Ich finde es schade, wenn Menschen sich dafür rechtfertigen müssen, dass etwas anders machen als andere und quasi dazu gedrängt werden, sich anzupassen ....


    Soll doch jeder - ganz frei - austesten, womit er sich am wohlsten fühlt - solange er niemand anderes gefährdet, zB durch Autofahren ohne Brille.


    Jeder macht halt seine eigenen Erfahrungen und lernt daraus - das muss man anderen doch nicht überstülpen.


    Ich habe jahrelang Brille getragen und sogar Jahrzehnte lang Kontaktlinsen.


    Habe mich nicht richtig getraut, "ohne" rum zu laufen, weil ich mich unter dem Druck gefühlt habe, ständig 100% Sehleistung erbringen zu müssen oder mich dafür zu rechtfertigen, warum ich das nicht erbringen kann oder will.


    Dadurch war mein Sehen ohne Brille auch sehr verkrampft und unangenehm, so dass ich freiwillig zu Brille oder Kontaktlinsen gegriffen habe.


    Erst durch das Sehtraining habe ich wirklich entspanntes Sehen kennengelernt und bedaure, dass ich so etwas nicht früher probiert habe.


    Dieses entspannte Sehen empfinde ich als so angenehm (auch wenn mir noch ein klein wenig Schärfe fehlt), dass ich viel lieber so unterwegs bin und die Brille nur ganz kurzzeitig nutze, wenn es unbedingt sein muss. Denn auch mit Brille ist das Sehen angespannt (merkt man erst, wenn man es auch anders kennt).


    Kontaktlinsen trage ich gar nicht mehr, weil ich die nicht mal eben so raus und rein machen kann, wie eine Brille auf- und absetzen.


    Das hat rein gar nichts mit Eitelkeit oder so zu tun. Kontaktlinsen sah ja sowieso niemand. Und die Brillengestelle, die es heutzutage gibt, sind eher eine Zierde fürs Gesicht (man muss halt nur das Passende finden) als verunstaltend.


    Und wenn man schon ein bisschen in die Jahre kommt, lässt so ein hübsches Gestell sogar die ersten Fältchen um die Augen verschwinden oder lenkt zumindest davon ab.


    Ich fände es besser und hilfreich, einfach nur seine eigenen Erfahrungen zu schildern, ohne andere damit unbedingt beeinflussen zu wollen und ohne Rechtfertigungsdruck, falls jemand gut gemeinten Rat nicht annehmen will.

    Zitat

    Ich finde es schade, wenn Menschen sich dafür rechtfertigen müssen, dass etwas anders machen als andere und quasi dazu gedrängt werden, sich anzupassen ....

    Wo passiert das?


    Und es ist ja nicht so, dass Tami (und andere) in diesem Faden ihre vollkommene Zufriedenheit mit ihrem eigenen Vorgehen schildert, sondern im Gegenteil, eher ihre Ambivalenzen. Die Reaktionen sind dann eben ein Potpourri aus eigenen Erfahrungen, Ratschlägen, vielleicht auch Rückmeldungen über Widersprüchlichkeiten. Aber ich sehe niemanden, der TE zum Angepasst-Sein drängt oder Rechtfertigungen einfordert.

    Dann ist ja gut, wenn das nicht so gemeint war, wie es rüberkommt ;-)


    Zumindest bei kam es so rüber, als ich mich in Tami als Leserin hineinversetzt habe. Da kam eben der Eindruck an, den ich wiedergegeben habe. Und der Eindruck, dass mir alles mögliche an "Phobien", Irrationalität und sonstige "Unreife" unterstellt würde, wenn ich keine Brille tragen möchte.


    Und ich kenne eben so einen Druck von früher, als ich in meiner Teenagerzeit nicht selbstsicher genug war, mich darüber hinweg zu setzen und einfach danach zu handeln, wie ich es gerne möchte.


    Heute stört mich so etwas nicht mehr.

    Zitat

    Und der Eindruck, dass mir alles mögliche an "Phobien", Irrationalität und sonstige "Unreife" unterstellt würde, wenn ich keine Brille tragen möchte.

    Ich habe ausgeführt, warum ich das so sehe. Das kann man natürlich auch anders sehen.


    Ich bewerte Phobien und Irrationalitäten nicht. Ich hatte und habe genügend von jenen.


    Und jede hat ein Recht auf ihre eigenen Phobien, Irrationalitäten und Widersprüchlichkeiten.

    Eure unterschiedlichen Sichtweisen zu der Sache finde ich sehr interessant.


    Dann gebe ich auch mal mein Statement dazu ab.


