Brieffreundschaft mit einem Mörder - Schlechte Idee?

    Hallihallo


    ich besuche berufsbedingt ab und an Prozesse. Nun habe ich vor einiger Zeit das erste mal einem Inhaftierten geschrieben, es war Neugier, die mich dazu gebracht hat. Ich möchte erfahren, was solche Menschen leitet, wo die Hintergründe liegen etc. Nun frage ich mich aber, ob es ein Fehler sei. Derjenige sitzt mindestens 18 Jahre, es wurde die besondere Schwere der Schuld festgestellt. Ich habe im ersten Brief klargestellt, dass ich die Tat schrecklich und verwerflich finde. Nun frage ich mich aber: Wenn ich so jemanden frage, wie es ihm geht und er jammert über sein Leben in Haft, ist das moralisch vertretbar? "Darf" man sich beschweren, obwohl man selbst unbegreiflich schlimm gehandelt hat?


    Hat jemand von euch schonmal so eine Situation gehabt?


    Liebe Grüße

  • 149 Antworten

    Sehr schweres Thema und du solltest dich darauf gefasst machen dass hier eine Menge Leute nicht verstehen, wie du dich mit so jemandem abgeben kannst.


    Bei mir würde es davon abhängen was mir derjenige schreibt, ob es ein Fehler ist oder nicht ihm zu schreiben.


    Hast du schon Antwort auf deinen ersten Brief erhalten?

    Ach nochwas: Klar, darf der Inhaftierte über sein Leben im Knast jammern. Es sind seine Gefühle, die er ja auch äußern darf und nicht mit seiner Tat "zu verrechnen" braucht. Obwohl einem natürlich als Erstes "selbst schuld!" einfällt, wenn so ein Mensch mit dem Gejammer anfängt...das ist klar. Würde ich auch denken.

    Wenn du diese Frage hier stellst, um einfach einen größeren Kreis an Menschen in deine Gedanken mit einzubeziehen, dann wird das sicher spannend für dich. Wenn du sie aber gestellt hast, um wirklich kompetenten Rat zu bekommen für deinen Umgang mit diesem enorm schwierigen Bereich, dann habe ich einen besseren Rat für dich.


    Es gibt in allen großen Haftanstalten Gefängnisseelsorger. Das sind in aller Regel Menschen, die da nicht zufällig hingeraten sind, sondern die sich ganz besonders mit dem Bereich der Schuld beschäftigt haben und dabei zu einem Ergebnis gekommen sind, das sie befähigt, Tag für Tag mit Menschen zu reden, die Schuld in großen Mengen auf sich geladen haben. Ich kenne zufällig selber jemanden, wenngleich ich zur Zeit keinen Kontakt zu ihm habe. Er ist nach vielen Jahren Gemeindearbeit geradezu glücklich damit geworden und behauptet, jetzt endlich da angekommen zu sein, wo er immer sein wollte. Es dürfte kein Problem darstellen, Namen und Telefonnummern eine solchen Seelsorgers in deiner Nähe herauszufinden, oder auch die Mailadressen. Mit einem solchen hochkompetenten Menschen kannst du dich darüber austauschen, was du für dich selber beachten solltest, denn es gibt natürlich Fallen, in die man hinein laufen kann, wenn man nur an das Gute im Menschen glauben will. Und das wäre bedauerlich, weil du ja Gründe dafür hast, das zu tun – die hoffentlich nicht nur aus Neugier bestehen.

    Du schreibst von Brieffreundschaft. Zu einer Brieffreundschaft gehört für mich, dass man sich regelmäßig schreibt. Bisher lese ich aber nur, dass du ihm einen Brief geschrieben hast. Von einer Antwort lese ich nichts. Kann es sein, dass du da gedanklich schon viel weiter bist als in der Realität?


    Es ist schwer, vorherzusagen, wie jemand reagiert. Vielleicht denkt er sich auch: was ist das denn für eine Psycho-Tante, die mich hier antextet, mir erst mal schreibt, wie scheiße sie meine Tat findet, und mir dann Löcher in den Bauch fragt? Vielleicht eröffnet er dir aber auch eine Gedankenwelt, die dir nicht gut tut.


    Es ist schon eine enorme Neugierde, einen verurteilten Mörder anzuschreiben. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es das allein ist. Wieso ausgerechnet er und welche Kontakte hattest du vorher zu ihm?

    Zitat

    Hat jemand von euch schonmal so eine Situation gehabt?

    Ich war auch schon 2-3 mal Gerichtsverhandlungen und bin dadurch den Lebensumständen und der Gedankenwelt eines Straftäters nähergekommen. Auch das war reine Neugierde am menschlichen Wesen und an einer Welt, die nicht zu meinen Lebensumständen gehört. Aber nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen, einen näheren Kontakt zu suchen. Es war für mich auch immer angenehm, danach abzuschließen und wieder in meine Welt zurückzukehren.


    Umgekehrt betrachtet ist wohl Charles Manson der berühmteste Brieffreund, der im Knast sitzt. Aber auch das finde ich eher creepy als interessant. %:|

    Zitat

    ich besuche berufsbedingt ab und an Prozesse.

    Welchen Beruf übst Du denn aus?

