Mein Vater wird sterben

    Gestern bekam ich die Nachricht, dass meinem Vater schlechter geht, als bisher angenommen.

    Mein Vater hat seit 2 Jahren die Diagnose Prostatakrebs. Er ist 70 Jahre, ich 31.

    Die letzten Jahre war diese Erkrankung uns allen zwar bewusst, aber mein Vater wurde mit Medikamenten sehr gut eingestellt, sodass es keine großen Probleme gab. Innerhalb des letzten Jahres verschlechterte sich sein Zustand dann immer mehr. Erst ging er am Stock und im September ging von jetzt auf gleich gar nichts mehr. Diagnose: Oberschenkelknochen und Hüfte vom Krebs so angefallen, dass beides gebrochen war. Nach drei Wochen liegen, denn er konnte sich selbst vor lauter Schmerzen nicht mehr bewegen, dann endlich die OP in der der komplette Oberschenkelknochen entfernt wurde und fast der komplette Muskel im Oberschenkel. Die Hüfte war kein Problem. Seitdem ist allerdings nicht mehr viel passiert. Er kann bis heute nicht laufen, es sind mittlerweile über 3 Monate vergangen. Nun ist er seit einer Woche in einem Altenheim - da er bei keiner Reha angenommen wird, da er sich nicht bewegen kann. Endlich mal ein Arzt vor Ort, der das große Ganze betrachtet und nicht nur die OP's. Er hat uns dann auch gestern gesagt, dass es wohl zu Ende geht, da im Knie und auf der LWS weitere Metastasen fesgestellt wurden. Seit ein paar Tagen beschreibt er auch wieder den "Krebsschmerz". Was genau los ist, wird uns wohl eine Untersuchung am 05.12. zeigen. Aber wir denken alle, dass es nicht mehr lange gehen wird.

    Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Die letzten 3 Wochen war ich auf Grund eines Streits nicht dort (wohne 70km entfernt). Wir haben aber wieder telefoniert und er klang fitter als die Wochen zuvor. Als Kind war ich immer ein absolutes Papa Kind. Jedoch hat sich dies mit der Zeit stark gewendet. Mein Vater ist ein sehr schwieriger Mensch. Akzeptiert keine andere Meinung, meint mein Leben bestimmen zu müssen usw.

    Meine Mutter kümmert sich sehr rührend um meinen Vater, kommt aber auch an ihre Grenzen. Beide sind seit mehr als 14 Jahren getrennt, ließen sich aber nie scheiden und wenn es hart auf hart kommt, sind sie füreinander da.

    Gestern, als ich davon erfahren habe, habe ich den ganzen Tag geweint. Versuche mich in Gedanken darauf vorzubereiten, dass die Zeit wohl bald gekommen ist. Es ist so ein komisches Gefühl - nicht zu wissen, was genau nun Sache ist.

    Bisher ist niemand so direktes in meinem Umfeld verstorben. Wie gehe ich damit um?

    Ich versuche ihn nun häufiger zu besuchen, was mir absolut schwer fällt. Zum einen ihn so zu sehen und zum anderen ist er auch tierisch frech und ich kann die letzten Jahre nicht einfach vergessen.(es gab oft den Punkt, an dem ich überlegt habe, den Kontakt abzubrechen).

    Ich kann weder mit ihm noch mit meiner Mutter über den Tod reden. Wie er sich seine letzten Tage vorstellt. Was er sich von uns wünscht. Ich weiß es nicht. Auch weiß ich nicht, wann mir mein Vater das letzte Mal gesagt hat, dass er mich lieb hat. Das macht es alles so schwer. Ja er ist mein Vater und ich werde für ihn da sein, aber ich habe Angst daran zu zerbrechen, in dieser Zeit vor dem Tod.Ich weiß nicht, wie ich mit ihm umgehen soll.

    Schreibe ich ihm einen Brief? Dann heißt es, ich würde ihn abschreiben.


