Kontakt mit Oma - schwierig!

    Moinmoin!


    Nun, heute gehts um meine Oma. Sie ist ist der einzige noch überlebende GRoßelternanteil, 85 Jahre und körperlich total fitt. Sie lebt mit meinen Eltern zusammen und ist nachbarschaftlich gut angeschlossen, also nicht einsam. Bringt sich auch viel ein (Kirchenarbeit, Hobbygärtnerin usw).


    Der Kontakt mit ihr gestaltet sich aber etwas schwierig. Das Problem ist, dass seit jeher sich jeder bei Oma melden muss. Nicht aber umgekehrt. Sobald sich dann jemand mal 3 Wochen nicht meldet, ist Oma eingeschnappt. Selbst wenn man vor 3 Wochen noch brav regelmäßig zum Kaffeetrinken kam.


    Die Besuche bei Oma gestalten sich sehr langweilig. Oma ist furchtbar wortkarg. Auch hier geht sie nicht auf die anderen zu. Man muss selbst ein Gespräch beginnen. Also stelle ich viele Fragen, erzähle von mir, frage sie, was sie so macht, versuche mich über Sachen von früher zu unterhalten....Fehlanzeige. Es kommt nur: Ja, Aha. Aha, ja...Ja. Oder nicken.


    Kurzum: Langsam nervt es mich an, zumal ich alle 2 Wochen 74 km fahre, um sie zu besuchen (bin beruflich in ner heißen Phase und habe eigentlich auch Wochenendarbeit). Es kommt einfach nichts. Am Telefon ist es genau so schlimm. Nach ca. 1 Minute kommt gar nichts mehr.


    Meinen Eltern ist das Problem auch schon aufgefallen. Man redet nicht mehr viel miteinander.


    Wenn ich mich nicht melde, würde Oma sich gar nicht bei mir melden! Obwohl sie andersherum erwartet, dass ich mich brav melde.


    Mal ehrlich, ist das normal?


    Bei meiner Freundin ist das anders. Da ist die Kontaktaufnahme ausgeglichen. Mal die Oma, mal meine Freundin. Ihre 89jährige Oma verwendet sogar Whatsapp (obwohl sie es hasst, aber da muss man durch, meint sie, weil man so ja leichter Kontakt haben kann). Mit der fällt das Reden auch sehr leicht.


    Ich stecke in dem moralischen Dilemma, dass ich die Art Kontakt zu Oma nicht wirklich mag, aber andersherum sie auch nicht kränken oder vernachlässigen will.


    Ich habe mir überlegt, künftig Briefe an Oma zu schreiben statt anzurufen, zumal ich da etwas mehr ausholen kann, ich kann z.B. auch Bilder mitschicken. Wohlwissend, dass von Oma eh kein Kommentar dazu kommen wird!


    Findet ihr das als Kompromiss ok?

  • 16 Antworten

    Ich finde, du solltest dich von deiner Oma nicht emotional erpressen lassen. Pflichtgefühl hin- oder her. Ich finde es nicht normal, dass der eine Part sich gar nicht meldet. Es ist hier nicht anders als bei Freunden oder Eltern: Diese Beziehungen könnten auch nicht überleben, wenn nur eine Seite Kontakt aufnimmt.


    Wenn der Kontakt komplett abreißen würde, wenn du dich nicht meldest, dann hat deine Oma gewaltig was nicht verstanden. Oder ist so stolz und starr in ihren Vorstellungen, dass das leider völlig an der Realität vorbei ist.


    Ehrlich gesagt, von mir käme da nichts mehr. Sehe einfach nicht, was es nützen soll.

    Hallo guter rat ist teuer

    Ich finde, Du machst es sehr gut und gibst Dir viel Mühe.


    Deine Idee statt hinzufahren einen Brief zu schreiben ist super. Den kannst Du schreiben, wann es Dir gut passt und es benötigt in etwa die Zeit um 74km mit dem Auto zu fahren.


    Probiere es aus, schreibe mal die ersten drei bis fünf Briefe und dann warte ab was geschieht.


    Klappt es so besser mit dem Kontakt, dann passt es!


    Klappt es nicht, dann besuchst Du die Oma halt weniger öfter oder der Kontakt schläft völlig ein.


