Die Beziehung zu meinem Vater belastet mich.

    Hallo!


    Ich schreibe als Alias, da mir das Thema ein wenig peinlich ist, da ich mich eigentlich für eine mittlerweile erwachsene und gefestigte Person halte, die mit zwischenmenschlichen Problemen gut umgehen kann, doch offensichtlich nicht mit allen, da ich bei meinem Vater langsam verzweifel.


    Kurz zur Vorgeschichte: Mein Vater ist Alkoholiker. Er trank bis zu meinem 12. Lebensjahr und machte notgedrungen eine Therapie, da er sich, nach dem meine Mutter seinen Unzug in eine andere Wohnung organisiert hat, so dicht gesoffen hat, dass er nicht zur Arbeit ging und gekündigt wurde. Meine Mutter half ihm ein weiteres und letztes Mal, sodass er einen stationären Entzug machte und anwaltlich gegen seine Kündigung vorging. Er behielt seinen Job und er blieb erstaunlicherweise trocken. Erstaunlich, da er für mein Empfinden einfach nur mit dem Trinken aufgehört hat, ohne die Ursachen und Gründe zu reflektieren.


    Er war in meiner Kindheit nie für mich da. Er wusste an meinen Geburtstagen teilweise nicht, wie alt ich wurde. Er interessierte sich absolut nicht für mich. Er spielte nie mit mir, er besuchte keine Elternabende, er fragte nie, was ich erlebt habe oder wie es mir geht. Stattdessen bekam ich gemeine Spitznamen, die darauf anspielten, dass ich zu dick, zickig und sonst was bin, dabei war ich ein normal schlankes und vorallem artiges Kind. Meine Eltern sind Migranten und mein Vater weigerte sich zu Hause deutsch zu sprechen, sodass er bis heute mit mir in seiner Muttersprache spricht und ich antworte ihm auf deutsch. Alkohol, Zigaretten und der Fernseher waren sein Lebensinhalt. Wenn ich es mal gewagt habe, mich vor den Fernseher zu stellen, wurde ich mit Sofakissen beworfen („Hau ab da, du bist nicht durchsichtig“). Übermäßig gewalttätig war er jedoch nicht. Er schlug mir selten Mal mit der Zeitung auf den Kopf und hält mir auch heute noch vor, wie lustig das war, als ich beim letzten Mal, den ganzen Tag danach geweint und zwei weitere Tage nicht mehr mit ihm geredet habe.


    In der Trennungszeit musste ich mir anhören, dass er keine Tochter mehr hat, da ich Silvester nicht alleine mit ihm, sondern lieber mit meiner Mutter verbringen wollte.


    Ich habe nicht eine Sekunde lang überlegen müssen, bei wem ich bleiben will. Ich hatte zwar Angst, dass mein Vater sich alleine in die Gosse manövriert und sich dann vielleicht zu Tode trinkt, aber bei ihm bleiben, wollte ich auch nicht. Ich blieb also bei meiner Mutter, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten, das Beste aus der Situation gemacht hat. Sie kümmerte sich liebevoll um mich.


    Mein Vater machte also einen Entzug und ich besuchte ihn ein paar Mal in der Klinik, obwohl ich es wirklich gehasst habe. Mir war die ganze Situation so unheimlich peinlich und ich betete, dass niemand rausfindet, dass ich so eine kaputte Familie habe.


    Mein Vater blieb trocken. Ich besuchte ihn weiter recht regelmäßig, obwohl ich auch die Besuche bei ihm zu Hause unangenehm fand. Schon die Begrüßung bereitet mir Unbehagen, da mein Vater einen Kuss erwartet und ich ihm am liebsten max. die Hand geben wollen würde. Wir machten auch nie was Tolles. Ich „musste“ und „muss“ ihn auch immer noch in seiner Wohnung besuchen, in der ständig der Fernseher mit Hartz 4 TV (natürlich in Muttersprache) läuft. Da er nie Deutsch gelernt hat, „musste“ ich ihm immer bei Telefonaten und Briefen helfen. Als Teenager habe ich das noch nicht weiter hinterfragt, aber je älter ich wurde, desto mehr ärgerte es mich, dass er in den letztendlich 30 Jahren nicht mal soviel deutsch gelernt hat, dass er eine Kündigung für einen Mobilfunkvertrag selbstständig schreiben kann. Allgemein nervte mich auch, dass meine Mutter die „Böse“ war und sowieso immer alle anderen Schuld an der furchtbaren Lage meines Vaters waren.


