Trauer nach dem Suizid

    Hallo Ihr Lieben,

    ich wollte mal nachfragen, ob hier vielleicht jemand zu finden ist, der auch einen nahe stehenden Menschen durch einen Suizid verloren hat und sich einfach mal ein bisschen austauschen möchte. Ich habe einen entsprechenden Faden nicht gefunden…


    Bei mir ist es so, dass mein bester Freund sich vor mittlerweile ziemlich genau fünf Monaten das Leben genommen hat. Ein paar Wochen bevor er zu mir ziehen wollten und wir beschlossen haben, dass wir uns doch jetzt jahrelang kennen und dieses Herumeiern ja irgendwie keinen Sinn hat.


    Ich glaube, das war die einschneidendste Erfahrung meines bisherigen Lebens. Ein paar Stunden davor haben wir noch telefoniert und dann war er einfach nicht mehr da. Und was erst nach einigen Wochen kam: Es ist nicht nur die Trauer, die Sehnsucht nach diesem Menschen. Es sind so viele Dinge, die in ihren Grundsätzen erschüttert wurden. Und es war und ist auch ganz schwierig mit einem Umfeld, dass damit absolut nicht umgehen kann. Und mittlerweile bin ich an dem Punkt zu sagen: Das hat keinen Sinn immer und immer wieder um Verständnis zu ringen. Ich glaube ein Mensch, der es nicht erlebt hat, kann sich kaum vorstellen, welche Gedanken man sich da so macht. Deshalb ist es vielleicht so besser. Vielleicht können sich nur Menschen untereinander verstehen, die wirklich dasselbe erlebt haben.


    Flying

  • 40 Antworten

    zunächst einmal möchte ich dir sagen, wie leid es mir für tut wegen deines Verlustes. ich selber habe sowas noch nicht erlebt - da du aber gezielt nach jemandem fragst, der ähnliches durchmachen musste, ist mir dieser faden eingefallen:


    https://www.med1.de/forum/bezi…hiatrie-965043/?pageNo=17


    die TE hatte ihren partner durch suizid verloren (vor ca einem halben jahr, wenn ich mich da recht erinnere) und suchte u.a. auch nach betroffenen mit denen sie sich austauschen könnte. vielleicht schaust du da mal rein.

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    Falls es noch eine Option ist: es gibt Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene von Suiziden. Adresslisten/Kontakte zu solchen Gruppen gibt's typisch beim lokalen Gesundheitsamt, ggf. der nächstgrößeren Stadt.

    Ich habe mehrere Menschen durch Suizid verloren und bin auch selbst gefährdet. Ein typisches Phänomen ist, dass Angehörige die Fragen erst immer stellen, wenn es passiert ist. In der Regel machen suizidgefährdete Menschen Andeutungen, dass es ihnen nicht gut geht oder irgendwelche Probleme haben. Leider wird das selten vom Umfeld wahrgenommen und als Hinweis interpretiert.


    Ein Tod ist immer ein schrecklicher Verlust und umso schlimmer, wenn man weiß, dass man es eventuell hätte verhindern können. Ich habe mir diese Fragen auch immer gestellt und vor allem auch, welche Dinge so ein Vorhaben abwenden könnten. Wenn bei jemanden im Leben alles auf Schachmatt steht, kann man das vielleicht auch gar nicht.

    In jedem Fall wird es eine Weile brauchen, um das für sich zu verarbeiten. Viel Kraft dafür!

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    Also das was marblemadness schreibt, stimmt wirklich überhaupt nicht! Zum einen versuchen unglaublich viele Menschen, ihren Angehörigen irgendwie zu helfen, zum anderen kann man jemanden, der sich wirklich entschieden hat, nicht „retten“. Ich finde es schlimm, sowas zu schreiben. Wer zurückbleibt hat nicht versagt. Wenn sich jemand suizidiert hat, ist das für die Hinterbliebenen ganz ganz furchtbar und es bleiben Fragen, die möglicherweise nie beantwortet werden können, mit denen man also leben lernen muss. Da noch zu suggerieren, man hätte ja mal vorher auf die Anzeichen hören können, finde ich fast schon höhnisch.

    Schließe mich hikleines voll und ganz an!


    Ich habe beruflich mit beiden Seiten zu tun. Eines, was man auch als professioneller Helfer lernt: Jemand, der sich endgültig entschieden hat, hat dies getan. Und tut dies so geschickt, dass auch keine Intervention mehr möglich ist. Sie haben sich gegen Gespräche, gegen Hilfe,... entschieden. Sie haben sich in dem Moment entschieden, den Suizid durchzuführen. Statt Freunde anzurufen, in eine Klinik zu fahren,... Wenn jemand absolut nicht mehr will, prallt alles von außen ab.

