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    ich besuche berufsbedingt ab und an Prozesse. Nun habe ich vor einiger Zeit das erste mal einem Inhaftierten geschrieben, es war Neugier, die mich dazu gebracht hat. Ich möchte erfahren, was solche Menschen leitet, wo die Hintergründe liegen etc.

    Bekommst du davon nichts in den Prozessen mit?


    Ich würde mir von diesem Briefwechsel keine ehrlicheren Antworten erhoffen, die deine Neugier befriedigen.

    PS: Ich finde aber nichts wahnsinnig Schlimmes an dieser Neugier wie so manch User hier. Mein Gott, über sowas gibt es massig Bücher und Dokumentationen, in jeder Zeitung wird nach einem Mordfall in Artikeln auf die Beweggründe eines Täters eingegangen, tw. sehr detailliert. Die TE hat auch noch nen beruflichen Hintergrund, weshalb sie das interessieren könnte. Nur bei Med1 ist man direkt eine gaffende, sensationsgeile Perverse?! ;-D Finds weitaus abartiger, es "gruselig" zu finden, mit einem Mörder zu schreiben. Meins wäre es auch nicht, aber man kanns auch übertreiben...

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    Die Erkenntnisse sehen so aus, dass ich mich wohl Hals über Kopf in die Sache gestürzt habe

    Das ist wohl das Hauptproblem. Ich glaube auch nicht, dass viele Dinge hier geschrieben worden wären, wenn du den Eindruck erweckt hättest, dass du hier professionell herangehst. Denn diese Einstiegsphase ...

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    Wenn ich so jemanden frage, wie es ihm geht und er jammert über sein Leben in Haft, ist das moralisch vertretbar? "Darf" man sich beschweren, obwohl man selbst unbegreiflich schlimm gehandelt hat?

    ... sowie die Bezeichnung "Brieffreundschaft" lässt zweifeln, ob du als Psychologiestudentin noch die nötige professionelle Distanz besitzt. Von den strafrechtlichen Verstrickungen mit all den Risiken ganz zu schweigen.


    Hier ist klar ein persönlicher Antrieb erkennbar, selbst für Laien. Und da sollten bei dir alle Alarmlampen angehen. Ist es wirklich so, dass Psychologen das eigene Handeln schlechter analysieren können als das der anderen?


    Aus reinem Interesse, denn die Frage hast du nie beantwortet: warum ausgerechnet er? Prozesse hast du ja schon einige besucht, irgendetwas muss an ihm ja besonders sein. Kannst du das für dich beantworten, wenn du es nicht offen schreiben willst, und kannst du daraus für dich irgendwelche Schlüsse ziehen?

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    Ich finde aber nichts wahnsinnig Schlimmes an dieser Neugier wie so manch User hier. Mein Gott, über sowas gibt es massig Bücher und Dokumentationen, in jeder Zeitung wird nach einem Mordfall in Artikeln auf die Beweggründe eines Täters eingegangen, tw. sehr detailliert.

    Richtig... diese kann man sich durchlesen/angucken, da braucht man nicht auch noch persönlichen Kontakt. Das ist nochmal ein anderes Level.


    Ohne jetzt direkt auf annalida Bezug nehmen zu wollen, denn das wäre wirklich eine gemeine Unterstellung: Wer sagt, dass Leute, die sich das reinziehen, keine sensationsgeilen Gaffer sind? Und ja, sich an Kinderschändung zu ergötzen finde ich pervers. Zumal hier kein Wort davon steht, dass sich in irgendeiner Weise für die Opfer interessiert wird (gab glaube ich ganze zwei Wortmeldungen dazu). Da kommt noch ein Löffelchen Empathielosigkeit obendrauf.


    Schonmal was von Ian Watkins gehört? Ein Beispiel für einen berühmten Sänger/Kinderschänder. Zwei Frauen (soweit ich weiß), Fans von ihm, haben ihm ihre eigenen Kinder "zur Verfügung" gestellt. Sicher ein Extremfall, aber das ist es, wozu Anhimmelung der falschen Leute führen kann. Es ging unter anderem um ein 10 Monate altes Baby. Ich mochte die Lostprophets auch, nachdem das bekannt wurde habe ich die CDs weggeschmissen und kann sie bis heute nicht mehr hören, da läuft es mir kalt den Rücken runter. Ich käme nie auf die Idee, mit ihm Kontakt aufzunehmen und nach irgendwelchen Beweggründen zu forschen. Ekelhaft.

