dir, Bambine, oder auch von anderen als "eiskalt, kalkuliert, beherrscht und auf eine groteske Weise in [m]einer Sprache "wohldosiert"" wirkt. Ich versuche es nicht als Affront zu sehen, obwohl es mich zugegebenermaßen schmerzt das zu lesen – zumal meine Tochter ähnliches von mir schrieb, und mich offenbar so auch bei anderen beschrieben hat.

    Ich danke euch wirklich allen dafür, dass ihr euch die Zeit genommen habt zu lesen und mir zu antworten. Ich möchte am liebsten jedem von euch – weihnachtsternchen, Plüschbiest, Dé.liée, Frühlingskind, Baldurhh, Danae, Lillibell, autum-like, Souha, Djermo, Verschw-Praktiker, Marie, Mirsanmir, Lola, BlackSwan, Bambiene und Kleio - etwas auf ihre/seine Zeilen antworten (ich bin wieder so schrecklich müde..), ich versuche es zu einem späteren Zeitpunkt. Ihr habt mir einige Gedankenanstöße gegeben, über die ich wirklich sehr viel nachgedacht habe die letzten Tage, auch wenn meine sichtbare Reaktion darauf noch gleich Null ist. Vielen Dank auch für den Zuspruch, von denen, die in meiner Situation waren/sind und von denen, die meine Tochter hätten sein können.

    @ Anemone Nemorosa

    Das mit der "ständigen Bewegung" kenne ich von meiner Mutter, als mein Vater starb. Im Sommer war sie den ganzen Tag im Garten, war immer aktiv. Hatte keine ruhige Minute mehr. Es gab immer irgendetwas zu tun.


    Ich kenne das auch von mir, dass man mit der ständigen Bewegung Ablenkung von diesen Gedanken hat.


    Musst du alles reflektieren? Du verstehst jetzt besser, warum sie so verzweifelt war und so gehandelt hat.


    Aber du änderst es nicht mehr dadurch. Mir fällt das auch oft schwer, dies zu akzeptieren.


    Aber, wenn etwas passiert ist, welches man nicht rückgängig machen kann, sollte man es hinnehmen. Das Gedankenkarussell ist dauerhaft nicht gut. Man dreht sich im Kreis.


    Ich habe das auch bei meiner Mutter erlebt. Habe mich anfangs mehrmals täglich gefragt, ob sie es wirklich so wollte. Auch mir fielen Szenen aus der Vergangenheit ein. Aber mittlerweile bin ich gefestigt. Es war ihr Wunsch die letzten Tage nicht alle Kinder bei sich zu haben. Und selbst, wenn es nicht so gewesen ist, ändern kann ich es nicht durch meine Gedanken und ich werde die Wahrheit nie erfahren.


    Wenn ein Mensch depressiv ist, ist es nicht leicht. Vor allem, wenn er sich nicht äußert. Du kanntest den Freund deiner Tochter nicht. Geht auch meiner Schwester so.


    Ich wünsche dir viel Kraft, dass du wieder vorwärts blicken kannst. :)_

    Liebe Anemone, mein herzliches Beileid. Ich finde es unfassbar traurig, was du schreibst. Deine Worte berühren mich sehr und ich finde es im Grunde tieftraurig, dass du dich in dieser Situation lieber einem Forum anvertraust, als mit realen Menschen sprechen zu können.


    Und hier wiederholt sich eure Geschichte. Deine Tochter schrieb auch lieber in ein Tagebuch, anstatt sich realen Menschen anzuvertrauen. Wohl auch ihrem Freund nicht wirklich.


    Das Schreiben scheint eure Gemeinsamkeit gewesen zu sein. Sie hat im Schreiben sich öffnen können, hat unzählige Tagebücher hinterlassen (wahrscheinlich auch dir hinterlassen), die du nun liest und sie dadurch erst kennenlernst, verstehen kannst. Die Tagebücher ermöglichen dir auch, eine neue Perspektive auf dich, auf eure Familie einzunehmen.


    Ich finde gar nicht, dass du distanziert schreibst, im Gegenteil. Aber vielleicht findest du irgendwann aus dem Kreislauf des Schreibens und Schweigens heraus und erzählst realen Menschen, was dich bewegt.


    Viel Kraft von mir, die ebenfalls eine ganz schwierige Beziehung zur Mutter hatte und habe mit jahrelangem Kontaktabbruch und Schweigen.


    Skolka

    Hallo Anemone Nemorosa,


    ich schreibe dir aus meiner aktuellen Situation heraus einfach mal ein paar wirre Zeilen. Mir war eins direkt klar: Niemand, auch du nicht, hätte die Entscheidung deiner Tochter verändern können. Weisst du, es gibt hier Menschen, die dich aufgrund deiner Aussagen angreifen. Die dir irgend etwas vorwerfen, und die davon überzeugt sind, dass du einfach hättest genauer hinsehen müssen.