    Viel Erfolg und "Hut ab" vor Deinem guten Willen!


    Liebe Grüsse

    Bei uns läuft das ähnlich. Ich kann mich nicht errinern, dass meine Oma sich jemals bei mir gemeldet hätte. Ich bin mir sogar fast sicher, dass sie weder meine Telefonnummer hat noch genau weiß, wo ich eigentlich wohne. Wenn ich Geburtstag habe, erwartet sie, dass ich zur ihr fahre und dort mein Geschenk abhole.


    Sie lebt ebenfalls im selben Haus wie meine Eltern und wenn ich es mal wage, erstmal zwei Stunden mit meinen Eltern zu reden bevor ich zur ihr gehe, wenn ich zu Besuch bin, ist sie schon tödlichst beleidigt. Und wenn man dann bei ihr ist, bekommt man nur Vorwürfe zu hören oder ich werde über meine Schwester ausgefragt. Ist allerdings umgekehrt genauso, wenn meine Schwester oder meine Cousinen/mein Cousin hingehen. Die guten Enkel sind immer die, die gerade nicht anwesend sind.??und wenn alle da sind, werden plötzlich die Enkel ihrer Schwester in den Himmel gelobt...??


    Ich kenne das nicht anders und hab mich da viele Jahre drüber geärgert. Mittlerweile ist es mir egal.


    Meine Oma ist einfach ein schwieriger Mensch, wir haben alle in der Familie so unsere Probleme mit ihr. Aber sie ist mittlerweile fast 94 Jahre alt und wir werden sie nicht mehr ändern. Also nehmen wie sie einfach zähneknirschend hin.


    Diese regelmäßigen "Zwangsbesuche" würde ich an deiner Stelle aber einstellen. Sage ihr klar, dass du dafür keine Zeit hast und ihr stattdessen gerne regelmäßig einen Brief schreibst oder sie anrufst. Lass dich nicht emotional von ihr erpressen.


    Ich habe mittlerweile gelernt, dass die Vowürfe so oder so kommen. Egal wie oft ich erscheine oder mich melde. Deshalb entscheide ich selbst, wie viel Kontakt ich möchte und meine Großmutter muss damit leben.

    Oh das ist ein interessantes Thema.


    Also erstemal lieber TE, das mit dem Brief ist wirklich eine tolle Idee, gerade bei der wortkargen Oma. Da freut sie sich bestimmt und kann wiederum nicht sauer auf dich sein, dass du dich nicht meldest.


    Mir ergeht es persönlich so ähnlich wie Liverpool.


    Sie ruft mich nur zum Geburtstag an, und mein Geschenk soll ich mir auch selbst abholen kommen. (Der Grund dafür liegt darin, dass ich gezwungen bin, bei ihr vorbei zu fahren). Wenn ich meine Eltern besuche und sie erfährt das und ich habe nicht sie besucht, dann gibt es im Nachhinein auch Theater und sie nervt meine Eltern damit. Sie ist erst 75, voll fit, fährt sogar noch Auto, geht zum schwimmen und schafft es nicht, mich mal anzurufen. Wenn meine Schwester bei ihr war, regt sich Oma bei ihr auf, dass ich mich nicht melden würde. Umgekehrt ist das auch der Fall.


    Ich kann da sehr gut nachvollziehen wie du dich fühlst, lieber TE. Ich hoffe sehr für dich, dass der Kontakt dadurch wieder besser wird. :)_

    Kann es nicht auch sein, dass die älteren Leute (und wer nun neunzig ist, war ja vor zwanzig-dreissig Jahren auch schon nicht mehr ganz jung) überfordert sind, mit so vielen verschiedenen Menschen Kontakt zu halten? Ich bin eins von mehr als 15 Enkelkindern, unter 5 eigenen Kindern, 3 jeweiligen Geschwistern und damit 3 Schwägern/Schwägerinnen...ganz zu schweigen von Freunden und weiteren Verwandten, ehemaligen Arbeitskollegen, ehemaligen Nachbarn...


