Ich vermisse sie!

    Weihnachten 2018 sollte eigentlich richtig schön werden. Wir feierten im kleinen Kreis. Meiner Mama ging es richtig schlecht. Anfang des Jahres hatte sie eine Diagnose bekommen, die uns alle aus der Bahn warf. Sie war 78 Jahre alt. Sie hatte noch so viel vor. Wir waren 2 Jahre zuvor auf diesen alten Hof inmitten von Wald gezogen. Diesen wollte sie mit auf bauen. Sie hatte soviel Freude und Elan gezeigt beim Füttern der Tiere oder Gärtnern. Besonders die Hühner hatten es ihr angetan. Sie fröhnte ihrem Hobby als Fotografin. Fand soviel schöne neue Fotomotive. Sie hatte vor die Gegend zu erwandern. Zu Reisen...

    Die Diagnose warf uns alle aus der Bahn. Bösartiger Hautkrebs im Endstadium. Die Ärzte behandelten mit Chemo- und Strahlentherapie. Sie dürfte wegen den Metastasen im Kopf nicht mehr Autofahren. Sie hatte in jedem Organ Metastasen.

    Sie hatte wohl in der Vergangenheit auch schon zwei kleinere Schlaganfälle gehabt.

    Mir viel immer nur die stets ansteigende Vergesslichkeit auf. Sie wusste beispielsweise ihr Geburtsdatum nicht mehr. Richtig schlimm wurde es ab November. Nachdem meine Schwestern ihr bekundeten wie sie ihr Testament fanden. Und dass sie sie nicht besuchen kommen wollen. Sie knickte richtig ein. Ab da ging es bergab. Sie wollte nicht mehr. :°(

    :°(

    Ihr Atemnot machte mir Kummer. Bis Dato hatte ich in unserem Dreigenerationenhof den Haushalt komplett übernommen. Bekochte meine ganze Familie und kümmerte mich um alles was auf dem Hof an Arbeiten anfiel. Mein Fern-Studium hängte ich an den Nagel.

    Die Sorge um meine Mutter wuchs zusehends. Ich besorgte alle notwendigen Utensilien. Vom Standsauerstoffgerät über mobiles Sauerstoffgerät, vom Rollstuhl über Fußsack, von Trinknahrung über Windeln und Toilettenwagen und Pflegebett...

    2 Wochen vor Weihnachten kam sie wegen Atemnot und Rasseln in der Brust dann mit Krankentransport ins Krankenhaus. Sie ließ sich dann aber erst untersuchen als ich eintraf. Bei der Punktion der Lunge hielt ich ihre Hände und tröstete so gut es ging. Es lief dann auch tatsächlich viel mehr Wasser als der Arzt vorher vermutete.

    Ab dem Zeitpunkt veränderte sie sich immer mehr. Sie wollte schon im Krankenhaus nicht mehr essen. Sie lief zwei mal weg. Das erste mal lief sie ihrer Bettnachbarin in die Arme. Das zweite Mal lief sie aus dem Krankenhaus und wurde erst morgens wieder gefunden. In der Nacht wurde ich informiert. Die Polizei war schon auf der Suche. Ich hatte unvorstellbare Angst um Mama.

    So schnell es mir möglich war, fuhr ich zum Krankenhaus. Und zum Glück konnte sie Mittags mit mir das Krankenhaus verlassen. Zum Glück hatte ich die Generalvollmacht. Sonst wäre es ganz anders ausgegangen. Sie kamen schon mit Medikamenten, die Mama still legen sollten.

    Daheim angekommen fühlte sie sich wieder wohl und geborgen. Sie erzählte mir, dass sie nicht mehr verstand was sie las. Woraufhin wir ausmachten, dass ich CDs mit Hörspielen für sie besorgte und für sie vorlas.

