20 Jahre Einsamkeit

    Hallo liebe Med1-Gemeinde!


    In etwas mehr als einem halben Jahr werde ich 37, was für mich bedeutet, dass ich dann seit 20 Jahren Single bin. Damit meine ich nicht ausschließlich seit 20 Jahren ohne Beziehung; es bedeutet seit 20 Jahren ohne engeren Kontakt zum weiblichen Geschlecht.


    Langsam frisst mich diese Einsamkeit auf. Ich versuche, mir ständig zu erklären, warum es so gelaufen ist. Vor 20 Jahren hatte ich meine bis dato einzige Freundin, auch davor hatte ich keine wirklichen Beziehungen oder ähnliches.


    Die Sache ist damals recht unschön ausgegangen. Sie war eine kleine "Rebellin" und ganz anders als ich - ich bin eher scheu, einer, der mehr denkt als handelt - sie dagegen war fast schon verwegen, hatte keine Probleme damit, selbst in meiner Gegenwart andere Männer anzuflirten. Wir sahen uns nur an den Wochenenden und wie sich schnell herausstellte (ich habe es von mehreren sicheren Quellen erfahren), hatte sie unter der Woche wohl häufiger Männerbesuch. Das konnte ich bei mir zuhause nicht verheimlichen und meine Mutter meinte, ich solle doch besser einen Schlussstrich ziehen. Mein Misstrauen wuchs immer mehr an und sie stellte mich dann eines Tages vor die Wahl: sie oder meine Mutter.


    Über die Entscheidung brauchte ich nicht einmal nachdenken. Ich weiß bis heute nicht, was sie damit bezwecken wollte, denn es war offensichtlich, dass sie mich belog und für sie war es offensichtlich, dass ich ihr nicht mehr traute. Die Beziehung war bereits klinisch tot.


    Das ist aber jetzt nur eine Randnotiz. Inwiefern das relevant ist für meine Situation möchte ich nicht beurteilen. Trotzdem scheine ich doch irgendwo ein gebranntes Kind zu sein.


    Nun komme ich aber zum wohl entscheidenden Teil der "Geschichte":


    ich hatte als kleiner Junge einen schlimmen Unfall und bin zu 50 % schwerbehindert. Das klingt dramatischer als es wirklich ist, eigentlich bin ich sogar eher glimpflich davongekommen. Aber natürlich fällt meine Behinderung optisch auf.


    Durch diese Behinderung tauchen jetzt mehr und mehr Folgeschäden auf, welche die Konsequenz haben, dass ich zur Zeit von einer Erwerbsunfähigkeits-Phase zur nächsten rutsche und ich nur für meinen Sportverein das Haus verlasse. Ein Clubgänger bin ich schon länger nicht mehr. Ich habe leider auch einen recht übersichtlichen Freundeskreis, was die Sache mit dem Ausgehen nicht leichter macht.


    Es mag sein, dass ich nach all den Jahren ein wenig verbittert bin und das möglicherweise auch ausstrahle. Aber ich hoffe so sehr, dass es das noch nicht gewesen ist und ich irgendwie aus dieser Spirale rauskomme.


    Ich möchte endlich wieder morgens aufwachen und wissen, dass dort eine bestimmte Person ist, für die es sich lohnt, aufzustehen. Eine Person, die in diesem Moment genau dasselbe denkt. Ich möchte endlich wieder dieses Gefühl haben; mir geht es dabei nicht um das Körperliche. Klar, das fehlt mir sicherlich auch, aber ohne wahre Zuneigung bedeutet mir das nichts.


    Ich würde nur gerne wissen, wie das weitergehen soll. Es macht mich kaputt. Vielleicht weiß ja hier jemand Rat, aber selbst wenn nicht...es tat gut, das in einem solchen Rahmen mal niedergeschrieben zu haben.


    LG


    Wolf

  • 9 Antworten
    Zitat

    Ich möchte endlich wieder morgens aufwachen und wissen, dass dort eine bestimmte Person ist, für die es sich lohnt, aufzustehen. Eine Person, die in diesem Moment genau dasselbe denkt.

    Da hast du schon etwas, das du greifen kannst: Du hast dich. Fang wieder an zu leben. Du hast dir schon viele Antworten gegeben. Unterhalte dich mit Leuten, fang an, neue Kontakte aufzubauen. Sportverein ist doch schon gut.

    Zitat

    Ich möchte endlich wieder morgens aufwachen und wissen, dass dort eine bestimmte Person ist, für die es sich lohnt, aufzustehen.

    Diese eine Person gibt es - die bist nämlich Du.


    Mach nicht Dein Leben und Wohlergehen an einer anderen Person als Dir selbst fest, das kann gewaltig in die Hose gehen.


    Ansonsten: Der Sportverein ist ein guter Anfang, aber es gibt noch viel mehr. Wie wäre es mit einem ehrenamtlichen Engagement?


    ??Zur beziehungstechnischen Seite: Ein Mann, der sich für seine Mutter und gegen seine Freundin entscheidet, ist noch nicht reif für eine Beziehung.??

    Du hast, wie es scheint Deine erste und einzige Erfahrung zum Grund gemacht, Dich nicht wieder aktiver um Begegnungen beim anderen Geschlecht zu bemühen. Es war eine "Teenager-Beziehung", die mit der Reife und Tiefe einer späteren Liebe nicht viel gemeinsam hat.