    Und ebenso erlebe ich die verzweifelten Menschen, die jahrelang mit dem Warum hadern. Die sich unendlich Vorwürfe machen, wo man aber nur sagen kann: Sie haben sich unendich bemüht. Alles versucht. Sind dagewesen.

    Allerdings scheinen scheinen Bedürfnisse und echte Bemühungen oft aber nicht kompatibel zu sein. Das ist das Tragische.


    Im privaten Umfeld habe ich auch zwei Suizide erlebt. Nicht ganz nahe stehende Leute, aber schon Menschen, die in meinem Leben irgendwie immer da waren. Und bis heute und mit meinem beruflichen Background stehe ich nur fassungslos da und frage mich: Warum? Warum wurden die Bemphungen nicht gesehen? Warum haben kluge Menschen sich keine Hilfe geholt? Warum werfen Menschen ihr Leben gerade dann weg, wenn sich Dinge zum Besseren gewendet haben? Das war in den beiden Fällen nämlich der Fall.

    Zitat

    Ich habe mehrere Menschen durch Suizid verloren und bin auch selbst gefährdet. Ein typisches Phänomen ist, dass Angehörige die Fragen erst immer stellen, wenn es passiert ist. In der Regel machen suizidgefährdete Menschen Andeutungen, dass es ihnen nicht gut geht oder irgendwelche Probleme haben. Leider wird das selten vom Umfeld wahrgenommen und als Hinweis interpretiert.

    Die Menschen um einen herum sind da auch nicht immer hilfreich. Was für den einen ein Problem ist, ist für den anderen nicht unbedingt eines. Und da kriegt man unter Umständen Antworten, die es nicht besser machen. Die tun das nicht in böser Absicht. Sie schätzen das Problem nur anders ein. Selbst wenn das Umfeld vorher die Probleme wahrnimmt, kann man einen Suizid nicht grundsätzlich verhindern, weil keiner einen Einfluss darauf hat, was beim Betroffenen ankommt. Und da ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass suizidale Menschen sich dann final gegen alles andere entscheiden.

    Und mit manchen Problemen kann man nur versuchen zu leben. Da kann keiner was tun.

    Das betrifft dann aber die Angehörigen mit. Und da würde es mich nicht wundern, wenn sich mancher das Leben nimmt, weil er nicht hat helfen und retten können.

    So ist die Frage, was man hätte tun können, wahrscheinlich eher sinnlos. Mit dem was man tut, kann man genauso Schaden anrichten wie mit dem was man unterlässt. Es gibt ja durchaus Menschen, die mehrfach versuchen sich das Leben zu nehmen. Scheinbar waren die vorherigen Rettungsversuche nicht hilfreich. Und zu versuchen einem Menschen das Leben zu retten, würde wohl jeder.

    Und die gebotene Hilfe von außen erzeugt beim Betroffenen vielleicht auch einen Druck, dass man es schaffen muss für andere. Und dann wird es vielleicht tatsächlich besser. Dann besteht aber die Möglichkeit, dass sich die Helfer langsam wieder lösen. Da ist dann möglicherweise der Antrieb weg. Und man setzt sein Vorhaben doch in die Tat um.

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    Itsme09  

    Zitat

    Wenn Du Dich austauschen möchtest, kannst Du mir gerne eine PN schreiben.

    Danke Dir, ich komme darauf zurück...


    DarkerShark

    Zitat

    Falls es noch eine Option ist: es gibt Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene von Suiziden. Adresslisten/Kontakte zu solchen Gruppen gibt's typisch beim lokalen Gesundheitsamt, ggf. der nächstgrößeren Stadt.Naja ich wohne auf dem Dorf und habe kein Auto - bisher war das nicht zielführend, wobei ich zugegeben noch nicht beim Gesundheitsamt nachgefragt habe, sondern selbst gesucht habe. Das kann ich nochmal machen, Danke Dir.

    (Das Mobilitätsproblem muss ich jetzt auch mal lösen, aber das ist ein anderes Thema).


    Zum Rest:

    Ich finde das irgendwie ganz, ganz schwierig. Ich weiß, dass so etwas natürlich immer ganz verschieden abläuft und ich wusste, dass es ihm schlecht ging. Trotzdem wusste ich nicht, dass wir jetzt tatsächlich so weit sind, dass dieses tragische Ereignis passiert. Er wusste, dass er sich immer melden konnte und wir haben wirklich viel zusammen durch gemacht. Wir wussten, dass wir uns nachts um drei aus dem Bett klingeln konnten, wenn es nötig war und er wusste, dass er es hätte in dieser Situation tun können.