    Der Text ist bestimmt ziemlich wirr, aber ich musste meinen Gedanken mal freien Lauf lassen und da ich nicht so gut darüber reden kann, versuche ich mal diesen Weg.

  • 21 Antworten
    Zitat

    Der Text ist bestimmt ziemlich wirr

    Nein, absolut nicht. :°_


    Zwei Gefühle lese ich aus deinem Beitrag, die absolut nachvollziehbar sind. Da ist zum Einen die Angst vor dem Verlust und dem Tod eines nahestehenden Menschens. Das ist nie einfach, aber beim ersten Mal durch das große Unbekannte und die ungewisse Zeit besonders zermürbend.


    Zum Anderen speziell durch eure komplizierte Beziehung: du bist zerrissen. Der mögliche drohende Tod stellt alles in ein anderes Licht und die Relationen verschieben sich. Euer Umgang war nicht leicht und dein Distanzverhalten zu "guten Zeiten" ein probates Mittel, dich zu schützen und möglicherweise ihn für sein Verhalten zu strafen. Aber im Grunde ist es ein Mensch, an dem du trotz allem noch hängst. Wie du es für ihn richtig machen kannst, weißt du nicht. Wie du es für dich richtig machen kannst, offenbar auch nicht. Aber deine Reaktion zeigt Mitleid und Verlustangst. Euer Konflikt scheint bei dir nun in den Hintergrund zu treten. Du kannst gut von ihm distanziert leben, du kannst ihn aber nicht verlieren. Was für dich in dieser Situation gut ist, sollte entscheidend sein.


    Dass du Angst hast, daran zu zerbrechen, hat allerdings nichts mit eurem Konflikt zu tun. Jemanden beim Sterben zu begleiten kann einen mental an seine Grenze führen - auch im besten Verhältnis zueinander. Weglaufen ist da keine Option, wenn du mich fragst. Egal, was zwischen euch an Problemen ist: Sterben zu müssen oder zu leiden hat niemand verdient und das wiegt schwerer. Ich kann mir aufgrund deiner Zerrissenheit auch gut vorstellen, dass du dir möglicherweise nach seinem Tod lange Vorwürfe machen wirst, wenn du jetzt nicht über diesen Schatten zwischen euch springst. Wenn du es schon nicht für ihn tun würdest, dann tu es für dich. Dein Vater wird sich in dieser Situation auch charakterlich verändern. Für euren Zwist wird da kaum Zeit sein, das verspreche ich dir.


    Ich empfehle euch eine professionelle Begleitung durch den örtlichen Hospizverein. Diese Menschen leisten meiner Erfahrung nach sehr gute Arbeit und helfen auch Angehörigen. Nicht nur den Kranken. Vielleicht lässt es sich ja so arrangieren, dass du mal bei einem ersten Gespräch mit deinem Vater dabei bist? Quasi mit Neutralen?


    Ich habe meine Mutter vor 4 Jahren durch Krebs verloren und davor einige Monate ihr Leiden im Endstadium erlebt. Ich möchte da nichts beschönigen. Es wird sowieso hart, wenn es so kommen sollte. Aber man lernt auch etwas daraus. Irgendwann ist immer ein erstes Mal und man muss anfangen, sich mit dem Verlust auseinanderzusetzen. Aktuell mache ich mir etwas Sorgen um meinen Vater, der immer schwächer wird und unspezifische Krankheitssymptome zeigt, ohne dass man eine Ursache gefunden hätte. Manche Dinge muss man einfach hinnehmen, wie sie sind. Und lernen, trotzdem weiterzuleben, zu lachen, zu lieben, aber auch Zeit zum Weinen zu nehmen, wenn man diese braucht.


    Hast du einen Partner, der dich in diesen Momenten des Zweifelns stützen kann?


    Wenn du Ängste oder Fragen über den Verlust hast, rede ich gerne mit dir darüber und teile dir meine Sicht auf diese Dinge mit. Allerdings sind diese immer sehr individuell, denn jeder geht anders damit um. Man kann aber lernen, daran nicht zu zerbrechen, auch wenn dieser Lernprozess schmerzlich ist.

