Beziehung zur Mutter

    Hallo Forum


    Ich (m, 39) habe schon seit ich denken kann ein sehr ambivalentes Verhältnis zu meiner Mutter (na gut, wer schon nicht). Sie bekam mich, als sie 19 Jahre alt war. Meine ganze Kindheit und Jugendzeit hatte ich das Gefühl, dass ich ihr etwas weggenommen hätte, weil sie ihre jungen Jahre mit mir verschwendet hätte. Sie hat mir gegenüber nie warme und herzliche Gefühle geäussert, bis heute nicht. Wir umarmen uns zwar, aber es ist so, als würde ich einen Baumstamm umarmen. Ich fühle keine mütterliche Liebe oder so. Es ist alles sehr korrekt, höflich. Aber herzlich, liebevoll und verständnisvoll ist und war sie nie. Beispielsweise hatte ich mal Depressionen und bekam vom Arzt Antidepressiva verschrieben. Ich habe ihr das mitgeteilt, worauf sie recht nonchalant sagte, dass diese Ärzte heutzutage sehr schnell Medis verschreiben. Kein Eingehen oder Nachfragen auf meine psychischen Probleme. Oder verschiedentlich sagte ich ihr früher, dass sie mir wichtig sei und ich gerne mehr Kontakt zu ihr hätte. Sie sagte dann immer, du bist jetzt ein erwachsener Mann, du bist jetzt selbständig. Also im Prinzip eine Ablehnung. Als Kind hatte ich Probleme in der Schule. Erst als es gar nicht mehr ging, kam sie mal in die Schule, um mit dem betreffenden Lehrer zu sprechen, mit dem ich Mühe hatte.


    Versteht mich nicht falsch: Rein formell war sie als Mutter da. Sie hat gekocht, uns gut ernährt (gesundes Essen), es ging uns körperlich gut. Aber Umarmungen gab es als Kind nie, sie hat nie mit mir gespielt, sie war oft böse und launisch etc. etc. Eben, keine Wärme oder Mutterliebe.


    Wir kommen gut aus, es ist an der Oberfläche alles in Ordnung. Aber eben, sie ist wie eine Bekannte. Auch wenn wir uns nach mehreren Wochen mal wieder sehen, ist es formell. Dann möchte ich gerne erzählen - sie aber erhebt sich vom Tisch und werkelt dann irgendwas in der Küche. Oder sie hört mir zwar zu, aber ich habe das Gefühl, es ist für sie eher eine Pflicht als eine wirkliche Neugierde an meinen Erzählungen. Ich habe und hatte immer das Gefühl, dass sie Gefühle für mich mehr spielen muss als dass sie sie wirklich hätte. Mir wäre es lieber, sie würde sagen "ja, ich liebe dich nicht" o.ä., als dieses Theater. Keine Ahnung, woran es liegt. Sie sagte mal, dass ich sie stark an meinen Vater erinnerte, von dem sie sich geschieden hatte. Das ist jetzt allerdings auch schon bald 20 Jahre her. Stets hatte und habe ich das Gefühl, ich würde nicht genügen, ich wäre für sie nicht OK, ich müsste besser sein. Erst dann würde sie mich richtig lieben, wenn ich ihrem Schema entspreche. Sie kann mich irgendwie nicht wirklich nehmen wie ich bin. Auch habe ich manchmal das Gefühl, dass sie auf mich neidisch ist. Ich habe studiert und bin nun in der Forschung aktiv. Sie ist eigentlich recht intelligent und hätte durchaus auch das Zeugs für ein Studium gehabt. Sie hatte nur nie den Biss. Und dann kommen von ihr in Diskussionen jeweils Kommentare, dass Studierte oft Klugscheisser seien etc.


    Eine aktuelle Situation schlug für mich dem Fass den Boden aus. Sie hat heute Geburtstag und lud neben Freunden auch meinen Bruder ein (ich habe auch eine Schwester. Ob sie die eingeladen hat, weiss ich nicht). Mich hat sie nicht eingeladen. Dies kam schon einmal vor ein paar Jahren vor, und ich habe mich im Anschluss bei ihr telefonisch gemeldet und ihr mitgeteilt, dass mich das sehr verletzt hätte, da ich mich ausgeschlossen fühlte. Jetzt hat sie es wieder genau gleich getan: den Bruder eingeladen, mich nicht. Ich finde das jetzt unglaublich verletzend, dass sie diesen "Fehler" ein zweites Mal gemacht habe. Auch meine Nachfrage per Whatsapp, weshalb sie mich nicht eingeladen hätte, sagte sie, dass sie nicht wusste, ob ich überhaupt schon aus meinem Auslandaufenthalt zurück sei (ich war bis vergangenes Wochenende wirklich beruflich für eine Woche im Ausland). Dabei habe ich ihr heute Mittag telefonisch zum Geburtstag gratuliert und ihr gesagt, ich sei zurück. Sie hat mir dann gesagt, dass sie ihren Geburtstag am Abend mit Freunden feiern würde. Kein Wort von meinem Bruder oder von einer Einladung. Naja... es klingt nach einem Vorwand von ihr, denn sie wusste definitiv, dass ich wieder zurück war.