    Wir bekamen uns zunehmend in die Haare, da ich anfing, Grenzen zu setzen. So störte es mich sehr, dass mein Vater seine Pornos auf DVD als Regaldekoration verwendete und nackte Frauen als Desktophintergrund eingerichtet hatte, als ich seinen Computer mal wieder „retten“ musste. Er war in dem Moment als ich dies ansprach auch überhaupt nicht einsichtig, stattdessen musste ich mir anhören, dass ich mit 20 ja schon erwachsen wäre und er nicht wusste, dass ich so prüde bin. Beim nächsten Besuch standen die Pornos aber wenigstens nicht mehr mit dem Cover nach vorne im Regal und der Desktophintergrund war auch geändert. Also zumindest ein kleiner Erfolg.


    Ich begann ein Studium und dadurch war mein Vater weiterhin unterhaltspflichtig. Der Unterhalt war ihm schon immer ein Dorn im Auge, denn schon meine Mutter erhielt weniger, als ihr für mich zustand. Mein Vater versuchte mich also davon zu überzeugen, dass ich arbeiten solle, um die „Familie zu unterstützen“ (!!!!). Ich erklärte ihm, dass sich das Amt das Geld zur Not gerichtlich von ihm holt und da der deutsche Staat für ihn ein Buch mit sieben Siegeln ist, zahlte er ca. 2/3 von dem, was das BAföG-Amt mir als Unterhaltszahlung monatlich von der Regelleistung abzog.


    Nach meinem Berufseinstieg wollte er unbedingt wissen, wieviel ich verdiene. Ich antwortete ehrlich und er war tatsächlich richtig neidisch, dass ich nach 5 Jahren Studium mit Masterabschlusw zum Einstieg etwas mehr verdiene als er als Ungelernter nach 30 Jahren.


    Meine Besuche wurden mit der Zeit seltener. Mittlerweile sehen wir uns vielleicht alle 1-2 Monate und zusätzlich zu Geburtstagen und an Weihnachten. Das geht bis heute so. Ich melde mich telefonisch von Zeit zu Zeit, um mich zu erkundigen, wie es ihm geht. Er ruft mich eigentlich nur an, wenn er mal wieder meine Sprachkenntnisse braucht. Wenn ich ihm dann nicht so helfen will, wie er sich das vorstellt, wird er pampig. Ich sehe es nämlich nicht mehr ein, jede Kleinigkeit für ihn zu erledigen (Arzttermine vereinbaren, eine Zeile einfachen Text schreiben, etc.). Mein Vater jedoch möchte in der Regel, dass er nichts tun muss und ich am besten noch am selben Tag vorbeikomme. Solche Telefonate eskalieren dann meist. Er wirft mir vor, dass er ja immer alles für mich macht und ich doch seine Tochter wäre und er mich nicht bitten würde, wenn er es alleine könnte. Fakt ist, dass er mich in den letzten 10 Jahren ein paar wenige Male abends vom Flughafen abgeholt hat, nicht mehr und nicht weniger. Als ich klein war und Hilfe brauchte, hat er nie einen Finger krumm gemacht. Meine Mutter ist mit mir zum Arzt gegangen, hat sich um alles rund um Kindergarten und Schule gekümmert, etc. Wenn ich ihn damit konfrontiere, spielt er seine Alki-Karte. Er könne ja nichts dafür, das wäre eine Krankheit, usw.


    Er hat sich nie bei mir für die verlorenen Vaterjahre entschuldigt. Er hat seit seinem Entzug auch nie versucht, qualitativ Zeit mit mir zu verbringen oder an meinem Leben teilzuhaben. Sobald er tatsächlich seine Komfortzone verlassen muss, ist Schluss.


    Mittlerweile artet fast jedes Gespräch aus. Konstruktive Gespräche sind nicht möglich, da auch Ich-Botschaften nicht helfen. Ich habe die letzten Male versucht den Fokus auf die Sachebene zu legen und ihn gebeten, erstmal allgemein nach Hilfe zu fragen und mir dann auch einen angemessenen Zeitrahmen zu geben, ihm helfen zu dürfen, da ich ein „Du MUSST mir HEUTE helfen“ übergriffig finde. Selbst das führte dazu, dass er einfach auflegte.