    Vielen Dank für deine sehr ausführliche Antwort.

    Du hast die aktuelle Situation erschreckend gut auf den Punkt gebracht.


    Es ist vollkommen richtig, dass ich ein relativ großes Schutzschild um mich aufgebaut habe, da ich aus verschiedensten Gründen schon so oft verletzt wurde. Daher war es bisher auch kein großes Problem für mich so auf Distanz zu gehen. Ihn zu verlieren bedeutet auf der einen Seite, dass er endlich keine Schmerzen mehr hat und frei ist. Auf der anderen Seite kann ich dann nie wieder mit ihm sprechen, es ist diese Ungewissheit, die mich aktuell wahnsinnig macht. Ich sehne den 05.12. herbei, wenn ich etwas genaueres weiß. Ich bin ein Mensch der mit so ungewissen Dingen nicht gut umgehen kann. Ich brauche eine klare Ansage, dann kann ich damit wahrscheinlich wieder ein Stück besser umgehen.


    Das ich mir nach seinem Tod Vorwürfe mache, ist auch ein große Angst von mir. Aber dann kommt direkt wieder im Hintergrund mein Schutzmechanismus zum Vorschein, der mir sagt, irgendwie noch auf Distanz zu bleiben. Ich denke, ich muss einen Mittelweg finden. Wie du schon gesagt hast, keiner hat es verdient zu sterben.

    Danke für die Anregung bezüglich des Hospizvereins. Ich werde mich da mal erkundigen.


    Mein Beileid, dass du deine Mutter verloren hast und ich wünsche deinem Vater und dir, dass ihr so etwas nicht noch einmal durchmachen müsst.


    Ja, ich habe einen Partner, aber wir sind erst kurze Zeit zusammen. Ich habe mit ihm auch gestern nicht darüber gesprochen. Ich überlege den 05.12. abzuwarten, bis ich ihn einweihe.


    Du sprichst mir wirklich aus der Seele. Auf der einen Seite, möchte ich nicht darauf verzichten zu lachen zu lieben, mein Leben zu leben. Muss ich mich dafür schuldig fühlen?


    Tausend Dank für deine Hilfe!

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    Zuerst einmal: Der Text ist überhaupt nicht wirr.


    Und mein nächster Impuls: Schreibe ihm einen Brief. Wo Du offen schilderst, was Dir durch den Kopf geht. Ich würde von Forderungen und Vorwürfen absehen, aber ebenso Dinge wie die Unsicherheit etc. reinpacken.

    Den Brief kann er in Ruhe lesen. Allein. Ohne direkt unter Zugzwang zu sein, reagieren zu müssen. Vielleicht KANN er das einfach nicht: Seine Angst zeigen, Liebe zeigen,... Er wird sich durch den bevorstehenden Sterbeprozess nicht zwangsläufig ändern. Vielleicht doch; vielleicht wird er aber stärker in best. Verhaltensweisen verfallen, die es für alle schwer machen. Er ist und bleibt nun mal ER. Und nur damit kannst Du arbeiten. Wenn die Beziehung konfliktreich war, kann man das auch in der Situation nun mal nicht ganz ausblenden. Das muss man auch nicht - aber für sich einen Weg finden, mit dem man auch später ohne Selbstvorwürfe leben kann. Für den gibt es leider kein Patentrezept.


    Und es ist schwer, in so einer Situation Kompromisse zu schließen. Du hast Rede- & Klärungsbedarf. Er blendet manches (noch) aus. Wessen Wunsch zählt da mehr?


    Ich würde daher auch die Begleitung durch ein Palliativteam/Hospizverein empfehlen. Für Dich, für Euch - und für die bestmögliche Versorgung Deines Vaters.