    Andersherum sieht es sicher ähnlich aus, aber wir sind auch jünger und an schnelllebigere Kommunikation gewohnt. Ich erwarte nicht von ihm, dass er sich an meinem Leben so beteiligen kann wie ich an seinem, die ich ja nur einen Opa habe und nicht so schnell den Überblick verliere :)

    meine oma ist da auch so. die "jugend" (und das sind alle, die jünger sind, als sie) hat sich beim älteren zu melden. das gehört sich so. niemals würde sie bei mir anrufen, ist aber tödlichst beleidigt, wenn ichs mal 2 wochen verschwitze, mich zu melden.

    Zitat

    Kann es nicht auch sein, dass die älteren Leute (und wer nun neunzig ist, war ja vor zwanzig-dreissig Jahren auch schon nicht mehr ganz jung) überfordert sind, mit so vielen verschiedenen Menschen Kontakt zu halten

    Meine Großmutter war schon immer so. Ihre Mitmenschen haben sie schon immer wenig interessiert, als mein Großvater noch lebte, hat er alles geregelt und sie eben mitgezogen. Aber ihre Schwester erzählt oft, dass sie schon mit 20 so war und auch mein Vater/seine Schwestern berichten, dass sie von ihr eigentlich nichts anderes als Vorwürfe gewohnt sind.


    Ich bin übrigens ganz froh darüber, dass meine Großmutter mich niemals anruft. Meine Schwester wird nämlich regelmäßig angerufen und bekommt Vorwürfe gemacht weil sie ja sooo weit weg wohnt und die Familie im Stich gelassen hätte. Immer wieder mit der Frage verbunden ob dieser Umzug wirklich sein musste.

    Ich glaub, das ist so ein Generationending... Man erwartet, dass der Jüngere den Älteren anruft. Ist bei meiner Oma (89) auch so. Zum Geburtstag wird zwar angerufen, aber sonst muss man sich bei ihr melden. Das geht dann schon so weit, dass sich meine Mutter bei mir meldet und von mir verlangt, mich mal wieder bei meiner Oma zu melden, weil sie sich bei meiner Mutter beschwert hat, dass ich mich nicht melde. Ich lasse mir aber von keinem vorschreiben, wann ich wem anrufe. Soweit kommts noch.


    Hinzu kommt jetzt noch, dass meine Oma an beginnender Demenz leidet und dann in der Welt herumposaunt, dass sich ihre Familie kaum noch melden würde. Dabei telefoniert gerade meine Mutter sehr viel mit ihr und auch meine Schwester. Und mein Bruder besucht sie sogar wöchentlich, da er in der selben Stadt wohnt. Aber das vergisst meine Oma eben schnell wieder... Na ja, mir geht das alles mittlerweile am Popo vorbei.

    Meine Oma ist auch so ^^ (89)


    Die Jungen müssen sich hier bei den Alten melden, nicht umgekehrt. Das gehört sozusagen zum guten Ton und Höflichkeit. Sie käme nie auf den Gedanken, sich mal bei meiner Schwester oder mir zu melden!


    Dann auch immer dieses Eifersuchts-Ding!


    Meine Oma wohnt auch bei meinen Eltern im Haus und wehe, ich gehe zuerst zu denen, wenn ich zu Besuch bin.


    Ich war auch schon mal mit meiner Oma in Urlaub, hatten eine tolle Zeit! Dann hatte sie direkt im Anschluss eine schwere Grippe. Hab sie gepflegt und für sie eingekauft (von meinem Geld!) Danach bin ich 3 Wochen nicht dazu gekommen, mich zu melden. Und war sofort die "schlechte Enkelin". Sie hat sich bei meiner Schwester dann über mich beschwert. Andersrum, wenn nur ich da bin, werd ich über meine Schwester ausgefragt.


    Sie redet auch nicht viel. Als mein Opa noch da war, hat er immer geredet.