    Sie aß kaum noch. Das Schlucken und selbstständige Essen viel ihr zusehends schwerer. Irgendwann begann ich ihr beim Essen zu Helfen. Nach und nach ging das leider auch nicht mehr. Sie nahm weiter ab. Auch die angeforderte Trinknahrung half nur anfangs. Meine Eltern versöhnten sich nach mehreren Jahrzehnten wieder. Sie schien im ersten Moment glücklich. Im nächsten Moment als er wieder zu sich nach Hause fuhr, viel sie in ein tiefes Loch. Ich bekam sie nur noch schwerlich heraus. Inzwischen war ich nur noch für meine Mutter da. 19 Stunden an ihrer Seite. Die restliche Zeit schlafend und doch wieder bei ihr. Mal schlief ich an ihrer Seite, mal bei uns im Bett aber immer auf Abruf mit Babyphone. Da Mama nachts herumgeisterte und etliche Male dabei Sachen anstellte oder hinfiel und nicht mehr selbst von alleine aufstand sondern an Ort und Stelle ihre Notdurft verrichtete - sicherlich verständlich. Ich half ihr gerne. Sie benötigte dringend Hilfe. Ein Pflegegeld erhielt sie nicht. Nur der Pflegedienst hätte Geld bekommen. Aber zuletzt hätte ich nur eine Haushälterin bekommen, die 1 mal in der Woche vorbei käme.

    Also stemmte ich alles selbst. Da wir unsere gemeinsame Wohnung im 1. Stock haben, trug ich sie immer von oben nach unten und andersherum. Es kostete mich all meine Kraft. Auch die intensive Pflege kostete seinen Tribut. Meine Füße konnte ich kaum bewegen. Ich lief vor allem nachts wie auf glühenden Kohlen.

    Knochenschmerzen und Existenzängste wechselten sich ab.

    Ende Januar kam dann die Zeit, dass man absehen konnte, dass Mama nicht mehr lange Zeit hatte.

    Die Schulmedizin gab Mama auf. Das war dann der Zeitpunkt, bei dem allen auch Mama selbst klar wurde, dass sie nicht mehr lange Zeit hatte.

    Ich war rund um die Uhr bei Mama. Kümmerte mich rundum um sie. Wusch und badete sie. Föhnte die Haare, putzte die Zähne, half bei allen Toilettengängen, schnitt die Nägel, kochte und kümmerte mich um den Haushalt.

    Außer während der Fütterungszeit der Tiere und wenn ich mein Kind zur Schule fuhr. Wenn ich im Haushalt Dinge erledigte, kam alle 5 Minuten ein Ruf nach meinem Namen. Ich höre diesen Kosenamen noch heute.

    Am Abend bevor sie starb waren wir ohne Besuch der Schwestern. Ich nahm eine Veränderung in Mamas Haltung war. Sie hörte Stimmen? Sie hörte Musik? Sie schaute mich ganz irritiert an, konnte mir aber nicht sagen was. Sie blickte stundenlang im Raum umher. Aber als ich meinte, dass ich eine kleine Überraschung hätte, war sie ganz Ohr. Ich streichelte meinen Bauch und meinte, Mama hier wächst Dein 7. Enkel. Sie lachte überrascht auf und blickte mich glücklich und zufrieden an. Dann streichelte sie meinen Bauch und klopfte dagegen. Teilweise ein bisschen zu stark, so dass ich ihr sagen musste, dass sie vorsichtig sein müsste, sonst täte es uns weh. Ich blieb bis Spätabends bei ihr. Kümmerte mich um sie. Morgens fand ich sie dann friedlich, aber mit halbgeschlossenen Augen lächelnd in ihrem Bett liegend. Ich fühlte mich kalt erstarrt. Entsetzen machte sich in mir breit. Natürlich ich hatte es kommen sehen. Dennoch hoffte ich jede Sekunde, darauf dass sie wieder gesund werden würde.

  • 3 Antworten

    Wenn du diese Zeit so intensiv miterlebt hast, ist deine Hoffnung ganz normal. Genauso wie die Leere, die du jetzt sicher empfindest. Du hast alles ganz, ganz stark und richtig gemacht, gib dir selbst Zeit zum trauern, die brauchst du jetzt! Und denke immer daran, sie wusste noch, dass da wieder ein Enkelkind auf dem Weg ist und hat sich darüber gefreut, gib deine Kraft diesem Enkel und wisse, dass sie irgendwo da draußen über euch wacht. Meine Mutter konnte ihrem Vater auch erst zwei Tage vor seinem Tod sagen, dass sein erstes Enkelkind unterwegs ist, und ich habe ihn mein ganzes Leben gespürt. Viele Talente und Wesenszüge habe ich von ihm, die in unserer Familie sonst nirgends auftauchen. Du lebst auf dem Land, mit Tieren und der Natur, du weißt, leben ist endlich, so weh es tut. Deine Mutter hatte eine großartige letzte Zeit, halte dich daran fest und fühl dich feste gedrückt!

