Reaktionen des Umfeldes auf den Trauerfall

    Hallo zusammen,


    mich würde einmal interessieren, welche Erfahrungen ihr nach dem Verlust eines Menschen bezügl. der Reaktionen eures Umfeldes gesammelt habt. Haben sich Fraunde / Bekannte oder sogar Familie von euch ferngehalten und seid ihr enttäuscht von eurem Umfeld, oder habt ihr sogar positive Erfahrungen gemacht?


    Ich habe meinen Vater vor etwas mehr als drei Monaten verloren und bin alles in allem sehr enttäuscht von meinem Umfeld. Verwandte melden sich teilweise seit der Beerdigung gar nicht mehr, wenn sie sich melden wird nicht gefragt, wie es uns (meiner Mutter oder mir) geht, oder das Thema möglichst schnell abgearbeitet. Kollegen haben mich teilweise gemieden, nur um mich nicht ansprechen zu müssen, und ich erkenne mal wieder, dass viele Freundschaften nicht das sind, was sie versprachen.


    Es ist mir natürlich bewusst, dass der Tod ein Tabu-Thema in unserer Gesellschaft ist und dass es für das Umfeld auch nicht einfach ist, da man sich ja zwangsläufig mit einem Thema beschäftigen muss, dass man lieber verdrängt.


    Ich will natürlich auch nicht verschweigen, dass es auch sehr liebe Reaktionen gegeben hat – häufig (leider?) von Menschen, von denen ich es nicht erwartet hätte.


    Wie ist/war das bei Euch?

  • 27 Antworten

    Genau das ist es immer noch. Ein Tabu-Thema. Viele haben einfach Angst, einen zu verletzen. Sie wissen einfach nicht, wie sie damit umgehen sollen. Und bevor sie fragen, lassen sies lieber ganz, weil sie nicht wissen wie sie damit umgehen sollt.


    Das ist leider ganz oft so.


    Dein Verlust tut mir sehr leid. :°_ Hätte es Dir denn geholfen, wenn sie mehr mit Dir darüber geredet hätten?

    Das ist eine gute Frage. Nein, es hätte natürlich nicht in jedem Fall geholfen. Es gab natürlich auch Situationen, in denen ich mir für einen Moment gewünscht hätte, man hätte mich gerade nicht angesprochen... Aber dass man von Menschen von denen man einfach mehr erwartet hätte, regelrecht gemieden wird und sie einem aus dem Weg gehen, nur damit sie sich der Situation nicht stellen müssen ist sehr unschön.

    Nein, es ist auch nicht so, dass ich niemanden zum reden hätte. Absolut nicht. Deswegen steht es für mich auch nicht zur Debatte, dies von den entsprechenden Personen einzufordern. Vielleicht ist das auch nicht ganz richtig rübergekommen. Es geht mir nur um enttäuschte Erwartungen. So würde ich z.B. von einem Verwandten durchaus erwarten, dass er/sie sich mal meldet und mal fragt wie es geht. Von einem Arbeitskollegen, zu dem man sonst guten Kontakt hat, würde ich erwarten, dass er sich der Situation stellt und nicht einen großen Bogen läuft, nur um nichts sagen zu müssen.... Vielleicht sind ja auch meine Erwartungen zu hoch? ???

    Es ist aber halt auch nicht einfach, finde ich. Man weiß nicht, welche Reaktion gewünscht wird. Ich finde bspw. diese Beileids-Floskeln völlig abgenudelt. Die sind mir zuwider. Aber was soll man sonst sagen? Was erwartet der Trauernde? Viele haben einfach Angst, etwas falsches zu tun oder zu sagen und sagen daher gar nichts. Mich verunsichern solche Situationen auch, ich weiß nicht, wie ich "richtig" reagiere.

    Zitat

    Verwandte melden sich teilweise seit der Beerdigung gar nicht mehr, wenn sie sich melden wird nicht gefragt, wie es uns (meiner Mutter oder mir) geht, oder das Thema möglichst schnell abgearbeitet. Kollegen haben mich teilweise gemieden, nur um mich nicht ansprechen zu müssen, und ich erkenne mal wieder, dass viele Freundschaften nicht das sind, was sie versprachen.

