Habe ich zu wenig Verständnis für meinen Freund?

    Hallo allerseits,


    ich befinde mich in einem ständigen Konflikt mit mir selbst. Ich bin 24, mein Freund ist 29 Jahre alt. Ich bin in den Endzügen des Studiums, er hat vor einem Jahr wieder an der Uni angefangen, um zu promovieren. Nun ist es so, dass ihn das auf jeden Fall erfüllt & er sich total reinhängt, um nebenbei in dem Bereich was selbstständiges aufzubauen. Wenn ich nicht stresse, kommt er vielleicht um 23 Uhr aus dem Büro heim.


    Bloß: Ich finde das zu heftig. Tagsüber ist er wenig erreichbar, um gute Absprachen zu treffen. Antworten lassen ewig auf sich warten, sodass ich abends oft in der Luft hänge. Teilweise sagt er, er sei unterwegs, bleibt aber doch im Büro hängen und es dauert dann noch zwei Stunden länger, womit ich natürlich nicht rechne.


    Damit mich das nicht so aufreibt, plane ich ihn jetzt weniger in mein Leben ein. Wir leben in einer gemeinsamen Wohnung seit 2 Jahren. Aber das ganze führt für mich eher dazu, dass ich mich emotional von ihm entferne.


    Er sagt immer, ich könne das einfach nicht nachvollziehen, weil ich derartigen Stress (den er sich ja zum Teil selbst macht) noch nie hatte. Deshalb denke ich oft, vielleicht werde ich mal bereuen, dass ich jetzt so fordernd bin, weil ich einfach die Lage nicht nachvollziehen kann. Andererseits gibt es wohl genug erfolgreiche Leute, die beides unter einen Hut bringen. Wenn er sich entscheiden muss, lässt er Arbeit liegen oder mich, dann bleibe zurzeit denke ich ich auf der Strecke. Aber zu einer gesunden Partnerschaft gehört ja auch, dass man sich nicht stressen muss, wenn der Partner mal für wichtige Dinge zurückstecken muss.


    Im Haushalt haben wir ebenso komplett verschiedene Maßstäbe, wobei er sich versucht, etwas anzupassen. Trotzdem fühle ich mich wie der schlechteste Mensch der Welt, wenn ich was verlange diesbezüglich. Er muss saugen und Bad oder Küche putzen. Daran ist unter der Woche nicht zu denken, aber am Wochenende bin ich eben die Dumme, weil ich ihm seine wenige Freizeit raube.


    Dreh und Angelpunkt ist eigentlich, dass ich partout nicht einschätzen kann, inwiefern er Recht hat, weil ich eben wirklich nicht nachvollziehen kann, wie das ist. Vielleicht verschieben sich meine Prioritäten später dann ebenso & ich bereue eben, wie ich mich gerade manchmal verhalte. Ich studiere eher leidenschaftslos und mache spätestens um 19 Uhr immer Feierabend. Mich nervt es, so viel zurückzustecken, aber ich finde mich dabei auch sehr egoistisch, weil ich es auch gut finde, dass er so engagiert und fokussiert ist. Gerade komme ich mir häufiger wie eine Bittstellerin vor, weil er sich gern zu 100% auf seine Projekte konzentrieren will & ich immer dazu komme und Zeit mit ihm verbringen will. Sicher liebt er mich noch, aber ich finde oft, er ist sich einfach zu sicher & fordert manchmal eben zu viel Verständnis ein. Wäre nicht so oft schon eine "stressige Phase" gewesen & wäre die 70 Stunden Woche nicht seit Monaten Normalität, könnte ich mal sehr gern Verständnis zeigen. Aber so ist es gerade ein endloser Kampf um seine Zeit. Wie seht ihr das so?

  • 45 Antworten

    Es ist oft ein Problem der Prioritätensetzung.


    Arbeit oder Leben (Liebe)?


    Selbstbezug oder Bezug zu anderen Personen?


    Übermäßige Arbeitszeiten sind für mich oft ein Zeichen von ineffizienter Arbeitsweise: Wer sich zuviel auf seine Arbeit stürzt, zuwenig entspannende Phasen hat, benötigt oft für die Arbeit wesentlich mehr Zeit als notwendig wäre- und das entwickelt sich zu einem Teufelskreis.


    Das menschliche Gehirn braucht Entspannungsphasen, gerade auch, um aufgenommene Informationen zu verarbeiten- viele Dinge müssen ansonsten deutlich häufiger wiederholt werden und die Fehlerquote wird wesentlich größer.


    Ein gutes Zeitmanagment wäre sinnvoll: Arbeitszeit und (geistige) Entspannungszeiten sollten in einem guten Verhältnis stehen.