    Lange Zeit habe ich die Probleme mit meinem Vater einfach ignoriert und über vieles hinweggesehen der Harmonie wegen. Ich bin nun aber an einem Punkt angelangt, an dem ich das nicht mehr kann, da es sich für mich falsch anfühlt.


    Ich weiß absolut keinen Rat mehr, wie ich die Beziehung zu meinem Vater noch retten könnte. Ist es überhaupt meine Aufgabe? Muss ich eine gute Tochter sein, wenn mein Vater nie ein guter Vater für mich war? Spielen die Gründe dafür eine Rolle oder habe ich das Recht Alkoholismus nicht als Freikarte für alles zu akzeptieren?

    Mein Freund wundert sich immer wieder, dass ich den Kontakt nicht komplett abbreche, da er mir offensichtlich nicht gut tut. Aber ginge es mir dann besser? Oder würde ich mir dann Vorwürfe machen, dass ich es nicht weiterhin versucht habe?


    Ging es jemandem ähnlich? Was würdet ihr mir raten?

  • 33 Antworten

    Ich würde den Kontakt abbrechen. Wer braucht schon einen Menschen in seinem Leben der nur zu einem Kontakt hält weil man mal nützlich für ihn sein könnte?

    Ich frage mich gerade wo und was dein Vater arbeitet dass er in den vergangenen 30 Jahren keinerlei Deutschkenntnisse erworben hat? ":/

    Selbst wenn man sich nicht aktiv bemüht deutsch zu lernen sollte doch allein nur vom zu hören was hängen bleiben.

    Du könntest ihm auch die Ansage machen dass du ihm nur noch hilfst wenn er im Gegenzug dazu einen Deutschkurs an der VHS mitmacht.

    Was würde er denn machen wenn du plötzlich nicht mehr da bist?

    Alias 943657 schrieb:

    Mein Vater machte also einen Entzug und ich besuchte ihn ein paar Mal in der Klinik, obwohl ich es wirklich gehasst habe. Mir war die ganze Situation so unheimlich peinlich und ich betete, dass niemand rausfindet, dass ich so eine kaputte Familie habe.

    Dir war peinlich, dass dein Vater krank war?

    Alias 943657 schrieb:

    Ging es jemandem ähnlich? Was würdet ihr mir raten?

    Mir ging es ziemlich ähnlich, nur hat meine Mutter meinen Vater nicht verlassen.

    Alias 943657 schrieb:

    Ich weiß absolut keinen Rat mehr, wie ich die Beziehung zu meinem Vater noch retten könnte. Ist es überhaupt meine Aufgabe? Muss ich eine gute Tochter sein, wenn mein Vater nie ein guter Vater für mich war?

    Das kannst nur du entscheiden.

    Ich wollte nie den Kontakt abbrechen, also habe ich mir Themen gesucht, die wir gemeinsam hatten. Das mache ich bei allen Menschen so. Ich habe da keine Vorstellung, wie jemand zu sein hat. Ich kann andere nicht ändern.

    Auch habe ich mit der Kindheitsgeschichte abgeschlossen, als ich erwachsen wurde. Was in meiner Kindheit passiert ist, war nicht zu ändern, genauso mein Vater. Er war nicht der Typ, der sich für irgendetwas entschuldigte, nicht einmal wenn er gemeint hätte, er hätte in meiner Kindheit etwas falsch gemacht. Ich wusste aber genau, dass er mich liebte, auch wenn es sich für mich sehr oft nicht so angefühlt hat. Aber ich wusste auch, wie er die Welt sah, warum er so war, wie er war und wenn ich akzeptiert und respektiert werden wollte, konnte ich damit nur anfangen. Dadurch hat sich der Umgang automatisch geändert. Ich hatte aber auch kein Problem, mit ihm unsere Muttersprache zu sprechen, oder auch zu übersetzten, wenn es nötig war. Das alles hat nichts mit meinem Vater oder irgend jemandem zu tun, sondern mit mir, weil ich hilfsbereit bin. Ich würde jedem helfen, wo ich helfen kann, warum also auch nicht meinem Vater. Unser Verhältnis hat sich dann auch deutlich verbessert.