    Dem was Springchild in ihrem obigen Beitrag geschrieben hat kann ich nur zu 100 % zustimmen . Ausserdem würde ich mir niemals um das Wohlergehen und die Befindlichkeiten so eines Individuums soviele Gedanken machen . Für mich geht das Interesse von annalida eindeutig über das Berufliche hinaus . Vielleicht sollte sie für sich selbst ehrlich und schonungslos die eigentlichen Beweggründe ihrer Faszination gerade von diesem Fall und diesem Täter reflektieren . Warum macht man sich gerade um einen Kinderschänder soviele Gedanken während einem die Opfer kaum erwähnenswert erscheinen ? Zeugt von wenig Empathie.

    mnef

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    Bekommst du davon nichts in den Prozessen mit?

    Ich denke nicht, dass ein Angeklagter unbedingt im Prozess alles sagt bzw. sind auch gewissen psychologische Hintergründe in einem Prozess nicht Thema.

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    Ich würde mir von diesem Briefwechsel keine ehrlicheren Antworten erhoffen, die deine Neugier befriedigen.

    Das ist meiner Ansicht nach ja die Herausforderung, natürlich auch schon im Prozess, aber natürlich auch in einem Interview. Deswegen wäre so ein Briefwechsel eine Chance ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, damit der Angeklagte authentisch ist und ob er das ist, das sollte jemand dann schon feststellen können. Dazu müsste die TE aber ihr Handwerk beherrschen. Da könnte ihr auch die Professorin helfen.

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    Nur bei Med1 ist man direkt eine gaffende, sensationsgeile Perverse?

    Ja, aber das ist ja auch nichts Ungewöhnliches. Viele Opfer identifizieren sich gleich und können mit dem Thema schlichtweg nicht umgehen, weil es sie triggert. Aber das sollte die TE ja auch erkennen können. Es geht hier um den Täter und dem Täterprofil.


    Finds weitaus abartiger, es "gruselig" zu finden, mit einem Mörder zu schreiben. Meins wäre es auch nicht, aber man kanns auch übertreiben...


    Das steht für mich auf derselben Ebene, wie die Frage der TE, ob ein Mörder denn jammern darf. Viele Mörder geben nie wirklich die Hintergründe ihrer Tat preis. Manchen liegt es zu schreiben, anderen nicht.

    Wenn Du Psychologie studierst, solltest Du wissenschaftlich auch den Unterschied zwischen allgemeinen Erkenntnissen und Einzelfallstudien kennen.


    Und grundsätzlich:


    1. Du kannst ihm nicht helfen. Du kannst ihn nicht therapieren, Du kannst nicht sein Selbstmitleid beeinflussen. Dafür gibt es in Haftanstalten entsprechende Fachkräfte.


    2. Hilfe kann nur äußerst gering mittels Briefkontakt erfolgen. Die Gefahr von Täuschungen ist groß.


    3. Du gibst mehr privat Infos preis (Adresse!), als man preisgeben sollte.


    4. Was willst Du? Therapeutenersatz (vergiss es!)? Forschungsobjekt (dann mach' ihn zum Thema Deiner Masterarbeit o.ä.)? Freundschaft (aus welchem Motiv heraus?)?


    Für die Fragestellung, die Dich interessiert, solltest Du Dich halt grundsätzlich für eine entsprechende Laufbahn entscheiden - aber nicht eine Einzelperson ausnutzen und Dich selber dabei einem best. Risiko aussetzen.


    Ich kann die Faszination nachvollziehen; habe auch über die Zusatzqualifikation nachgedacht und eine frühere Kommilitonin ist in dem Bereich tätig. Es ist tatsächlich spannend und interessant, aber man schaut in Abgründe und sollte dies aufgr. diverser Risiken, rechtlicher Lage etc. in einem geordneten Rahmen tun. Sprich: Im Rahmen einer entsprechenden beruflichen Tätgikeit. Nicht als voyeuristisches Hobby. Denn Du kannst NICHTS bewirken und eine studentische Einzelfallstudie soll was bewirken?


