Kontaktabbruch zu den Eltern.

    Hallo!


    Ich habe das dringende Bedürfnis, den Kontakt zu meinen Eltern abzubrechen. Es war schon immer schlimm mit ihnen, aber seit meine Ersatzmütter, Uroma und Oma, nicht mehr da sind, ist es einfach unerträglich mit ihnen. Ein Jahr lang habe ich es ausgehalten, ständig beschimpft, beneidet und erpresst zu werden, aber langsam geht mir der Verstand aus.


    Ich schreie meine Mutter in meinem Kopf an, weil ich es in der Realität nicht kann. Erinnerungen an Geschehnisse aus meiner Kindheit drängen sich mir in den unpassendsten Momenten auf. Wenn ich nur ihren Namen auf dem Telefondisplay sehe, fange ich an zu zittern. Und, verdammt, ich kann das nicht mehr aushalten.


    Bisher habe ich den Kontakt gehalten, weil meine Tochter meiner Meinung nach ihre Großeltern brauchte. Aber mich braucht sie auch und wenn das so weiter geht, muss ich mich einweisen lassen. Wie soll ich denn da einen guten Kompromiss finden? Wie soll ich den Kontakt beenden und gleichzeitig für meine Tochter aufrecht erhalten? Ich finde einfach keinen Weg.


    Eine Therapie will ich gern machen. Mein Name steht auf sämtlichen Wartelisten und ich warte, während ich in dem Mist aus meiner Kindheit ersaufe. Das Leben geht zwar weiter und ich schaffe es physisch irgendwie noch, aber wie lange kann das so weitergehen?


    Ich habe es satt, für alles verantwortlich zu sein, was meine Eltern betrifft. Ich habe es satt, mich erpressen zu lassen und runtergemacht zu werden. Was kann ich denn noch tun, um den Kontakt zu meinen Eltern zu verbessern? Alles, was ich versucht habe, wurde gegen mich verwendet.


    Vertraue dich ihnen an und werde für deine Gefühle verhöhnt!


    Biete ihnen Hilfe an und werde in der Nacht um drei Uhr wachgeklingelt, um in ihrem Garten einen Maulwurf zu vertreiben!


    Das wäre ja fast witzig, wenn ich nicht schon wieder meinen Puls in den Ohren rauschen hören könnte.


    Meine Kindheit holt mich ein und ich sehe, dass diese Sache mit meinen Eltern in der Gegenwart ein Nebenkriegsschauplatz ist, weil sie mir die schlimmen Dinge, die sie mir damals zugefügt haben (seelisch), heute in dem Umfang nicht mehr tun können, seit ich mich räumlich von ihnen entfernt habe. Aber es lenkt mich ab, es raubt mir sämtliche Energie, die ich zum Verarbeiten oder auch nur für unser Leben benötige.


    Mir fällt nur ein Kontaktabbruch ein. Habt ihr noch eine Idee? Und wie soll ich das meiner Tochter erklären? Die kennt die Oma nicht so wie ich...


    Danke, dass ihr das hier gelesen habt.

  • 29 Antworten

    :°_ :)_ tut mir sehr leid, das zu lesen!


    Du machst es schon richtig, du bist auf den Wartelisten. Das ist der wichtigste Schritt!


    Deine Eltern werden sich nie mehr ändern. Vielleicht schaffst du irgendwann ein bisschen Umgang mit ihnen - oder du pfeifst drauf. Man muss seine Eltern nicht lieben, man muss keinen Kontakt haben. Viele Kinder wachsen ohne Großeltern auf. Du hast gute Gründe, ist ja nicht so, dass du den Kontakt abbrichst weil deine Eltern dem Kind den falschen Saft geben oder aus Boshaftigkeit.


    Ich wünsch dir alles Gute @:)

    nimue88,


    danke für deine Antwort!


