• Behinderungen und Euphemismem

    Da es ein heikles Thema ist, möchte ich vorab darauf hinweisen, dass ich hier lediglich meine Eindrücke und Gedanken teile und ich keinesfalls behaupte, dass diese korrekt sind. Ich würde gerne die Meinungen von Betroffenen hören, um einen besseren Umgang mit dem Thema zu erlangen. Mir geht es hier darum, dass ich im Zusammenhang mit Behinderungen sehr…
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    Da er auf verbale Ansprache reagiert, aber selbst nur irgendwelche Laute von sich gibt, ist mir völlig unklar, wie viel er begreift/versteht und was überhaupt in ihm vorgeht. Ich bin ehrlich froh, dass er meistens nicht beim Training ist. Hätte ich ihn öfter als Spaaringpartner, würde ich den Verein wechseln. Mögen sich all die Gutmenschen darüber aufregen, für mich passt das dann einfach nicht und kostet mich Energie - auch in empathischer Hinsicht - die ich nicht wirklich übrig habe. So macht mir auch die Sportart keinen Spaß.

    Das hat mit mangelnder Empathie deinerseits überhaupt nichts zu tun. Das sind die Grenzen der Integration. Wenn da ein Verletzungsrisiko für andere besteht, ist das einfach nicht machbar.

    Da liegt eben auch die Schwierigkeit. Wann ist es für einen gesunden Menschen noch zumutbar einen Behinderten zu "ertragen"?

    Deswegen finde ich es so wichtig, dass man auch mit seinen Defiziten offen umgeht. Das heißt nicht, dass man damit hausieren gehen muss. Aber andere müssen wissen, was da auf sie zukommt. Und da muss man auch als Behinderter mal in den sauren Apfel beißen, dass man nicht zusammenkommt. Es sind nicht immer nur die Nicht-Behinderten, die einen nicht haben wollen. Manchmal ist man tatsächlich eher eine Last.

    Ich empfinde das genauso wenig als Diskriminierung wie das Wort "behindert".

    An sich kann man doch als Mensch normal miteinander reden. Ok, bei geistig Behinderten braucht es eventuell einen Vermittler. Ansonsten sollte man das doch untereinander regeln können.

    melb1985 schrieb:

    Die Hilfe für Behinderte geht über das normale Maß hinaus.


    Du hast doch selbst geschrieben, dass man nie wissen kann, wie eine Praktikantin sich tun wird und ob das Ausmaß der gegenseitigen Unterstützung über "normal" hinausgeht, hängt davon ab, wie man normal definiert. Wir hatten Kolleginnen und auch Praktikantinnen, die wir weitaus mehr unterstützt haben als diese Praktikantin.

    melb1985 schrieb:

    Ich wäre beispielsweise sehr dafür, dass es auch für Rentner eineHaushaltshilfe gäbe. Aber da könnte man auch wieder argumentieren, dass die jaaufgrund des Alters auch einen Sonderstatus haben. Warum soll denen einenPutzfrau gewährt werden?

    Also hier zumindest bekommen Renter eine Haushaltshilfe. Allerdings ging es mir nicht darum, wie es ist, sondern wie ich es sehe und ich denke, das lässt sich aus meinen Beiträgen erkennen.

    melb1985 schrieb:

    Hat das jemand behauptet?

    Ja, durchaus wird es gesellschaftlich so gesehen - siehe den Zusammenhang in meinen Beiträgen.

    melb1985 schrieb:

    Aber jemand einzustellen, weil er behindert ist und es ja komischrüberkommen könnte, wenn man im sozialen Bereich so jemand nicht hat, fühltsich auch merkwürdig an.

    Ja, finde ich auch, dass sich das merkwürdig anfühlen würde, obwohl das wohl auch sicher so praktiziert wird.

    Ist bei uns nicht der Fall. Wir haben explizit mit Behinderten so wie du es interpretierst überhaupt nichts zu tun, also irgendwelche Vorgaben oder so. Genau darum ging es ja, dass wir keine Behinderte gesehen haben, nur weil sie nicht sehen konnte.

    melb1985 schrieb:

    Sieht man schon an deinem Beispiel mit der Praktikantin. Bei euch wirdgrundsätzlich aussortiert. Das muss man sich mal vorstellen. Da müsst ihr einJahr lang argumentieren, damit überhaupt ein behinderter Praktikant eingestelltwird. Welchem Gesunden passiert das?

