Mein Papa wird sterben

    Hallo,


    ich schreibe dieses Thema bewusst unter Alias da es absolut persönlich ist und ich keine Verbindung zu anderen Beiträgen haben möchte.


    Mein Papa ist vor einigen Jahren am Multiplen Myelom, einem Knochenmarkkrebs der unheilbar ist erkrankt. Nach dem damaligen ersten Schock gab es die ganzen Therapien und der Krebs war soweit gut eingestellt.

    Letzte Woche dann musste er nachdem bei einer Routineuntersuchung schlechte Nierenwerte festgestellt wurden im Krankenhaus bleiben- seitdem geht es rapide bergab. Innerhalb einer Woche hat er so abgebaut, beim letzten Besuch habe ich ihn kaum erkannt. Er war total verwirrt, völlig in sich zusammengefallen und hat auf Ansprache kaum reagiert. Er kann nicht mehr selbst zur Toilette, muss gewickelt werden. Er hat jetzt nochmal eine Chemo bekommen, selbst wenn die anschlägt könnte das im besten Fall ein paar Monate rausholen.

    Er muss an die Dialyse da die Nieren kaum noch arbeiten, zudem hat auch zwischenzeitlich der oberen Magenbereich stark geblutet.

    Wir sind mittlerweile alle nervlich ziemlich am Ende. Ich versuche alles um meiner Mutter beizustehen, aber das Bild von meinem sonst so starken Papa hat sich wahnsinnig eingebrannt, ich habe die letzten 3 Nächte quasi nicht geschlafen. Gestern ging es ihm zum Glück etwas besser, man konnte sich mit ihm unterhalten, wenn auch stockend.

    Gibt es hier vielleicht Betroffene die solch einen Leidensweg als Angehörige mitgemacht haben. Wie habt ihr das durchgestanden? Für meine Mama will ich stark sein, aber ich merke wie ich bereits jetzt manchmal an meine Grenzen stoße.

    Trotz allem geht der Alltag weiter. Ich habe ein kleines Kind wofür ich verantwortlich bin, einen stressigen Job wo einiges ansteht. Zum Glück steht natürlich mein Mann mir bei, auch Schwiegermutter und natürlich mein Bruder helfen bei allem mit - dem setzt das ganze aber auch sicher sehr zu.

    Wie kann man vor allem dem betroffenen eine kleine Freude machen? Wir sind natürlich täglich da!

  • 19 Antworten

    Tut mir leid für dich und deine Familie! :°_

    Ich hab fast das Gleiche letzten Sommer gehabt - und ganz ehrlich? Ich wünsche euch und deinem Vater dass es jetzt schnell geht! Seit bei ihm so lange es geht - aber habt auch kein schlechtes Gewissen wenn euch mal die Kraft ausgeht und mal einen Tag ein Familienmitglied ausfällt.

    Eigentlich hilft nur Augen zu und durch! Was immer passiert passiert....

    Vielleicht könnt ihr euch beim Hausarzt etwas geben lassen - ein leichtes Beruhigungsmittel? Meine Erfahrung ist aber auch dass man funktioniert solange man eben muss - und es eine riesige Erleichterung ist wenn er es dann überstanden hat...

    Lasst ihn gehen.... :)_

    Ich habe meinen Vater vor 2 Jahren verloren. Er starb an Lungenkrebs. Ihm ging es die letzten 4 Monate schlechter (was aber eher an der Speiseröhre lag), aber die richtig krasse Phase gegen Ende dauerte zum Glück nur ein paar Tage. Meine wichtigsten 3 Erinnerungen sind zum einen der Moment, als ich mich zum letzten Mal von ihm verabschiedet habe mit den Worten "Ich komme morgen wieder", er sah mich an als wollte er sagen "Wir wissen beide, dass es kein Morgen gibt" (womit er recht hatte - er starb in den frühen Morgenstunden), zum zweiten die Gewissheit, dass er sich weiter gequält hätte, wenn wir bei ihm geblieben wären (er war bis oben hin vollgedröhnt mit Morphium und döste so vor sich hin, aber sobald meine Mutter oder ich uns nur bewegt haben, war er sofort wieder hellwach), und zum dritten sein Gesichtsausdruck als er dann tot war. Da war nichts von Leid oder Angst, er war ganz friedlich, mit einem leichten Lächeln wie Buddha. Ich bin dankbar, ihn so als letztes gesehen zu haben, und dankbar, dass wir uns ohne Worte einig waren, dass ich jetzt gehe und er in Ruhe sterben kann, dankbar, dass er nach der Diagnose noch fast 4 schöne Jahre hatte, und dankbar, dass es ihm nur ganz kurz wirkligh schlecht ging. Schade finde ich, dass er meine Tochter nicht mehr sehen konnte, die durfte nicht rein in die Intensivstation. Sein letztes Lächeln hab ich gesehen, als ich ihm erzählt habe, dass sie draußen sitzt und mir einen Kuss für ihn mitgegeben habe.