    Du wirst es schaffen. Du wirst auch hinterher mit dem Sterbeprozess lernen klarzukommen. Es wird aber nicht leicht und hilfreich ist es, sich nicht zu sehr an irgendwelchen Idealen aufzuhängen, sondern von Tag zu Tag den eigenen Weg zu gehen. Und Du musst nur so viel geben, wie DU kannst und bereit bist, zu geben.


    Alles Gute & viel Kraft!

    Zitat

    Auf der einen Seite, möchte ich nicht darauf verzichten zu lachen zu lieben, mein Leben zu leben. Muss ich mich dafür schuldig fühlen

    Nein. Denn Dein Leben geht weiter. Du hast noch Jahrzehnte vor Dir - und DEIN Leben wird das sein, was Dich nach dem Tod Deines Vaters auffängt, Halt gibt,... Die Menschen, die Alltagsroutinen, die Hobbies,...

    Es ist eigentlich sogar schon ein Pflicht-Ausgleich zu der Schwere, die parallel dazu stattfindet.

    "möchte ich nicht darauf verzichten, zu lachen zu lieben, mein leben zu leben. muss ich mich dafür schuldig fühlen?"


    das kannst du doch alles noch nach dem Tod deines vaters.


    würdest du dich nicht schuldig fühlen wenn du ihn jetzt nicht besuchst, und er stirbt vielleicht früher als erwartet?


    meine mom ist auch an krebs gestorben. es wird eine harte zeit, darauf kannst du dich einstellen. sei da für ihn, und wenn du nur am bett sitzt. wenn es zu viel wird, dann geh in die Cafeteria des Krankenhauses. vielleicht waren die letzten jahre hart, egal, dein vater liegt gerad im sterben. wenn es ihm zu viel wird dass du so oft zu besuch kommst, wird er dir das bestimmt sagen, und dann kannst du auch mal wegbleiben.


    ich weiss nicht wie du dich einschhätzt, aber ich würde vielleicht auch schauen dass du dich jetzt schon um psychologische hilfe kümmerst. so ein krebstot kann ein ziemlich hässliches gesicht zeigen.


    sei einfach für ihn da, und sei auch für deine mama da, die bestimmt jetzt auch mal eine pause braucht. vergiss den streit, und sei einfach da.


    so an Therapien ist alles durch?ein bekannter von uns hatte prostatakrebs und dem wurde ein radiokatives Implantat gelegt, irgendsowas in der art, aber ich denke das ist vielleicht zu spät wenn es schon überall Metastasen gibt.


    ich wünsch dir viel kraft!

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    Danke, für deine Zeilen.


    Ich habe zugegeben, auch etwas Angst, dass sich sein derzeitiges Verhalten verstärkt.

    Vielleicht sollte ich ihm den Brief wirklich schreiben, mit dem Hinweis, dass er ihn erst lesen soll, wenn er meint, dass es die Zeit dafür ist. Ich hoffe, dass er so erwachsen und geduldig ist, diese Zeit abzuwarten, denn ich möchte keinen erneuten Streit, weil er sich vielleicht falsch verstanden fühlt.


    Wahrscheinlich, der für mich beste Weg. Ja, ich werde mir Zeit nehmen, meine Gefühle aufzuschreiben.


    Danke für deinen Zuspruch.

    annabanani


    Ich denke, Sunflower hat es ganz gut auf den Punkt gebracht. Ich sage ja nicht, dass ich mich jetzt nicht kümmern werde oder ihn nicht besuchen werde. Ich kann aber, auch auf Grund der Entfernung, nicht jeden Tag da sein. Wir haben uns innerhalb der Familie einen Plan gemacht, sodass er immer jemand anderes da hat und nie alleine ist.

    Wenn ich mich jetzt nur darauf versteife, dass er bald sterben wird, wird ihm das auch nicht gut tun, mich so zu sehen. Ich denke, jeder muss dies für sich entscheiden und diesen Balanceakt bewältigen.


    An Therapien ist derzeit alles durch. Er hat vor der OP radioaktive Spritzen (?!) bekommen, die wirken aber wohl nur gezielt auf einzelne Metastasen. Stand gestern ist ja leider, dass es neue gibt und die nicht nur an einer Stelle.