    Also, es ist halt so, dass ich mich selber nicht als Brillenträgerin sehe. Nach etwas Eingewöhnungszeit lief es anfangs zwar relativ gut, aber irgendwann habe ich dann festgestellt, dass Brille tragen doch nix für mich ist. Wieso das dann so kam, weiss ich nicht genau. Jedenfalls habe ich meine Brille immer seltener getragen, das steigerte sich so weit, dass ich sie aktuell eigentlich nur noch zum Autofahren und Fernsehen nutze. Dass diese Methode Einschränkungen mit sich bringt, sofern masn nicht nur -0,50 Dioptrien hat, ist wahrscheinlich jedem Kurzsichtigen klar.


    Bei mir ist es so, dass ich das ständige scharfe Sehen nicht so sehr vermisse, wenn ich keine Brille trage. In vielen Situationen nervt es zwar, Dinge nur schlecht oder gar nicht zu erkennen, aber man kann damit leben. Also das macht mich jetzt nicht total fertig oder so. Und wenn es so wäre, hätte ich ja Möglichkeit, Abhilfe zu schaffen: Brille tragen 8-)


    Kontaktlinsen wären natürlich die ultimative Lösung, weil man die nicht sieht und man super damit sehen kann ;-D


    Dabei liegst du mit dem Stichwort "Phobie" vielleicht gar nicht so falsch, da ich tatsächlich einige Bedenken habe, was Kontaktlinsen betrifft. Darum überlege ich noch, ob ich mal einen Termin beim Anpasser machen sollte ":/


    Da man mit meinen Werten auch ohne Korrektur noch einigermaßen klarkommen kann, ist der "Leidensdruck" nicht so hoch - bei Werten wie -8 Dioptrien wäre es natürlich keine Option, nicht zu handeln.

    Ich war in meiner prä-KL Teenagezeit auch mit ungefähr dieser Stärke unterwegs. Geschafft habe ich es, dass es ganz wenigen Leuten auffiel (das war ja das Ziel, nicht als nicht-Brille-tragend erkannt zu werden). Aber Klarkommen im Sinne von keinen Stress Haben war das wahrlich nicht. Vielleicht ist das in der Schule anders, wo man ja ständig Dinge tun muss, die mit -4 Dioptrien einfach nicht möglich sind (von der Tafel, dem Overhead, etc. Lesen). Ich kann mich auch nicht mit jemandem in einem Lokal treffen, weil es mir einfach zu peinlich wäre, herumzugehen zu den Tischen und die Bekannten einfach nicht zu sehen. Praktisch geht es, wenn nichts Überraschendes passiert. Aber falls ich einen Straßennamen hätte lesen müssen, oder die Anzeigetafel in einem Bahnhof, wäre ich überfordert gewesen. Ich glaube, ich hätte selbst beim Computer näher heranrücken müssen. Also Unannehmlichkeiten, die mich dazu geführt haben, dass ich KL, die mir erst ab 14 'genehmigt' wurden, als die Rettung all meiner Miserien anzusehen. Waren sie auch in dem Sinne, dass ich damit sehen konnte und dieser Art von Stress weg war.


    Also wenn man die Brille immer bei sich hat, um sie im Notfall (wie eben z.B. auf einem Bahnhof oder bei einer Powerpointpräsentation) aufzusetzen, dann geht das noch. Aber sonst war der Druck so groß, dass ich große Unannehmlichkeiten mit den KL auf mich genommen hätte, wenn ich sie nur bekommen hätte.

    Ich habe ähnliche Werte wie Tami. Für mich wäre es aber undenkbar ohne Sehhilfe durchs Leben zu gehen, da ich Dinge nur noch sehr schemenhaft wahrnehme. In unbekannter Umgebung oder schlechten Lichtverhältnissen ist es noch schwieriger, etwas zu erkennen. Auch hätte ich Angst, andere zu gefährden, z. B. indem ich vor Fahrradfahrer oder Autos laufe, weil ich sie nicht erkannt habe. Es ist zwar eine persönliche Angelegenheit, aber ich würde jedem bei über -4 dpt dazu raten, eine Sehhilfe zu benutzen, egal ob Brille oder Kontaktlinsen.


    ;-)

    Zitat

    Für mich wäre es aber undenkbar ohne Sehhilfe durchs Leben zu gehen

    Ich verstehe es auch nicht. die Lebensqualität leidet doch sehr wenn man so schlecht sieht :|N


    .

    Zitat

    Auch hätte ich Angst, andere zu gefährden, z. B. indem ich vor Fahrradfahrer oder Autos laufe, weil ich sie nicht erkannt habe.