    Für das wissenschaftliche Arbeiten ist das besonders wichtig (ich hatte noch "nebenbei" zwei kleine Kinder zu Hause und habe meinen Anteil an Hausarbeit und Kinderbetreuung trotzdem gerne erledigt- das geht also). Sowohl Hausarbeit, Kinderbetreuung und insbesondere die Zeit mit meiner Frau waren wertvolle Entspannungsphasen (manchmal kamen mir dabei sogar super Ideen)- so konnte ich mich am nächsten Tag hochmotiviert und gelassen wieder in die wissenschaftliche Arbeit stürzen ...

    Hast du dich denn mal in nem ruhigen Moment mit ihm hingesetzt und ihm ganz hart und konkret gesagt wie das alles für dich ist ?


    Verständnis und Kompromissbereitschaft ist keine Einbahnstraße, wenn er eure Beziehung fortführen will muss auch was von ihm kommen. Oder willst du jetzt bis zur Selbstaufgabe zurückstecken ? Wie lange ? Er will dann ja sicher "Karriere" machen, d.h. es würde die nächsten 5, 10 oder 12 Jahre nicht besser werden.

    Ein Teil der Zeit geht für die halbe Stelle am Lehrstuhl drauf, wobei er sich oft ärgert, dass diese eher ineffizient genutzt wird. Laut ihm sind die Abendstunden oder die am frühen Morgen die, in denen er sich gut konzentrieren kann, weil da einfach niemand mehr dort ist & stört. Er vertieft sich dann immer sehr & nimmt wenig um sich herum wahr.

    Zitat

    Hast du dich denn mal in nem ruhigen Moment mit ihm hingesetzt und ihm ganz hart und konkret gesagt wie das alles für dich ist ?

    Auf jeden Fall, schon oft.


    Dann heißt es aber eben, ich kann es nicht verstehen. Was das betrifft haben wir auch unterschiedliche Auffassungen. Er würde gern jetzt arbeiten wie wild & irgendwas aufbauen, das ihm später ein umso ruhigeres Leben ermöglicht. Ich sage aber eben auch immer, wenn das mal angelaufen ist, wenn ich bald auch voll arbeite, dann bleibt ja nichts mehr übrig. Man muss es meiner Meinung nach schaffen, kleine Inseln für die Partnerschaft irgendwie nebenbei besser zu erhalten. Mit ihm kann man gerade einfach nichts planen, seine Zeit ist komplett dafür geblockt.

    Übrigens heute wieder ein Klassiker: Er versucht pünktlich da zu sein, so 19 Uhr. Jetzt bekomme ich eine Mail, er ist noch im Telefonat, zwei Minuten später kommt sein Chef wieder. Da kann er dann scheinbar auch nicht weg. Ich kann unsere Abendpläne jetzt also in den Wind streichen. Der Chef scheint auch gern viel und lang zu reden, aber das sind eben die Punkte, die ich nicht einschätzen kann: Wär es jetzt nicht okay, zu sagen, dass man noch einen anderen Termin hat und keine Zeit mehr? Also, dem Chef. Nicht mir.

    Sicher wäre das ok. Er will aber das Gefühl haben das er "wichtig" ist und "gebraucht" wird. Es gibt mehr als genug Menschen die daraus ihr Selbstbewusstsein und ihren Wert ziehen das sie denken sie wären für die Firma unersetzbar.


    Wenn du ihm wirklich schon klar gemacht hast wie sehr er im Moment Mist baut (und das er eure Beziehung gefährdet) dann hast du eigentlich nur zwei Optionen: Mitmachen und zurückstecken oder auf Abstand zu ihm gehen.

    Ich bin teilweise wie dein Freund, ich habe auch 70 bis 80 Stunden Wochen, ist in meinem Job völlig normal. Würde mein Partner da dauerhaft dran rumnörgeln, wäre er die längste Zeit mein Partner gewesen, weil mich das dann noch mehr stressen würde und das ertrage ich dann wirklich nicht mehr.


    Mein Partner hat einen ganz normalen Job, der ihn nicht sonderlich ausfüllt, arbeitet aber noch nebenbei, weil das Geld nicht reicht und hat ein sehr zeitaufwendiges Hobby. Diesem widmet er sich voll und ganz, ich bin ja eh nicht da.


    Was wir allerdings haben sind fest vereinbarte "Paarzeiten". Da gehen wir z.B. alle 14 Tage einen Abend zusammen aus, zum Essen, danach zum Tanzen oder ähnliches.


    Zusätzlich haben wir Events, auf die wir gemeinsam fahren und die fest eingeplant sind und 2 gemeinsame Urlaube im Jahr, einen zuhause und einen, in dem wir zusammen wegfahren.