    Habt ihr denn an sich ein gutes Verhältnis zu euren Verwandten? Bei uns zB würde auch niemand nachfragen - das liegt aber daran, dass wir generell nur wenig Kontakt haben (verstehen uns aber sehr gut) und da wärs einfach "komisch" plötzlich auf "ganz eng zusammengeschweißte Familie" zu tun. Kanns bei euch vllt auch daran liegen?


    Und bei Freunden - du kennst deine Freunde ja ganz gut. Kann es sein, dass sie vielleicht wirklich nicht wissen, wie sie mit dem Thema umgehen sollen? Vllt solltest du ihnen irgenwie zeigen, dass sie mit dir ganz normal drüber reden können?


    Kann da nur von mir ausgehen: Wenn ich mit dem Tod konfrontiert werde, dann verstumme ich total. Sobald Angehörige da sind, bring ich kein Wort mehr heraus und jedes Wort, das ich sagen würde, käme ws. unehrlich rüber, weil ich einfach innerlich zum Eisklotz werde (vllt eine Schutzhaltung?) in solchen Situationen. Sind die Angehörigen dann aber weg, könnte ich losheulen, weil ich so mit ihnen mitfühle. Aber ich schaffs wie beim besten Willen nicht, ihnen irgendeine emotionale Stütze zu sein.


    Vllt gehts ja deinen Freunden genauso - oder einigen von ihnen?

    Ich kenne das. Die Freunde, bei denen man sich sicher war, dass es wahre Freunde sind, haben ihr wahres Gesicht gezeigt. Und die Bekannten, die man nicht wirklich als Freunde sah, waren für einen Tag u. Nacht da. Gutes Timing um auszusortieren. Familie genau das gleiche. Ab der Beerdigung haben sich nicht mal eine handvoll (ehrlich gesagt nur 2) danach gemeldet. Weiss nicht, ob sie einfach nicht damit umgehen wollen oder ob es ihnen einfach zu anstrengend ist. ":/ Sehe es so: Solche Leute braucht man im Leben nicht. Wer nicht im Regen bei einem sein kann, braucht es bei Sonnenschein auch nicht. :)* :)* :)*

    @ sommerregen

    Erst mal: :)_


    Es ist sehr schwierig, es als Angehöriger oder Freund "richtig" zu machen, habe ich den Eindruck. Du bist einerseits enttäuscht über zu wenig Anteilnahme, schreibst andererseits aber auch:

    Zitat

    Es gab natürlich auch Situationen, in denen ich mir für einen Moment gewünscht hätte, man hätte mich gerade nicht angesprochen...

    Niemand kann genau wissen, in welcher Verfassung Du gerade bist – oder wie generell Deine Art der Trauer aussieht.


    Dann ist der Tod natürlich nach wie vor ein Tabuthema unserer Gesellschaft – und viele Menschen sind sich demzufolge sehr unsicher im Umgang damit. Weil das Thema die Trauer evtl. erst recht "triggern" könnte, wird es gern gemieden. Da würde ich nicht vorschnell Gleichgültigkeit etc. hineininterpretieren.


    Ich persönlich empfinde Trauer auch als etwas sehr Persönliches, Intimes. Darüber würde ich nicht mit irgendwelchen entfernten Cousins sprechen wollen, zu denen ich auch sonst kaum Bezug habe.


    Freundschaften zeichnen sich evtl. auch dadurch aus, dass der Freund einfach "da" ist, nicht groß nachbohrt und es Dir überlässt, ob/wie Du mit ihm die Trauer verarbeiten möchtest.


    Ich habe selber vor ein paar Monaten einen sehr lieben Menschen verloren; und ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Situation die Kernfamilie (also nicht die Verwandtschaft!) enger zusammenrücken hat lassen; wir haben v.a. am Anfang viel gemeinsame Trauerarbeit geleistet. Freunde waren im o.g. Sinne unaufdringlich, haben mich aber jederzeit in den Wellen tiefer Trauer wunderbar aufgefangen, super gute Gespräche mit mir geführt usw. Es eigentlich intuitiv sehr schön erfasst, wann eher "Ausheulen" und wann "Ablenkung" besser war. Und wenn nicht, hätte ich aber auch einfach selber meine Bedürfnisse äußern dürfen, andere können nicht immer hellsehen. ;-)


    Mit "Erwartungen" würde ich an die Situation nicht herangehen, denn diese werden meist "enttäuscht". Menschen sind unterschiedlich – und wenn man einander wirklich von Herzen mag, fühlt man sich einander auch dann noch nahe, wenn bei einzelnen Themen die Herangehensweise differiert.