    Wir haben uns jeden Tag zum Telefonieren verabredet, egal wie lang mein Tag auf der Arbeit war, damit er in der Zeit jeden Tag etwas hat, das ihn hält. Damit wir auch jeden Tag neu entscheiden können: Geht das so, oder geht es nicht.

    Im Nachhinein glaube ich, habe ich mir da viel zu viel Verantwortung aufgeladen. Es ging so oft gut, dass wir uns da zusammen durch getragen haben, mir war nur glaube ich nicht klar, was passiert, wenn es dieses eine Mal nicht gut geht. Ich hatte irgendwie Vertrauen in ihn, dass er Bescheid sagt, wenn es nicht mehr geht und sich dann auch helfen lässt. Ich wäre die Letzte gewesen, die sich nicht gekümmert hätte, aber heute glaube ich, ich habe diesen schmalen Grad nicht getroffen dazwischen "ihm seine Freiheit lassen, weil er erwachsen und mündig ist" und ihm doch einfch ungefragt die Verantwortung abzunehmen...


    Und klar habe ich in den letzten fünf Monaten jede Konversation, die sich irgendwie verfolgen lässt, unzählige Male umgedreht, die Nadel im Heuhaufen gesucht, dieses eine Wort gesucht, das mich hätte warnen müssen. Ob mich das weiter bringt...?


    Sunflower_73

    Das ist auch eine Frage, die ich mir seit dem ersten Tag gestellt habe. Zwischendurch war es ihm so schlecht gegangen, dass wir keine 10 Minuten mehr sprechen konnten, ehe er wirklich so erschöpft davon war. Und gerade in den Tagen vorher war es wieder besser geworden, er hatte positive Nachrichten wegen seines Jobs bekommen, wir haben wieder ein bisschen in die Zukunft geplant. Es schien okay zu werden nach dieser monatelangen Krise und ich schien den Menschen zurück zu bekommen, den ich gekannt hatte.

    Zitat

    Warum werfen Menschen ihr Leben gerade dann weg, wenn sich Dinge zum Besseren gewendet haben? Das war in den beiden Fällen nämlich der Fall.


    Das ist eigentlich eine recht bekannte Sache, steht auch bei vielen Antidepressiva mit auf der Liste von Nebenwirkungen. Zum Beispiel die Einnahme eines Antidepressivums führt zu Stimmungsaufhellungen, wieder zu mehr Aktivität, und dieses Aktivitätspotenzial kann eben auch dazu genutzt werden, um den Suizid durchzuführen.


    Auch ein Suizid braucht Kraft, Entschlossenheit und Aktivität. Wer vorher so depressiv ist, dass er oder sie nix auf die Reihe bekommt, ja schon lethargisch ist, da ist auch die Entschlossenheit nicht da, die Klarheit nicht. Selbst das eigene Suizidieren wird als überfordernde Aufgabe wahrgenommen. Denn selbst wenn der Gedanke an den Suizid in den Phasen aufkommt (der ja meist kurzweilig akut ist), dann erscheint alles zu mühsam, zu schwierig, zu irgendwas, und die Zeit des Affektes wird überwunden und danach geht es wieder in das Siechtum.


    Mit dem Wenden zum Besseren kann es dazu kommen, dass Entschlossenheit und Tatkraft wieder da sind. Dass Sachen angepackt und angegangen werden sollen. Wer dann immer noch die irrige Vorstellung in sich trägt, das eigene Ende sei die ultimative Erlösung von Leid und Schmerz kann eben die kurze Phase eines wirklich akuten Suizidgedankens dann nutzen zu: So, jetzt mache ich das auch! Ich packe das an, ich ziehe das durch.


    Hier ist eine Quelle, die das sicherlich differenzierter und stimmiger beleuchet:

    https://www.ndr.de/ratgeber/ge…rrufen,depression238.html


    Und die andere Sache: allein das Anzeichen des Wendens zum Besseren sollte ein Warnsignal für sehr konkrete Suizidgedanken sein. Denn plötzlich sieht der Depressive wieder etwas, was er oder sie selbst entscheiden und selbst beeinflussen kann: den eigenen Tod. Er/sie weiß wann, weiß wie, weiß wo. Die Unsicherheit ist vorbei, der Plan ist gefasst, die Mittel sind da. Und dieses Gefühl, endlich wieder mehr eigene Kontrolle zu haben, kann hoffnungsfroh machen. Es ist der Ausweg aus dem Siechtum, das Ende des Wartens und die Hoffnung auf die ultimative Erlösung. Allein das kann ein großes Gefühl der Befreiung oder schon Euphorie auslösen.


