Ich-Botschaften

    Man liest immer wieder davon und mich würde interessieren, wie ihr das empfindet:


    Macht es für euch wirklich einen Unterschied, ob jemand zu euch sagt "Du benimmst dich unmöglich" oder "Ich finde, du benimmst dich unmöglich"?


    Oder


    "Immer lässt du alles liegen" / "Es stört mich, dass du immer alles liegen lässt"


    ???


    Vielleicht habt ihr mal ein paar Beispiele von gelungenen ICH-Botschaften für mich, weil ich ehrlich nicht kapiere, dass es in der Kommunikation einen so wesentlichen Unterschied machen soll. Vielleicht missverstehe ich das ganze Gerede aber auch schon immer und es ist etwas ganz anderes gemeint.


    Freue mich über Beispiele aus der Praxis!

  • 52 Antworten

    Ich finde Ich-Botschaften auch oft gar nicht so einfach, wie es immer dargestellt wird - die Beispiele von dir sind ja im Grunde tatsächlich ziemlicher Murks, weil die Ich-Botschaft genau denselben Vorwurf enthält.

    Zitat

    "Immer lässt du alles liegen" / "Es stört mich, dass du immer alles liegen lässt"

    Stattdessen wäre "Es stört mich, wenn hier Dinge herum liegen, weil ... (..ich mir so viel Mühe mit dem Aufräumen gegeben habe und ich dadurch das Gefühle habe, es wird nicht wertgeschätzt.)" wohl besser.


    Das "Du" muss da irgendwie raus, der Bezug auf die eigene Person soll die Kernaussage darstellen. Und ja, ich denke schon dass das einen großen Unterschied macht!

    Aus meiner Sicht macht es schon einen massivem Unterschied. Und zwar nicht nur grammatikalisch.


    Wenn du sagst " Dies und dies ruft jenes bei mir hervor", dann machst du erstmal eine Aussage über dich. Du sprichst außerdem über Gefühle, machst also vpn Anfang an klar, dass es nicht um objektive Wahrheiten geht. Sondern du möchtest dich über etwas unterhalten. Du lässt dem anderen "Platz" in der Unterhaltung. Der Angesprochene kann einsteigen in den das Gesprächsfeld. Er kann sagen, wie er die Sache sieht (immerhin wurde von Anfang an klar gemacht, dass es hier nicht aussließlich um eine Sachdiskussion geht).


    Das ist was ganz anderes als wenn man sagt "Du machst immer XY". Der andere ist sofort in eine Defensivposition. Die Satzstruktur tarnt sich als Tatsachenbeschreibung (ob korrekt oder nicht ist ja erstmal egal). Es ist ein direkter Angriff auf den anderen, ein Vorwurf. Die natürliche Reaktion auf so etwas ist, den Angriff zu spüren und zu versuchen, sich zu wehren. Außerdem konzentriert man sich dabei dann gerne auf den Sachaspekt, der häufig in Beziehungen, in denen solche Sätze wichtig sind, eine untergeordnete Rolle spielt. Man muss schon sehr geübt und kontrolliert sein, um in soeiner Situation nicht mit Aggressivität auf die Aggresivität zu reagieren.


    Ausnahme dabei ist natürlich ein Satz der Form "Ich finde, <was auch immer>". Da ist zwar objektiv betrachtet ein "Ich" enthalten. In der Form geht es am aber Sinn der Übung vorbei, weil man danach immer noch "du bist scheiße" einsetzen. Die Idee ist, wirklich Aussagen über sich selbst zu formulieren, weil es dem Gegenüber dann viel leichter fälllt, einzusteigen.

    Du hasrt selbst schon ganz interessante Beispiele geliefert:

    Zitat

    "Du benimmst dich unmöglich"

    vs.

    Zitat

    "Ich finde, du benimmst dich unmöglich"?

    Da sehe ich es wie du, das "Ich finde" macht praktisch keinen Unterschied, weil trotzdem ein Vorwurf formuliert wird. Stell dir vor, jemand sagt einen der beiden Sätze zu dir. Wie fühlst du dich dann? Wie viel Lust hast du dann noch, friedlich darüber zu reden?


    Man kann einen sanfteren Gesprächseinstieg finden, wenn man zum Beispiel sagt.

    Zitat

    Es ist mir peinlich, wenn du XY tust

    Wenn es denn das war. Das ist der Trick bei der ganzen Sache: Du musst in dich selbst hören: Warum stört mich dieses Benehmen? Fühle ich Respektlosigkeit? Werden meine Normen verletzt? Das ganze ist nicht nur für den anderen, es ist auch für dich. So kannst du nämlich viel an eine Klärung des Problems gehen.

