• Seniorin wegen Eigenbedarf kündigen

    Hallo liebes Forum, ich schleppe da eine Sache mit mir rum, die ich gerne reflektieren lassen würde. Kurz zur Vorgeschichte: Mein Partner und ich sind seit über 12 Jahren ein Paar und haben einen 6- jährigen Sohn. Aktuell leben wir in einer viel zu kleinen 60qm- Wohnung. Anfang letzten Jahres sollte eigentlich unser Eigenheim gebaut werden- aufgrund…
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    Frolleinchen schrieb:

    Wir als Familie brauchen diese Wohnung. Seit zwei Jahren wünschen wir uns ein zweites Kind, was aber aufgrund der Wohnverhältnisse nicht realisierbar war. Mein Sohn benötigt dringend ein bewohnbares Zimmer und wir alle endlich genug Platz um zu leben.

    Ich kann verstehen, dass ihr gerne die größere Wohnung hättet und dass es für auch auch bezüglich der Zukunftsplanung komfortabler wäre, wenn ihr bald mehr Platz hättet. Die Familienplanung würde ich persönlich aber nicht davon abhängig machen. Bis ein Baby fertig ausgebrütet ist, vergehen Monate. Bis es ein eigenes Bett und eigenes Zimmer braucht, vergeht noch deutlich mehr Zeit.

    Euer Sohn hat jetzt zwar kein Schloss, aber er hat ein eigenes Zimmer. Ich habe mir, bis ich um die 10 Jahre alt war, sogar ein 10 Quadratmeter Zimmer mit meiner Schwester geteilt. Und wir fanden das recht schön :-)


    Dazu, ob man die alte Mieterin zwecks Eigenbedarf "raushauen" kann, kann ich nichts sagen. Ich persönlich hätte, selbst wenn es ginge, kein gutes Gefühl dabei. Es geht ja nicht nur um die Wohnung, sondern auch darum, dass sie dort verwurzelt ist und ihr soziales Umfeld und ihre Helfer dort hat.

    Meine Uroma, die noch einige Jahre älter ist, ist vor einem guten Jahr aus ihrer Wohnung, in der sie fast ihr ganzes Leben gelebt hat, in ein sehr nahe gelegenes Pflegeheim übersiedelt. Nicht weit weg, wirklich nur über die Straße. Und sie hat, auch wenn sie alleine zuhause nicht mehr gut klargekommen ist, dennoch etliche Monate gebraucht, um die Entscheidung für den Umzug für sich treffen zu können. Soweit ich das mitbekomme, ist sie aber mittlerweile damit im Reinen.

    Andere Leute im höheren Alter wiederum tun sich nicht so schwer damit die Entscheidung für einen Umzug zu treffen. Das ist eine individuelle Geschichte. Wäre es denn eventuell denkbar die alte Dame bei der Suche nach einer kleineren Wohnung in der sehr nahen Umgebung zu unterstützen? Ich bin mir sicher, dass sie die große Wohnung nicht blockiert, weil sie gemein sein will oder weil sie alleine wirklich so viel Platz braucht. Wahrscheinlich hängt einfach ihr Herz und ein großer Teil ihrer Lebensgeschichte daran.

    NK78 schrieb:

    Wir reden hier nicht von Egiosmus, sondern davon, dass man EIGENTUM nutzen will.

    Wenn man jederzeit frei über sein EIGENTUM entscheiden will, muss man bei der Vermietung sein Hirn einschalten. Dann tut man dies im vollen Bewusstsein darüber, dass man da auch einige Rechte abgibt und die nicht nach Lust und Laune zurückhaben kann, sondern sich an Regeln zu halten hat, die nicht mehr in der eigenen Hand liegen.

    Wer damit nicht einverstanden ist, darf das Besitzrecht eben gar nicht erst aus der Hand geben.

    Ich würde es auch nicht machen und könnte mir andernfalls im Spiegel nicht mehr in die Augen sehen, ehrlich gesagt. Ich denke, Du scheinst ja ähnlich gestrickt zu sein und solltest Dein schlechtes Gefühl ernst nehmen.

    Verstehe aber auch nicht, warum Eure jetzige Wohnsituation den Kinderwunsch verhindert. Klar, ideal ist anders; aber Ihr wisst doch, dass es nur für eine absehbare Zeit wäre. Wenn die ältere Frau chronisch krank ist, wird sie ja wahrscheinlich keine 20 Jahre mehr leben...oder Ihr müsstet Euch halt echt eine andere Wohnung suchen.

    Hallo Frolleinchen,


    ich bin schwerbehindert, im Alltag viel auf Hilfe angewiesen, Mitte dreißig. Aus meiner Sicht ist vieles moralisch verwerflich und ich könnte in manchen Situationen heulen, weil ich es moralisch ungerecht finde. Bringt aber nix. Auch ich muss mich an Regeln und Gesetze halten.