    Mein Rat ist daher ebenfalls, ihn gehen zu lassen. Lass ihn den Tod sterben, den er für sich möchte (ich glaube mittlerweile, dass Sterben ein weit längerer Prozess ist als bloß der letzte Atemzug, und die meisten Sterbenden richten es sich so ein, wie sie es sich wünschen), zwing ihn nicht in einen Kampf den er nicht gewinnen kann und klammere dich nicht fest an jedem bisschen Lebenszeichen, damit machst du es euch beiden schwer. Sei für dein Kind da, nimm dir Zeit fürs Trauern, aber auch Zeit fürs Leben. Du lebst weiter, und auch dein Papa würde wollen, dass du dich gut um dich kümmerst und es dir gut geht.

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    Wir hatten eine ähnliche Situation im April mit meinem Vater. Er kam ins Krankenhaus mit Darmverschluss. War zunehmend verwirrt. Er hatte nur noch eine Niere, die andere wurde 2 Jahre zuvor wegen Krebs entfernt. Die verbleibende hat nicht mehr gearbeitet. Er bekam auch Dialyse im Krankenhaus. Bei der Darmverschluss OP wurde Darmkrebs festgestellt.

    Als er wieder ansprechbar war und die Verwirrtheit weg war hat er entschieden, wie es weiter geht. Er wollte keine große Krebs OP mit ungewissem Ausgang. Ebenso hat er weitere Dialyse abgelehnt.

    Wir haben ihn nach Hause geholt. Dort ist er 3 Tage später ruhig eingeschlafen, nach dem er 3 Wochen schon keine Dialyse mehr hatte. Wir waren bei ihm und es war schön.

    Er hat sich ganz bewusst dazu entschieden und wir haben das mitgetragen. Er wollte nicht elendig am Krebs dahinsiechen.


    Euch viel Kraft

    Mein Vater starb vor 3 Jahren an Krebs.

    Sei so oft es geht bei ihm. Nutzt die letzten Tage. Schau und Lauf nicht weg wenn er stirbt.

    Wirklich helfen kann ich dir sonst nicht denn ich hab es immer noch nicht verkraftet. Ja selbst nach 3 Jahren noch nicht.

    Ich hatte das vor 20 Jahren mit meinem Lebensgefährten. Zwischen Diagnose und Tod lagen nur 4 Wochen. Ich kann mich all meinen Vorschreibern nur anschließen.
    Nimm Abschied, sei da und lass ihn gehen. Mach ihm keine Vorwürfe, wenn er z.B. weitere Therapien oder sonstige Maßnahmen ablehnt.
    Ich wünsche dir viel Kraft und denke immer an die guten Zeiten, das hilft.

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    Mein Vater war auch schwer krank. Sein Tod kam für uns trotzdem sehr überraschend, wir dachten er hätte noch Zeit. Vor zehn Wochen ist er gestorben, nachdem er fünf Tage im Koma lag. Es tut sehr weh, es wird nie komplett heilen. Aber ich bin trotzdem voller Liebe für ihn. Es wird schwer werden für dich, ich hoffe es fängt dich jmd auf.

    Was mir noch sehr geholfen hat bzw immer noch hilft, ist aus der Perspektive meines Vaters zu denken statt aus meiner eigenen. Für mich ist es schade und traurig, dass er nicht mehr da ist, ja. Aber das ist auch irgendwie eine egoistische Sichtweise. Denn er wollte und konnte nicht mehr am Ende. Er hätte es vielleicht versucht, für uns noch ein paar Tage durchzuhalten, aber das wären keine schönen Tage gewesen. Daher finde ich es für mich so tröstlich, dass ich ihn einvernehmlich gehen lassen konnte. Meine Mutter hatte zunächst Schwierigkeiten damit, wollte dabei bleiben, hätte ihn am liebsten begleitet. Das wollte sie aber für sich und nicht für ihn, er wollte das nicht bzw hätte sich dann vielleicht gezwungen weiter zu machen und das wäre womöglich qualvoll geworden, denn die ganze Lunge saß komplett zu mit Krebszellen. Und genau das war seine große Angst, qualvoll ersticken zu müssen. Sein Gesicht als Toter zeigt, dass er friedlich gestorben ist. Wer weiß, ob das auch dann so passiert wäre, wenn er sich uns zuliebe in einen aussichtslosen Kampf begeben hätte...