    Ich finde es wirklich sehr stark von dir das du dich so aufgeopfert hast und einfach alles für deine Mutter gegeben hast. So eine Tochter zu haben ist wohl eines der wertvollsten Geschenke . Deine Mama ist bestimmt sehr stolz auf dich und dir sehr dankbar für deine Leistung und unendliche Liebe . Sie wird dich vom Himmel aus beschützen. Sie wird sich für dich wünschen das du ein glückliches Leben führst.

    Hall Eichbaecherin, ich kann fast alles nachvollziehen, was du schreibst. Dein Erleben, einen Angehörigen in den letzten Wochen zu begleiten, weicht kaum davon ab, was andere in der Situation erleben. Ich erkenne auch Vieles wieder, was wir in den letzten Wochen meiner Mutter durchlebten. Den Versuch, es irgendwie allein mit der Familie zu schaffen, mussten wir schnell aufgeben. Ich war zu weit weg, um täglich da zu sein, mein Vater war überfordert. Ein Pflegedienst hatte uns sehr geholfen und machte uns den Kopf frei, tatsächlich auch in Gedanken bei ihr zu sein. Aber ich erkenne in deiner Geschichte auch die Mühen, wie man ständig - von Hoffnung getragen - irgendwelche Maßnahmen ergreift, um das Leben angenehmer zu gestalten. Und dabei lernt man, dass diese Maßnahmen von kurzer Dauer sind, weil schon kurz darauf die nächsten Veränderungen eintreten. Wir haben Ernährungspläne noch und nöcher aufgebaut, um ihren Appetit zu fördern. Probierten Eiweißriegel als Ergänzung, ich unternahm mit ihr Spaziergänge auf der Terrasse und motivierte sie zu Bewegung, meine Frau bereitete eine Paella vor und wir fuhren zu meinen Eltern, um sie dort aufzuwärmen und zu essen. Das Schlafzimmer wurde ebenerdig verlagert, Hilsmittel wurden angeschafft. Und doch hatten wir das Gefühl, ohnmächtig dem fortschreitenden Verfall hinterherzulaufen.


    Auf Sterbebegleitung sind wir nicht vorbereitet und lernen eigentlich nur. Es ist belastend, und wir fühlen uns hilflos. Uns hat dann ein Gespräch mit dem Hospziverein sehr geholfen, die Situation anders anzugehen. Aber der Verlust blieb unweigerlich und trat nach 4 schweren Monaten dann auch ein. Bei meiner Mutter war es Lungenkrebs.


    Dass du deine Mutter vermisst, ist selbstverständlich. Man fühlt sich auch wütend, weil man nicht nur einen nahen Menschen verloren hat, sondern auch - so zynisch das klingen mag - viel Zeit und Kraft in eine Hoffnung investiert, die nicht zurückgegeben wurde. Man fühlt sich betrogen nach dieser Zeit, weil einem alles umsonst scheint. Aber es war nicht umsonst. Deine Mutter wird gespürt haben, dass sie gut umsorgt war und dass du für sie da warst.


    Neben der Trauer ist es aber nun an der Zeit, jetzt an dich zu denken. Du musst kein schlechtes Gewissen haben, dein Lebensglück ab sofort in den Mittelpunkt zu stellen. Hol nach, was du versäumt hast. Denn neben einem geliebten Menschen ist auch - das darf man ehrlich sagen - eine Belastung gewichen. Du hast alles getan, was du konntest, und bist an deine Grenze gegangen. Jetzt ist für dich die Zeit gekommen, Versäumtes nachzuholen und vor allem zur Ruhe zu kommen. Du bekommst ja ein Kind und hast hoffentlich einen Partner an der Seite, der dich nun stützen kann. Vor allem erhole dich und sehe das Leben wieder mit offenen Augen und was es für dich bereithält. Nimm vielleicht dein Fernstudium wieder auf, wenn du zu Kräften gekommen bist. Deine Mutter wird als liebevolle Erinnerung bleiben, du bist nachträglich nicht mehr verpflichtet, dein Leben dem Verlust unterzuordnen. Eine neue Zeit ist angebrochen, und dafür wünsche ich dir alles Gute. :)_