    Zitat

    Ich will natürlich auch nicht verschweigen, dass es auch sehr liebe Reaktionen gegeben hat – häufig (leider?) von Menschen, von denen ich es nicht erwartet hätte.

    Na also! Freue Dich lieber mehr über diese lieben Menschen als Du Dich über die (vermeintlich?) gleichgültigen ärgerst! @:)

    Besser wie fiamma hätte ich es nicht ausdrücken können. Es gibt so viele unterschiedliche Arten der Trauer, dass man als Außenstehender sich nie sicher sein kann, welche Reaktion denn jetzt die Richtige ist.


    Und davor haben einfach viele Angst. Da bist Du nicht die einzige, die die Erfahrung macht, dass kaum oder gar nicht darüber geredet wird. :°_


    Wenn es eine enge Freundin oder Freund ist, wo Du sehr enttäuscht bist würde ich das einfach mal äußern. Dass Du Dir dieses oder jehnes Verhalten gewünscht hättest. Evlt. ist das Deinem Gegenüber nämlich gar nicht klar oder wußte wie gesagt einfach nicht, wie damit umgehen.

    Als mein Vater damals gestorben ist, habe ich vorallem in der Arbeit ein bisschen komische Situationen erlebt. Aus dem Weg ist mir zwar niemand wirklich gegangen, aber manche wussten einfach auch nicht was sie sagen sollten. Ich hab dann meist von mir irgendwas gesagt.


    Von den wenigen Freunden, die ich als meine Freunde bezeichne kamen keine komischen Reaktionen. Irgendwie hat jeder auf seine Art geholfen oder es versucht.


    Erwartet habe ich von niemanden etwas, enttäuscht in dem Sinne war ich auch nicht. Ich glaube viele hatten evtl. noch keinen Todesfall in der Familie und sind dann überfordert weil sie gar nicht wissen was sie machen sollen. In meiner Familie wird sehr offen darüber gesprochen, trotzdem bin ich auch manchmal unsicher wie oder was ich z.B. zu Kollegen sage. Meinst drücke ich sie nur oder sage ich verstehe und wenn er/sie reden will soll man ruhig auf mich zukommen.

    Erstmal ganz lieben Dank für Eure Antworten und an die, die nicht öffentlich antworten wollten auch für die PNs. Ich finde es sehr interessant, zu lesen, dass die Erwartungshaltung doch sehr differiert. Wenn man keine Erwartungen hat, dann kann man natürlich auch nicht enttäuscht werden. Aber sind nicht Familie/Freunde auch dafür da, dass man gewisse Erwartungen haben darf? Welchen Sinn macht das ganze sonst? Ich würde von Familie und Freunden schon erwarten, dass sie nicht nur gute Zeiten mit mir teilen, sondern auch in schlechten Zeiten einfach da sind ??vor allem dann, wenn sie selbst Unterstützung angenommen haben??.


    Ich hatte im übrigen auch immer die Angst, etwas falsches zu tun, den falschen Zeitpunkt zu erwischen, die falschen Worte zu finden etc. und fühlte mich in solchen Situation überfordert und hilflos. Deshalb kann ich euch gut verstehen. Zum jetzigen Zeitpunkt sehe ich aber nur eine falsche Reaktion – nämlich die gar nichts zu tun/zu sagen und womöglich noch dem Betroffenen auszuweichen. Ich finde es gar nicht schlimm seine Überforderung/Unsicherheit dem Betroffenen gegenüber klar zum Ausdruck zu bringen. Ich habe einige Situationen erlebt, in denen es so war – dennoch war die gute Absicht dahinter erkennbar und letztenendes zählt für mich nur das.

    Zitat

    Zum jetzigen Zeitpunkt sehe ich aber nur eine falsche Reaktion – nämlich die gar nichts zu tun/zu sagen und womöglich noch dem Betroffenen auszuweichen. Ich finde es gar nicht schlimm seine Überforderung/Unsicherheit dem Betroffenen gegenüber klar zum Ausdruck zu bringen. Ich habe einige Situationen erlebt, in denen es so war – dennoch war die gute Absicht dahinter erkennbar und letztenendes zählt für mich nur das.