    Das alles ist auch mir sehr wichtig, sonst wären wir nicht seit bald 10 Jahren zusammen.


    So finktioniert das ziemlich gut.

    Zitat

    Er würde gern jetzt arbeiten wie wild & irgendwas aufbauen, das ihm später ein umso ruhigeres Leben ermöglicht

    Das Problem ist oft der illusorische Glaube, mit einem größeren Zeitaufwand verbessere sich die Qualität der Arbeit.


    Und man kann durchaus auch mit weniger zeitlichem Aufwand was aufbauen. Zudem bedeutet das Aufbauen nicht zwangsläufig, dass man später ein umso ruhigeres Leben führt. Das Gegenteil kann der Fall sein.


    Und man sollte sich im Leben auch immer vergegenwärtigen: was in Zukunft kommen wird, kann man sehr schlecht vorausplanen (im übelsten Fall kann eine Krankheit oder gar der Tod einen Strich durch die Rechnung machen). Deswegen würde ich ihm empfehlen, auch oder gerade in der Gegenwart- im Hier und Jetzt- sein Leben, seine Liebe, seine Freude nicht zu einseitig im Interesse der Arbeitswelt zu verpulvern. Das bedeutet noch lange nicht, seine wissenschaftliche Arbeit zu vernachlässigen.

    Die zwei entscheidenden Fragen sind doch wie lange sollst du da Rücksicht auf ihn nehmen. Wenn es auf dauer ist bzw. wir von Jahren sprechen, ist das auch kein wirkliches Rücksicht mehr darauf nehmen, sondern ein damit leben können und das ist dann die zweite Frage kannst du damit leben. Wäre das eine temporäre Sache, dann fände ich es schon so, dass du darauf Rücksicht nehmen solltest, wenn dir die Beziehung wichtig ist. Aber so klingt es nicht, wenn er erst vor einem jahr angefangen hat zu promovieren, dann ist es das genaue Gegenteil, dann wird es mindestens noch zwei Jahre dauern (dann wäre er sehr sehr schnell) rechne mal eher mit 4 und am Ende der Promotion wird es schlimmer nicht besser, die ersten 2 Jahre sind die lockere Zeit. By the way, ich finde es verrückt zu promovieren mit Stelle (bei der man normalerweise nicht fürs forschen bezahlt wird, das macht man dann in der anderen Hälfte der Zeit) und gleichzeitig noch eine Selbstständigkeit aufzubauen.


    Und er scheint ja auch gerne zu arbeiten, das wird auch nicht einfach aufhören. Ich schätze mal er tendiert zu der klassischen Verteilung, er arbeitet und du planst dein Leben um seines herum, kümmerst dich um die Kinder und den haushalt und alle soziale Sachen etc. und springst, wenn er mal Zeit hat. Die Frage ist, ob du das willst. Und je früher du dich da entscheidest, desto besser, da es nicht untypisch ist als Frau da irgendwie reinzurutschen. Plötzlich hast du 2 Kinder und nen workaholic und dann wird er dir sagen, dass du doch wußtest wie er ist und worauf du dich eingelassen hast.


    Damit will ich nicht sagen trenn dich sofort, aber wenn das Ganze nicht absehbar ist, also maximal ein Jahr eher weniger, dass es das besser hinkriegt, mehr Zeit für dich hat und vor allem verlässlicher ist bzw. er darauf nicht hinarbeitet hast du ein Problem. Also ich würde ihm das offen sagen, dass du da einen Plan willst und klar machst, dass du das nicht auf Dauer aushältst. Wenn er dann sagt ja aber so ist es, dann weißt du Bescheid. Eine Beziehung basiert auf Kompromisse von beiden Seiten und wenn es nicht passt dann passt es nicht.

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    Aber das ganze führt für mich eher dazu, dass ich mich emotional von ihm entferne.

    Ich denke das bei ihm irgendwann die Libido ein gutes Stück auf der Strecke bleibt wenn er sich ständig so überlastet. Dann wird die Beziehung vielleicht noch "entfernter". Das ist dann der Preis für die Karriere. Die "Werte" verschieben sich.

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    Tagsüber ist er wenig erreichbar, um gute Absprachen zu treffen. Antworten lassen ewig auf sich warten, sodass ich abends oft in der Luft hänge.

    Das lässt sich leicht lösen, indem du ihn tagsüber nicht mehr kontaktierst. Vereinbart morgens oder am Vorabend, ob er kommt oder nicht. Wenn er eine feste Uhrzeit zusagt, dann soll er sich melden, falls es später wird. Wenn er grundsätzlich keine feste Zusagen für den nächsten Tag machen kann, versucht zumindest feste Termine zu vereinbaren, z.B. Freitag pünktlich Feierabend machen oder x-mal die Woche gemeinsam in der Mensa essen.