    Natürlich selektiere ich die Bewerbungen vor. Manche passen überhaupt nicht und werden auch sofort abgesagt. Es geht um die Qualifikation und danach wird entschieden, wer eingeladen wird. Behinderungen spielen wieder keine Rolle. Es wäre also eher ein Problem, wenn sich jemand selbst als behindert sehen würde, weil wir diese Sicht nicht haben. Dass die Leitung auch andere Ebenen berücksichtig ist klar. Sie war nicht dagegen, dass die Bewerberin blind war, sondern meinte dass sie mehr Unterstützung brauchen würde. Dass das alles falsch war, hat sich schon beim Bewerbungsgespräch gezeigt. Sie brauchte überhaupt nicht mehr Unterstützung, da sie mit ihrer Assistenz kam.

    melb1985 schrieb:

    Naja, "automatisch alles" nun auch wieder nicht. Da kriegt man ja Angst. ;-D

    Aber natürlich. Bist du eine Frau, hast ein erschwerteres Leben als ein Mann, etc. etc. Da gibt es genug Untersuchungen, mit welche Eigenschaften einem automatisch welche Erschwernisse mit in die Wiege gelegt werden.

    Möpi16 schrieb:

    Nein, ich schaue hin! Wenn ich jemand sehe der im Rollstuhl in den Bus will, dann gehe ich helfen. Ich muss mir doch nicht zuerst sagen "der ist behindert"! ???

    Sehe ich auch so. Das Thema behindert oder intellektuell förderungswürdig oder welche Wortwahl jemand auch immer treffen mag wird erst durch die Wertung negativ.

    Marathonleser schrieb:

    Das ich ein Mensch bin, ist doch klar. Wenn man es so extra betonen muss, erweckt das den Eindruck, das man mich und andere Behinderte sonst nicht als Mensch ansehen würde.

    Das macht allerdings den Unterschied, dass nicht der Mensch beschrieben wird, sondern seine Handlung. Du bist behindert oder worum es auch konkret geht, wie z. B. deine mathematische Formel ist falsch, ist schlichtweg der Unterschied zwischen einer sachlichen Kritik und einer neutralen bzw. beleidigenden Aussage.


    melb1985 schrieb:

    Die sind aber nun mal da. Die Augen aufmachen, hinschauen und wenn nötig helfen und sich nicht über die Wortwahl Gedanken machen.

    Hilfsbereitschaft hat für mich nichts mit dem anderen zu tun. Natürlich ist mir bewusst, dass es gesellschaftlich sehr unterschiedlich ist.


    melb1985 schrieb:

    Gefällt mir auch. Das lenkt den Blick ein bisschen mehr auf eventuellen Unterstützungsbedarf.

    Ja, aber wieso soll ich mir solche Vorurteile bilden? Mir reicht normaler Hausverstand und natürlich Hilfsbereitschaft, denn ohne, wird es einem ja völlig egal sein, ob jemand zu einer höheren Risikogruppe für Unterstützungsbedarf gehört. Braucht jemand hilfe und ich habe gerade Zeit und nehme es wahr, helfe ich. Da mache ich doch keinen Unterschied, ob es ein "Berhinderter", ein "Alter" oder "Junger" oder, oder, ist.

    melb1985 schrieb:

    Ich hoffe ihr verzeiht mir, dass ich zwei Zitate gemacht habe, die nicht zusammengehören.

    Genau das ist es, was das Kraut fett macht. Ja, auch andere Menschen haben Einschränkungen, Bedürfnisse und Eigenschaften.

    Deswegen finde ich es so wichtig, dass Behinderte als "behindert" bezeichnet werden.

    Für mich ist genau da die Unlogik. Wenn alle Einschränkungen haben, gibt es keine Basis festzulegen, wo denn dann Behinderung anfängt.Das spielt nur für den Grad der Unterstützung eine Rolle.


    melb1985 schrieb:

    Deswegen finde ich es so wichtig, dass Behinderte als "behindert" bezeichnet werden.

    Und deswegen finde ich es so wichtig, dass der Gesetzgeber genau festlegt, was als Behinderung zählt und was nicht. (Das ist übrigens mehr als die meisten wissen.)

    Ich stehe dieser Betrachtungsweise mehr als kritisch gegenüber bzw. entspricht es einfach nicht meinem Weltbild.

    Das Selbstbild, das Selbstbewusstsein eines Menschen spiegelt sich im gesellschaftlichen System. Wie kommt man zu einer Selbstidentifizierung, die da behindert heißt.

    melb1985 schrieb:

    Es gibt nämlich durchaus auch Menschen, die mit ihren Einschränkungen versuchen einen Behindertenstatus zu bekommen. Und es gibt Menschen, die einem Behinderten dann ihre Einschränkungen vorhalten. Das ist nicht so witzig, wenn die beispielsweise altersbedingt sind. Die kommen nämlich dann noch zur Behinderung on top. Auch Behinderte werden älter.