    Sie hatte 9 Monate Zeit sich um etwas neues zu kümmern. Ich gehe mal davon aus, dass die Nachbarn und die Tochter sie dabei unterstützt haben. Sie hat außerdem vorher Bescheid gewusst. Du bist aus meiner Sicht deiner "moralischen Verpflichtung" mehr als nachgekommen, indem du ihr mit deinem Partner mehrfach Hilfe angeboten hast.

    Und mal zu den harten Fakten: chronisch krank, kann sich ohne Hilfe nicht mehr selbst versorgen, Tochter ist Betreuerin - bewohnt aber allein eine große Wohnung, die andere bewirtschaften müssen. Finde ich auch nicht besonders moralisch.

    Sie will nicht ins Altersheim. Kann ich verstehen. Das muss sie aber mit ihrer Tochter klären. Wenn ich dich richtig verstanden habe, sind ja andere Wohnalternativen vorhanden. Unter Umständen kann die Tochter als Betreuerin auch bestimmen, wo die Mutter wohnt. Kommt auf die Betreuung an. Vielleicht liegt da der Hase im Pfeffer. Das ist aber eine Sache zwischen den beiden. Es kann nicht sein, dass du das ausbaden musst.

    Härtefall ist nochmal eine andere Sache, aber das Mietverhältnis besteht ja zwischen deinen Schwiegereltern und der alten Dame. Das müssten die dann klären.

    Dazu müsste die Dame erstmal fristgerecht Einspruch einlegen, dass sie mit der Eigenberdarfskündigung nicht einverstanden ist und das entsprechend begründen, dazu reicht kein Attest vom Arzt. Verpasst sie die Frist, die demnächst verstrichen ist hat sie eh Pech, ganz unabhängig von dieser Regelung.


    Letztendlich sind es immer Einzelfallentscheidungen.


    Seite berliner Mieterverein:


    -; a.A. LG Frankfurt v. 23.8.2011 – 2-11 S 110/11 -: Entwicklung der kleinen Kinder des Vermieters in der größeren Wohnung wiegt schwerer als die Gebrechlichkeit des alten Mieters


    Existenziellen Belangen einer vierköpfigen Familie mit 2 kleinen Kindern kann Vorrang vor den Interessen eines erheblich erkrankten Mieters eingeräumt werden (BVerfG v. 12.2.1993 – 2 BvR 2077/92 -).



    Wenn wir jetzt das Gerichtsurteils-Battle beginnen wollen, dann gibt es genauso viele Fälle - auch BVerfg-Entscheidungen - bei denen kein Eigenbedarf durchging. Vor allem geht es dann - du sprichst ja selbst von Einzelfallsentscheidungen - ins Detail, da reicht nicht nur einen Titel zu zitieren. Zumal:

    NK78 schrieb:

    Existenziellen Belangen einer vierköpfigen Familie mit 2 kleinen Kindern kann Vorrang

    sagt der TE gar nix.

    NK78 schrieb:

    Dazu müsste die Dame erstmal fristgerecht Einspruch einlegen, dass sie mit der Eigenberdarfskündigung nicht einverstanden ist

    ... vorausgesetzt dieK Kündigung ist in dem Punkt formal korrekt

    Zitat

    Als junge gesunde Menschen mit Einkommen habt ihr es auf dem Wohnungsmarkt leichter, als die alte Frau

    Als Familie mit Kind hat man es auf dem Wohnungsmarkt oft gar nicht leichter, besonders ältere, ruhige Menschen die ihre Miete zahlen können sind doch sehr begehrt.

    Es ist ja heute gerade in Städten oft ein Problem, dass ältere alleinstehende Menschen viel zu große Wohnungen "blockieren" und junge Familien nichts finden.

    Die Wohnung gehört den Schwiegereltern der TE, sie haben der Mieterin ordnungsgemäß gekündigt, die TE hat ihr Hilfe angeboten.

    Ich sehe da nichts verwerfliches. 110m² (davon sprachen wir doch)? sind nun mal für eine alte Dame viel zu groß, insbesondere wenn sich stattdessen eine 3(4) köpfige Familie extrem quetschen muss.

    Mal rein rechtlich ohne Moral und Gefühle:


    Wenn es tatsächlich so sein sollte dass Gerichte entscheiden, dass eine alleinstehende Person mehr Platz zur Verfügung haben darf als eine FAMILIE - das ist doch auch Hammer !


    Ich bin ja sehr FÜR Mieterschutz aber wenn es soweit ist dass ein Vermieter gar nix mehr darf, wundert es mich nicht, wenn so viele Wohnungen leer stehen.

    Herzlichen Dank für das Feedback!