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    Er sagt immer, ich könne das einfach nicht nachvollziehen, weil ich derartigen Stress (den er sich ja zum Teil selbst macht) noch nie hatte.

    Das ist ein Totschlagargument.

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    Daran ist unter der Woche nicht zu denken, aber am Wochenende bin ich eben die Dumme, weil ich ihm seine wenige Freizeit raube.

    Sagt er das oder empfindest du das so? Das ist doch eine Sache der Priorität. Wenn bekannt ist, welche Aufgaben er wöchentlich hat, kann er doch selbst entscheiden, wie er seine Zeit einteilt. Wenn er eine Stunde weniger arbeitet, kann er in der Zeit putzen, dann wird seine Freizeit nicht weniger. Den Schuh brauchst du dir nicht anziehen. Alternativ kann er ja eine Putzfrau einstellen, die seine Aufgaben übernimmt. Vielleicht ist ihm das lieber.

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    dass ich partout nicht einschätzen kann, inwiefern er Recht hat,

    Darum geht es mMn gar nicht. Er ist in einer Beziehung und wohnt mit dir zusammen, das erfordert einige Pflichten. Wenn ihr zusammen Absprachen trefft, muss er sich daran halten. Da kann er sich nicht einfach immer wieder mit Stress rausreden. Wenn er dich nicht Ernst nimmt, ist das ein klare Aussage, was er von eurer Beziehung bzw. dir hält.

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    Sicher liebt er mich noch, aber ich finde oft, er ist sich einfach zu sicher & fordert manchmal eben zu viel Verständnis ein. Wäre nicht so oft schon eine "stressige Phase" gewesen & wäre die 70 Stunden Woche nicht seit Monaten Normalität, könnte ich mal sehr gern Verständnis zeigen. Aber so ist es gerade ein endloser Kampf um seine Zeit. Wie seht ihr das so?

    Ich meine, er macht seinen Job. Er macht ihn so, wie er will. Das ist sein gutes Recht. Dafür braucht er kein Verständnis einzufordern.


    Wie würdest Du es finden, wenn er umgekehrt versuchen würde, Dir vorzuschreiben, wie Du Deinen Job zu machen hast?

    Mein Partner arbeitet auch viel und vergisst dabei nicht selten, dass eine gute Beziehung auch Arbeit und Aufwand bedeutet.


    Den Vorschlag mit fixen Paarzeiten kann ich nur unterstützen, das machen wir mittlerweile auch so. Es gibt bei uns jede Woche eine Date Night. Den Wochentag für die nächste Woche vereinbaren wir immer am Wochenende gemeinsam, so ist man flexibler. So sitzt man nicht doof in der Gegend herum, macht sich Hoffnungen und wird dann doch immer wieder enttäuscht. Diese ständige Enttäuschung ist Gift für eine Beziehung.


    Was ich dir noch empfehlen kann: Mach mal eine ganz klare Ansage! Ich habe meinem Partner alles in Ruhe, ohne Vorwürfe, erklärt und ihm klar gemacht, dass unsere Beziehung auch Aufmerksamkeit braucht, sonst wird sie verwelken. Ganz klar sagen, dass du sonst Konsequenzen ziehen wirst und dich dann aber auch an diese halten. Es muss ja nicht sofort Schluss machen sein.


    Ich habe bei mir teilweise auch schon emotionale Probleme bemerkt, als er unsere gemeinsame Zeit ständig für mehr Arbeitszeit gekürzt hat.

    Mein Partner promoviert ebenfalls und ich kann mich noch gut an die unterschiedlichen Arbeitszeit-Anforderungen in den Bewerbungsgesprächen der verschiedenen Unis erinnern. Im Normalfall muss die Promotion ja in der Freizeit erstellt werden. Daneben sagen einige Profs klipp und klar, dass man zwar nur einen Vertrag über x Stunden hat, aber man sich schon darauf einstellen kann, x+20 Stunden zu arbeiten - eben nur x Stunden bezahlt bekommt. Das war in den Gesprächen meines Freundes nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel. Da wären 60h pro Woche reine Arbeitszeit schon mal zusammengekommen, die Zeit für die Promotion ist da noch nicht eingerechnet und wäre noch on top gekommen. Ich habe das "Glück", dass er dieses Pensum selbst nicht wollte.


    Wie lange hat dein Freund diese Stelle schon und ist sie befristet? Also muss die Promotion beispielsweise innerhalb von 3 Jahren fertig gestellt werden? Ist er noch in der Anfangsphase oder gehts bereits in den Endspurt?