Die wichtigsten Punkte (dass es früher anders war) wurden ja schon genannt. Ich habe vielleicht noch ein paar Gedanken dazu, die noch keine Rolle gespielt habe bei den Beiträgen.


    Und zwar sind das die ERWARTUNGEN.


    Meine Eltern wohnten mit mir in Dreigenerationenhaus. Sie waren 60 Jahre verheiratet, obwohl sie spät geheiratet hatten. Sie haben sich gehasst bis aufs Blut, jeder hatte seine eigene Marmelade und sein eigenes Klopapier. Es war grauenhaft das täglich mitzuerleben und Stellung nehmen zu müssen, wie einer über den anderen geschimpft, geklagt und gelästert hat.


    Aber die beiden hatten an den jeweils anderen letztlich nur EINE Erwartung: Zusammen zu bleiben. Mit über 90 war das auch kein Kunststück, aber auch vorher war es die wichtigste Erwartung. Alles andere war längst verschwunden. Und diese Erwartung haben sie erfüllt. Bis der Tod sie geschieden hat.


    Die Beziehungen heute werden oft mit Erwartungen völlig überfordert. Und während die "partnerschaftliche, projektbezogene Liebe" eine hervorragende Säule für eine lebenslange Beziehung sein kann - weil sie ja auch "gleich und gleich gesellt sich gern" beruht - ist die "leidenschaftliche Liebe" sehr viel schwieriger zu erhalten, weil sie auf "Gegensätze ziehen sich an" beruht. Und diese Gegensätze stören nun mal häufig die Harmonie, sie werden weggewünscht. Also geht die Leidenschaft flöten.


    Erst seit 30-40 Jahren wird nun auch noch erwartet, dass Eheleute oder Menschen in Langzeitbeziehungen "allerbeste Freunde" sein sollten. Das war in der früheren Konstellation, aus der die Ehe als Konstitution entstanden ist, überhaupt kein Thema. Ebenso wenig wie in der kirchlichen Tradition die LIEBE ursprünglich keine Rolle spielte. Sie war eher störend, weil mit Leidenschaft verbunden. Die "Unauflöslichkeit" als Ideal aber wurde erhalten. Und an diesem Ideal – verbunden mit unendlich vielen "Eigentlichs" messen sich die jungen Leute heute, die aber letztlich eine völlig andere Form von Beziehung führen und führen wollen als die Urväter und -mütter das getan haben.


    Und diese drei Formen "Partnerschaft, Leidenschaft und Freundschaft" sollen dann auch noch lebenslang mit einem einzigen Partner funktionieren. Nicht weil man das miteinander erreichen möchte, sondern weil es als "normal" erwartet wird. Michael Mary nennt das den AMEFI-Komplex. "Alles Mit Einem Für Immer."


    Wer also seine Erwartungen an die Persönlichkeit des Partners anpassen kann – und an die Realität – hat eine erheblich größere Chance, eine lange oder lebenslange Beziehung führen zu können als diejenigen, die das einfach als "normal" ansehen wollen. Also weg von den Idealen, die zu völlig anderen Umständen gehörten und hin zu den realistischen Erwartungen, die ständig miteinander abgeglichen werden müssen. Fragt doch mal eure Partner: "Was erwartest du von mir?" Und stellt dann klar, was innerhalb eurer Möglichkeiten liegt und womit ihr überfordert wäret. Das ist eine erheblich gesündere Grundlage für lange Beziehung als der unsinnige Schwur "Auf ewig dein!". Ich verschenke mich nicht, ich gehöre immer noch mir selber, auch wenn ich von Herzen liebe und geliebt werde.

