Familie nutzt mich aus - jetzt mal Nein gesagt...

    Ich bin Physiotherapeutin (nicht selbstständig) und arbeite in einer größeren Praxis. Aufgrund der Grippewelle arbeiten wir momentan mit halber Kraft, was für uns Gesunden heißt, dass wir viel Extraarbeit haben. Der Zustand ging eigentlich im Dezember schon los und ich kann mich nicht beschweren, da ich es auch so aus der vorangehenden Jahren so kenne. Nur ist es so, nach Feierabend bin ich kaputt.


    Nun gibts in meiner Familie immer wieder Menschen, die meinen Beruf ausnutzen, eigentlich überwiegend um eine Massage von mir zu bekommen. Sie erhoffen sich davon so einiges, zum Beispiel dass ihre Rücken- und Kopfschmerzen verschwinden, sie keine Probleme mehr mit Schwindel oder der Sehstärke haben. Ich beiße oft die Zähne zusammen und gebe dann eine Massage, sage aber auf, dass das die beschriebene Problematik nicht verändern wird. Das wird dann mit "Ja ja" abgetan und ein paar Tage später sich trotzdem beschwert, dass die Beschwerden wieder zurückkommen.


    Ganz besonders toll darin ist mein Onkel. Er hat kein Problem, um 22 Uhr noch vor meiner Tür zu stehen und eine Massage haben zu wollen, wegen Schulterschmerzen. Die ersten 2 Jahre auch immer mitgemacht, für jeden der Masseur zu sein. Jedoch hat er eindeutig ein tieferes orthopädisches Problem, da muss ein Facharzt ran. Habe ich ihm gesagt und sogar einen Termin verschafft, mit dem Ergebnis: Er ging gar nicht hin.


    Da ich zu leicht Ja sage, ist mir neulich mal der Kragen geplatzt, als er schon wieder spät abends vor meiner Tür stand und darum bat, massiert zu werden (ja, ich habe auch Familie). Ich habe dann gesagt, dass ich sein Problem so nicht lösen kann und er bitte morgen zur Geschäftszeit in der Praxis anrufen will, wenn er eine therapeutische Behandlung wünscht, aber vorher auch die Überweisung des Hausarztes mitbringen soll.


    Da war er schon ganz perplex. Ging dann aber tatsächlich wieder nach Hause.


    Er hat am nächsten Tag natürlich nicht angerufen, sondern schrieb mir eine WhatsApp. Was er denn erzählen soll, wenn er in der Praxis anruft und die Hilfen dran gingen? Es sei doch peinlich, einen Termin bei seiner eigenen Nichte auszumachen. Ich habe gesagt, wir haben nette Mädels und das ist kein Problem. Dazu sagte er dann: Okay, danke!


    Was er letztlich gemacht hat war kein Termin, sondern er ist zu meiner Mutter gefahren und hat über mich abgestänkert, wie unmöglich ich sei, ihn so bloßzustellen. Das Schlimme ist nun: Meine Mutter und meine Schwestern (die sich auch alle gerne kostenlos massieren lassen) haben ihm zugestimmt. Zusammen überlegen sie nun, ob sie sich sogar über mich auf offiziellem Wegen beschweren wollen (wobei mir nicht einfällt, worüber).


    Mit mir selbst redet keiner.


    Ans Telefon geht keiner, wenn ich anrufe


    Ich bin hin und her gerissen und irgendwie traurig darüber, jetzt das schwarze Schaf zu sein. War meine Entscheidung richtig, mal Nein zu sagen?

  • 73 Antworten

    Ich finde es absolut richtig, dass du Nein gesagt hast. Es klingt aber so, als wenn du dich vorher nie beschwert hast. Für deine Familie wäre es verständlicher, wenn du bei den letzten Massagen immer schon gesagt hättest, dass du dafür eigentlich gar keine Zeit hast und sie wenigstens vorher Termine mit dir absprechen sollen. Abends nach acht einfach irgendwo zu klingeln geht ja gar nicht. Irgendwann hättest du auch klipp und klar sagen müssen, dass das die letzte Massage ist, die du einfach mal so machst.


    Ich vermute fast du hast das so gemacht, aber ich wollte nochmal sicher gehen. Wenn du das angekündigt und begründet hast, sehe ich absolut kein Problem in deiner Ansage. Außerdem finde ich es echt eine Frechheit von deiner "Familie" jetzt einfach nicht mehr mit dir zu sprechen. Wie kindisch ist das denn?

    Hallo Alias 734439

    Die Menschen, mit denen Du in einer Wohnung lebst, sind Deine wichtigsten Menschen.


    Erst dann kommen andere "Familienmitglieder" und Verwandte.


    Es ist aus meiner Sicht völlig korrekt, dass Du NEIN sagst.


    Lass Dich nicht beirren, Du und Deine eigene Gesundheit stehen an allererster Stelle, dann kommen die Menschen für die Du direkt mitverantwortlich bist und dann kommen erst Andere.