    Alias 943657 schrieb:

    Mein Freund wundert sich immer wieder, dass ich den Kontakt nicht komplett abbreche, da er mir offensichtlich nicht gut tut. Aber ginge es mir dann besser? Oder würde ich mir dann Vorwürfe machen, dass ich es nicht weiterhin versucht habe?

    Ich wusste, dass es mir nicht besser gegangen wäre, denn Abgrenzung hat nichts mit Kontaktabbruch oder räuliche Trennung zu tun, sondern mit Differenzierung und der persönlichen Einstellung. Es kann mich niemand beleidigen, wenn ich mich nicht beleidigen lasse. Das alles war natürlich harte Arbeit, meine Persönlichkeit so zu entwickeln, wie ich es wollte. Mein Vater ist auch nie zu einer Aufführung gekommen, zum Elternsprechtag, usw. usw. Er war kulturell einfach anders geprägt. Allerdings habe ich mich nie, schon als Kind nie auf eine Seite geschlagen, weder auf die Seite meiner Mutter, noch auf die Seite meines Vaters. Als Erwachsene habe ich auch da zwischen der Ehegeschichte meiner Eltern und unseren Beziehungen differenziert.

    Du kannst die Vergangenheit nicht ändern aber du kannst das Beste aus deiner Zukunft machen. Menschen sind Menschen, du kannst sie nicht ändern und sind es deine Eltern; noch weniger. Eltern werden immer zu was besonderem hochstilisiert so dass man gar nicht merkt dass sie Leute wie du und ich sind. Mit all ihren Fehlern. Das trotz der Problematik deines Vaters ist was aus dir geworden ist, zeigt das deine Resililenz höher ist als du von deinen Verwandten runter ziehen lässt. Nimm es hin du wirst dich dein Leben lang an ihnen Reiben. Mir geht es nicht anders.

    Zitat

    Mein Freund wundert sich immer wieder, dass ich den Kontakt nicht komplett abbreche, da er mir offensichtlich nicht gut tut. Aber ginge es mir dann besser? Oder würde ich mir dann Vorwürfe machen, dass ich es nicht weiterhin versucht habe?


    Was würdest du denn versuchen wollen? Deinem Vater zu helfen? Ihn zu ändern? Ihn zu retten?


    Zitat

    Ging es jemandem ähnlich? Was würdet ihr mir raten?

    Leider habe ich auch Erfahrungen mit dieser und ähnlicher Thematik (außer die Sache mit der Sprache).

    Ich sehe es so dass man seine kostbare Zeit nicht mit Menschen verbringen sollte, mit denen man zufällig verwandt ist, die einem aber nicht gut tun.

    Ich habe auch lange dafür gebraucht, aber mir ist mein "Vater" mittlerweile egal und es interessiert mich nicht mehr wie es ihm geht und was er macht, ich sehe ihn nur noch auf Familienfeiern, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt.

    Ich habe nur noch das Problem dass ich mich noch sehr über mich selbst ärgere weil ich mir viel zu lange viel zu viel habe gefallen lassen, als artige Tochter. Und gelegentlich bin ich sehr neidisch auf andere, wenn ich sehe, was es für tolle Väter gibt. Ja, es ist ein großes Glück einen Vater zu haben, der sich für einen interessiert, der einen fördert, einen zu einem starken und selbstbewussten Menschen erzieht und der einfach für einen da ist. Einem solchen Menschen gibt man ja auch gerne was zurück. Man erntet was man sät.

    Letztlich musst du das aber selbst entscheiden und hier kann dir keiner etwas raten. Ich selbst würde auf keinen Fall aktiv Kontakt zu einem Menschen suchen, wenn dieser mir nicht gut tut.

    ich würde den kontakt erhalten, aber nach DEINEN Regeln.


    klar ist dein vater ein egoistischer …. (sorry das so zu sagen). aber wenn er irgendwenn mal sterben sollte, ist glaub so ein gefühl dass man sich nicht gekümmert hat auch blöd.


    deshalb würde ich alles nach deinen regeln laufen lassen. ruft er an und will wieder mal hilfe, blätterst du schoen geräuschvoll in deinem vollen Terminkalender und laesst ihn wissen dass du ihm gerne in zwei Wochen einen Termin einräumen kannst.


    wenn du lieber mit deiner mom feierst, dann feierst du mit deiner mom, und da brauchst du absolut kein schlechtes gewisssen haben.

    ich würde vielleicht alle Woche/ alle zwei Wochen einen pflichttelefonanruf einbauen, hallo papa wie geht's dir blablaba und gut.