    Hi, Ich kann die Ausführungen von Oldie49 (Na, wenn du dich mit 49 schon oldi nennst - was soll ich dann sagen) eigentlich nur unterstreichen. Die Erwartungshaltungen werden genähetr von einem romantischen, idealisiertem Liebesideal, welches auf einmal die ganze "Last" eines lebenslangen Beziehungsalltags tragen und halten soll. In uns fernen, aber historisch gar nicht so lang vergangenen Zeiträumen, war das anders: Die Ehe eine Institution, beispeilsweise in den bäurlichen oder handwarkliche Großfamilien, in der alle ihren festen Platz hatten und, ob nun nun darin glücklich oder nicht, erst einmal funktionieren müssen. Ich habe noch eine Tonbandaufnahme von meinem Großvater, der erzählt wie er um seine 2. Frau - die erste war ihm "weggestorben" - anläßlich des Kaufs eines neuen Mastschweines im Dachbardorf angehalten und hat. Der andere Großvater, ein Geschäftsmann, hat irgendwann in reiferem Alter seine Haushälterin gerheiratet. Fürs "Herz" und sicherlich auch etwas tiefer hielt er sich eine, die die ein paar Städte weiter wohnte, wo er auch of geschäftlich zu tun hatte.


    Das waren eben Planstellen für die Frauen, (und alle anderen im Familienverband) die besetzt werden mussten, nach wirtschalftliche Interessen und den herkömmlichen Gebräuchen. Wenn auch sicherlich nicht mehr so zwingend wie vor 250 jahren in den bäuerlichen "Familien-Produktionsgensossenschaften", so doch noch sehr deutlich erkennbar.


    Insofern ist die "serielle Monogamie" heutiger Zeiten sicherlich eher ein menschlicher Fortschritt als ein beklagenswerter Sittenverfall. Das Traurige dabei ist, dass die Menschen sich mit diesem romantischen Liebesideal (man schaue nur mal einige x-beliebigen Filme, und wird sehen, wie virulent das Ideal noch ist) ganz ungeheur unter Druck setzten und letzlich unerfüllbaren Idealen nachhängen.

    @ noapostel

    Nee, das wäre mir zu lästig, mein Alter in den Nick zu nehmen, dann müsste ich den ja ständig wechseln. Ich bin 49 geboren, also ebenso alt wie die Bundesrepublik. Und die ist nicht mehr die Jüngste....

    Ich denke, das Aufbrechen von Liebesbeziehungen ist heute nicht schlimmer als früher. Was früher anders war ist die enge wirtschaftliche Symbiose, Noapostel hat es angedeutet. Wo früher eine Trennung undenkbar war, weil die Frau als Haushaltsführerin und Erzieherin der Kinder ihren festen Platz hatte, lässt sich eine Frau heute nicht mehr in diese Rolle hineinzwängen. Haushalt und Kindererziehung sind Gemeinschaftsaufgabe geworden, gleichzeitig hat die emanzipierte Frau eigene Vorstellungen von ihrem Leben als Berufstätige. Beide, Mann und Frau sind rein wirtschaftlich aus dieser Symbiose emanzipiert und selbständiger geworden, so dass eine Trennung überhaupt erstmal möglich geworden ist. Früher ging man fremd, hielt sich eine Affäre warm, heute trennt man sich eben früher. Letztlich ist es ja eigentlich positiv, dass man nicht aus irgendwelchen Zwängen heraus bei einem Menschen bleiben muss, der einem fremd geworden ist.


    Die große Liebe, die ewig hält mag es immer noch geben, die Paare speziell mit Kindern, die sich so organisiert haben, dass eine Trennung die große Katastrophe wäre, gibt es auch noch reichlich. Aber es ist nicht mehr der einzige Weg.

    Ich danke euch erstmal für die vielen Antworten :-)


    Teil haben ich ein schlechtes Gewissen, nicht alles beantworten zu können - aber das meiste sind ja nun auch einfach eure Sichtweisen, die auch nicht richtig oder falsch sind und die ich nur (alle!) mit großem Interesse lese, ohne dass sie einer Antwort bedürften.


    Nur eine Frage wurde mir gestellt: Comran, ich gehöre deiner Generation an. Wir liegen nur wenige Jahre auseinander, wenn überhaupt.