    Dieses junge Mädchen war noch auf der Suche nach sich selbst, und hat Deine Wünsche und Bedürfnisse nicht verstanden. Sehr schade, dass Du einzig dieses Erlebnis zum Anlass genommen hast, Dich auf Deine innere "Fluchtburg" zurück zu ziehen. Es sind dadurch viele schöne vielleicht erfüllt gelebte Jahre unmöglich geworden.


    Es bleibt Dir jetzt nur, die Ärmel hochzukrempeln, Dich mit realen Begegnungen zu umgeben, ohne große Erwartungen dem Kennenlernen verschiedener Frauentypen einzulassen. Wie willst Du sonst auch für Dich erkennen und prüfen, wer als weiblicher Menschentyp Dich innerlich stärkt, begleitet und Dein Leben bereichert?


    Wenn Du eher das langsame sich Annähern schätzt, über den Gedankenaustausch, können auch soziale Medien ein kleiner Anfang sein. Aber Du solltest dann nicht viele Wochen oder Monate abwarten, bis man sich trifft und gemeisam schaut, was dort zwischenmenschlich vorhanden ist, um weiter zu machen. Aber passieren tut in Deinem Leben nur etwas, wenn Du aktiver wirst. :)* :)^

    @ Inkog

    Das mag ja für so manch Anderen einfach sein, für mich ist es das nicht. Dass ich zwischen Flatscreen-Monitor und Wohnungstüre niemand kennen lernen werde, ist mir klar. Vielleicht fehlt mir der Mut, weil ich mir vorher schon einrede, dass ich uninteressant bin. Es ist jedenfalls schwerer als mir lieb wäre. :-(

    @ parazellnuss

    Ich möchte diesen Verein auch nicht missen. Das ist leider fast mein komplettes soziales Umfeld; abgesehen von meiner Familie.


    Ich habe in den 20 Jahren einige nette Mädels kennen lernen dürfen und bin mit dem einen oder anderen sogar noch gut befreundet. Und das war bisher genau mein Problem: die von Männern so gefürchtete "Friendzone" - und dort lande ich doch immer wieder. Irgendwie denke ich, ich bin aus den genannten Gründen einfach kein Partnerschaftsmaterial.


    Das wirkt hier jetzt alles sehr negativ und trieft vor Selbstmitleid, aber so bin ich eigentlich gar nicht. Die Menschen, die ich bisher kennen gelernt habe, mögen mich, auch die weibliche Seite. Mir wird das auch hin und wieder so gesagt, aber über den Status des netten Kumpels bin ich die ganzen 20 Jahre nicht gekommen...und glaub mir, ich habe es versucht ;-)


    Ich danke euch beiden für eure Antworten. Es hilft mir allein schon, gehört zu werden :-) :)^

    Online-Dating?


    Sofern du nicht entstellt bist, sollte das doch wohl gehen.


    Dir muss nur klar sein, dass du als erwerbsunfähiger Schwerbehinderter keine Models wirst an land ziehen können.


    Also schreib Damen "in deiner Liga" an, die werden dir wohl dann auch eher antworten.


    Von alleine wird sich deine Situation vermutlich nicht ändern. Du musst schon aktiv werden.

    Hast du mal überlegt was anderes statt "Clubbesuche" als möglichen Kennenlernort in Betracht zu ziehen?


    Vielleicht kannst du deine Interessen irgendwie ausweiten oder mal Neues versuchen. Kurse belegen in verschiedenen Dingen, seis nur Aquarell malen oder was anderes Kreatives oder etwas sportliches.


    Es gibt ja immer VHS Kurse, einfach mal stöbern. Ich finde da kommt man viel besser in Kontakt mit neuen Leuten als in einem Club.

    @ Louisiana

    Ehrenamtlich bin ich bereits tätig, aber das läuft hier alles bei mir zuhause am Rechner ab.


    Als Teenager würden sich wohl die Wenigsten gegen ihre Mutter entscheiden. Ich säge nicht an dem Ast, auf dem ich sitze. Außerdem gab es für die Beziehung damals sowieso keine große Zukunft mehr.

    @ individuelleMeinung

    Danke für deinen schönen Beitrag :)^


    Da fühle ich mich schon sehr angesprochen, du triffst damit den Kern.


    Genau so fühlt sich das für mich jetzt an - die vielen verloren gegangenen Jahre und wenn man sich durch ein "Jubiläum" dieser wieder richtig bewusst wird. Ich sag mir immer wieder, endlich aktiver zu werden, aber irgendetwas blockiert mich. Ob es die Angst vor Ablehnung ist oder nur meine extreme Schüchternheit...es ist auf jeden Fall unsagbar schwer.

    @ elektroboi

    Nein, entstellt würde ich mich nun nicht nennen. Ein Blickfang ist meine Behinderung aber sicherlich.


    Models sind auch überhaupt nicht das, was ich möchte. Es muss halt die Chemie stimmen; dafür ist gutes Aussehen nicht zwangsweise notwendig.


    Ich hab darüber schon nachgedacht, aber dafür ist mein Radius zu klein. Soll heißen: ich bin aufgrund der Behinderung nicht mobil (es ist kompliziert) und würde mich bei der Suche auf einen relativ kleinen Bereich beschränken. Beziehung auf große Distanz finde ich für mich mittlerweile zweifelhaft; das würde ein Vertrauen voraussetzen, das ich in diesem Maße vielleicht noch nicht wieder habe.

    @ Krabbelkäferle

    Hmmm den Ansatz finde ich interessant. Da werde ich mich mal umschauen...vielleicht findet sich tatsächlich etwas, was mich anspricht. Danke für die tolle Idee! :)^