    Wie andere auch schreiben: Reflektiere DICH erstmal. Und zwar ausgesprochen kritisch!!!

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    Warum macht man sich gerade um einen Kinderschänder soviele Gedanken während einem die Opfer kaum erwähnenswert erscheinen ? Zeugt von wenig Empathie.

    Das hat doch nichts mit wenig Empathie zu tun, sondern mit einer best. Schwerpunktsetzung. Eigentlich hat man die Tat immer im Hinterkopf, aber (krass formuliert): Die Tat wird nicht ungeschehen gemacht und die Opfer im schlimmsten Fall nicht mehr lebendig. Die Analyse des Täters kann aber grundsätzlich zu Erkenntnissen führen, die sich verallgemeinern lassen und somit von Nutzen sein können.

    Das hier "Das Schweigen der Lämmer" von Thomas Harris als Literatur bzw. Filmtipp gegeben wurde, wenn man die Motivation von Mördern oder Kinderschändern ergründen will, finde ich tatsächlich "unfreiwillig komisch". Soweit ich mich erinnere wird in dem Buch und auch im Film nichts über Motive verraten.


    Wesentlich aufschlussreicher ist ein Buch von Adrian Raine. Der Titel lautet: "Als Mörder geboren - Die biologischen Wurzeln von Gewalt und Verbrechen".


    Auch das Buch von David M. Buss "Der Mörder in uns" war interessant.


    Das wären meine Empfehlungen, wenn Du Dich weiter mit dem Thema beschäftigen willst.

    Wird irgend ein Verbrechen nicht begangen wenn ein Täter bis aufs kleinste analysiert wird und man eventuell herausfindet wie diese kranken Menschen ticken ? Warum ist es so wichtig zu wissen welche Motive sie dazu bringen sich an Kindern zu vergehen und ihr Leben auszulöschen ? Und wieder bekommt der Täter die gesamte Aufmerksamkeit .

    Wieso bekommt der Täter die gesamte Aufmerksamkeit? Ein Opfer bekommt auch Aufmerksamkeit, bspw. im Rahmen einer späteren Therapie etc.


    Ansonsten: Bestimmte Dinge faszinieren bestimmte Menschen nun einmal. Wenn ich nicht schon rd. 20.000€ für eine Weiterbildung gezahlt hätte und auch kein Problem damit hätte, den Rest meines Lebens in dem Bereich angestellt tätig zu werden, würde mich die Rechtspsychologie und die Forensik wahnsinig interessieren. Ist einfach so. Täter sind im Übrigen oft auch Opfer. Und zu einer eventuellen Resozialisierung gehört nun mal das Verstehen der Beweggründe. Ohne das Verständnis keine Behandlung.


    Und grundsätzlich: Warum hört ein Mensch Klassik und ein anderer Metall? Warum geht ein Mensch lieber Basejumpen und der andere sitzt lieber stundenlang angelnd am Teich? Weil Interessen, Faszination etc. nun mal unterschiedlich sind.


    Es beschäftigen sich - grob geschätzt - eh sehr viel mehr Menschen mit den Opfern als mit den Tätern. Weil das oft so pervers und krank und abscheulich ist, das man "mit solchen" nicht arbeiten will. Und die Differenzierung fängt schon viel eher an: Depressive behandeln? Ja gerne. Suchtpatienten? Och nööö.Warum bleiben Forensik-Jobs lange unbesetzt und wird gegen Einrichtungen demonstriert? Egal wie abscheulich und bestialisch eine Tat: Auch der Täter ist ein Mensch.

    Ich hatte mich heute vormittag ein wenig in Rage geschrieben und möchte nochmal betonen, dass ich nicht verallgemeinern möchte. Eine gewisse Faszination kann ich nachvollziehen. Wo man sich aber dran hochzieht finde ich es bestenfalls äußerst unpassend.

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    Wieso bekommt der Täter die gesamte Aufmerksamkeit? Ein Opfer bekommt auch Aufmerksamkeit, bspw. im Rahmen einer späteren Therapie etc.

    Auch wenn ich nicht angesprochen war, aber ich persönlich habe mich mit meiner ähnlichen Aussage nur auf diesen Faden bezogen. Ich finde es eben seltsam und etwas arg einseitig, das komplett zu trennen, und den einen Menschen, nicht aber den anderen zu betrachten.