    Tja man wird das wohl wirklich nicht ändern können. Ich würde es wirklich bei einem Brief belassen. *:)

    ich arbeite in der altenpflege.


    es gibt solche und solche- aber generell isses wirklich ein generationending, wie schumsetier sagt

    Zitat

    Kann es nicht auch sein, dass die älteren Leute (und wer nun neunzig ist, war ja vor zwanzig-dreissig Jahren auch schon nicht mehr ganz jung) überfordert sind, mit so vielen verschiedenen Menschen Kontakt zu halten

    nunja, dann dürfte sie aber nich rumzicken, wenn sich wer anders mal nicht meldet. denn heute isses auch schwer, kontakte zu halten. man is ja viel eingespannter, als die es damals waren. damals gabs übers dorf hinaus nix.


    und ja, wenn dann noch nichmal was zurückkommt und ich fahre so viele km, nur um mein gewissen zu beruhigen- hm.. nee.


    brief is sowieso die kommunikation der alten generation. weder tel, noch internet sind das.


    vielleicht hast du sogar glück- damals haben die dann nämlich auch zurückgeschrieben ;-D


    mach das so, spart zeit, spart nerven, beruhigt gewissen und die omma @:)

    O Gott, also meine Oma ist ja auch so...ich kann nur für die väterlicherseits sprechen. Meine Schwester besucht sie regelmäßig, sie hat noch alle ihre Geschwister, die auch dauernd kommen. Wohnt ebenfalls im selben Haus wie meine Eltern, hat dort ne Extrawohnung im Dachgeschoss. Ich würde mal sagen, unter der Woche hat sie vielleicht 2 Tage ohne Besuch. Sagt aber auch ständig: Um mich kümmert sich keiner! Die Kinder denken nur noch an sich!


    Sie erwartet auch, dass ich mit zwei Kleinkindern ständig 200 km zu ihr runterfahre.


    Am Telefon ist sie sehr eintönig. Oma: Schade, dass du dich so gut wie gar nicht mehr meldest! Ich: Oma, ich habe schon 2x angerufen die Woche. Oma: Ja gut, aber meistens ja nicht! Schade!


    Und und und. So geht es dann ständig, hat man Kontakt, kriegt man in erster Linie Vorwürfe zu hören ":/


    Am Geburtstag soll ich mir nicht nur Geschenke selbst abholen, sondern auch selbst anrufen ;-D

    Ich finde deine Idee mit den Briefen und Bildern genial. :)^


    Meine Eltern haben auch das Problem, dass sie Gespräche relativ schnell abwürgen. Vermutlich weil sie nicht mehr so gut hören. Fällt mir seit ca drei Jahren auf. Sie sind fast so alt wie deine Oma.


    Jetzt haben sie von uns Kindern zur Diamantenen ein Tablett geschenkt bekommen, um mit uns über Whats-App in Kontakt zu sein. Sie schreiben in unserer Familiengruppe fast nie mit, aber vor allem wenn irgendein Kind oder Enkelkind Bilder hochlädt, kommen geziehlte Anrufe und Nachfragen.

    Zitat

    Am Telefon ist sie sehr eintönig. Oma: Schade, dass du dich so gut wie gar nicht mehr meldest! Ich: Oma, ich habe schon 2x angerufen die Woche. Oma: Ja gut, aber meistens ja nicht! Schade!

    ;-D ;-D ;-D


    Ich frag mich oft, ob wir auch so eigen werden mit den Jahren? ":/ :-(

    Meine Großmutter ist ebenfalls so. Alle die sich nicht melden sind böse und wenn man sie dann mal hört, wird man mit Vorwürfen zugemüllt und es wird über alle anderen verbal ausgeschlagen.


    Brauch ich nicht und habe deshalb vor 15 Jahren den Kontakt zu ihr gänzlich gestrichen. Trifft meinen Vater recht hart und er hätte gerne, dass ich mich mal wieder bei ihr melde, aber mir geht's besser seit ich keinen Kontakt mehr zu hr habe und deshalb werde ich es auch so belassen.

    Ich kann euch das gut nachempfinden ;-) Meine Oma ist 83 und da auch sehr schwer. Sie ruft nicht an, verweigert sämtliche moderne Kontakthilfsmittel wie Internet, SMS usw. und sie selbst ist auch sehr wortkarg. Sie denkt auch dauernd, dass man was von ihr will. Beispielsweise habe ich ihr einmal erzählt (um zu tratschen!), dass im Winter bei uns die Heizungstherme ausgefallen ist und der Notdienst erst am nächsten Morgen kam. Dazu sagte sie gar nichts, stand dann aber später mit einem alten Heizer von ca. 1975 bei mir vor der Tür, damit wir nicht mehr frieren müsste. Oder ich erzähle ihr, dass wir das Wohnzimmer demnächst renovieren wollen und wie wir es streichen. Dann kommt: ,,Tut mir leid, aber GEld gibts nicht!" Was ich überhaupt nicht beabsichtigt habe.