    Die Therapie, auf die ich jetzt warte, hätte ich im Rückblick schon als Kind, spätestens als Teenager gebraucht. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass es jetzt zu spät ist. Schade ist es nur um all die Jahre, in denen ich mich einfach beschissen gefühlt habe, weil ich nie "richtig" war.


    Ich denke, ich werde und muss auf den Kontakt mit meinen Eltern pfeifen. Wie ich jemals wieder zivilisiert mit ihnen reden soll, weiß ich nicht. Im Augenblick schon gar nicht, weil diese Flashbacks sich schlecht ausblenden lassen und ich durch sie viele Dinge nicht vergessen kann. Körperlich haben mir meine Eltern nicht oft was getan (Backpfeifen und Hinternversohlen, etwa zwei Mal im Jahr), aber was da sonst so abgelaufen ist.


    Verzeihen heißt ja nicht direkt gutheißen - leider kann ich das nur in der Theorie voneinander trennen.


    Na, wegen dem falschen Saft trenne ich mich nicht von ihnen. Da gab es zwar sehr häufig Situationen, in denen sie meine Wünsche übergangen haben, als meine Tochter ein Baby war, aber das ist nicht der Grund, nein.


    Trotzdem fühlt es sich irgendwie ambivalent an. Ich bin das Kind meiner Mutter und hätte großgezogen werden sollen von ihr. Stattdessen war ich, kaum dass ich zur Schule ging, verantwortlich für mein eigenes Leben und für ihres (ihrer Sichtweise nach müssen Kinder Erwachsenen in jeder Sekunde hundertprozentigen Respekt entegegenbringen, der sich darin äußert, niemals zu wiedersprechen und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass es ihr gut geht).


    Jetzt fühle ich mich, als würde ich ein Kind aussetzen. :-| Ich habe ein wahnsinnig schlechtes Gewissen, weil ich meine Mutter verlassen will. Argh.

    Schlechte Eltern können gute Großeltern sein. Evtl. hast Du Geschwister, bei denen deine mutter deine tochter abholt. oder ihr macht feste zeiten aus, zu denen deine mutter das kind aus kindergarten/schule holt und dein mann sie wieder abholt.


    so kannst du ihr aus dem weg gehen, aber dem kind die oma erhalten.

    Das stimmt. Sie lieben meine Tochter, wie sie mich nie geliebt haben. Das sage ich ohne Neid, ich finde es schön für sie.


    Leider habe ich keine Geschwister.


    Und ich weiß nicht, ob ich verantworten kann, sie ihnen ohne Aufsicht zu überlassen. Vor ein paar Monaten musste ich die Polizei rufen, weil sie sich weigerten, mein Kind herauszuschicken, als ich sie abholen wollte. Seitdem war ich eben immer dabei.


    Ach, ich weiß nicht. Ich lasse mir das durch den Kopf gehen. Danke für deine Ratschläge!

    Guten Morgen,


    zunächst mal möchte ich dir sagen, dass du gerade jetzt "alles richtig machst". Dein Leidensdruck ist so groß, dass du endlich den Weg gehst, der dich aus der (bisher) lebenslangen Gefangenschaft in der Elternbeziehung befreien kann. Du beginnst eine Therapie und das ist natürlich der beste Weg, um die 1000 Knoten zu finden, die dich mit ihnen verbinden, sie zu lösen oder durchzuschlagen.


    Und weil dein Druck zu groß ist, um auf die Erleichterung durch die Therapie zu warten, hast du hier noch mal dein Leiden geschildert. Auch das war gut, auch das kann Erleichterung bringen.

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    Ein Jahr lang habe ich es ausgehalten, ständig beschimpft, beneidet und erpresst zu werden, aber langsam geht mir der Verstand aus.

    Das war kein verlorenes Jahr, denn du brauchtest genau dieses Jahr, um festzustellen, dass du etwas ändern musst. Und alles, was da geändert werden kann, wird von dir ausgehen. Du bist dafür nicht von deinen Eltern abhängig, sondern DU kannst es tun, du kannst ihnen mitteilen, dass du für Beschimpfungen und Erpressungen ab jetzt nicht mehr zur Verfügung stehst.