    Zitat

    Immer lässt du alles liegen

    / "Es stört mich, dass du immer alles liegen lässt"


    Schon besser. Noch besser:

    Zitat

    Ich hätte gerne ein bisschen mehr Ordnung bei den <was auch immer herum liegt

    Wenn ich jetzt mal von MrsHides Vorschlag ausgehe: Klar, macht einen riesen Unterschied!

    Zitat

    "Immer lässt du alles liegen"

    ist (gefühlt) ein Angriff auf meine Person, auf meine Art, meinen Charakter, meine Lebensweise. Das heißt, es trifft mich als Mensch, d.h. bedeutet für mich zu einem gewissen Grad "Du machst alles falsch/scheiße/wasauchimmer". Ich fühle mich angegriffen, ich werde wütend, blockiere, mache zu, trage nicht mehr (gerne) zur Lösung bei.


    Wenn du mir mit

    Zitat

    "Es stört mich, wenn hier Dinge herum liegen, weil ... (..ich mir so viel Mühe mit dem Aufräumen gegeben habe und ich dadurch das Gefühle habe, es wird nicht wertgeschätzt.)"

    kommst, ist das kein Vorwurf und kein Angriff, sondern ein Hinweis. Ich fühle mich nicht angegriffen, nicht minderwertig, sondern sehe, dass da ein Problem vorliegt, zu dessen Lösung ich beitragen könnte und über das man reden kann. Ich bleibe offen, kann Verständnis für dich aufbringen und kooperiere.

    Beim Durchsehen ist mir aufgefallen, dass ich nicht genügend Mühe in die Rechtschreibung investiert habe. Deswegen etwas, dass ich eben sehr wirr getippt habe, nochmal etwas lesbarer:


    Der Trick der Ich-Botschaft ist nicht, einen Vorwurf grammatikalisch korrekt in einen Satz mit "ich" einzubauen. Stattdessen versucht man, tatsächlich eine Aussage über sich selbst zu treffen. Seine eigenen Gefühle zu artikulieren. Das bringt diese zwei drei Vorteile:


    1. Das Gegenüber hat "Luft" um sich offen auf das Thema einzulassen, anstatt (wie andere ja auch schon erwähnten) von Anfang "vor Gericht" zu stehen. Man bereitet den Boden, um sich konstruktiv über gemeinsame oder unterschiedliche Vorstellungen zu diskutieren.


    2. Man kommt näher in Verbindung mit seinen Gefühlen. Wir werden immer von Gefühlen angetrieben. Selbst wenn wir fest davon überzeugt sind, jetzt gerade eine Sachdiskussion zu führen, ist der eigentliche Grund häufig ein anderer. Wenn Wut auf den Partner das Hauptgefühl wäre, wäre ich (hoffentlich nicht mehr bei ihm/ihr). Eigentlich habe ich das Gefühl, ich mache viel mehr sauber und fühle mich ausgenutzt.


    3. Dass man selbst näher an seinen Gefühlen ist, bringt die gesamte Diskussion viel näher in die Richtung einer Lösung. Es ist mir zu unordentlich. Okay. Die wichtigsten Themen in einer Beziheung sind Sex, Geld, Ordnung und Kinder. Es ist praktisch unmöglich, dass zwei Partner überall die selben Vorstellungen haben. Wie ordentlich muss es sein, damit ich persönlich leben kann. Wo ist dein Maximum Partner? Hmm ich selbst, wo ist eigentlich mein Minimum. Kann man das irgendwie zusammen bringen? Die Art der Diskussion ist viel konstruktiver und hat gute Chancen, die Probleme tatsächlich zu lösen.


    Bei Vorwürfen sind die wahrscheinlichsten Reaktionen


    1. Diskussion ob der andere jetzt letzte Woche die Unterhose hat liegen lassen oder nicht. (Oder irgendwas in der Form)


    2. Flucht nach vorne: "Immerhin mache ich nicht <Unzufriedenheit des Partners einsetzen>"


    3. Weggehen, Drohen Schluss zu machen etc.


    4. Reaktion verweigern, nichts sagen, leise Grummeln

    Das was Du als Beispiel nennst, sind keine Ich -Botschaften, sie enthalten die gleiche Anklage wie vorher. Du-Botschaften bestehen oft aus Vorwürfen, die als Tatsache dargestellt werden und das Gegenüber an die Wand stellen. Das tust Du auch, wenn Du sagst, "es stört mich, dass du...". Besser ist "Ich fühle mich unwohl, wenn es unordentlich ist und ich wünsche mir, dass wir daran arbeiten. " Der Unterschied ist, dass Dein Partner nicht direkt beschuldigt wird und konstruktiv an einer Lösung arbeiten kann.