    Was haltet ihr von der Situation? Es heisst ja immer, man sollte mit den Eltern ein gutes Verhältnis haben, um überhaupt gesunde Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen zu können. Ich habe über die Jahre schon verschiedentlich versucht, mit ihr zu reden. Jedoch blockt sie immer ab: Ja, sie hätte vielleicht Fehler gemacht, das lässt sich nun nicht mehr ändern, es ist halt so, sie hätte es auch schwer mit ihren Eltern gehabt etc. Soll ich sie einfach so nehmen wie sie ist, oder wie würdet ihr vorgehen? Ich wäre schon erleichtert, wenn sie mir sagen würde, dass sie meinen Bruder lieber hätte oder was auch immer. Dann wüsste ich endlich den Grund, weshalb sie mir gegenüber kühl, distanziert, desinteressiert und oberflächlich wirkt.

  • 7 Antworten
    Zitat

    Dann wüsste ich endlich den Grund, weshalb sie mir gegenüber kühl, distanziert, desinteressiert und oberflächlich wirkt.

    Bist Du Dir sicher, dass sie nur Dir gegenüber so wirkt?


    Auch wenn es vielleicht schubladenmäßig klingt: Deine ganze Schilderung macht auf mich den Eindruck, als ginge es um ein Fallbeispiel für Asperger-Autismus wie aus dem Lehrbuch (auf Deine Mutter bezogen). Kann man natürlich auf die Ferne nicht beurteilen; aber wenn es in diese Richtung ginge, könntest Du Dich selbst dadurch vielleicht schon mal etwas entlasten. Aber auch sonst wäre es super, Du könntest Dich nun, da Du erwachsen bist, innerlich befreien von dem Bild eines herzlichen Mutter-Kind-Verhältnisses als "Soll". Schade, dass es das nicht gegeben hat, aber sei es drum... Bei anderen sind andere Dinge in der Kindheit schief gelaufen, Bilderbuchfamilien sind ja die wenigsten. Ändern kannst Du es im Nachhinein sowieso nicht mehr. Und mittlerweile gibt es in Deinem Leben ja hoffentlich andere wertvollen Schwerpunkte, so dass die Mutter und ihre seltsame Distanz nicht mehr so im Fokus stehen zu braucht wie früher.


    Alles Gute Dir!

    @ Hallo Karoon *:)

    was hältst du von der Idee deiner Mutter einen langen und sehr ehrlichen Brief zu schreiben? Darin kannst du ihr schildern wie sie bzw ihr Verhalten auf dich wirkt. Du könntest ihr konkret schreiben was dich an ihrem Verhalten verletzt.


    Du kannst ihr deine Sehnsüchte nach ihrer Liebe, nach Anerkennung, nach ihrem Interesse an deinem Leben, nach Aufmerksamkeit, nach dem Gefühl von ihr erwünscht und gewollt zu werden usw.


    Es kann sein, dass sie irgendwas an deinem Verhalten stört oder triggert. Es kann sein, dass sie mit dir schon in jungen Jahren überfordert war und dieses Gefühl unbewusst "mitgenommen" hat. Könnte auch sein, dass sie "Studierten" gegenüber Minderwertigkeitskomplexe hat und dieses Gefühl nun umdreht.


    Mich würde interessieren, ob du auch ohne explizite Einladung, deine Mutter an ihrem Geburtstag doch noch besucht hast?

    Du kannst ihr deine Sehnsüchte nach ihrer Liebe, nach Anerkennung, nach ihrem Interesse an deinem Leben, nach Aufmerksamkeit, nach dem Gefühl von ihr erwünscht und gewollt zu werden usw. schildern

    Was ich vielleicht noch nachschieben kann: Ich habe sie immer unterstützt, wenn sie meine Hilfe brauchte: Computer reparieren, Autokauf/verkauf, Gartenarbeiten etc. etc. Ich war immer "da" für sie und habe teilweise auch grosse Aufwände auf mich genommen. Ich empfinde es nun umso undankbarer, dass sie mich nicht eingeladen hat. Leute, die ihr weniger nahe stehen, sind ihr offenbar wichtiger. Mit ihrem jetztigen Verhalten disqualifiziert sie sich halt selber, was mich mehr enttäuscht als verletzt. Sicherlich werde ich auch nicht mehr so offen meine Unterstützung anbieten.