    Sie war früher auch schon eher schwierig. Mein Opa hat in der Familie alles gemacht und geregelt, auch das Reden. Mit seinem Tod stand Oma in der Welt wie eine Außerirdische. Seitdem regelt eben mein Vater (ihr Sohn) alles.


    Ich denke, die Unselbstständigkeit äußert sich auch in der Kontaktaufnahme und im Gespräch! Ein Gespräch erfordert Eigeninitiative.


    Ist ein bißchen schwierig und ambivalent bei der Generation mit dem Kontakt...einerseits ja wollen, andererseits sich selbst nicht drum bemühen :-) Einen sehen wollen, aber wenn man da ist, nicht richtig unterhalten.


    Ich würde es auch mit den Briefen probieren. Vor allem, wenn man nicht in der Nähe wohnt!

    @ alle Oma-Opfer

    Spannend,


    so viele nörgelnde Omas und Opas. Da ich selber einer bin – ohne Nörgeln versteht sich – versuche ich mal was dazu zu sagen. Denn mein eigener Vater saß mit 95 auch den ganzen Tag auf der Lauer um jedem, der dann trotzdem noch kam, als erstes "Du warst ja ewig nicht da!" entgegenzuschmettern. Besonders spannend war, wenn er das Telefon vor sich liegen hatte und auf Anrufe wartete. Er drückte dann oft aus Versehen schon mal prophylaktisch die "Hörertaste" und da dann besetzt war, rief tatsächlich keiner mehr an, was seine Laune erheblich beeinträchtigte. Ich sollte noch erwähnen, dass er mit mir und meiner Familie im gemeinsamen Haushalt lebte.


    Letzteres führte dazu, dass er sich bei mir nicht über mangelnde Kontaktaufnahme beschweren konnte, aber natürlich fand er andere Knöpfe, die er fleißig drücken konnte.


    Und damit sind wir beim Thema.


    All ihr "Beschwerdeopfer" habt also solche Knöpfe, auf die diese alten und unterforderten Menschen drücken können. Und weil sie sonst meist nicht mehr so viel haben, drücken sie dann auch fleißig. Dieser Knopf heißt also "Schuldgefühl", er heißt "ich müsste mal" und er heißt "ich mache das zu wenig". Jede Beschwerde löst dann gleich die ganze Schuldgefühl-Lawine aus. Sowas haben wir als Kind gelernt und man kann das bis ins Alter pflegen.


    Ich spekuliere mal über Lösungsmöglichkeiten.


    Zunächst müsste man also etwas gegen diese latenten Schuldgefühle tun. Man kann sich klar machen, wie oft man sinnvollerweise Kontakt aufnehmen will, ohne sich zu überfordern. Und wenn man sich dann selber an dieses Raster hält, kann Oma nörgeln, was sie will – ich kann den Knopf, auf den sie damit drücken will, also selber außer Betrieb setzen. Denn ich habe ja ein gutes Gefühl, weil ich mir einmal in der Woche am Telefon Zeit für sie lasse, bis nix mehr kommt und ich getrost wieder auflegen kann. Dazu muss ich ihr das nicht sagen, es reicht, wenn ich selber das WEISS. Denn es geht ja darum, dass ich mich von ihr nicht verletzt fühlen muss. Und das muss ich selber regeln.


    Es geht ja hier massiv um Täter- und Opfergefühle, Oma fühlt sich als Opfer, weil alle Welt sie vergisst (und die Freunde gestorben sind) und ich fühle mich als Opfer, weil sie sich ständig bei mir beschwert. Oma sieht mich als Täter, weil ich sie vernachlässige und für mich ist Oma Täter, weil sie mich nervt durch ungerechtfertigte Vorwürfe. Diese blöden Mechanismen kann man durchbrechen, indem man dafür sorgt, dass man sich selber "gut fühlt" mit einem bestimmten Rhythmus der Kontaktaufnahme. Den bestimme ich selber und wenn ich den bestimmt habe, kann mich auch kein Vorwurf mehr aus der Ruhe bringen oder gar verletzen. Denn ich weiß es ja besser.