    Es braucht anfangs eine Menge Übung, wirklich auch negative Dinge möglichst wertfrei auszudrücken. Je mehr Du es praktizierst, umso mehr werden Dir die Aggression und Schuldzuweisung in den Du-Botschaften anderer auffallen. Wirklich gute Konfliktlösungen sind mit Ich-Botschaften wesentlich einfacher.

    zum unterschied zwischen vorwürfen und ich-botschaften (wünsche, das formulieren, was einem selber wichtig ist), ist ja schon genug gesagt ;-)


    was ich für mich gemerkt habe, dass es durchaus aber auch manchmal situationen gibt, wo diese ich-botschaften einfach nicht passen, bzw. authentisch sind... da wirken die eher als "problemkerzenorienteriertses sozialpädagogen-geschwurbel" kontraproduktiv ;-D


    auch, wenn ich das recht gut drauf habe, muss manchmal ein direktes "du regst mich soooo auf, weil du immer... machst" raus |-o

    Zitat

    was ich für mich gemerkt habe, dass es durchaus aber auch manchmal situationen gibt, wo diese ich-botschaften einfach nicht passen, bzw. authentisch sind... da wirken die eher als "problemkerzenorienteriertses sozialpädagogen-geschwurbel" kontraproduktiv ;-D

    Das stimmt sicher. Ich habe letztens zB anderswo von einem Paar gelesen, das regelmäßig Metagespräche führt. Da habe ich beim Lesen ungefähr das von dir oben beschriebene empfunden ;-D


    Ich denke dennoch, dass es Sinn machen kann sich über Kommunikation zu informieren und auch verschiedene Strategien mal zu "üben". Das muss ja nicht mal unspaßig sein, wenn man das möchte.


    Man kann zB das kontroverse Thema XY nehmen. Beide Beteiligten nehmen unterschiedliche Standpunkte ein (die nicht notwendigerweise mit der eigenen Meinung deckungsgleich sein müssen) und bemüht sich dann man die Diskussion vorwurfsfrei auszutragen.


    In meiner Beziehung hat sich das tatsächlich mal aus einer Blödelei entwickelt, mein Partner war der Meinung, dass Thema XY nicht ohne Vorwüfe auszudiskutieren wäre. War es dann aber doch ;-D Und ich denke, sowas kann generell auch stärker machen. Das Wissen darum, wie Kommunikation funktionieren kann.


    Dazu gehören meiner Meinung nach aber nicht nur schön formulierte Ich-Botschaften, sondern auch, dass einem mal die Hutschnur platzt ;-D

    Was ist eigentlich mit dir, Threaderstellerin? Lebst du noch? Waren die Beiträge irgendwie hilfreich?


    Jedenfalls lerne ich auch noch was in diesem Thema ..


    Ich bin mit meiner Partnerin tatsächlich auf der Ebene, wo beide versuchen, bei kontroversen Themen (nach 10 Jahren hat man schon eine Ahnung, wo das Minenfeld anfängt) tatsächlich möglichst immer die Ich-Botschaften zu benutzen. Wir haben tatsächlich auch ab und an "Metagespräche". Richtiges Zanken und einfach mal Auskotzen ist extrem selten. Ob es jetzt ZU selten ist ... darüber denke ich zumindest mal nach :).

    Zitat

    Jedenfalls lerne ich auch noch was in diesem Thema ..

    Ich lerne da auch noch, und von mir aus können wir auch ohne die TE darüber diskutieren, wenn sie sich nicht mehr meldet.


    Also ganz grundsätzlich bin ich ein Befürworter von Ich-Botschaften. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, Ich-Botschaften werden häufig nicht so verstanden. Oder man könnte auch sagen, letztlich entscheidet der Zuhörer, was eine Ich-Botschaft ist.


    Darin sehe ich eine Schwierigkeit von Ich-Botschaften in der Praxis.

    Zitat

    Aber ich habe die Erfahrung gemacht, Ich-Botschaften werden häufig nicht so verstanden. Oder man könnte auch sagen, letztlich entscheidet der Zuhörer, was eine Ich-Botschaft ist.

    Magst du mal Beispiele bringen? Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen wie gewaltfreie Kommunikation mit Ich-Botschaften krass missverstanden werden kann?

    Zitat

    Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen wie gewaltfreie Kommunikation mit Ich-Botschaften krass missverstanden werden kann?

    Ich kann es mir ehrlich gesagt auch nicht vorstellen, und ich verstehe es nicht.


    Es ist meine praktische Erfahrung mit konkreten Gesprächssituationen, wo sich hinterher nicht mehr sagen lässt, wer jetzt genau was gesagt hat.

    Zitat

    Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen wie gewaltfreie Kommunikation mit Ich-Botschaften krass missverstanden werden kann?