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    Ich schreie meine Mutter in meinem Kopf an, weil ich es in der Realität nicht kann.

    Nun gut, es kann hilfreich sein, jemanden anzuschreien, weil die Wut nun mal da ist und einen Weg sucht. Aber selbst wenn das Herz noch so laut schreit, so wird der Kopf dir sagen, dass das, was nach dem Schreien kommt, ganz schön anstrengend sein kann. Und weil du bisher dazu nicht bereit und in der Lage warst, diese anschließenden Anstrengungen auf dich zu nehmen, hast du es nicht getan. Du kannst es dann tun, wenn du weißt, was du danach machen wirst. Du kannst es aber auch sein lassen und ihnen mitteilen, dass du den Kontakt einstellst. Dazu musst du dann auch innerlich bereit sein, um es durchzuhalten. Und das ist in einer Therapie ziemlich sicher zu erreichen.

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    Erinnerungen an Geschehnisse aus meiner Kindheit drängen sich mir in den unpassendsten Momenten auf. Wenn ich nur ihren Namen auf dem Telefondisplay sehe, fange ich an zu zittern. Und, verdammt, ich kann das nicht mehr aushalten.

    Das liegt daran, dass du immer gelernt hast, etwas auszuhalten, auch wenn es unangenehm ist. Du hast dir also die Gefühle, die aus deiner Kindheit bei dir entstanden sind, anzuschauen und damit umzugehen, sondern du hast "einfach ausgehalten". Das erscheint Menschen, die so aufwachsen, die leichteste Lösung, aber sie ist zeitlich beschränkt. Und nun ist der Zeitpunkt gekommen, damit aufzuhören, anzuschauen, zu verstehen, aufzuarbeiten und Grenzen zu setzen. Und das ist gut so.

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    Ich habe es satt, für alles verantwortlich zu sein, was meine Eltern betrifft.

    Du warst nur dann dafür verantwortlich, wenn du dich selber dafür verantwortlich gemacht oder gefühlt hast. Niemand kann dich dazu zwingen, diese Verantwortung zu übernehmen, auch deine Eltern nicht. DU entscheidest, wofür du die Verantwortung übernimmst und du siehst es zweifellos richtig, dass die Verantwortung für dein Kind erheblich größer und wichtiger ist.

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    Ich habe es satt, mich erpressen zu lassen und runtergemacht zu werden.

    Kannst du mal schildern, wie solche Erpressungen und Erniedrigungen aussehen? Es ist ja oft so, dass Dinge beim Empfänger völlig anders ankommen, als sie abgesendet wurden. Denn wahrscheinlich behandeln deine Eltern dich nicht so, weil sie DIR schaden wollen, sondern weil sie sich FÜR SICH davon einen Nutzen versprechen. Das wäre dann ein "Benutzen". Und das kann man natürlich – sobald es als solches entdeckt ist – beenden.

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    Was kann ich denn noch tun, um den Kontakt zu meinen Eltern zu verbessern? Alles, was ich versucht habe, wurde gegen mich verwendet.

    Du kannst beschließen, dass das Modell "Verbesserung" gescheitert ist und nun das Modell "Distanzierung" angepackt werden muss.

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    Meine Kindheit holt mich ein und ich sehe, dass diese Sache mit meinen Eltern in der Gegenwart ein Nebenkriegsschauplatz ist, weil sie mir die schlimmen Dinge, die sie mir damals zugefügt haben (seelisch), heute in dem Umfang nicht mehr tun können, seit ich mich räumlich von ihnen entfernt habe. Aber es lenkt mich ab, es raubt mir sämtliche Energie, die ich zum Verarbeiten oder auch nur für unser Leben benötige.