    Dazu gehört noch eine zweite Einsicht: OMA DARF DAS! Sie darf unzufrieden sein, sie darf nörgeln, wenn sie das braucht. Ich muss das nur akzeptieren und nicht zu ändern versuchen, denn das wird nicht gelingen. Wenn sie von sich das Bild einer alleingelassenen Frau erzeugt und sich damit wohl fühlt, kann ich das eh nicht ändern, auch wenn ich sie täglich besuche. Wenn ich aber beschlossen habe, dass Oma das darf (und wenn ich zusätzlich festgestellt habe, dass ich an Zeit und Zuwendung genau das gebe, was ich gern gebe und geben kann) kann ich auch beschließen, dass es mich nicht mehr verletzen muss. Dazu gehört außerdem noch die Einsicht, dass sie traurig sein darf, weil so viele Freunde vor ihr gestorben sind und sie wirklich ziemlich allein ist. Dafür darf man sie auch bedauern, aber man darf sich nicht den Schuh anziehen, all die Verstorbenen ersetzen zu wollen oder zu müssen.


    Diese Einsicht hat dann zur Folge, dass beide genau das tun, was sie gern tun: Oma nörgelt gern und ich rufe sie gern einmal in der Woche an. Wenn ich sie aber lieber nur einmal in zwei Wochen anrufe, kann ich auch das tun. Allerdings vergisst sie es dann noch schneller.


    Und wie gehe ich dann mit der Begrüßungsmuffelei um? "Kein Schwein ruft mich an, alle haben mich vergessen!" Ich GEBE IHR RECHT. "Ja, das ist traurig, dass so viele liebe Menschen gestorben sind, vor allem die Frau Dingenskirchen. Damit hast du dich doch so gut verstanden….!" Und schon haben wir ein Thema. Auch Krankheiten und Schmerzen sind ein Thema, das im Mittelpunkt stehen darf und man darf auch Mitleid zeigen ohne gleich tausend Heilungsvorschläge zu machen. Den alten Menschen also ernst nehmen und nicht verändern wollen.


    Man kann auch sagen: "Ja, das ist auch wirklich traurig, darum möchte ich auch gar nicht so alt werden wie du!" Das wäre dann allerdings die gemeine Variante. Aber die hilft auch. Denn ich erinnere mich, dass meine 90jährige Mutter immer, wenn ich ihr ins Auto half, stöhnte und klagte "Ach, dass ich mich noch mal so mit meinen kaputten und schmerzenden Knochen quälen muss, hätte ich auch nicht gedacht." Als mir das mal richtig auf den Senkel ging, sagte ich: "Mama, weißt du was? Dagegen hilft nur JUNG STERBEN! Aber wer will das schon?" sie war tatsächlich schockgefrostet. Aber meistens war ich ganz lieb zu ihr.


    Was ich sagen will: Es ist völlig sinnlos, Oma oder Opa mit Argumenten von etwas überzeugen zu wollen, das ich für richtig halte. Wenn Oma unglücklich ist, dann ist sie unglücklich, da kann ich 1000 mal Recht haben, dass sie eigentlich glücklich sein sollte. Bei meiner 97 jährigen Tante, die das auch schon mal machte, habe ich dann manchmal gesagt: "Weißt du was? Du bist knütterig heute, da macht der Besuch keinen Spaß. Ich glaube ich geh gleich! Wenn du wieder gut drauf bist, sag mir Bescheid!" Auch das hat schon mal geholfen.


    Das Zauberwort heißt also auch hier – wie in vielen Beziehungsfragen: DISTANZ. Und dann eben auch zu dieser Distanz stehen und sie nicht zur Instrumentalisierung der Schuldgefühle einsetzen lassen. Die Knöpfe also außer Betrieb setzen.


    Sinnvoll ist auch, sich vorzunehmen, das im Alter nicht zu tun. Dazu gehört ein guter Kontakt- und Freundeskreis und viele sinnvolle Betätigungen, die man auch mit Hüftproblemen noch machen kann. Ich arbeite dran.