    Auch diesen Teil des System finde ich völlig daneben. Als ob es da noch eine große Rolle spielt, aus welchem Grund jemand eingeschränkt ist. Das ist dann nur noch reine politisiererei, damit die eine Stelle Kosten auf eine andere schiebt, damit ihr Budget stimmt. Welche Gruppe ist die größte und welche Stelle bekommt mehr Geld? Die älteren oder die älteren behinderten, wobei ja sowieso viele Ältere dann auch immer eingeschränkter werden. Einfach nur grotesk, aber ich finde so einiges grotesk.


    Evoluzzer schrieb:

    Das ist doch bei dem Wort "schwul" nicht sehr viel anders. Auf dem Schulhof ist ungefähr alles schwul, was bei einem anderen gerade bemäkelt wird. Bist du anders, bist du automatisch schwul, behindert usw.

    Sollte man nicht allzu ernst nehmen. Man weiß ja, von wem es kommt.

    Nach meiner Erfahrung ist schwul und behindert mittlerweile so negativ behaftet, dass es für mich verständlich ist, dass eine andere Wortwahl gesucht wird.


    melb1985 schrieb:

    Diejenigen, die "nur so tun als ob" machen es für die schwer, die tatsächlich "richtig" betroffen sind. Könnte man denken. Die Frage ist, ob man das als Laie/Außenstehender immer wirklich zutreffend beurteilen kann.

    Wir haben die Praktikantin gesehen und sonst nichts und sind mit ihr genauso umgegangen wie auch mit allen anderen. Sehen, wo sie steht, welche Interessen sie hat, welche Möglichkeiten wir sehen sie aufgrund ihrer Kompetenzen einzusetzen.

    Zitat

    Du hast doch selbst geschrieben, dass man nie wissen kann, wie eine Praktikantin sich tun wird und ob das Ausmaß der gegenseitigen Unterstützung über "normal" hinausgeht, hängt davon ab, wie man normal definiert. Wir hatten Kolleginnen und auch Praktikantinnen, die wir weitaus mehr unterstützt haben als diese Praktikantin.

    Ich bilde mir immer noch ein mein Gegenüber kann meine Gedanken lesen. ;-D

    Ein Rollifahrer benötigt zum Erreichen des Arbeitsplatzes eine Rampe, wenn eine Treppe vorhanden ist. Es gibt Rollifahrer, die können noch laufen. Da wäre die Treppe machbar. Aber da muss jemand den Rollstuhl hinterhertragen. Ebenso wird eine behindertengerechte Toilette benötigt. Ein hörbehinderter Kollege benötigt eine spezielle Telefonanlage. Der Kleinwüchsige benötigt eine körperangepasste Büroausstattung. Ebenso für Rollifahrer und bei Kleinwuchs ist eine besondere Ausstattung für den Betriebs-PKW erforderlich. Hilfe findet nicht immer direkt an der Person selber statt.

    Und auch da gibt es Behinderte, die beispielsweise eine Pflegekraft brauchen, die beim Toilettengang behilflich ist oder zwischendurch ein Medikament spritzt beispielsweise. Das kenne ich eigentlich nur aus Behindertenwerkstätten. Das wäre aber in einem Unternehmen auch möglich, denke ich.

    Diese Dinge sind für einen Gesunden eben nicht normal. Der steigt in den Betriebswagen und fährt los oder geht ganz selbstverständlich die Treppe hoch.

    Und welche Unterstützung der Behinderte benötigt, kann der vorher sagen.

    Es mag sein, dass du das als normal empfindest, dass das dann alles ermöglicht wird. Es ist leider nicht so.

    Zitat

    Also hier zumindest bekommen Renter eine Haushaltshilfe.

    Echt? Hier geht ohne Pflegestufe nichts. Es sei denn man bezahlt die Haushaltshilfe selbst.

    Zitat

    Es wäre also eher ein Problem, wenn sich jemand selbst als behindert sehen würde, weil wir diese Sicht nicht haben.

    Das ist schon krass. Ich mach mir da gar keine Gedanken, wenn ich von meiner Behinderung erzähle. Die gehört zu mir wie mein Hobby. Das jemand das als Problem sehen könnte, war mir bisher nicht bewusst.

    Zitat

    Sie war nicht dagegen, dass die Bewerberin blind war, sondern meinte dass sie mehr Unterstützung brauchen würde. Dass das alles falsch war, hat sich schon beim Bewerbungsgespräch gezeigt. Sie brauchte überhaupt nicht mehr Unterstützung, da sie mit ihrer Assistenz kam.

    :)^für die Einstellung eurerseits.

    Wer mit Assistenz kommt, ist oft schon abgestempelt.

    Mich würde nur interessieren, was passiert wäre, wenn sich die Befürchtungen eurer Chefin bewahrheitet hätten und die Praktikantin hätte mehr Unterstützung benötigt.