    Genau da liegt der Punkt: Die unaufgearbeiteten Erfahrungen aus der Kindheit lauern auf Auslöser, um sichtbar zu werden, damit sie endlich aufgearbeitet und verstanden werden können. Deine Eltern nutzen diese Auslöser, sie drücken auf die Knöpfe, die die alten Schmerzen wieder fühlbar werden lassen. Sie haben wenig dazu gelernt und mussten das auch nicht, denn bisher hat das ja alles so funktioniert, dass es ihnen Vorteile gebracht hat. Du hast es zugelassen und sie haben es getan. Ganz einfach. Wenn du jetzt aufhörst es zuzulassen, wird sich etwas verändern.


    Deine Aufgabe ist es nun, dich diesen Veränderungen zu stellen, mit ihnen so umzugehen, dass die alten Trigger nicht mehr funktionieren, die Konsequenzen aus der Distanzierung dann auch durchstehen zu können und dein Leben ohne sie neu zu gestalten. Denn so bescheuert wie das klingt: Es wird dir FEHLEN, was sie dir bisher angetan haben. Deine Alarmfunktionen laufen ins Leere, die Ängste, dass da noch irgendetwas Gemeines kommen könnte, sind aber noch im vollen Umfang da. Und die müssen eben auch verarbeitet und aufgefangen werden.


    Das alles ist machbar und für einen guten Therapeuten kein Neuland. Bleib aber aufmerksam, es gibt eben auch weniger gute oder weniger geeignete Therapeuten. DU bist der Boss in einer Therapie und DU bestimmst, ob du noch mal wechselst, wenn du dich unverstanden fühlst. Und das fällt dir sicher nicht leicht. Denn in deinem bisherigen Leben warst du offensichtlich nicht der Boss. Genau das wirst du lernen müssen. Aber das hat so viele Vorteile, dass du dich schon darauf freuen kannst.

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    Und wie soll ich das meiner Tochter erklären? Die kennt die Oma nicht so wie ich...

    Das ist ein zweites Problem, das du erst einmal völlig vom ersten trennen solltest. Denn deine Tochter DARF ein anderes Bild von den Großeltern haben. Sie muss nicht deine Ängste übernehmen, nicht deine Wut kennen. Die darf aber wissen, dass du deine Eltern anders siehst als sie. Das ist ein sensibler Bereich, den du nicht nach vorn stellen solltest.

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    Danke, dass ihr das hier gelesen habt.

    Ich hoffe, auch du liest hier weiter

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    Bisher habe ich den Kontakt gehalten, weil meine Tochter meiner Meinung nach ihre Großeltern brauchte.

    Überleg nochmal: Braucht deine Tochter Menschen, die dich quälen?!

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    Und wie soll ich das meiner Tochter erklären? Die kennt die Oma nicht so wie ich...

    Ich habe einen Teil meiner Großeltern gar nicht kennen gelernt. Warum zu denen der Kontakt abgebrochen war, wurde mir ausreichend erklärt, das habe ich verstanden und nie angezweifelt. Ich hatte nie Sehnsucht nach Großeltern, mit denen meine Eltern nicht klarkamen.


    Zu meiner anderen Großmutter bestand ein tendenziell angespanntes Verhältnis. Das bekam ich allerdings mit, so dass man mir da nicht viel erklären musste.


    Ich hab selber keine Kinder, aber die Freunde von mir, die geschieden sind, konnten ihren Kindern sowas zB (find ich noch schwieriger für Kinder) auch erklären. Daran sollte es nicht scheitern.

    Ich hatte auch im Erwachsenenalter ein schlechtes Verhältnis zu meiner Mutter. Die Kinder haben aber dennoch von ihr "profitiert", wenn auch nicht ganz ungetrübt. Unter Strich wäre es mir bei einem Kontaktabbruch zwar besser gegangen, den Kindern aber nicht. Und distanziert haben sie sich dann selber.

    Ich habe als Kind keine Oma gehabt. Dafür einen Brummelopa und einen Opa, der sich Zeit nahm. Meine Kinder haben auch meine Schwiegermutter nicht oft um sich gehabt, da diese Dame große Akzeptanzprobleme mir gegenüber hatte. Und wir haben es Alle ohne große Probleme überlebt, da es halt so war und nicht geändert werden konnte.