    ändern wird er sich auf seine alten tage wohl nicht mehr. bewusst wird ihm bstimmt auch nicht dass er ein ….. ist.


    ich würde auch immer wenn es zu streit kommt dann sofort das haus verlassen. mit den worten sorry, aber in dem ton hab ich keine lust mich mit dir zu unterhalten. melde dich wieder wenn du normal mit mir sprechen kannst.


    also ingesamt schauen dass der kontakt noch da ist, aber dann bitte auf sachlicher ebene, und dann wann du kannst und willst.


    leider kann man sich seine familienmitgleider nicht aussuchen, aber irgendwie ist man halt dann doch Familie.

    Plüschbiest schrieb:

    Ich frage mich gerade wo und was dein Vater arbeitet dass er in den vergangenen 30 Jahren keinerlei Deutschkenntnisse erworben hat? ":/

    Selbst wenn man sich nicht aktiv bemüht deutsch zu lernen sollte doch allein nur vom zu hören was hängen bleiben.

    Du könntest ihm auch die Ansage machen dass du ihm nur noch hilfst wenn er im Gegenzug dazu einen Deutschkurs an der VHS mitmacht.

    Was würde er denn machen wenn du plötzlich nicht mehr da bist?

    Mein Vater hatte schon immer viele ausländische Kollegen, teilweise Landsleute. Es ist auch nicht so, dass er gar kein deutsch kann. Er spricht gebrochen deutsch, aber er bringt eben keinen fehlerfreien Satz zustande. Man könnte meinen, dass er erst vor paar Wochen nach Deutschland gekommen ist. Aber das ist kein Wunder. Er schaut nur Fernsehen in seiner Muttersprache und hat nur Freunde aus seinem Heimatland, die genauso schlecht deutsch können, wie er.


    Seine Ausrede ist, dass sein Deutschkurs vor 30 Jahren schlecht war und er deshalb schlechte Startbedingungen hatte. Er würde keinen erneuten Kurs mitmachen. Er würde wohl wochenlang nicht mehr mit mir sprechen, wenn ich einen VHS-Kurs als Bedingung für weitere Dolmetscherleistungen festlege.


    @cailleach

    Ja, mir war und ist mein Vater leider peinlich, da ändert der Umstand, dass Alkoholismus eine Krankheit ist, auch nichts. Ich hatte eine gute Freundin, die auch einen alkoholkranken Vater hatte. Bei ihr war es aber so, dass er sich trotzdem um sie gekümmert hat. Er war im Suff nur eben anstrengend, aber sonst als Vater präsent und fürsorglich.

    Ich bin grundsätzlich auch hilfsbereit, aber ich finde es total daneben, was für eine Erwartungshaltung mein Vater mir gegenüber pflegt, wenn man bedenkt, wie wenig er in diese Beziehung "investiert" hat. Ich helfe ja auch nicht jedem x-beliebigem Menschen, vor allem nicht denen, von denen ich weiß, das sie nur auf ihren Vorteil aus sind und mich ausnutzen. Da ziehe ich recht schnell die Reißleine. Mein Vater gehört zu den Menschen, die ich in meinem Alltag ignorieren würde. Wir haben keine Gemeinsamkeiten. Mein Vater ist - welch Ironie - ziemlich rechts eingestellt. Seine Mutternation steht über allen, dann kommt lange Zeit nichts, dann kommen die Deutschen (wobei die ja auch alle blöd sind), dann wieder lange Zeit nichts und dann kommen alle südländischen und afrikanischen Nationen (der Abschaum). Seine Kommentare zu den Flüchtlingen möchte ich hier erste gar nicht wiedergeben %:| Ich kann solche Aussagen auch nicht einfach unkommentiert lassen. Ich versuche ihn, auf den Teppich zu holen, wenn er mal wieder rummault, dass die Flüchtlinge hier in Deutschland in Saus und Braus leben und er seit Jahrzehnten malocht und sich nichts leisten kann. Wobei letzteres auch einfach nicht stimmt, denn er gibt sein Geld für kurzlebige Konsumgüter aus und wechselt seine Handys und Tablets wie andere ihre Oberbekleidung. Wenn ich meiner Meinung vorsichtig äußere, wird er wieder pampig, weil ich nicht seiner Meinung bin. Gleichzeitig gönnt er mir nicht, wenn ich mein 4 Jahre altes Billig-Smartphone als Belohnung für meinen Studienabschlusses durch ein neues iPhone ersetzte, weil ein Apple-Produkt ja seiner Meinung nach etepetete und total unnötig ist.