    Dass es Dein Onkel nur schon wagt um 22 Uhr um eine Massage anzukommen, ist zu viel!


    Wer nicht gerade in Gefahr schwebt, der kann und muss warten!


    Liebe Grüsse


    Evi

    Also ich habe auch etwas gelernt, was vielen Leuten auch im Privaten hilft. Ergo werde ich auch von der Familie, Freunden, Kollegen mit einer anderen Ausrichtung um Hilfe gebeten.


    Ich mach das gerne. Ich finde es schön helfen zu können. Falls etwas meine Fähigkeiten oder Kapazitäten übersteigt erkläre ich das einfach.


    Nur bei dem üblichen "kannst Du mal eben" mache ich fast immer den Joke, dass niemand bei einem Klempner "kannst Du mal eben" fragen würde. Das hilft dann den Personen, die in der Materie nicht warm sind zu erkennen, wie viel Arbeit hinter manchem steckt.


    Mir hat noch niemand krumm genommen, wenn ich etwas abgelehnt habe. Allerdings kann ich mich nicht erinnern, den um Hilfe bittenden mit einem verletzten Gefühl des "ausgenutzt" werden gegenüber getreten zu sein. Und so was spiegelt sich bestimmt. Vielleicht wird deswegen bei Dir so reagiert.

    Zitat

    War meine Entscheidung richtig, mal Nein zu sagen?

    Das kannst letzten Endes nur Du entscheiden, weil es ja Auswirkungen auf Dich und Dein Leben hat. Gerechtfertigt, moralisch vertretbar, in Ordnung, angemessen: Ja. Mit Nachdruck: Ja. Es war völlig okay. Allerdings für Deine Familie sicher sehr unvermittelt, wenn Du vorher nie was gesagt hast. Trotzdem wäre die Reaktion ihrerseits, die ich angemessen fände, ganz anders als die derzeitige - nach dem ersten verdatterten Huch sollte da mal die Überlegung kommen, was es wohl für Dich bedeutet, wenn Dich in Deiner Freizeit ständig Familie um "Dienstleistungen" bittet. Bleibt diese Überlegung ihrerseits aus, sagt das eine Menge über Deine Familie, und zwar leider nichts Gutes.

    Zitat

    Zusammen überlegen sie nun, ob sie sich sogar über mich auf offiziellem Wegen beschweren wollen (wobei mir nicht einfällt, worüber).

    Von wem hast Du das erfahren?


    Nu ist vor allem die Frage: Wie gehst Du jetzt damit um? Kriegst Du es gewuppt, wenn sie sich nicht mehr einkriegen? Ich persönlich würde sagen, dass man Familie, die sich dann so danebenbenimmt, nicht wirklich braucht, aber das sagt sich von außen leicht. Nur daran würde ich es übrigens messen: Wie es Dir damit geht, mit dem Fokus darauf, wie es Dir langfristig wohl gehen wird. Du schriebst, Du hast oft die Zähne zusammengebissen. Das klingt nach einer Dauerbelastung. Wie sie sich momentan benehmen, ist eher eine Akutbelastung, für den Augenblick ist das mehr Stress, langfristig womöglich aber besser für Dich. Nur ist das ein schmerzhafter Weg, das wird sich nicht vermeiden lassen, das Verhältnis zu den betreffenden Familienmitgliedern wird sich ändern, und so was tut weh.


    Wie steht denn Deine eigene Familie zu Hause dazu? Hast Du da Rückendeckung?

    Es passiert oft und leicht, dass Menschen aus Gefallen ein Recht ableiten, mir scheint genau das ist passiert. Dein Freundschaftsdienst ist zur Gewohnheit geworden.


    Generell empfinde ich das Verhalten der Verwandten unverschämt und zeugt nicht davon dass sie deiner Arbeit Wertschätzung entgegen bringen.


    Des Weiteren sieht es für mich so aus, als ob du in deren Augen keine Freizeit hast, für sie bist du Rund um die Uhr die Physiotherapeutin.


    Im Prinzip könntest du niemanden mehr in deiner Freizeit massieren, das ist ja dein Privatvergnügen und hat mit deinem Job eigentlich nichts zu tun.


    Ich würde sagen spätestens mit dem hier:

    Zitat

    Was er letztlich gemacht hat war kein Termin, sondern er ist zu meiner Mutter gefahren und hat über mich abgestänkert, wie unmöglich ich sei, ihn so bloßzustellen. Das Schlimme ist nun: Meine Mutter und meine Schwestern (die sich auch alle gerne kostenlos massieren lassen) haben ihm zugestimmt. Zusammen überlegen sie nun, ob sie sich sogar über mich auf offiziellem Wegen beschweren wollen (wobei mir nicht einfällt, worüber).

    wäre bei mir der Drops gelutscht, da stünde ich für keinerlei Dienstleitungen mehr zur Verfügung.