    Zitat

    Aber natürlich. Bist du eine Frau, hast ein erschwerteres Leben als ein Mann, etc. etc. Da gibt es genug Untersuchungen, mit welche Eigenschaften einem automatisch welche Erschwernisse mit in die Wiege gelegt werden.

    Ja, genauso gibt es eben Kriterien, ab wann man behindert ist. Das ist eben nicht vom persönlichen Empfinden abhängig.

    Ich finde ehrlich gesagt nicht, dass ich ein schwereres Leben habe als ein Mann. Aber wahrscheinlich ist das laut Untersuchungen wohl so.

    Zitat

    Ja, aber wieso soll ich mir solche Vorurteile bilden?

    Ich verstehe immer noch nicht, warum du das als Vorurteil siehst, wenn man bei einem Behinderten eher damit rechnet, dass er Unterstützung braucht. Das ist einfach nicht selten tatsächlich so. Mir geht es hier auch nicht um zufällige Begegnungen auf der Straße alle Jubeljahre mal. Mir geht es um den Umgang miteinander. Im Kontext mit eurer Praktikantin beispielsweise. Hätte man die eingestellt, wenn sich wirklich herauskristallisiert hätte, dass da tagtäglich Unterstützungsbedarf besteht? Man muss bedenken, dass der Betroffene da nichts für kann.

    Zitat

    Für mich ist genau da die Unlogik. Wenn alle Einschränkungen haben, gibt es keine Basis festzulegen, wo denn dann Behinderung anfängt.Das spielt nur für den Grad der Unterstützung eine Rolle.

    Ja, eben. Genau dafür spielt es eine Rolle. Diejenigen, die eine Einschränkung haben, die keine Behinderung ist, brauchen sicher weniger.

    Und btw, wenn eure Praktikantin gar keine Unterstützung gebraucht hätte, hätte sie auch keine Assistenz gebraucht. Und ohne als behindert eingestuft zu sein, hätte sie auch keine bekommen. Wozu auch? Das suggeriert nämlich das es auch so geht.

    Zitat

    Ich stehe dieser Betrachtungsweise mehr als kritisch gegenüber bzw. entspricht es einfach nicht meinem Weltbild.


    Das Selbstbild, das Selbstbewusstsein eines Menschen spiegelt sich im gesellschaftlichen System. Wie kommt man zu einer Selbstidentifizierung, die da behindert heißt.

    Naja, dass Wort an sich gibt es nun mal. Und ich erlebe jeden Tag, dass ich Dinge, die gesunde Menschen können, nicht kann. Mein Körper hindert mich an bestimmten Dingen.

    Das kann man nicht damit vergleichen, dass ich mir finanziell keine Weltreise leisten kann. Und ich bin eben behindert. Das ist nichts Negatives. Und das ist nichts, was man verleugnen muss. Ich bin genauso behindert wie ich klein bin. Wo ist das Problem?

    Und ich bin damit ein Teil des gesellschaftlichen Systems.

    Dein Weltbild könnte auf mich so wirken, als ob es Behinderte nicht gibt. Ich weiß zwar jetzt wie du das gemeint hast. Das kann man aber falsch verstehen.

    Zitat

    Auch diesen Teil des System finde ich völlig daneben. Als ob es da noch eine große Rolle spielt, aus welchem Grund jemand eingeschränkt ist. Das ist dann nur noch reine politisiererei, damit die eine Stelle Kosten auf eine andere schiebt, damit ihr Budget stimmt. Welche Gruppe ist die größte und welche Stelle bekommt mehr Geld? Die älteren oder die älteren behinderten, wobei ja sowieso viele Ältere dann auch immer eingeschränkter werden. Einfach nur grotesk, aber ich finde so einiges grotesk.

    Wer soll das aber bezahlen, wenn jeder seine Einschränkung, die er für sich beansprucht, berücksichtigt bekäme? Ja, dass wäre gerecht. Ich bezweifle nur, dass wir dann unser gesellschaftliches Leben am Laufen halten könnten.

    Zitat

    Nach meiner Erfahrung ist schwul und behindert mittlerweile so negativ behaftet, dass es für mich verständlich ist, dass eine andere Wortwahl gesucht wird.

    Ja, genau. Sortieren wir alles aus, was manche oder gar viele als negativ empfinden.

    Mal schauen, was da übrig bleibt.

    Zitat

    Wir haben die Praktikantin gesehen und sonst nichts und sind mit ihr genauso umgegangen wie auch mit allen anderen. Sehen, wo sie steht, welche Interessen sie hat, welche Möglichkeiten wir sehen sie aufgrund ihrer Kompetenzen einzusetzen.

    Hätte das genauso funktioniert, wenn sie ihre Assistenz nicht dabei gehabt hätte?