    Zitat

    Nun habe ich vor einiger Zeit das erste mal einem Inhaftierten geschrieben, es war Neugier,

    Hast Du den sachlichen, berufsbedingten Weg damit verlassen? Ich habe den Eindruck, dass Du auf einer persönlichen, emotionalen Ebene weiter machst. Wie sonst kann man eine Brieffreundschaft mit einem Mörder suchen? Ehrlich gesagt, mich gruselt es. Wenn Du es nicht schaffen solltest deine persönliche Neugier auf die berufliche zu schieben, solltest Du die Finger davon lassen bevor Du dir die Hand verbrennst.

    Zitat

    Ehrlich gesagt, mich gruselt es.

    Mich gruselt es auch. Insbesondere wenn ich mir vorstelle, daß ICH dieser Mensch sei und herausfinden würde, daß das Interesse meiner 'Brieffreundin' nicht mir, sondern dem Befriedigen ihrer eigenen Neugier gilt.


    Warum gehst Du nicht in den Zoo? Dort gibt es genügend Objekte, die Du studieren kannst.


    {:(

    @ annalida

    Wenn diese Person nicht auf irgendeiner Ebene eine Anziehungskraft auf dich ausüben bzw. eine Faszination bei dir auslösen würde, würdest du so was von vornherein nicht tun. Das Ganze ist ein weit verbreitetes Phänomen, denn die Gesellschaft "honoriert" jede Form von Aufmerksamkeit auf irgendeine Weise - egal, ob dieser eine positive oder negative Handlung zugrunde lag. Viele Serienmörder hatten mehrere solcher "Brieffreundschaften" oder auch "Beziehungen" nebeneinander und einige bekammen auch Heiratsanträge.


    Sofern dieser Kontakt nicht noch irgendeinen professionellen Hintergrund hat, denke ich, dass du hier die Kontrolle verlieren könntest.

    Noch eine Ergänzung: Wenn irgendwas von den hier gebrachten Befürchtungen zutreffen sollte, dann wirst du dir natürlich mit Ansage die Finger verbrennen und kein noch so rational begründeter Hinweis wird dich davon abhalten. In dem Fall ist deine Entscheidung, diesen Kontakt fortzusetzen, nämlich längst unterbewusst getroffen und diese "Rückversicherung" hier hat dann allenfalls formalen Charakter.

    Wenn du Glück hast, hat das Objekt deiner Begierde genug Narzissmus in sich, um nicht widerstehen zu können, dir mit dir zu spielen und dir ein bisschen was zu erzählen (ob das so stimmt oder nicht sei mal dahingestellt, immerhin liest im Zweifel auch die StA mit).


    Es ist aber entlarvend, dass du "wissenschaftliches Interesse" vorschiebst, dass du natürlich nicht durch das lesen entsprechender Fachliteratur oder fragen an Fachleute befriedigen willst, sondern eine brieffreundschaft mit ihm aufbauen möchtest.


    Aus irgendeinem Grund sind das mehrheitlich Frauen, die so handeln, werde ich nie verstehen. Eine Dame, die auf einer flirtknastbörse ihren Sträfling kennengelernt hat, wurde später von ihm ermordet. Wie er es auch mit seiner ersten Frau gemacht hat. Dass er dafür in Haft sass, hat er ihr natürlich nicht erzählt, insofern bist du in deinem Fall besser informiert.


    Viel Erfolg mit deiner Idee. Gibt von mir auch nen Darwin-Award, falls der Herr voyeuristisch-neugierige Fans wie dich nicht gleich in den Wind schießt.

    @ HX2T6

    Besser hätte man's nicht ausdrücken können.


    Natürlich kann man auch mit den Briefen des Mörders empirische Sozialforschung betreiben, beispielsweise die Mayring'sche qualitative Inhaltsanalyse, aber so was darf man hier ja wohl bezweifeln.

    Hallihallo


    danke euch schon mal für die Antworten! Ich hätte vielleicht noch paar Infos einfügen sollen. Ich bin Psychologin, also Anfangs 2017 mit dem Studium fertig. Aus diesem Grund haben wir mit Kommilitonen öfter schon Prozesse besucht, da wir die Vertiefung Rechtspsychologie haben. Diesen Fall habe ich von Anfang an mitverfolgt und er hatte mich nie losgelassen, weswegen ich demjenigen geschrieben hatte. Natürlich habe ich ihm meine Motivation im ersten Brief mitgeteilt.


    Er hatte mir auch prompt geantwortet und eben den Eindruck bei mir erweckt, dass er sehr viel Selbstmitleid habe. Da hat sich mir die Frage gestellt: Darf jemand, der Kinder auf dem Gewissen hat, überhaupt jammern? Klar, man soll nicht alles mit der Tat verbinden, aber moralisch ist es eine sehr neue und sehr ungewohnte Situation für mich.

    @ HX2T6

    Wieso schiebe ich wissenschaftliches Interesse vor? Ich interessiere mich für den Menschen, seine Biografie und Motive. Dass ich aus psychologischer Sicht interessiert bin, kommt hinzu, da ich das Fach aus Leib und Seele seit 5 Jahren studiere. Zudem war ich bereits im ersten Brief offen darüber, was mich antreibt ihm zu schreiben.