Trauer kommt nicht durch

    Hallo zusammen,


    am Mittwoch ist meine Tante verstorben, die mir sehr nahe stand. Sie war wie eine Mutter für mich. Leider habe ich 400km von ihr entfernt gewohnt, aber wir haben uns regelmäßig über das Jahr verteilt besucht und auch telefoniert.

    Ihr Tod kam nicht plötzlich, sondern schleichend nach einer Krebs-Diagnose.

    Mein Problem ist, dass ich gerade alles nicht verarbeiten kann. Es kam ein Anruf mit der Nachricht und natürlich bin ich traurig und ich war erstmal wie vor den Kopf gestoßen. Aber ich kann ihren Tod momentan nicht so wirklich verarbeiten. Mein Leben läuft weiter, ich gehe arbeiten, esse normal, plane das Wochenende...nur das es mir falsch vorkommt und ich mich schuldig fühle. Als ob ich nicht richtig ticke, dass die "große" Trauer irgendwie ausbleibt...ich dachte immer, wenn es so weit ist, kann ich nicht mehr glücklich werden.

    Nach einer Trennung einer langjährigen Beziehung von mir beispielsweise, ging es mir richtig schlecht. Ich bin in ein richtiges Loch gefallen, konnte nicht essen und habe mich verkrochen. Jetzt aber, gaukelt mir mein Kopf irgendwie vor "es sei alles ok", als ob meine Tante noch dort wohnt wo sie wohnt und ihrem Alltag nachgeht... Eventuell ist es aufgrund der Entfernung, weil wir nie einen wirklichen Alltag hatten?

    Ich schäme mich irgendwie und fühle mich schuldig, dass ich das alles so komisch verarbeite. Mir geht es wirklich schlecht damit...Hat jemand einen Rat?

  • 4 Antworten

    ich finde, das ganze ist noch so kurz her, lass dir zeit. trauer ist sehr individuell und es gibt kein "richtig" oder "falsch". manchmal braucht es auch, bis das ganze "durchsichert" und am anfang spielt der körper/die psyche einfach sein programm ab. oder man hat eben widersprüchliche gefühle... so wie du es beschreibst mit dem schuldig fühlen und dem, das das leben irgendwie weiterläuft... vielleicht rennt die "verarbeitung" bei dir derzeit auch mehr unbewusst ab. das ist alles voll "normal" und ok. spür einfach rein, was du jetzt brauchst, und geh weg von dem gedanken, daß es so oder so oder anders sein müsste oder sollte.

    Warum erwartest du, dass du das nach gerade mal zwei Tagen verarbeiten würdest?

    Würdest du das von anderen Menschen auch erwarten, wenn sie mit dem Tod konfrontiert werden? ;-)

    Sicher nicht, oder?


    Trauer dauert, sehr unterschiedlich lang, aber ganz sicher nicht nur zwei Tage. Und jeder fühlt sie anders. Da gibt es kein richtig und kein falsch.

    Das musst du jetzt aushalten, so wie es ist. Das gilt für uns alle in diesen Situationen.

    Du musst dich weder vor anderen noch vor dir selbst rechtfertigen wie du damit umgehst.


    Ich wünsche dir Geduld mit dir selbst.

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    allem voraus möchte ich dir erstmal mein Beileid aussprechen. :°_

    ein.mädchen schrieb:

    Jetzt aber, gaukelt mir mein Kopf irgendwie vor "es sei alles ok", als ob meine Tante noch dort wohnt wo sie wohnt und ihrem Alltag nachgeht... Eventuell ist es aufgrund der Entfernung, weil wir nie einen wirklichen Alltag hatten?

    das ist sehr gut möglich. Mir ging es 2x so.


    Bei meinem Vater, der vor 8 Jahren starb und zu dem ich über Jahre wenig bis keinen Kontakt hatte (mit aufsteigender Tendenz), er wohnte woanders, wir haben 2-3x pro Monat telefoniert und uns alle paar Wochen mal kurz gesehen. In meinem Alltag war er aber über 20 Jahre nicht präsent, ich hab lange gebraucht, bis ich es im Alltag verinnerlicht hatte, dass er nicht mehr lebt.


    Und bei meinem Onkel, der vor einem Jahr starb und zu dem ich als Teenie ein sehr enges Verhältnis hatte (wie ein großer Bruder für mich), er wohnte nur 2 Straßen neben mir, aber in den letzten zehn Jahren haben sich unsere Leben so komplett anders entwickelt, dass wir zwar nach wie vor ein nettes und gutes Verhältnis zueinander hatten, aber im alltäglichen Leben keinerlei Gemeinsamkeiten mehr da waren. Wir haben uns fast täglich im Auto gesehen und gegrüßt, ich fahre täglich an seinem Haus vorbei, aber es fühlt sich immer noch so an als wäre er dort da.


    Es wird sicherlich eine Zeit kommen, in der es dir anders bewusst wird und du trauern wirst, auf die Art wie du es jetzt vielleicht erwartest, aber es noch nicht so passiert.


    Jeder trauert anders, sei nicht streng mit dir selbst und höre auf dein Herz. Vielleicht ist es auch ein Stück Selbstschutz deiner Seele, diesen Schmerz nicht direkt und geballt zuzulassen.


    Ich wünsche dir viel Kraft für die Zeit, wenn die Gefühle kommen. Dann lass sie auch zu, denn das ist wichtig. Aber du brauchst dich nicht schuldig zu fühlen, weil es sich gerade falsch anfühlt, wenn es jetzt noch nicht soweit ist. :)_

    Erstmal tut es mir leid, dass du deine Tante verloren hast.


    Trauer hat viele Gesichter. Und alles darf da sein und ist in Ordnung. Manchmal dauert es auch einfach, bis so eine Information vom Verstand ins Herz geht.


    Als meine Oma damals starb, zu der ich ein sehr inniges Verhältnis hatte, hab ich kurz vor der Beerdigung noch im Auto gesessen und war völlig aufgekratzt, hab Scherze gemacht etc. Ich war einfach emotional überfordert mit der Situation. Es war für mich auch das erste Mal, dass ich einen geliebten Menschen aus meiner Familie verloren habe.


    Man ist oft erstmal in einer Art Schockstarre. Manche funktionieren erstmal weiter. Manchmal kommt dann irgendwann eine Erinnerung hoch, ein Bild, ein Gefühl, ein Gedanke und es steigt ins Bewusstsein, dass dieser Mensch nicht mehr da ist. Dann kann man vielleicht weinen.


    Es gibt sehr gute Bücher zum Thema Trauer und Umgang mit Trauer. Vielleicht hilft es dir, darin zu lesen.


    Wie gesagt, alles ist in Ordnung. Und dass du nicht völlig aufgelöst in Tränen ausgebrochen bist, bedeutet nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt oder dass du deine Tante nicht geliebt hast. Vielleicht kannst du auch erst in einigen Wochen weinen. Oder du siehst einen emotionalen Film oder hörst ein trauriges Lied und dann bricht es raus. Alles ist ok. Und du bist auch ok. Lass dir Zeit, das zu dir vordringen zu lassen:)*