    :)^ :)z Sehe ich auch so, auch wenn das alles vielleicht ein wenig blöd rüberkommt, besser so als gar nichts.

    Als meine Eltern damals kurz hinter einander starben, habe ich meinen Chef gebeten, die allerengsten Kollegen zu informieren, aber gleich darauf hinzuweisen, dass ich auf keinen Fall angesprochen werden möchte und dass es über den engsten Kreis hinaus auch nicht weitergetragen wird.


    Ich bin sehr dankbar, dass er und die entsprechenden Kollegen sich daran gehalten haben, denn so konnte ich das Tempo selbst bestimmen. Irgendwann war ich dann in der Lage, von mir aus auf das Thema zu kommen und mir die Leute selbst auszusuchen, mit denen ich darüber spreche.


    Innerhalb der engsten Familie (Geschwister) haben wir oft geredet, oft geweint und oft geschwiegen. Mal war der eine stärker, mal der andere.


    Innerhalb der weiteren Familie war auch kein Problem. Der eine hat nicht darüber gesprochen und es war okay. Der andere hat gesprochen und wir haben zusammen geweint und auch das war okay.


    Im Freundeskreis war es auch. Meine beste Freundin hat mir mit ihrer sehr offenen Art, alles anzusprechen, geholfen, mich zu öffnen und mich von ihr trösten zu lassen. Die anderen haben mich stumm in den Arm genommen und mir so gezeigt, dass sie bei mir sind.


    Alles in allem konnte ich immer für mich selbst bestimmen, wie und wo ich meine Trauer zeigen wollte/konnte.


    Ansonsten kann ich nur bestätigen, was die anderen schon gesagt haben. Meist wissen die Menschen nicht, wie sie damit umgehen sollen, vor allem wenn sie vielleicht selbst noch keinen direkten Verlust erleben mussten. Dann ist mir aber auch lieber, sie sagen gar nichts, als dass sie die üblichen Floskeln (Mein Beileid) gepaart mit einem aufgesetzt traurigen Blick und der Erwartung auf Tränen, loslassen – insbesondere nicht, wenn sie nicht zu meinem näheren Umfeld gehören.

    Zitat

    Zum jetzigen Zeitpunkt sehe ich aber nur eine falsche Reaktion – nämlich die gar nichts zu tun/zu sagen und womöglich noch dem Betroffenen auszuweichen. Ich finde es gar nicht schlimm seine Überforderung/Unsicherheit dem Betroffenen gegenüber klar zum Ausdruck zu bringen. Ich habe einige Situationen erlebt, in denen es so war – dennoch war die gute Absicht dahinter erkennbar und letztenendes zählt für mich nur das.

    Ich habe diese Situationen als zusätzliche Belastung empfunden. Nun musste ich auch noch das schlechte Gewissen meiner Mitmenschen beruhigen und ihnen versichern, dass ihr Verhalten schon richtig ankommt, blabla – kam es nicht. Es kam an, wie es war: hilflos, unsicher und nicht hilfreich. (Wobei ich nicht davon ausgehe, dass es hilfreiches Verhalten wirklich gegeben hätte. Durch manches muss man einfach so durch)


    Von guten Absichten konnte ich mir nichts kaufen. Ich wollte in Ruhe gelassen werden, außer, jemand hätte die Heilung für meine Trauer gehabt. Gibts natürlich nicht. Deshalb: Ruhe bitte.


    Genau aus dieser Erfahrung heraus bin ich Trauernden gegenüber sehr hilflos und mach denselben ungelenken Scheiß wie die anderen damals. Oder gehe ihnen aus dem Weg, ja.

    In der Situation bin ich auch gerade.


    Von den Reaktionen in meinen Umfeld bin ich aber nicht enttäuscht. Bei den wirklich wichtigen Leuten wußte ich sowieso, dass ich auf sie zählen kann. Bei anderen war ich dankbar, dass sie nur kurz kondoliert haben und das Gespräch dann zur Tagesordnung überging.


    Dass die Leute sich nicht melden würde ich ihnen nicht negativ auslegen. Sie können nicht wissen wie du drauf bist, ob du Kontakt möchtest oder in Ruhe gelassen werden willst. Sie wissen nicht was sie sagen sollen. Das weiß man selber ja kaum.