    Wir haben auch einfach keine gemeinsamen Themen. Er schaut in seiner Freizeit nur fern. Wir haben nicht mal mehr einen Fernseher. Ich treibe Sport, lese Bücher, treffe mich mit Freunden und ich liebe Fernreisen mit nur einem Zelt im Gepäck. Er macht jede meiner Reisen schlecht mit "wie furchtbar", "wer's braucht", "ist doch auch langweilig" und äußerst immer wieder totales Unverständnis, wenn es mal wieder soweit ist. Er selber fährt dreimal im Jahr in sein Heimatland, zweimal davon besucht er seine Freundin und einmal fährt er mit ihr in immer den selben Ferienort. Das ist toll und ich muss unbedingt mal mitkommen, da seine Freundin auch mal ihren Sohn oder die Nichte mitgenommen hat.


    Ich fühle mich auch nicht beleidigt von meinem Vater. Er behandelt mich nur weiterhin wie ein Kind, welches ihm gefälligst zu gehorchen hat. Dieses Verhalten würde ich auch bei anderen als übergriffig empfinden und es unterbinden. Das hat auch nichts mit der Kultur zu tun. Meine Mutter und meine Großeltern stammen auch aus dieser Kultur und hier habe ich keine Probleme, da ich von ihnen als erwachsener Mensch gesehen und auf Augenhöhe behandelt werde. Hier werde ich auch um Hilfe gebeten. Aber hier ist es tatsächlich eine Frage und kein Befehl und wenn ich mal verneinen muss, ist es auch in Ordnung und kein Weltuntergang. Und auch die Alkoholkrankheit spielt hierbei eigentlich keine Rolle, da er ja schon über 15 Jahren nicht mehr trinkt. Ich schätze, er ist einfach ein schwieriger Mensch in Kombination mit einer gewissen Einfachheit und Unfähigkeit sich weiterzuentwickeln/zu reflektieren. Letzteres könnte man wohl noch dem jahrelangen Alkoholmissbrauch zuordnen, aber dann wären wir wieder beim Freifahrtschein ...


    Plüschbiest schrieb:

    Wenn dein Vater mal wieder die Alkoholismus ist eine Krankheit Karte ausspielt, dann frage ihn doch mal warum er denn damals nicht zu einem Arzt gegangen ist, wo er doch so krank war.

    Vor der Trennung war er natürlich nicht krank. Da hat er immer beteuert, dass er jederzeit aufhören könnte, wenn er denn wollte. Er kam wohl erst durch den Entzug auf die Idee, dass das eine gute Ausrede ist, falls ich mal unbequem werde.


    Aber wie schon gesagt, sachliche Diskussionen sind mit meinem Vater nicht möglich.


    Mein Dilemma ist, dass ich nicht der Typ bin, der den Kontakt zu jemandem komplett abbricht. Ich hätte gerne einen Vater in meinem Leben. Gleichzeitig merke ich einfach, dass mein Vater und ich wohl in diesem Leben nicht mehr zueinander finden werden, weil ich aufgrund meiner Kindheit einfach nicht bereit bin ihn so anzunehmen, wie er ist und ihn bedingungslos zu lieben. Dazu fühle ich mich auch aktuell von ihm zu wenig "gesehen" und geliebt.