    Ich kann über das Handy leider nicht alle Fragen zitieren, hoffe aber, dass ich sie auch so zusammen bekommen.


    - die Dame bewohnt alleine über 110qm. Davon allerdings nur drei Räume. Zwei stehen komplett leer, weil sie sie nicht nutzt.


    - Wohnung tauschen kommt leider nicht in Frage. Wir wohnen im dritten Stock, die Treppen da hoch schaffst sie unmöglich mehr.


    - eine Wohnung mieten ist leider hier in der Region schwierig. Vergleichbare Wohnungen sind hier nicht unter 1100€ kalt zu haben. Das sprengt unser Budget bei weitem.

    Unsere derzeitige Wohnung befindet im Elternhaus meines Partners.


    -das Haus, in der sich die Eigentumswohnung befindet, wird Ende nächsten Jahres meinem Partner überschrieben.


    -die einzige Tochter der Mieterin wohnt selbst ca. 40km entfernt. Die würde begrüßen, ihre Mutter bei sich in der Nähe zu haben. Das Verhältnis zueinanderist aber generell wohl ziemlich kühl.

    - das Mietverhältnis der Dame besteht seit über 15 Jahren. Deswegen auch die lange gesetzliche Kündigungsfrist von 9 Monaten.


    -sie hat die Wohnung früher mit ihrem Mann bewohnt, der aber vor vielen Jahren verstorben ist.


    -die gesetzliche Betreuung beruht wohl auf beginnender Demenz und diversen körperlichen Einschränkungen



    Ich bin selbst sehr verunsichert, wie ihr merkt. Natürlich ist das zweite Wunschkind kein ausschlaggebendes Kriterium bzgl. der Kündigung auf Eigenbedarf. Allerdings glaube ich schon, dass wir ein Recht darauf haben, uns im 'eigenen' Wohnraum verwirklichen zu können.

    So leid es mir für die Dame tut (und das tut es wirklich!)- eigentlich ist klar, dass sie dort nicht mehr lange alleine wohnen kann. Allerdings will ich auch nicht warten, bis irgendwas passiert oder sie irgendwann verstirbt. Das ist ja fast noch piätloser.

    Um mal bei der moralischen Komponente zu bleiben:

    Auch wenn die Dame es nicht wahrhaben möchte, im Grunde wäre sie in der Nähe der Tochter in einem netten Seniorenheim doch viel besser aufgehoben. Dies frühzeitig einzusehen fällt aber vielen älteren Menschen schwer.

    Meine Oma kann sich bspw. nicht mehr allein versorgen, die Wohnung verwahrlost, sie ist mittlerweile schwer dement, sieht ständig nicht existente Personen.

    Trotzdem ist alles was zählt in ihrer Wohnung zu bleiben die null altengerecht ist und die sie nicht mehr bewirten kann.

    Mach dir klar, dass so ein Schritt auch eine -zwangsweise- Hilfe sein kann.

    Fragt mal jemanden der in der mobilen Altenpflege arbeitet wie oft alte Leute vergessen den Herd auszuschalten. Kommt sehr häufig vor.

    Zitat

    Kann mir jemand Mut machen?

    Das fällt mir schwer.


    Ich habe erlebt, was es für meinen Vater mit 81 bedeutet hat, erst das langjährige Eigentum aufzugeben und in eine neue Wohnung zu ziehen, und jetzt ist nicht einmal klar, ob er aufgrund seiner Erkrankung überhaupt noch selbständig leben kann. Im Haus mit mehr Platzbedarf hätte er auch eine Pflege 24/7 bei sich haben können. In der Wohnung geht das mangels Größe nicht mehr. Wenn er in Kürze (er hat ALS) sich nicht mehr selbst versorgen kann, wird er vermutlich in ein Pflegeheim gehen müssen. Er ist dann binnen zwei Jahre nicht nur sein Zuhause losgeworden, sondern hat sich auch umsonst Wochenlang mit dem Umzugsstress geplagt, auch wenn wir viel organisatorisch geholfen haben.


    Das ist eine hohe Belastung für einen alten Menschen, körperlich, physisch und mental. Zumindest hätte ich die Eigenbedarfskündigung nicht ausgesprochen, sondern erst einmal mit der Mieterin und der Tochter nach Möglichkeiten gesucht. Auch frage ich mich, wie die 80m2-Wohnung vermietet ist und ob es nicht einfacher gewesen wäre, die dortigen Mieter möglicherweise sozialverträglicher zu kündigen. Das wären immerhin 20m2 mehr als jetzt, und wenn ihr ohnehin irgendwann bauen wollt, hättet ihr euch damit sicherlich 2-3 Jahre über Wasser halten können. Sorry, wenn ich das irgendwo überlesen haben sollte, warum ihr nicht in die kleinere Wohnung könnt.