    Danke auch dir für deine Worte!

    @ Seasunny:

    Mein Vater baut auch gerade rapide ab, ohne akut tödliche Erkrankung. Ich bin älter als Du; er ist 75. Ich stelle mich darauf ein, dass es vielleicht das letzte Weihnachten zusammen wird. Und dennoch löst es weder Trauer noch Freude in mir aus, sondern nur den "üblichen" Frust, denn mein Vater ist an Feiertagen immer schon schwierig gewesen.

    Warum soll ich mich dann für solche Gedanken schämen? Bestimmte lange existierende Dinge/Probleme lösen sich nicht in Luft auf, nur weil jemand plötzlich schwerkrank ist.


    Ich bin bspw. selbständig und tue viel für meine Eltern, aber ich kann eben auch nicht immer und jederzeit und unbegrenzt. Mein Leben geht weiter; ich brauche mein Einkommen. Und: Man braucht auch seine Zeit für sich.


    Gerade wenn nicht klar ist, wie wiel Zeit bleibt, kann man nicht SOFORT alles stehen und liegen lassen und sein Leben auf Stop setzen. Entsprechende Anpassungen; mehr Besuche wenn einem auch selber danach ist - oder andere Dinge wie häufigere Anrufe. Teilnahme, aber nicht Selbstaufgabe. Die Erkenntnis, wann es dem Ende entgegen geht, kommt dann - und dann sollte man sich im Vorfeld überlegen, inwiefern man dasein, teilhaben möchte - und wie sich das umsetzen lässt. Bspw. mit dem Chef sprechen, ob kurzfristig frei dann möglich ist.


    Und wie gesagt: Palliativ-Team/Hospiz-Verein ins Boot holen. Auch und gerade dann, wenn es jemandem noch recht gut geht. Das gibt nämlich die Chance, den Abschied doch zu besprechen, Wünsche zu erfragen,... Und das fällt gegenüber Fremden manchmal leichter als ggü. der eigenen Familie mit viel mehr Emotionen.

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    ja, das ist doch in Ordnung, wie gesagt, jeder braucht mal ne pause. ich würd eben wie gesagt streit streit sein lassen, sondern jetzt einfach so tun als wäre der nicht passiert, und da jetzt keinen groll schieben. das kommt einem jetzt vielleicht noch wie ne grosse sache vor, aber wenn es erst soweit kommt, dass dein papa stirbt, dann sind das Kinkerlitzchen.

    Streitigkeiten sind nicht zwangsläufig Kinkerlitzchen. Sondern es können tiefgehende Verletzungen sein, die man nicht mal so eben abhaken kann. Und fatal wäre es, dann nur bei sich die Schuld dafür zu suchen/sehen, dass best. Dinge einfach dazwischen stehen.


    Abhaken geht sicherlich problemlos bei banalen Streitigkeiten, die von allen Beteiligten im Gesamtkontext dann als banal gesehen werden. Aber es gibt eben auch viel tiefergehende Konflikte, Vereltzungen etc., die man nicht wegdrängen kann. Und da ist es einfach unrealistisch, das von sich zu erwarten - und unsinnig, dann damit zu hadern, dass man dinge nicht vergessen kann.

    Zitat

    Auf der anderen Seite kann ich dann nie wieder mit ihm sprechen, es ist diese Ungewissheit, die mich aktuell wahnsinnig macht.

    Was einfach nur zeigt, dass es schon ein Wunsch von dir ist, zu seinen Lebzeiten noch zu einem normalen Verhältnis zurückzukehren.

    Zitat

    Ja, ich habe einen Partner, aber wir sind erst kurze Zeit zusammen. Ich habe mit ihm auch gestern nicht darüber gesprochen. Ich überlege den 05.12. abzuwarten, bis ich ihn einweihe.

