Umgang mit der Sterblichkeit

    Tja, dieses Thema beschäftigt mich seit Kind an schon.
    Wie geht man mit der Sterblichkeit um? Man weiß von Grund auf, dass Eltern, Großeltern, Haustiere vor einem sterben werden. Irgendwie scheint mir die meisten Menschen verdrängen diese Gedanken und werden erst daran "erinnert" wenn es soweit kommt, aber ist das wirklich der einzige Weg damit umzugehen?

    Gerade aktuell vor 2 Wochen ist mein Onkel gestorben. Er ist beim fahrradfahren aus für mich unerklärlichen Gründen bei dem wechsel von einem Radweg zum anderen über eine Straße vom Auto erfasst worden und an der Unfallstelle gestorben.

    Diesem Onkel hat nie etwas gefehlt, er war 71 und so wie ich es sehe wäre er locker 90 geworden (was ich vom Rest meiner Familie leider nicht erwarte). Und dann einfach so plötzlich tot. Es wird nie eine Antwort geben wie das passieren konnte, in meinem Kopf ist das alles komplett unwirklich. Es war einer der Menschen dessen Existenz für mich nie in Frage stand, auch wenn ich ihn und den Teil meiner Familie seit 5 Jahren nicht mehr gesehen habe... aber in meiner Welt war der einfach vorhanden... wie soll ich das erklären?

    Dann kommt noch dazu, dass so wie ich es sehe die meisten Todesarten absolut furchtbar sind. Ich wäre mal beinahe ertrunken und dieses Gefühl der Hilflosigkeit und diesen sinnlosen Kampf bis zuletzt möchte ich niemanden wünschen...

    Oder Krebs, wenn man liest was die Leute durchmachen und das könnte ohne das man wirklich was dazu kann, einem selbst passieren... ehrlich gesagt finde ich diese Gedanken unerträglich.

    Ich rede selten mit anderen über solche Themen weil ich denke ich würde sie nur runterziehen. Dann wiederrum, das Spiel The Last of Us 2, was diese Woche rauskommt wird wohl ein komplett negatives, hoffnungsloses Bild zeichnen und sich verkaufen wie warme Semmeln, also wollen die Menschen sowas?
    Aber das ist wohl ein anderes philosophisches Thema.

    Wie geht ihr damit um, wenn jemand plötzlich weg ist, ohne Erklärung oder die geringste Möglichkeit eine Erklärung zu erhalten oder mit der Tatsache dass das quasi jederzeit passieren könnte? ":/

  • 3 Antworten

    Hallo,


    Mein Vater starb als ich 13 war. Zwei Kinder meiner Schwester starben, das eine als Frühchen mit zwei Wochen, das andere lag kurz nach Weihnachten morgens auf einmal tot im Bett - kein SID, sondern ein vorher nicht erkannter aber sowieso unbehandelbarer Hirntumor. Da war ich noch klein und hatte einen Nervenzusammenbruch, weil ich nicht fassen konnte, dass auch Babys sterben.


    Ich bin Epileptikerin und nur mit Hilfe der Ärzte schon ein paar Mal dem Tod von der Schippe gesprungen. Das macht sehr, sehr nachdenklich und man denkt früh sehr darüber nach, was für das jetzt wichtig ist.


    Ich denke, ja, die meisten verdrängen diesen Gedanken - das es wirklich plötzlich vorbei sein kann. Es ist ja auch nicht unbedingt gesund ständig mit dem Gedanken herumzulaufen "heute konnte der letzte Tag sein"


    Mich hat es aber schon früh dazu gebracht zu hinterfragen, was ich will. Wie viel Sinn es macht, sich zum Beispiel jetzt "für später" kaputt zu ackern.


    Ganz konkret: ich arbeite 30 Stunden. Das ist auch die Obergrenze. Mein Kind ist schon 12, aber Autist und braucht mich sehr. Und ich setze ganz klar die Priorität, erst das Kind, dann die Arbeit.


    Ich will später nicht sagen "Wir hatten tolle Urlaube einmal im Jahr aber ansonsten war mein Kind den ganzen Tag in irgendwelchen Betreuungen weil ich ja arbeiten musste"


    Nein, sorry mein Kind ist nur einmal Kind. Wenn alles gut läuft kann ich sehr lange noch 40 Stunden arbeiten. So haben wir weniger Geld aber wir haben uns!