    Sicherheitsbedenken hatte auch ich bereits angesprochen und dabei auf den möglichen Einfluss des Freundes verwiesen. Dazu geäußert hat er sich nicht. Ich jedenfalls wäre sehr beunruhigt zu wissen das meine kurzsichtige Freundin ständig ohne Korrektur draußen ist. Mit mir hätte sie Stress bei so viel unvernunft.

    Zitat

    die Lebensqualität leidet doch sehr wenn man so schlecht sieht

    Wieso leidet das die Lebensqualität? Eine Einschränkung der Lebensqualität verbinde ich in erster Linie mit Schmerzen, Behinderungen, Missempfindungen (z.B. auch Schwindel, Benommenheit) etc.


    Natürlich kann man von schlechtem Sehen auch Kopfschmerzen, Schwindel etc. bekommen, aber nur wenn man krampfhaft versucht, scharf zu sehen. Das tue ich aber nicht. Ich will eigentlich gar nicht richtig scharf sehen, empfinde es als unangenehm.


    Da mit meinen Werten um etwa -5 (die sich auch immer noch etwas zu steigern scheinen) es jedoch tatsächlich sehr unsicher ist, ohne Brille rumzulaufen, habe ich für mich die Lösung gefunden: Ich trage im Alltag meistenteils eine ältere, um 1-2 Dioptrien zu schwache Brille, und setze zum Autofahren, Kino, Theater, Museum etc. dann eine Brille mit den aktuellen Werten auf.

    Zitat

    Wieso leidet das die Lebensqualität?

    Deinen Text verstehe ich nicht ganz ":/


    Du sagst das jemand, der mit über -4 Dioptrien im Alltag ohne Brille oder KL unterwegs ist dadurch nicht unbedingt in seiner Lebensqualität eingeschränkt ist.


    Selber hast du ähnliche Werte, die du aber mit einer etwas zu schwachen Brille korrigierst, so daß eine Defizit von -1,etwas Dioptrien bleibt. Und diese ~1,5 vergleichst du mit -4,25 ?


    Mit einem Vergleich deiner -5 und den -4,25 wärst du näher dran gewesen, das hätte ich verstanden, aber einen unkorrigierten Rest von -1,was kann man doch kaum mit -4,was gleichsetzen.


    Wenn solche Werte ohne Korrektur so angenehm wären, warum korrigierst du dann auf -1,x runter?

    Zitat

    es jedoch tatsächlich sehr unsicher ist,

    Wenn du da jetzt noch hinzufügst, dass es auch sehr unkomfortabel ist, weil du dich einfach mit -5 oder auch -4 schlechter orientieren kannst (da du Anzeigetafeln, Straßenbahnnummern, Straßennahmen, Türschilder, Tafelbilder/Projektionen, etc. nicht oder schlecht lesen/erkennen kannst), dann ist das das, was mit verminderter Lebensqualität gemeint ist.

    Wobei zur Lebensqualität ja auch eine soziale Komponente gehört - z.B., dass man für stur und unhöflich gehalten wird, wenn man Bekannte "übersieht", dass man für wenig hilfsbereit oder aufmerksam gehalten wird, weil man nicht mitbekommt, wo es bei jemandem "hakt".


    Ebenso gehören zur sozialen Komponente Dinge, die man unterschiedlich empfinden kann: Dem einen dürfte es unangenehm sein, sich z.B. die Preistafel bei McDonalds von seiner Begleitung vorlesen lassen zu müssen, der andere genießt es vielleicht, bei so vielen Dingen des täglichen Lebens Hilfe zu benötigen und vor allem: zu bekommen! Der eine wird dazu tendieren, seine Hilflosigkeit zu kaschieren, weil sie ihm peinlich ist, der anderer wird sie hervorheben, weil sie ihm Aufmerksamkeit bringt. Für den einen bedeutet seine unkorrigierte Kurzsichtigkeit also Stress und Unannehmlichkeiten, somit eine Einschränkung seiner Lebensqualität, für den anderen macht vielleicht gerade seine Hilflosigkeit und die Freude an der Hilfsbereitschaft seiner Umgebung seine Lebensqualität aus.


    Wer es natürlich pragmatisch handhabt, dort "blind" herumläuft, wo es machbar ist und er sich dabei wohl fühlt, aber auch keine Scheu hat, bei McDonalds seine Brille herauszuholen, um die Tafel zu lesen, oder mit Brille Auto zu fahren, wer auch offen damit umgeht, wenn ihn mal jemand für unhöflich hält, weil er nicht gegrüßt hat, für dessen Lebensqualität sehe ich keine großen Probleme.