    Ah, verstehe. Ich kenne deinen Partner nicht, aber frisch verliebt zu sein ist für schwere Zeiten normalerweise nicht so einfach wie eine lange Verbundenheit (auch zur Familie bzw. zum Sterbenden). Es kann natürlich auch gut gehen, aber taste dich da in Ruhe ran, in wieweit du deinen Partner als Stütze nehmen kannst. Ich würde trotzdem nicht bis zum 05. Dezember warten. Es gibt Dinge, die müssen einfach raus. Sag ihm einfach, was du für Nachrichten bekommen hast, und dass du mit der Situation haderst und nicht weißt, wie sich alles für dich entwickeln wird. Dein Partner wird auch selbst zeigen, wieviel er dir als Stütze dienen kann und wieviel eben nicht. Wenn es ihm schwer fällt, ist er nicht automatisch ein schlechter Partner. Sondern einfach genauso unvorbereitet wie du.


    Zitat

    Auf der einen Seite, möchte ich nicht darauf verzichten zu lachen zu lieben, mein Leben zu leben. Muss ich mich dafür schuldig fühlen?

    Nein. Im Gegenteil. Sogar in Gegenwart von Sterbenden darf man lachen und lieben. Oft ist es sogar einfacher für Sterbende, wenn sie sehen, dass ihre Nächsten die Lebensfreude nicht verlieren. Erzähle schöne Dinge aus deinem Leben. Redet nicht nur über Krankheit und Tod. Die Sterbenden wissen schließlich, dass sie ihre Nächsten zurücklassen müssen. Da ist es wohltuend zu sehen, dass sie ihr Leben leben und man sich deswegen keine Sorgen machen muss. Sonst hat der Sterbende nachher noch das Schuldgefühl, durch seine Krankheit anderen das Leben zu versauen.


    Es gibt natürlich auch Sterbende, die mit ihrem Schicksal hadern, grummelig werden und alles Schöne um sie herum hassen. Aber ganz ehrlich: auch wenn du mit einer Trauermiene dort bist, würde es ihm auch nicht besser gehen und er würde es genauso hassen. Also verlerne die Freude nicht aus diffusen Schuldgefühlen. Sei mit dir im Reinen, wie sehr du für deinen Vater da sein möchtest. Aber das Recht zu Lachen und zu Genießen kann dir niemand nehmen.


    Meine Frau hat ihren Vater relativ jung und völlig unvorbereitet verloren. Sie hatte genau daran zu hadern, und zwar insgesamt über Jahre, in denen es ihr öfter schwer fiel, Freude zu empfinden. Es fehlte einfach an Lebenserfahrung und einer professionellen Begleitung.


    Zitat

    Wahrscheinlich, der für mich beste Weg. Ja, ich werde mir Zeit nehmen, meine Gefühle aufzuschreiben.

    Das klingt so ein bisschen nach Gegenforderungen. Lies erst meinen Brief, bevor wir weiter miteinander Umgang haben. Ich frage mich, ob das nötig ist. Du weißt ja noch gar nicht, ob sein Verhalten in dieser Situation so ist wie früher. Was riskierst du? Du lebst weit entfernt, maximal endet ein Besuch unschön und du fährst wieder heim. Wenn du ihm einen Brief gibst, wirst du tagelang von einem unsicheren Gefühl geplagt sein, ob er ihn schon gelesen hat und wie er damit umgeht. Vor allem, wenn du keine Rückmeldung erhältst. Euer erstes Zusammentreffen nach einem Brief wird dann richtig komisch werden und vielleicht Distanzen aufbauen, die man nicht gebraucht hätte.


    Möglicherweise kommt ihr auch in den Dialog über deine Gefühle. Dazu gehört aber auch Mut von deiner Seite, diese in seiner Gegenwart ausdrücken zu können. Wenn aber alles gut läuft, muss vielleicht gar kein Wort darüber verloren werden. Wenn seine alten Verhaltensweisen durchdringen, die es dir schwierig machen, kannst du dies in dem Moment sagen.


