Trauer um meinen Vater ...

    ... oder Nicht-Trauer?


    Am Pfingstsonntag um 6.30 Uhr ist mein Vater im 91. Lebensjahr verstorben - zu Hause und in den Armen meiner Mutter. Er schlief ganz ruhig ein.


    Als ich davon erfuhr, war ich erst mal sehr erleichtert, denn kurz vorher war er noch im KH, weil er plötzlich stark geschwollene Beine bekam. Im KH hatte er auch einen kleinen Herzinfarkt und einen COPD-Erstickungsanfall. Außerdem arbeiteten seine Nieren nicht mehr richtig. Er wollte unbedingt nach Hause. Durfte er. Ich denke, es war klar, dass es zu Ende gehen würde.


    Im Augenblick bin ich sehr zwiegespalten. Echte Trauer empfinde ich nicht. Ich freue mich vor allem, dass er friedlich eingeschlafen ist.


    Ich war während der Kindheit ganz klar ein Papa-Kind. Das änderte sich aber während der Pubertät. Mein Vater (Asperger-Autist wie ich auch) wurde zunehmend extrem schwierig. Wir Kinder hatten seine Meinung zu übernehmen, ansonsten machte er uns fertig, drohte mit Enterbung und ähnlichem Unsinn. Als ich fast 50 war und er meinte, mich noch erziehen und belehren zu müssen, sagte ich im klar, dass die Zeit seiner Erziehungsaufgabe schon seit ca. 30 Jahren beendet sei. Daraufhin war er stinksauer und verließ ohne Verabschiedung das Haus. Die Kontakte danach (= seit ca. 15 Jahren) waren äußerst sporadisch, der letzte Kontakt war vor 8 Jahren. Damals war er nach mehreren Schlaganfällen schon Pflegefall, aber noch ansprechbar. Per Skype sprachen wir nochmals miteinander, doch er erkannte mich wohl nicht. Alles andere erfuhr ich nur noch über meine Mutter und meine jüngste Schwester, die direkt neben dem Elternhaus lebt.


    Nun Papas Tod. Ist es so seltsam, dass er mich nicht wirklich berührt? Ich denke zwar oft daran, doch sind meine Gefühle dazu eher neutral. Ich freue mich einfach, dass er so gehen durfte, wie er es sich gewünscht hat: einfach einschlafen. Ist das unnormal?

  • 18 Antworten

    Es ist nicht unnormal. Jeder geht mit Trauer anders um. Als mein Vater vor ein paar Jahren starb, waren wir Kinder eigentlich auch erleichtert. Denn es ging ihm nicht gut und meine Mutter litt am meisten unter seinem geistigen und körperlichen Verfall.


    Durch seinenTod blieb im und meiner Mutter sehr viel Leid erspart. Genau deshalb hielt sich meine Trauer in Grenzen. Meine Schwester heulte sich die Augen aus und ich empfand die ersten Tage überhaupt nichts. Das kam erst sehr viel später. Ich wollte einfach ohne Publikum trauern. Zuhause hörte ich alleine sehr traurige Musik und verarbeitete nur für mich meine Trauer.

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    Hallo Monsti,


    erstmal- herzliches Beileid.


    Ich weiß nicht ob die Frage nach dem, was generell "normal" wäre, eine sinnvolle Frage ist. Menschen sind doch so unterschiedlich, Beziehungen sind so unterschiedlich.


    Emotionale Menschen würden vieleicht weinen und schreien, sehr rationale Menschen den Vorteil (er musste nicht leiden) sehen, wie du und sicher gibt es unendliche Fascetten dazwischen und darüber hinaus.


    Versuch doch einfach offen zu sein dafür, wie du trauern musst, was dir dein Körper, deine Gefühle, deine Gedankenwelt vorgeben und lass das zu was du empfindest und wie du deinen Vater in Erinnerung behalten möchtest und wie du gedanklich oder in Gesprächen oder Ritualen Abschied nehmen willst. Wenn du deinen Gedanken und Gefühlen und Bedürfnissen Raum gibst, dann findest du genau den Weg, der für dich und eure Beziehung zu seinen Lebzeiten der richtige ist. Ich wünsche dir viel Kraft. :)*

    Nein, das ist nicht unnormal. Man hat die Gefühle, die man hat, es gibt da kein objektives Falsch oder Richtig, Deine Gefühle passen einfach zu Deiner individuellen Situation, und ich finde das absolut nachvollziehbar.