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    Ein Opfer bekommt auch Aufmerksamkeit, bspw. im Rahmen einer späteren Therapie etc.

    Joah, oder es ist halt tot, dann gibt's ne schöne Beerdigung mit Blümchen und Kerzen und vielleicht singt jemand ein Lied, auch nicht schlecht.

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    Täter sind im Übrigen oft auch Opfer.

    Mag sein, wenn jemand Schreckliches getan hat hält sich die allgemeine Empathie trotzdem in Grenzen. Meine auch, da bilde ich keine Ausnahme. Ich finde, dass man die Verantwortung für seine Taten übernehmen und mit den Konsequenzen leben muss. Wozu eben gehört, dass man sich in einer Strafanstalt befindet und nicht in einem Wellness-Hotel, und dass man keinen Beliebtheits-Wettbewerb mehr gewinnen wird.

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    Dafür gibt es in Haftanstalten entsprechende Fachkräfte.

    Sehr richtig. Und in deren Hände gehört das auch.

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    Egal wie abscheulich und bestialisch eine Tat: Auch der Täter ist ein Mensch.

    Deswegen sollte man ihn auch nicht behandeln wie ein Tier im Zoo.

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    Warum bleiben Forensik-Jobs lange unbesetzt und wird gegen Einrichtungen demonstriert?

    Weil das allgemeine Missverständnis besteht, dass in der forensischen Psychatrie nur irgendwelche kranken Triebtäter sitzen, die keiner in der Nähe haben möchte - dass das eher die Ausnahme bildet wird da gerne ignoriert, oder manche wissen es vielleicht gar nicht. Da bräuchte es wohl ein wenig mehr Aufklärung der Bevölkerung. Psychiatrie-Patienten werden ja sowieso immer verteufelt, und wenn's ein noch so harmloser Depressiver ist, der wegen Selbstgefährdung in der Geschlossenen sitzt. Stigmatisierung psychisch Kranker... business as usual. Leider.

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    Ich finde, dass man die Verantwortung für seine Taten übernehmen und mit den Konsequenzen leben muss.

    Das steht - zumindest m.M.n. - überhaupt nicht zur Diskussion!


    Konsequenzen bedeutet eindeutige Haftstrafe und bei echter Schuldunfähigkeit Forensik und Sicherheitsverwahrung; ggf. sogar lebenslänglich, wenn Prognose mies und Behandlung nicht ausreichend möglich.

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    Ich finde, dass man die Verantwortung für seine Taten übernehmen und mit den Konsequenzen leben muss. Wozu eben gehört, dass man sich in einer Strafanstalt befindet und nicht in einem Wellness-Hotel, und dass man keinen Beliebtheits-Wettbewerb mehr gewinnen wird.

    Ich kann deine "Forderung" da schon irgendwo verstehen, denke aber dass mit einer solchen Forderung das Ausmaß der Krankheit solcher Psychopathen verkannt wird. Die sitzen da wohl in den wenigsten Fällen und denken sich: Ja, was habe ich da eigentlich gemacht? Lass doch mal reflektieren und Verantwortung übernehmen.


    Ich denke, dass bei vielen solcher Täter oft auch Denkstörungen, Realtitätsverluste und ja auch viel Opfertum eine Rolle spielt. Die meisten werden ja wirklich nicht als Ungetüme geboren, sondern durch äußere Einflüsse in irgendeiner Art dazu gemacht. Schwieriges Thema, weil sehr komplex und dazu verleitet die verschiedenen Perspektiven zu vermischen.

    Und ja, damit keine Missverständnisse aufkommen: Klar sollte die Konsequenz lauten: Verurteilung und Sicherheitsverwahrung.


    Und ich möchte die Taten auch nicht kleinreden oder entschuldigen oder irgendwie relativieren.

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    denke aber dass mit einer solchen Forderung das Ausmaß der Krankheit solcher Psychopathen verkannt wird.

    Da fängt die Problematik schon an: Tatsächliche gravierende und tatrelevante psychische Erkrankung bedeutet i.d.R. Forensik und nicht "einfache" Haftanstalt. Die Grenzen sind da leider durchaus unscharf.