    @ Ella

    Gegenüber meinem Bruder (er ist der Jüngste) wirkt sie herzlicher und aufgestellter. Es beschäftigt mich auch nicht wirklich so stark, wie es jetzt vielleicht rüberkommt. Es gibt halt immer wieder so Auslöser, die mich dann sehr traurig machen. Natürlich bin ich selbständig, habe Beziehungen, einen tollen Job etc. Nur eben, manchmal kommts halt dann wieder hoch. Ich möchte es eigentlich auch nicht länger verdrängen oder ignorieren.

    @ Bambine ( *:) )

    Ich habe ihr schon mal einen Brief geschrieben, als ich etwa 19 Jahre alt war (bei der Scheidung der Eltern). Da hat sie sich knapp bedankt und ist dann nicht weiter drauf eingegangen. In den darauffolgenden Jahren habe ich hin und wieder das Gespräch gesucht. Wenn es dann aber persönlich wurde bzw. ich mich ihr öffnete, blockte sie ab und wurde abweisend. Dann kamen so Kommentare wie, ich sei jetzt erwachsen und selbständig, man könne die Vergangenheit halt auch nicht ändern, sie (!) müsse auch damit leben etc. Das sagt sie ohne Empathie oder Verständnis, sondern sehr kalt und distanziert. Insofern weiss ich nicht, was ein Brief wirklich bringen soll. Zudem entsteht der Eindruck, dass es mich mehr belastet als es tatsächlich tut. Möchte auch kein grosses Ding draus machen.

    den Brief schreiben wenn du willst, aber bitte auf keinen Fall ihr geben, sondern vergraben oder verbrennen.


    Das kommt auch an.


    Das ist ne Methode um dich zu verändern, nicht sie, bzw die andere Person.


    Es gaht darum das du dein Inneres so veränderst das du mit der Situation klar kommst.


    Dabei ist es in diesem Vorgang ergebnisoffen, ob du nach dieser inneren Veränderung noch Kontakt zu deiner Mutter hast und sie jetzt besser aushalten kannst/um dich haben kannst , oder ob du keinen Kontakt mehr zu ihr hast.


    Das ist nämlich auch eine Variante, die grundsätzlich im Bereich der Möglichkeiten liegt.


    Wenn ein Mensch über deine Grenzen geht oder so, warum solltest du gerade deiner Mutter das Recht einräumen, diese Grenzen zu überschreiten, und allen anderen Menschen der Welt nicht?


    Danke ihr das sie deine Mutter ist und dich geboren hat und sei frei und häng nicht zu viel an ihr bzw vorallen befrei dich innerlich.


    Da gibts viele Autoren und Methoden und Therapieformen und Coaching Ansätze.


    Ich mag Robert Betz gerne , der das in etwa genau so anbietet wie oben beschrieben.


    Günstig und effektiv sind seine CDs, Z B "Meine Mutter und ich"

    Zitat

    Es heisst ja immer, man sollte mit den Eltern ein gutes Verhältnis haben, um überhaupt gesunde Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen zu können.

    Heißt es so? Wenn das so ist, würde ich sagen, dass ein "gutes" Verhältnis das Verhältnis ist, mit dem man gut zurecht kommt. Im Moment enttäuscht und verletzt Dich Deine Mutter immer mal wieder, weil Du Dir anderes von ihr erhoffst als sie Dir gibt. Da Deine Mutter sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr ändern wird, wäre die andere Art das zu verhindern, Deine Hoffnungen, Wünsche und Erwartungen an sie zu ändern. Das ist auch erst einmal nicht angenehm, aber ich glaube, wenn man seinen Frieden damit gemacht hat, dass man nun einmal die Eltern hat, die man bekommen hat, das aber nichts über den eigenen Wert und das eigene Selbstbild aussagen muss, dann steht gesunden Beziehungen zu andere Menschen von der Seite her nichts mehr im Wege.

    Ja, muss wohl wirklich lernen, die Sache zu akzeptieren, wie sie ist. Bin darin schon viel besser als noch in meinen Zwanzigern. Evtl. muss ich mich aktiv damit auseinandersetzen.