    Ich habe vielmehr das Gefühl, dass mein Dasein für ihn nur dazu dient, anderen zu zeigen, dass er etwas im Leben erreicht hat. Mein Vater lag mir jahrelang in den Ohren mit der Frage, wann ich endlich heirate, denn es wäre langsam an der Zeit. Als es dann soweit war, reagierte er sehr emotionslos. Danach ging es weiter mit der Frage, wann er endlich Opa wird, es wäre schließlich an der Zeit. Als ich ihm nun erzählte, dass ich schwanger bin, kam erneut eine total emotionslose Reaktion. Seit dem kam auch noch keine Frage, wie es mir oder dem Baby im Bauch geht. Ich kann mir aber vorstellen, dass er meine Hochzeit und auch das Baby vor anderen dazu benutzt, sich zu profilieren. Als ich vor einiger Zeit seine Freundin kennengelernt habe, da sie hier zu Besuch war, erzählte sie mir, dass sie so neidisch auf meinen Vater ist, da er so ein super gutes Verhältnis zu mir hat und sie zu ihren Söhnen teilweise gar keinen Kontakt hat ":/


    Dieses Mittelding an möglichen Kontaktformen, was ich aktuell betreibe, d.h. sporadischer Kontakt, ständig Reibereien wegen Kleinigkeiten, tut mir nicht gut und perspektivisch möchte auch nicht, dass mein Kind womöglich ähnlich behandelt wird. Ich halte es auch für utopisch, dass er sich als Großvater etabliert, da er noch nie mit kleinen Kindern etwas anfangen konnte. Spielen, Spazieren/Wandern Gehen, Radfahren hat er nie mitgemacht, weil ihm das zu anstrengend war.


    Kurz: So wie er ist, möchte ich ihn eigentlich nicht als Vater und schon gar nicht als Großvater für mein Kind haben. Ich brauche ihn auch nicht. Ich habe meine Freunde und meine Familie. Ändern werde ich ihn auch nicht, also wäre rein rational gesehen, ein Kontaktabbruch der richtige Weg.


    Wenn ich im Alltag von meinen Eltern spreche, meine ich meine Mutter und ihren neuen Lebenspartner. Er war zwar nie offiziell "Papa" für mich und hat sich in Punkto Erziehung und Co zurückgehalten, da ich auch einfach schon fast erwachsen war, als er in mein Leben trat, aber er war dennoch mehr Vater für mich als mein leiblicher Vater es je war und wahrscheinlich sein wird. Er hat mich bei Schul- und Uni-Kram unterstützt und hilft mir auch heute noch aus. Mein Kind hätte sogesehen also trotzdem zwei Großväter, sodass ich ihm nichts vorenthalten würde.

    Das versuche ich schon seit einiger Zeit, aber da mein Vater mich nicht ernst nimmt, da ich ja seine Tochter bin und eine gute Tochter nun mal gehorcht, stellt das Grenzen setzen einfach ein enormes Konfliktpotential dar. Streit am Telefon endet automatisch, da er einfach auflegt. Persönlich mag er nicht streiten, da er sich wahrscheinlich unterlegen fühlt. Er bricht das Gespräch von selbst ab, bevor ich überhaupt ausreden kann, er aber schon merkt, dass es auf Kritik hinausläuft. Er geht dann in ein anderes Zimmer, raucht eine, kommt wieder und tut so, als wäre nichts gewesen. Wenn ich das Thema nochmal aufgreife, weil ich es gerne abschließen würde, blockt er auch gerne direkt ab, aber nie in der Form, dass er sagt, er möchte da nicht darüber sprechen, sondern meist mit einem Kommentar in die Richtung, dass ich "komisch" bin oder er wohl eine "schlechte" Tochter hätte und er das wohl so hinnehmen müsse. Das bringt mich letztendlich noch mehr auf die Palme, da er mir weiterhin versucht zu vermitteln, dass ich, so wie ich bin, nicht gut genug bin. Das hat er schon als Kind bei mir gemacht (mit Anspielungen auf mein Gewicht und meine Figur, die mich letztendlich in die Magersucht trieben). Gleichzeitig soll ich ihn aber so akzeptieren, wie er ist und alles gut heißen, was er sagt und macht. Das ist wohl auch der springende Punkt, der mich so wütend macht: Er betreibt dieses "Du bist nicht gut genug, wie du bist"-Spielchen auch heute noch. Heute bin ich erwachsen, aber als Kind konnte ich mich nicht wehren und litt darunter und das kann und möchte ich ihm nicht verzeihen, da er sich in diesem Punkt offensichtlich keines Fehlers bewusst ist. Und da er heute immer noch so agiert wie vor 20 bis 25 Jahren ist die Alkoholsucht keine Entschuldigung dafür.


    Besuche bei mir zu Hause finden übrigens so gut wie nie statt, da er bei mir nicht rauchen darf und er, so vermute ich, keine Lust auf die Gesellschaft von meinem Mann hat, da er ihm seit über 10 Jahren gekonnt aus dem Weg geht.