    Ganz ehrlich: Du hättest diesen Brief schon lange während eurer distanzierten Zeit schreiben können, wenn es dir ein Anliegen gewesen wäre. Jetzt im Kontext wirkt es aber wie eine Bedingung und wäre meiner Meinung nach eher unglücklich.

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    Sunflower_73 schrieb:

    Streitigkeiten sind nicht zwangsläufig Kinkerlitzchen. Sondern es können tiefgehende Verletzungen sein, die man nicht mal so eben abhaken kann. Und fatal wäre es, dann nur bei sich die Schuld dafür zu suchen/sehen, dass best. Dinge einfach dazwischen stehen.


    Abhaken geht sicherlich problemlos bei banalen Streitigkeiten, die von allen Beteiligten im Gesamtkontext dann als banal gesehen werden. Aber es gibt eben auch viel tiefergehende Konflikte, Vereltzungen etc., die man nicht wegdrängen kann. Und da ist es einfach unrealistisch, das von sich zu erwarten - und unsinnig, dann damit zu hadern, dass man dinge nicht vergessen kann.

    @sunflower73

    Vollkommen richtig. Es handelt sich hier nicht um Kleinigkeiten, die habe ich bereits abgehakt. An sowas sollte man sich in der jetzigen Situation nicht aufhalten.


    Es geht hier wirklich um tiefergehende Verletzungen und Konflikte die bereits Jahre da sind und die man nicht einfach so abhaken kann.


    Diese Dinge gehören aber genauso zur Geschichte von meinem Vater und mir wie auch positive Erlebnisse annabanani

    Bzgl. des Briefes (hatte ich gerade vergessen):

    Ich würde da auch nicht zum Rundumschlag ausholen. Sondern mich mehr auf die Sterbesituation konzentrieren. "Was möchtest du, was fehlt dir,..." als FRAGE an Deinen Vater. Kombiniert mit der Unsicherheit, eben weil Du Dich nicht traust. So etwas in Richtung

    "Es ist ein schweres Thema und ich bin unsicher, wie ich damit umgehen soll. Zwischen uns war es nicht immer leicht; ich möchte für Dich da sein - aber weiß nicht wie. Was kann ich für Dich tun; was sind Deine Wünsche?"


    Über so ein "Friedensangebot" in Kontakt kommen - und dann schauen, wie es sich weiter entwickelt. Guter Kontakt insgesamt, guter Kontakt bzgl. Sterbeprozess aber alte Konflikte? Nur alte Muster und Konflikte?


    Aber eben NICHT überrumpeln mit einem Rundumschlag. DAs wäre zu viel, egwal wie groß das Bedürfnis bei Dir ist.

    Comran


    Ich werde mit meinem Partner in den nächsten Tagen sprechen und ihm sagen, wie es aussieht. Wir werden am Wochenende meinen Vater gemeinsam besuchen, dann sollte er schon wissen, wie es steht. Hast du Recht.

    Ich habe vor ein paar Jahren den Tod meines Schwiegervaters miterlebt, als ich noch sehr frisch mit meinem jetzigen Exmann zusammen war. Die Zeit war sehr hart, hat uns aber auch extrem zusammen geschweißt.


    Ich finde auch, dass ich mir das Lachen und Lieben nicht verbieten lassen kann und auch nicht werde. Würde ich in der Lage sein und alle um mich herum hätten keinen Spaß mehr am Leben, würde mir das auch so gar nicht gefallen. Da denke ich, sind mein Vater und ich uns schon sehr ähnlich.


    Das mit dem Brief sollte eigentlich keine Gegenforderung sein. Nur, wie ich meinen Vater kenne, wird er erstmal patzig auf den Brief reagieren. Daher soll er sich nicht verpflichtet fühlen ihn zu lesen. Wenn er mag soll er ihn gleich lesen, wenn nicht dann erst später.
    Weist du, was ich meine? Es soll kein Muss sein für ihn, nur weil ich damit besser klarkomme.

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