    Das ist Blödsinn. Du konntest nicht wissen, wie deine Tochter empfindet. Sie hat alles dafür getan, um diese Gefühle von ihrem realen Umfeld fernzuhalten. Meine Eltern haben bis heute keine Ahnung davon, dass ich mit fast 10000 Euro verschuldet und Alkoholikerin bin. Dass ich vor fast 10 Jahren meine damalige Wohnung in Messie-Manier verlassen habe, und dies heute monatlich abstottere. Dass ich mein Leben hasse, andere Menschen hasse, diese ganze Erwartungsgesellschaft hasse... wäre da nicht ein Grund, für den ich alles auf mich nehme und eben funktioniere. Kinder erzählen so etwas nicht ihren Eltern. Du konntest und durftest nicht wissen, wie es wirklich um deine Tochter stand. Mir tut nur leid, dass sie dir nicht einen entsprechenden Brief hinterlassen hat. Bitte, liebe Anemone Nemorosa, verdamme dich nicht. Deine Tochter wollte und wusste, was sie tat. Du spieltest dabei keine Rolle, auch wenn euer gemeinsames Leben nicht immer leicht war. Wäre es um dich gegangen, dann hätte sie dir eine Nachricht hinterlassen. Übrigens finde ich es völlig normal, dass du sauer auf sie bist. DU musst immerhin weiterleben, nicht sie. Sie hat's hinter sich gebracht, und du musst den Nachbarn Rede und Antwort stehen. Bitte mache dir bewusst, dass deine Tochter dich nicht in ihre Probleme einbinden wollte. Dass sie dir ihr Tagebuch hinterlassen hat ist ein großer Vertrauensbeweis, ich würde meinen Eltern nichts dergleichen hinterlassen obwohl ich sie beide sehr liebe. Meine Geheimnisse nehme ich mit ins Grab. Meine Eltern müssen nicht wissen, dass ich seit Jahren saufe und mit mir und dem Leben nicht zurechtkomme. Denn ich treffe meine eigenen Entscheidungen, und da hat mir niemand reinzureden. Deine Tochter hat ihre eigenen Entscheidungen getroffen. Bitte respektiere das, und lege, falls möglich, ihr privates Tagebuch beiseite.

    Liebe Anemone erst einmal mein herzliches Beileid für deinen Verlust es tut mir sehr leid für dich ich kann etwas nachfühlen wie du dich jetzt fühlst denn ich habe ähnliches erlebt : zwar nicht den Suizid meines Kindes sondern den meines Vaters aber da kann ich mich doch etwas in dich hineinversetzen .


    Und dazu hatte ich auch keine besonders gute Beziehung zu meiner Mutter da diese mich ihr Leben lang gehasst und abgelehnt hat


    Kann mich also auch etwas in deine Tochter hineinversetzen


    Wobei du ja für deine Tochter immer versucht hast das Beste zu geben .


    Dies soll jetzt auch von mir nicht als Vorwurf aufgefasst werden .


    Mir hätte es mit Sicherheit einiges erspart wenn Ich die Gewissheit gehabt hätte dass ich meiner Mutter doch soviel wert gewesen wäre dass sie sich zumindest um mein Wohlergehen bemüht hätte.


    Als mein Vater sich das Leben genommen hat war ich 13 Jahre alt und es kam nicht wie bei deiner Tochter aus heiterem Himmel sondern er hatte es mehrmals angekündigt einmal hat er mich sogar zu meiner Tante geschickt mit den Worten dass ich unbedingt gehen müsste damit ich ihn nicht sehen müsste wenn er sich das Leben nimmt .


    Natürlich hatte ich sofort um Hilfe gerufen und er hat es daraufhin auch nicht getan aber leider dann einige Monate später.


    Ich litt damals jahrelang unter Schuldgefühlen meinte als Tochter komplett versagt zu haben doch ich war damals leider einfach nicht in der Lage ihm die Stütze zu sein die er gebraucht hätte .


    Auch ich habe mich damals gefragt warum hat er mich verlassen warum konnte ich ihn nicht davon abhalten seinem Leben ein Ende zu setzten hat er mich denn nicht geliebt ?


    Es war halt mein kindliches Empfinden .


    Als erwachsener Mensch konnte ich dann unterscheiden dass er mich nicht verlassen hat weil et mich nicht geliebt hat sondern weil er einfach nicht stark genug gewesen ist den Widrigkeiten zu trotzen .


    Damals wäre ich froh gewesen wenigstens meine Mutter als Stütze gehabt zu haben .


    Doch sie konnte mir nie geben was ich brauchte .


    Ich selbst war durch meine Erlebnisse auch einmal kurz davor meinem Leben ein Ende zu setzen - die Tabletten hatte ich mir schon besorgt - doch ich hatte ein drei jähriges Kind und war mit meinem zweiten Kind schwanger und spürte dass ich Verantwortung habe und mich nicht so einfach davonstehlen darf.


    Damit will ich sagen egal was im Leben deiner Tochter war oder vorgefallen ist die Entscheidung sich das Leben zu nehmen hat sie alleine gehabt sie hat sich dazu entschlossen weil sie wahrscheinlich keine Kraft mehr hatte gegen ihre Probleme anzukämpfen.


    Ich weiß du machst dir jetzt Vorwürfe und fühlst dich schuldig dies liegt glaube ich in der Natur des Menschen aber letztendlich ist es die Entscheidung deiner Tochter gewesen diese für sie so düstere Welt zu verlassen .


    Vielleicht findet sie jetzt die Ruhe den Frieden und das Glück dass sie im Leben vergeblich gesucht hat .


    Ich wünsche es ihr sehr und dir wünsche ich ganz viel Kraft und hoffe dass du dir und vor allem deiner Tochter verzeihen kannst .


    Alles Liebe für dich :)*