    Sorry, für den langen Text.


    Ich bin dankbar für jeden weiteren Input, da mich eure Rückmeldungen zum Nachdenken anregen und das Niederschreiben meiner Gedanken den Druck rausnimmt und ich die Sache zumindest gefühlt klarer sehe @:)

    Hallo Alias,


    Ich wollte dir mitteilen, dass ich deinen Lebensweg bewundere und du auf mich den Eindruck einer überaus klugen, disziplinierten und warmherzigen Frau machst. Ein solcher Bildungsstand ist für derartig beschriebene Umstände wirklich beeindruckend.


    Dass du regelmäßig Konflikte ausstehen und du auch eine gewisse Härte an den Tag legen musst, um dich gegen deinen Vater zu schützen, finde ich vollkommen natürlich.


    Ich finde, dass du in deinem Leben bereits hervorragend unter Beweis gestellt hast, dass er dir nichts anhaben kann.


    Du bist ein freier Mensch zu entscheiden, ob du mit diesen Unannehmlichkeiten, die er dir jetzt noch bereitet, leben willst oder nicht.

    Er kann dir nichts von dem wegnehmen, was du bisher erreicht hast. Ob du dir regelmäßige Streitereien und Belastungen aufhalsen möchtest, entscheidest du in meinen Augen als erwachsener Mensch - nicht als Tochter.

    Eltern müssen (und werden sie auch) sich damit abfinden, dass sich ihre Kinder irgendwann eigenständig und selbstbestimmt entwickeln. Der Respekt den eigenen Eltern gegenüber sollte sich demnach nicht in einer mehr oder weniger devoten Kindeshaltung ausdrücken, sondern es ist eine ganz normale Entwicklung (und auch eine sehr gesunde!), wenn Kinder irgendwann nicht mehr den Vorstellungen der Eltern entsprechen, sondern einen eigenen Weg gehen. Und das sage ich als Kind meiner Eltern und Mutter einer großen Tochter. ;-)


    Dein Vater möchte Dich mit seinen Äußerungen "klein" halten, Dir ein schlechtes Gewissen machen, damit Du nach seinen Vorstellungen agierst, er ist also höchst manipulativ. Ich würde mir an Deiner Stelle persönliche Grenzen setzen und bei Manipulationsversuchen die Gespräche oder Besuche direkt abbrechen. Distanz finden ist hier das Zauberwort.

    hallo alias,


    ich glaub wichtig ist dass du eine "leck mich am arsch" Einstellung entwickelst. klar nimmt man sich zu herzen wenn der vater einen ständig kritisiert. ist ja der vater, und wenn das in der Kindheit schon so war, dann prägt das. lass es nicht zum streit kommen, lass es alles oberflächlich. ich weiss hoert sich bloed an, aber versuch mal alles wegzulaecheln. wenn er mit was anfängt was dich krängt, sagst du ihm dass du auf so art Gespräche keine lust hast, und gehst oder legst auf.

    sorry das kommt in zwei teilen irgendwie spinnt das Formular hier. also lass es nicht so weit kommen. deine Beziehung wird dann zwar sehr oberflächlich, aber ich finde besser eine oberflächliche Beziehung, die von dir geleitet wird, als eine Beziehung wo du nur verletzt wirst. setz deinem vater die grenzen die er dir einhalten soll. erst wenn er sich bessern sollte, kannst du ihm auch mehr geben. solange er ein … bleibt, bleibt die Beziehung eben oberflächlich.

    Ich bin zur Zeit in der MIgrationsforschung tätig ujnd vieles von dem was Du als "übergrifig" empfindest, ist für Deinen Dad vollkommen normal. Er hat hier nie eine Integration erfahren, steht auf dem Stand der Migra.politik von vor 30 Jahren. Heute müsste er z.B. einen Deutsch-Kurs machen etc..

    Insofern wundert es mich etwas, dass Du Dich wunderst - er ist ein Kind seiner Sozialisation so wie Du Deiner und er wird das nie kapieren, dass Du nicht sofort alles stehen und liegen lässt um ihm zu helfen oder dass Du ihn nicht automatisch respektierst, weil er Vater/Mann/älter ist. Ihr gebt Euch da ehrlich gesagt nicht viel ;)