    Beim Lesen all der vielen Antworten scheint mir jedenfalls, dass die Welt nicht so schwarz/weiß (früher so, heute so...) ist, wie ich dachte. Die individuellen Unterschiede von Person zu Person sind vielleicht größer als die Unterschiede zwischen den Generationen.


    Eines, was mehrfach gesagt wurde, will ich gerne unterstützen: Man kann heute viel mehr leben, wie man will, und ist weniger gesellschaftlichen Zwängen unterworfen. Und ja, das ist natürlich gut so.

    @ Oldie49 - na,

    da liegen wir ja altersmäßig recht nahe beieinander.


    Aber noch zum Thema: Vor ein paar Jahren bin ich zu der Erkenntnis gekommen: Eigentlich hätte ich auch bei der Ersten bleiben können (oder sie bei mir). Nun ja, der Kick des Neuverliebens - aber sonst? Man bleibt ja selber der gleiche, jedenfalls in Grundzügen, und wählt immer wieder ähnliche Partner (oder wird gewählt) - auch in Grundzügen. Hingegen kommen manche, die gar zu früh und oft wechseln, gar nicht erst zu gewissen, sehr wertvollen Erfahrungen, die nur eine längere vertraute Partnerschaft bieten kann. Ewig Flitterwochen - das hielte ja kein Mensch aus.


    Im übrigen sehe ich den Titel dieses Threads durchaus als etwas zynisch an, so wie "geplante Obsoleszenz" von Industriegütern. Für mich ein Hinweis darauf, wie die Geld- und Warenwelt, sozusagen als unüberwindliche und allesbestimmende Ideologie, auch in der Welt der Liebes- und Partnerbeziehungen die Maßstäbe vorgibt. Obwohl diese doch gerade als Gegenmodell dazu stellen sollte!? Oder wäre das auch wieder eine Überforderung?

    Zitat

    Und diese drei Formen "Partnerschaft, Leidenschaft und Freundschaft" sollen dann auch noch lebenslang mit einem einzigen Partner funktionieren. Nicht weil man das miteinander erreichen möchte, sondern weil es als "normal" erwartet wird.

    Naja, wer ein wenig reflektiert ist, kann es eigentlich nicht für normal halten! :=o Dazu ist es einfach zu offensichtlich wie selten das wirklich ist.


    Je mehr einem bewusst ist, dass das eine alles andere als triviale Aufgabe ist, die man da zu erreichen versucht, desto höher die Ergolgschancen. :-)


    Ich glaube außerdem, dass sich die Leute darin unterscheiden, wie sehr sie auf den Reiz des Fremden bzw. des Gegensatzes anspringen. Für Leute, die für Leidenschaft Gegensätze brauchen ist es sicher schwerer eine dauerhafte Liebesbeziehung zu leben, als für solche, die sich von ähnlichen/kompatiblen Charakteren angezogen fühlen.

    Zitat

    Insofern ist die "serielle Monogamie" heutiger Zeiten sicherlich eher ein menschlicher Fortschritt als ein beklagenswerter Sittenverfall.

    So sehe ich das auch. :)z


    Wenn ich in eine Welt ganz ohne heimliches Fremdgehen und Betrug umziehen könnte, würde ich das sofort machen. ;-D

    Zitat

    Im übrigen sehe ich den Titel dieses Threads durchaus als etwas zynisch an, so wie "geplante Obsoleszenz" von Industriegütern.

    Lol, ja, ich hätte das auch "geplante Obsoleszenz von Liebesbeziehungen" nenen können.


    Aber, auch wenn ich die Häufigkeit von sowas in der jungen Generation vielleicht überschätzt habe: Dass es das gibt, ist wohl ziemlich eindeutig. Und dann muss ich es auch entsprechend bezeichnen können.