    Und nein, ich habe keinen Super Job mit viel Gehalt. Es ist Mindestlohn. Aber wir kommen zurecht auch wenn wir dann eben meist auf Urlaube verzichten und wenn meist nur Familie besuchen. Der letzte richtige Urlaub war vor acht Jahren.


    Ich finde, das Bewusstsein dafür, dass das jetzt die einzige Zeit ist die man noch haben könnte, bringt einen dazu, auch im Jetzt zu leben.


    Aufpassen würde ich an deiner Stelle, nicht in Depressionen zu versinken. Das hatte ich auch schon.

    Zunächst einmal möchte ich dir mein Beileid zum unerwarteten Tod deines Onkels aussprechen und ich hoffe, meine Antworten erscheinen dir in dem Zusammenhang jetzt nicht zu salopp oder pietätlos.


    Dieter83 schrieb:

    Irgendwie scheint mir die meisten Menschen verdrängen diese Gedanken und werden erst daran "erinnert" wenn es soweit kommt, aber ist das wirklich der einzige Weg damit umzugehen?

    Nö, das merkst du doch schon an dir selbst. Du sagst ja, das Thema beschäftigt dich seit frühster Kindheit. Man kann sich also auch fortwährend damit auseinandersetzen, sollte m.E. nur aufpassen, dass dadurch kein übermäßiger Leidensdruck entsteht. Ich denke, man kann da nämlich durchaus Gefahr laufen, gewisse Ängste und Zwänge zu entwickeln....

    In einer Beziehung fand ich es z.B. mal recht belastend, dass ich mich von unterwegs ständig melden sollte, weil der andere sonst Angst hatte, mir könne etwas zu gestoßen sein (die Person hatte jemanden durch einen Autounfall verloren, was zweifelsohne tragisch ist, aber ein Leben in ständiger Angst finde ich nicht erstrebenswert).


    Wie sehr beschäftigt dich das Thema in deinem Alltag? Nach einem aktuellen Todesfall finde ich es für einen gewissen Zeitraum normal, gerade wenn jemand plötzlich aus dem Leben gerissen wurde. Ich hatte in meiner Jugend auch eine Weile mit dem plötzlichen Herztod meiner Großmutter zu tun, aber irgendwann rückte das Thema dann auch wieder in den Hintergrund und das bzw. mein Leben ging weiter, auch wenn ich heute noch oft an sie denke, aber ich hadere nicht mit dem Schicksal.


    Dieter83 schrieb:

    Wie geht ihr damit um, wenn jemand plötzlich weg ist, ohne Erklärung oder die geringste Möglichkeit eine Erklärung zu erhalten oder mit der Tatsache dass das quasi jederzeit passieren könnte? ":/


    Ich suche da eigentlich gar nicht groß nach Erklärungen. Ich will nicht herzlos erscheinen, aber im Falle deines Onkels gibt es ja sogar eine: er hat eine Straße überquert und ist Opfer eines Verkehrsunfalls geworden. Entweder hat er den Autofahrer übersehen oder der Autofahrer ihn oder beides. Nach welcher Art von Erklärung suchst du da? Die berühmte Frage: Wieso gerade er?

    Ich muss sagen, dass ich da recht pragmatisch rangehe. Unfälle geschehen nun mal und es besteht ein gewisses Risiko, dass man selbst oder ein Angehöriger irgendwann in diese Statistik fällt. Ich versuche unnötige Risiken zu vermeiden, aber lasse mir das Leben von möglichen Gefahren auch nicht vermiesen, also wenn ich Lust habe, etwas zu unternehmen, dann tue ich es auch und schränke mich nicht ein. Damit lebe ich ganz gut und wenn ich merken würde, dass ich mir aufgrund eines Schicksalsschlages anfange übermäßig viele Gedanken zu machen und mich immer mehr einzuschränken, dann würde ich mir wohl zeitnah professionelle Hilfe suchen. Ab wann das der Fall ist, kann aber jeder nur für sich selbst einschätzen. Ich kenne auch Menschen, die in meinen Augen übervorsichtig sind und dadurch auf vieles verzichten und trotzdem glücklich damit leben, weil sie halt andere Prioritäten haben als ich.