    Ich glaube, es gibt ganz verschiedene Muster, wie Menschen sich verhalten.

    Aber das oben beschriebene sind zumindest bekannte, typische Muster, die es auch mit gibt. Ohne zu sagen, dass sie immer so sein müssten.


    Ich kenne die Lösung nicht, aber oft wird eine recht enge Begleitung und Betreuung empfohlen. Natürlich nur für die, die das auch leisten können und wollen. Und eben gerade auch in den Übergangsphasen, wo es (von außen betrachtet) wieder besser wird.

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    Zitat

    Mit dem Wenden zum Besseren kann es dazu kommen, dass Entschlossenheit und Tatkraft wieder da sind. Dass Sachen angepackt und angegangen werden sollen. Wer dann immer noch die irrige Vorstellung in sich trägt, das eigene Ende sei die ultimative Erlösung von Leid und Schmerz kann eben die kurze Phase eines wirklich akuten Suizidgedankens dann nutzen zu: So, jetzt mache ich das auch! Ich packe das an, ich ziehe das durch.

    Es kann auch deshalb nach außen "besser" aussehen, weil sich jemand wirklich entschieden hat. Das kann eine Art Erleichterung mit sich bringen.

    Ich fände es übrigens gut, wenn man die Entscheidung zum Suizid nicht per se als irrig abtut. Es ist doch die eine der einsamsten Entscheidungen, die ein Mensch überhaupt fällen kann und darüber darf man meiner Meinung nach entsetzt, abgestoßen, verzweifelt u.v.m. sein, aber werten sollte man es nicht.

    hikleines schrieb:

    Also das was marblemadness schreibt, stimmt wirklich überhaupt nicht! Zum einen versuchen unglaublich viele Menschen, ihren Angehörigen irgendwie zu helfen, zum anderen kann man jemanden, der sich wirklich entschieden hat, nicht „retten“. Ich finde es schlimm, sowas zu schreiben. Wer zurückbleibt hat nicht versagt. Wenn sich jemand suizidiert hat, ist das für die Hinterbliebenen ganz ganz furchtbar und es bleiben Fragen, die möglicherweise nie beantwortet werden können, mit denen man also leben lernen muss. Da noch zu suggerieren, man hätte ja mal vorher auf die Anzeichen hören können, finde ich fast schon höhnisch.

    Du hast offenbar ein Detail überlesen: Ich bin selbst suizidgefährdet und hatte vor ein paar Jahren einen Suizid-Versuch. Die Leute sind erst danach kurzzeitig hellhörig geworden. Das nutzt sich aber auch schnell wieder ab.


    Gerade aktuell durch Corona geht es mir seelisch wieder richtig schlecht und bei mir kann der Faden jeden Tag reißen - vielleicht heute noch, morgen ... ich habe es aber noch nie erlebt, dass jemand darauf eingegangen wäre. Nicht mal mein Psychologe hat das sonderlich ernst genommen, auch nicht die Telefon-Seelsorge. Im Internet ist es nicht anders. Es gibt spezielle Suizid-Foren, die ein wenig Hilfe bieten, aber sonst kann man es knicken.


    Man bekommt die Standard-Floskeln um die Ohren gehauen, dass man sich mal zusammenreißen und professionelle Hilfe suchen soll. Das wars. Bis auf vielleicht wirklich wenige Ausnahmen im Promille-Bereich. Viele sind dann auch noch eingeschnappt, wenn man auf die Tipps nicht anspringt.


    Ich weiß jedenfalls nicht wo ich Hilfe finden und mal mit jemandem reden kann!

    Das ist leider meine Erfahrung!

    hikleines schrieb:

    Es kann auch deshalb nach außen "besser" aussehen, weil sich jemand wirklich entschieden hat. Das kann eine Art Erleichterung mit sich bringen.

    Ja, das hatte ich im unteren Teil meines Postings gemeint.


    hikleines schrieb:

    Ich fände es übrigens gut, wenn man die Entscheidung zum Suizid nicht per se als irrig abtut. Es ist doch die eine der einsamsten Entscheidungen, die ein Mensch überhaupt fällen kann und darüber darf man meiner Meinung nach entsetzt, abgestoßen, verzweifelt u.v.m. sein, aber werten sollte man es nicht.

    Ich sehe im Werten nicht so das Problem. Menschen werten eben. Sie haben ein intuitives Verständnis von gesund und krank. Von richtig und falsch. Von irrig und stimmig. Von moralisch und unmoralisch. So wie du eben deins hast.

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