    In der falschen Situation vielleicht. Eine der Annahmen ist ja, dass beide Beteiligten sich nichts böses wollen (Beziehungen, Kollegen, Freunde). Wenn jemand aber tatsächlich darauf aus ist, zu Zerstören, liefert man demjenigen natürlich Munition.


    Oder man hat eben doch nicht gewaltfrei kommuniziert. Manchmal passiert einem eben doch "Ich denke, was du gerade gesagt hast hört sich dumm an." Man wollte eigentlich wirklich in die gute Riochtung aber in der Mitte des Satzes bricht der Ärger doch durch o:)

    Zitat

    Oder man könnte auch sagen, letztlich entscheidet der Zuhörer, was eine Ich-Botschaft ist.

    Das ist ein guter Hinweis! Meiner Meinung nach ist es so, dass man als wohlwollender Zuhörer auch die Ich-Botschaft in einem Du-Satz hören kann. :)z


    Das Wichtigste ist meiner Meinung nach, dass beide das Konzept der Ich-Botschaft verstanden und verinnerlicht haben. Wenn man das "Ich" hinter dem "Du" hören kann, dann wird man sich m.E. auch von einer Du-Aussage nicht gleich fürchterlich angegriffen fühlen.

    Zitat

    Wenn man das "Ich" hinter dem "Du" hören kann, dann wird man sich m.E. auch von einer Du-Aussage nicht gleich fürchterlich angegriffen fühlen.

    :)z zumal ja ein simples "ich" am satzanfang noch lange nicht heißt, dass eine ich-botschaft folgt ;-)

    Nachtrag:


    Das Ganze funktioniert natürlich auch in die Gegegenrichtung: Ich-Botschaften werden vom Zuhörer als Du-Botschaften entschlüsselt (mit oder ohne Übersetzungsfehler). Es ist sehr leicht, einen Vorwurf zu hören, der gramatikalisch (und vielleicht sogar gedanklich) gar nicht da war.


    Ich-Botschaften sind daher keine Garantie, dass sich niemand angegriffen fühlt. Sie senken nur die Wahrscheinlichkeit.

    Avwa

    Zitat

    Macht es für euch wirklich einen Unterschied, ob jemand zu euch sagt "Du benimmst dich unmöglich" oder "Ich finde, du benimmst dich unmöglich"?

    Das nicht, aber das ist auch keine Ich-Botschaft, wie es gemeint ist. Eine Ich-Botschaft enthält, wie es mir geht und nicht, wie ich andere beurteile. Meiner Ansicht nach sind das beide Male Du-Botschaften und sehr oft werden Du-Botschaften als Angriff aufgefasst.


    https://www.google.at/?gws_rd=ssl#q=wie+formuliere+ich+Ich-botschaften


    Eines der Beispiele auf einer dieser Seiten:


    Du-Botschaften


    "Ständig schaust du in dein Handy! Das frustriert mich sehr, weil ich deine Aufmerksamkeit nicht erhalte. Höre mir doch mal zu!"


    Ich-Botschaften


    "Ich sehe du schaust gerade in dein Handy. Das macht mich traurig, weil ich dir etwas wichtiges erzählen möchte und ich mir dafür deine Aufmerksamkeit wünsche."


    Beobachtung: Ich sehe du schaust gerade in dein Handy.


    Gefühl: Das macht mich traurig,….


    Bedürfnis:… weil ich dir etwas wichtiges erzählen möchte


    Wunsch:… ich mir dafür deine Aufmerksamkeit wünsche


    Aber es gibt auch hier einen Faden:


    Übungsgruppe zur gewaltfreien Kommunikation: Wer mag mitmachen?


    http://www.med1.de/Forum/Psychologie/625453/


    der ohne weiteres aufgefrischt werden kann.

    Zitat

    Macht es für euch wirklich einen Unterschied, ob jemand zu euch sagt "Du benimmst dich unmöglich" oder "Ich finde, du benimmst dich unmöglich"?

    Nein. Ich übersetze mir das soundso von der einen in die andere Aussage.

    Zitat

    was ich für mich gemerkt habe, dass es durchaus aber auch manchmal situationen gibt, wo diese ich-botschaften einfach nicht passen, bzw. authentisch sind... da wirken die eher als "problemkerzenorienteriertses sozialpädagogen-geschwurbel" kontraproduktiv ;-D

    Ganz genau. Sowas ist typisches Seminargedöns.

    Zitat

    "Ich fühle mich unwohl, wenn es unordentlich ist und ich wünsche mir, dass wir daran arbeiten. "

    Am Besten noch mit dem Zusatz: Ist das OK für dich? ;-D


    Solche "Botschaften" schreien geradezu nach einem: "Dann räum doch auf, wenn du dich danach besser fühlst. Dann ist uns beiden geholfen. Win Win." ]:D