    Ein Bekannter von mir war nach dem Tod des Vaters zum Beispiel einfach nur erleichtert, weil die letzte Zeit vor dem Tod für beide nur noch Qual und Terror war.

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    strawberrycheck

    Das tat gut. Danke! Irgendwie möchte ich Abschied nehmen und auch Frieden schließen. Im Moment bin ich dazu aber noch nicht in der Lage. Ja, die Zeit wird es bringen - wie immer ...

    Ich habe auch nicht wirklich um meinen Vater getrauert. Ich war froh für ihn, dass er es jetzt hinter sich hat. Die Beziehung war schwierig und er wollte immer eine Absolution von mir, die ich ihm nicht geben konnte. Somit war ich auch erleichtert. Ich habe mich über seinen Tod hinaus mit ihm ausgesprochen, das war befreiend.

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    Dein Vater hat ein stolzes Alter erreicht, trotz Erkrankungen :)^


    Er ist friedlich eingeschlafen.


    Für meine Lieben ??und auch für mich?? wünsche ich mir so einen Abschied von der Welt.


    Für mich kann ich sagen, dass überraschende Tode sehr viel mehr Trauer verursacht haben. Ein kranker Mensch in diesem Alter (ich erinnere mich gerade an meine Oma) ist dem Tod sehr nahe und es ist absehbar. Damit konnte ich zumindest leichter umgehen.


    Aufrichtiges Beileid :)* @:) :)*

    Zitat

    Als ich fast 50 war und er meinte, mich noch erziehen und belehren zu müssen, sagte ich im klar, dass die Zeit seiner Erziehungsaufgabe schon seit ca. 30 Jahren beendet sei.

    So waren meine auch...da macht man nichts dran... X- ....Einsicht hätte niemals stattgefunden.


    Wegen dem Tod und der Trauer: ich sehe es so, dass womöglich deine Wut die Trauer blockiert. Die Trauer könnte noch kommen. Ansonsten finde ich auch, dass jede Art der Trauer ok ist, auch das Fehlen. Falsches Trauern gibt es meiner Meinung nach nicht.

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    Herzliches Beileid. Bei mir ist es zwar drei Monate her, dass mein Vater gestorben ist, aber die Zeit heilt alle Wunden.

    für mich hat trauer immer zwei richtungen - zum einen für den anderen zu trauern, dass er "nichts mehr erlebt" und zum anderen die ganz egoistische trauer, um das, was einem fehlt, wenn es diesen menschen nicht mehr gibt.


    bei dir habe ich den eindruck, dass du den abschiedsprozess schon damals hinter dich gebracht hast und er dir als vater schon lange nicht mehr fehlt? für ihn selber scheint der tod auch eher ein "fälliger" abschluss des langen lebens gewesen zu sein?


    deswegen solltest du dir keine gedanken machen, dass du kein richtiges trauergefühl entwickelst. vielleicht kannst du ja durch seinen tod endlich ein wenig sentimental an die schönen momente miteinander denken, ohne stinkig auf ihn zu werden :)_

    Ich glaube, Du hast es auf den Punkt gebracht. Ein erstes Mal hatte ich von meinem Vater aufgrund eines sehr unangenehmen Ereignisses und das zweite Mal vor 8 Jahren, als ich meine Eltern besuchte, verabschiedet. Ich glaube, er hatte sich damals auch von mir verabschiedet, denn er hielt ewig meine Hand und wollte sie nicht mehr loslassen, dabei schaute er mich durchdringend an. Mir war das damals sehr unangenehm, weil so intensiv. Aber vielleicht wusste er, dass er mich zum letzten Mal sieht. Und irgendwie dachte ich das damals auch. Ein Abschied für immer.


    Und ja, ich erinnere mich zur Zeit an schöne Erlebnisse zurück. Gerade in der Kindheit gab es einige. Nach der Pubertät leider keine mehr. Danke Dir!

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