    Multiples Myelom ist nicht heilbar und grausam.

    lass dich krankschreiben von deinem Job und verbringe die Zeit die dir noch bleibt bei ihm.

    Es tut mir so leid das zu lesen.

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    Ich würde mich auch krank schreiben lassen, mich richtig verabschieden und einen Seelsorger im Krankenhaus aufsuchen. So hab ich es jedenfalls gemacht.

    Mir geht es da wie Dorfnixe. Mein Vater hat seine Entscheidung getroffen. Und ich bin froh, dass ich ihn bis zum letzten Atemzug habe begleiten dürfen. Und sein Sterben war unglaublich friedvoll. Ich habe auch nie mit seiner Entscheidung gehadert.

    Vielen Dank für euren ganzen Beiträge, sie haben mich sehr berührt. Mein Papa ist Ende letzter Woche verstorben, es ging doch deutlich schneller als gehofft.

    Ich bin noch immer ein Stück weit fassungslos und erschüttert, zwischen Hoffen und dem Abschied lagen nur wenige Tage.

    Ich kann nicht sagen dass mein Vater bereit war - am Dienstag hatte er einen klaren Tag, da hat er geweint, er hätte sich so gewünscht noch meinen kleinen Sohn bis zur Einschulung begleiten zu dürfen. Leider konnte er sich auch nicht mehr verabschieden, er lag auf der Intensivstation, Kinder durften dort nicht rein. Ich denke er wusste bereits an diesem Tag dass er das Krankenhaus nicht mehr verlassen wird, er hat zum Abschied fest unsere Hand gedrückt. Am Mittwoch war er schon nicht mehr richtig ansprechbar und eher in einem Dämmerzustand unter starken Schmerzmitteln. Da war auch klar dass er nicht mehr lang zu leben hat, wir mussten uns letztendlich entscheiden ihn gehen zu lassen. Am Donnerstag wurde letztendlich die Dauerdialyse abgestellt, die Nieren hatten komplett aufgehört zu arbeiten.

    Ich war zusammen mit meiner Mama bei ihm als er gegangen ist. Wir waren stundenlang im Krankenhaus, haben geweint, uns Geschichten von gemeinsamen Urlauben erzählt. Ich habe meinem Papa noch aufgenommene Lieder meines Sohnes vorgespielt, ich glaube fest dass er das noch wahrgenommen hat. Es war eine sehr ruhige Atmosphäre und ich bin froh im Krankenhaus geblieben zu sein- erst wollte ich abends nach Hause fahren, bin aber dann da geblieben um auch meine Mama nicht alleine zu lassen - für Sie war das ganze am Schwersten.

    Mitten in der Nacht hat mein Papa seinen letzten Atemzug gemacht - ich fand die letzten Minuten für mich sehr erschreckend und ich habe fürchterlich geweint und gezittert, trotzdem war es die richtige Entscheidung da gewesen zu sein. Ich hoffe mein Papa ist jetzt an einem Ort voller Ruhe, ohne Schmerzen und Leid!

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    Mein Beileid.

    Ja es war die richtige Entscheidung dort zu bleiben.

    In den nächsten Wochen wird es noch schwerer. Halte durch.

    LG

    Mein Beileid.

    Mein Vater ist einen Tag vor seinem Tod auch nochmal richtig aufgeblüht. Wir hatten einen wunderschönen Tag miteinander. Am nächsten Morgen war er dann auch nicht mehr ansprechbar.

    Alias 962871 schrieb:

    ich fand die letzten Minuten für mich sehr erschreckend

    Ich war auch schon in solch einer Situation und habe viele Gespräche darüber geführt. Mich hat getröstet, dass mir viele erzählt haben, dass "Erschreckendes" für den Sterbenden höchstwahrscheinlich meist nicht so erschreckend ist, wie es für einen als Angehörigen aussieht. Ich mag keine konkreten "Symptome" schreiben, aber manches sieht dramatisch aus, wird vom Sterbenden selbst aber gar nicht (mehr) als dramatisch oder als Kampf wahrgenommen. Da laufen viele Prozesse im Körper ab, die vermeiden, dass der Übergang zum Tod zu leidvoll ist und das alles so wahrgenommen wird.


    Alles gute für dich und deine Familie!

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