    Belasten dich denn deine Gedanken? Nehmen sie dir die Freude am Leben?

  • Anzeige

    Mein aufrichtiges Beileid! Dazu könnte ich dir ein Buch schreiben. Ich bin Fachärztin für Palliativmedizin und habe unzählige Patienten in der Terminal und Finalphase begleitet. Dazu die Angehörigen. Privat habe ich innerhalb von 11 Monaten meinen Vater, Mann und Onkel verloren. Mein Mann und meinen Vater habe ich zu Hause gepflegt und medizinisch betreut. Mein Mann war mein schlimmster Fall in meiner Berufslaufbahn. Er verstarb an einem metastasierten Ösophaguskarzinom. Alle Maßnahmen der modernen Palliativmedizin versagten bei ihm in den letzten Wochen.( Sehr selten). Eine palliative Sedierung ermöglichte ihm einen friedvollen Tod. Das Thema Sterben und Tod ist für viele Menschen ein Tabu, man sollte sich schon damit auseinandersetzen, aber es darf nicht Überhand nehmen. Hat man nur noch Sterben und Tod im Kopf, leidet die Lebensqualität. Wenn ein naher Angehöriger verstirbt kommen die Gedanken automatisch. Jeder Mensch trauert anders, man sollte die Trauer nicht unterdrücken. Die Trauer bleibt, aber mit der Zeit lernt man anders damit umzugehen. Ich befürworte ein Sterben zu Hause, das wünscht sich fast jeder Mensch. Die Pflege muß natürlich gesichert sein. Nach dem Tode können die Familienangehörigen den Verstorbenen versorgen, wenn sie es möchten ( waschen und kleiden ), in Ruhe Abschied nehmen. Der Verstorbene muß nicht sofort vom Bestatter abgeholt werden. Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, daß diese Maßnahmen den Menschen helfen, die Fragen zu ihrer eigenen Sterblichkeit besser zu beantworten. Es gibt Menschen, die haben Angst einen Verstorbenen zu berühren, erklärt man ihnen alles, sind viele dankbar, daß sie ihren Familienangehörigen noch einmal sehen und anfassen konnten. Dadurch lernt man die eigene Sterblichkeit zu akzeptieren. Zum Leben gehört der Tod dazu. Wir arbeiten auf der Palliativstation nach dem Prinzip, dem Leben nicht mehr Tage geben, sondern den Tagen mehr Leben. Das Zitat stammt von Cicely Saunders und bringt Sinn. Zu Krebskranken: wenn es sich z.b. um ein Pankreaskarzinom oder ein Glioblastom handelt ist fast immer keine Heilung mehr möglich, dann sollte der Patient palliativ therapiert werden. Die Symtomatik muss gelindert werden, wie Schmerzen mit den entsprechenden Medikamenten, Dypsnoe mit Morphin, Ängste mit Tavor sublingual, ein Benzodiazepin mit hoher Anxiolyse. Morphin ist nicht nur ein Schmerzmittel, sondern das Mittel der Wahl bei Dypsnoe. Als Ultima Ratio die palliative Sedierung. Vielleicht kann ich dir hiermit deine Bedenken etwas nehmen, falls jemand an Krebs verstirbt. Die Leidenszeit kann lange dauern, aber jegliche Symptomatik ist so zu lindern, daß es für den Patienten erträglich ist. Wenn du dich jetzt fragst, wie schafft man es Sterbende zu begleiten? Man bekommt so viel zurück an Dankbarkeit und guten Gesprächen ( so lange, der Patient dazu in der Lage ist). Es ist nicht nur mit medizinischen Wissen und Können getan. Gesprächsbereitschaft, Empathie und vor allem Zeit und nochmals Zeit für die Patienten, das ist das A und O. Der Patient ist keine Nummer, sondern ein Mensch mit allen Sorgen und Ängsten. Bei uns wird zusammen geweint, aber auch zusammen gelacht. Wenn du noch Fragen hast, ich stehe gerne zur Verfügung. Alles Gute für dich! Man sollte trotz allem nicht vergessen, das Leben zu genießen!