    Ich empfinde den letzten Satz gerade zu lächerlich.

    Zitat

    Mit mir selbst redet keiner.


    Ans Telefon geht keiner, wenn ich anrufe

    Was das angeht, da sehe ich es als durchaus legitim an wenn du dann halt abends nicht mehr die Tür aufmachst. Klar, DANN, wird sofort Kontakt mit dir gesucht werden. Aber da fände ich es statthaft mir irgendwas auszudenken (war in der Wanne / weg / Klingel nicht gehört, was auch immer).


    Wenn du die Freundschaftsdienste ablehnst wird das zunächst für Unmut sorgen. Aber ich denke langfristig könnte deine Familie darüber nachdenken was sie da eigentlich die ganze Zeit für Nüsse frech eingefordert hat. Und wenn ihnen mehr an dir liegt als nur eine kostenlose Masseurin zu haben, werden sich die Wogen da auch glätten.


    Ich hab ähnliches hinter mir, allerdings andere Branche (IT) und nicht direkt Familie.


    Das eskalierte soweit, dass erwartet wurde dass ich quasi 24h vor Ort Support leistete.

    :-o :-o :-o Bei derart viel Dreistigkeit von Seiten deiner Familie fehlen mir tatsächlich die Worte. Und ich finde, dass sie eine Beschwerde (also wirklich sowas von völlig lächerlich) in Erwägung ziehen, zeigt wie selbstverständlich sie über dich und deine Zeit verfügen.


    Wenn du dich da vorher nicht so eindeutig positioniert hast, hätte man sich ja bei der klaren Absage auch beschämt denken können: "Ui, da war ich wohl etwas unverschämt- mir war gar nicht klar, dass das für meine Nicht gerad soviel ist." Aus so verfahrenen Strukturen rauszukommen ist oft ganz schön langwierig und schwierig und ich finde, dass du einen wichtigen ersten Schritt getan hast. Vielleicht suchst die dir eine Art Coaching, um bei diesem Prozess unterstützt zu werden?


    Liebe Grüße,


    Milaila

    Zitat

    Zusammen überlegen sie nun, ob sie sich sogar über mich auf offiziellem Wegen beschweren wollen (wobei mir nicht einfällt, worüber).

    Jaja, wer Familie hat braucht keine Feinde mehr. Lass dich von denen nicht unterkriegen, massier dir nicht mehr und geh da nicht drauf ein. So nen selbstgefälligen Mist hast du echt nicht nötig.

    Ich kenne das leider zu gut. So lange man der Jasager ist, ist alles gut und fein. Wenn man dann mal NEIN sagt und das Ausnutzen stoppt, ist man der letzte Dreck und wird auch so behandelt. Und dann werden sogar hammerharte Geschütze ausgefahren, der ganze Clan hält zusammen.


    Ich denke aber letztlich werden sie nichts probieren wegen der Klage. Was wollen sie dir schon unterstellen? Dass die Massagen nicht geholfen haben?


    Das ist jetzt nur Einschüchterei.


    Echt schade, dass sie nicht mit dir persönlich reden! Aber versuch, die jetzt irgendwie zu vergessen.

    Es gibt schlicht keinen offiziellen Weg auf dem sie sich beschweren können! Das ist dreist und einfach nur Quatsch und zeigt wie verquer da die zwischenmenschlichen Beziehungen laufen. Die Polizei wird wohl keine Anzeige wegen nicht-einlösens-eines-Gefallens aufnehmen und selbst wenn die Familie zum Arbeitgebener ginge... Erstens machten sie sich lächerlich und zweitens wäre der bestimmt ganz dolle traurig darüber, dass seine Angestellte nicht mehr in der Freizeit umsonst arbeitet und stattdessen auf seine Praxis verweist %-|

    Zitat

    Zusammen überlegen sie nun, ob sie sich sogar über mich auf offiziellem Wegen beschweren wollen (wobei mir nicht einfällt, worüber).

    :-o Im Ernst?? Dsa geht ja mal gar nicht!


    Nein sagen ist eine anfangs schwere Sache. Ich kenn das nur zu gut ;-) hängt vielleicht mit zu viel Pflichtbewusstsein zusammen und gerade bei Familie/Verwandten ist es auch nicht ganz so einfach "Nein" zu sagen. Du hast es richtig gemacht!! Es wird dich vermutlich Überwindung gekostet haben, aber es war die richtige Entscheidung. Wie deine Familie daraufhin reagiert hat, find ich allerdings sehr unschön. Hat das vielleicht noch andere Ursachen, dass man da so überreagiert?

    Zitat

    Ich kenne das leider zu gut. So lange man der Jasager ist, ist alles gut und fein. Wenn man dann mal NEIN sagt und das Ausnutzen stoppt, ist man der letzte Dreck und wird auch so behandelt.

    :-( ja....leider ticken manche so...und gerade im Kreis der Familie find ich das sehr sehr bitter.