Oma, du hast mir keine Karte zum Geburtstag geschickt. Keine krakelige Handschrift, keine 50 Euro. Ist aber nicht schlimm. Ich zieh Samstag in die Berge, dann bin ich dir noch näher. Vom Fenster aus sehe ich die Alpen und zwei Kirchtürme.


    Und ich höre Kuhglocken, wenn ich das Fenster öffne.


    Oma, ich hab vom Erbe neue Sachen gekauft für die Wohnung. Danke dafür x:)


    Ich denke an dich.

    Er sagt, wenn ich von dir rede, sei ich voller Liebe. In meinen Augen und in meinem ganzen Gesicht.


    Er ist dankbar, dass es dich gab, weil du mir so viel Gefühl gibst, das ich im Alltag so oft nicht zeige.

    Ich denke oft über den Tod nach und über das Leben. Ich bin noch nicht soweit, ich brauche noch Zeit für ein wenig Weg.


    Ich kann noch nicht zu dir kommen, auch wenn ich mich manchmal danach sehne. Aber da ist noch Weg, Oma. So viel Weg. Und es könnte sein, dass hinter der nächsten Kurve etwas wartet, das ich unbedingt erleben will. Gib mir noch ein wenig Zeit.


    Wie ist das wohl mit dem Sterben, diesem Gehen? Hast du es gespürt, wusstest du "Jetzt geht es vorbei"? Woran hast du gedacht dabei? Hättest du noch Dinge sagen wollen und wenn ja, wem?


    Hättest du dich entschuldigen wollen oder danken? Bereust du es, dass du nie geflogen bist? Meinst du, du hast alles den Umständen entsprechend richtig gemacht, Oma? Hadertest du mit etwas?


    Ich würde mit vielem Hadern, wenn ich jetzt ginge. Vieles ist noch nicht fertig, ja noch nicht einmal begonnen. Es ist mehr noch nicht begonnen als fertiggestellt. Ich habe gut gelebt, teilweise nah am Tod. Jetzt wartet da ein Leben, das mir so vage erscheint. Ich habe keine Träume, keine Ziele mehr. Früher wollte ich Kinder haben, Eigenheim, Labrador, Kombi. Plötzlich macht mir all das Angst. Aber was bleibt dann? Karriere? Dafür bin ich zu faul. Lose Beziehungen? Ich habe zuviel Angst vor Trennungen. Alleine leben? Wie schrecklich.


    Es gleicht einer langen Allee und ich frage mich, wann eine Kurve kommt, hinter der etwas steckt für das es zu Leben lohnt.


    Manchmal beneide ich dich Oma. Aber ich bin noch nicht so weit. Ich habe noch Sprit im Tank, die Allee schaffe ich noch.

    Ich habe noch so viele Fragen an dich. Du musst sehr viel über das Leben gewusst haben, alleine schon wegen deines Alters. Vielleicht hättest du mir etwas erklären können? Wer beantwortet mir diese Fragen jetzt?