    Den Zusammenhang zur Warenwelt habe ich gar nicht gesehen, als ich den Thread startete. Aber man kann ihn vielleicht nicht von der Hand weisen. Es meinten ja auch schon andere: Heute muss alle zwei Jahre ein neues Handy her, alle paar Jahre ein neues Auto, immer höher, schneller, weiter, besser... da muss vielleicht auch der Partner alle paar Jahre mal ausgetauscht werden?


    So wie das moderne Konsumgut ja auch als "völlig wartungsfrei" gepriesen wird (ein reiner Euphemismus für: Wenn kaputt, dann kaputt. Reparieren kannste da nix mehr, nur neu kaufen). Ex und hopp ist die Devise.


    Ob im Liebesleben nun andere Maßstäbe gelten sollten, kannst du natürlich fragen. Vielleicht bist du zu alt, um zu verstehen, wie man so auch mit der Liebe umgehen kann. Vielleicht bin ich dafür auch zu alt.

    Zitat

    Und diese drei Formen "Partnerschaft, Leidenschaft und Freundschaft" sollen dann auch noch lebenslang mit einem einzigen Partner funktionieren. Nicht weil man das miteinander erreichen möchte, sondern weil es als "normal" erwartet wird.

    Naja, ich glaube, da gibt es noch zahlreiche Nuancen dazwischen. Liebe, Leidenschaft und Freundschaft in der Partnerschaft habe ich noch nie als "normal" erwartet- vielmehr finde ich sie schön und erhaltenswert- ähnlich wie ein schönes altes Möbelstück oder der Teddy aus Kindertagen. Manche Dinge müssen nicht langweilig werden, nur weil man sie schon lange hat- manche Dinge will man einfach behalten, weil sie immer noch sehr schön und außergewöhnlich sind, weil schöne Erinnerungen dran hängen, weil man sich daran gewöhnt hat. Und ja, manche gute Gewohnheiten schätze ich sehr, schlechte Gewohnheiten möchte ich dagegen schnell loswerden.


    Und Harmonie entsteht nicht dadurch, indem man Probleme oder Streitfragen unterdrückt, sondern indem man das kommuniziert- und ja, da können mitunter zum Beginn der Auseinandersetzung die Positionen sehr verschieden sein- das habe ich in meiner Partnerschaft auch heute noch- und wir sind beide ziemliche Sturköppe- das heißt, bei uns können Auseinandersetzungen mitunter auch heftiger sein (nein, da fliegen keine Teller durch die Luft, aber viele Worte) und man muss mit seinen Argumenten schon ziemlich überzeugend sein. Irgendwo trifft man sich dann irgendwann- das ist dann wie eine schöne Erlösung- Harmonie erzielt man meines Erachtens nicht dadurch, indem man Probleme unter den Tisch kehrt oder sie nicht anspricht- das halte ich vielmehr für eine Pseudoharmonie- da sieht es nur nach außen für jeden einzelnen Partner harmonisch aus, weil Probleme ja nicht angesprochen werden. Da brodelt es aber durchaus im Inneren und endet irgendwann im Frust an der Beziehung. Irgendwann ist so eine Situation nicht mehr auszuhalten. Da der Frust lange aufgestaut wurde, lässt sich das auch irgendwann kaum noch kitten- auch nicht mehr mit Streitgespräch- unterdrückte Leidenschaft kehrt sich in Ablehnung für den Partner. Und ja, Langeweile in einer Beziehung schaffen sich die Partner immer selbst- oft beginnt das damit, wenn man keine besonderen gemeinsamen Ziele mehr hat, wenn es keine Überraschungen im Leben mehr gibt (damit meine ich nicht irgendwelche materiellen Geschenke), wenn man weitgehend nur noch wie ein Uhrwerk funktioniert.


    Mensch kann sich Abwechslung aktiv durch eigenes Handeln selbst verschaffen oder er kann sie sich von außerhalb, durch andere Menschen passiv "erwerben". Abwechslung wird dann verschafft.