    Wichtig ist deine Therapie und das dir geholfen wird.


    Ob und wie weit dein Kind Kontakt haben soll, solltest du entscheiden und nicht irgendewelche Außenstehenden. Du weißt, was für dein Kind am besten sein wird.

    Hallo! Die bisherigen Antworten sind alle psychologisch gut durchdacht und prinzipiell der Situation angepasst. Nur fehlt mir von Dir jeder konkrete Hinweis darauf, was Deine Eltern, speziell Mutter denn falsch gemacht haben sollen. Gut, Backpfeife und Versohlen geht überhaupt nicht und ist sogar strafbar. Dann hast Du die Polizei geholt, weil Deine Mutter Dein Kind nicht rausgegeben hat - da fehlt jede konkrete Hintergrundinfo warum.

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    ständig beschimpft, beneidet und erpresst zu werden

    - das nennt man Erziehung, bzw. den Versuch einer gewiss nicht nicht optimalen Erziehung. Aber vielleicht auch mit einer Gegenreaktion von Dir, von der Du kein Wort schreibst. Nicht einmal Dein Alter. Das ist zu wenig, um über Deine Mutter urteilen zu können.


    Trotzdem erkenne ich es uneingeschränkt an, dass Du mit Deiner Mutter nicht kannst - warum auch immer. Dazu empfehle ich Dir eine lockere Beziehung zu Deinen Eltern aufrecht zu erhalten, wo sich solche nächtlichen Anrufe erübrigen, aber auch ein Familientreffen zum Geburtstag oder Weihnachten ermöglichen. Für einen "völligen Kontaktabbruch" hast Du keinen Grund geschrieben, Blut ist dicker als Wasser.

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    Biete ihnen Hilfe an und werde in der Nacht um drei Uhr wachgeklingelt, um in ihrem Garten einen Maulwurf zu vertreiben!

    Die sind wohl wirklich ein bisschen gestört... :|N


    Nachtruhe ist etwas sehr wichtiges, gerade auch für die Psyche. Wenn irgend möglich, schalte Dein Telefon ca. 1/2 Stunde vor dem Zubettgehen aus, oder lege es in einen anderen Raum, so daß Du es nicht hörst.

    Hallo!


    Ich danke euch für eure Beiträge. Es ist ein gutes Gefühl, all die verschiedenen Reaktionen auf meinen Post durchzulesen und es hilft, die Gedanken zu ordnen.


    Ich habe mich entschlossen, euch gesondert Antworten zukommen zu lassen. Weil onodisep einige Fragen hatte, kommt hier meine Antwort auf seinen Beitrag.

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    Nur fehlt mir von Dir jeder konkrete Hinweis darauf, was Deine Eltern, speziell Mutter denn falsch gemacht haben sollen.

    Das ist ein wenig schwierig und langwierig. Es gibt viele Beispiele. Es fängt mit den Umständen meiner Geburt an - ich wurde geboren, damit meine Mutter (zwanzig Jahre alt damals) meinen Vater dazu bringen konnte, mit dem Saufen aufzuhören. Leider war ich, ein Neugeborenes, dazu nicht imstande, sodass sie aufhörte, sich um mich zu kümmern. Fläschchen gab mein Vater mir, stockbesoffen, aber sowohl er als auch meine Mutter übersahen, dass ein Baby im Winter auch Wärme benötigt.


    Ich bekam eine Lungenentzündung und kam ins Krankenhaus. Weil ich unterernährt war, nahm mich meine Uroma in Pflege.


    Mein Vater starb und meine Mutter holte mich zu sich zurück (ich kann meine Oma leider nicht mehr fragen, wie sie sie dazu bekommen hat, mich herauszugeben). Naturgemäß erinnere ich mich selbst nicht an diese Zeit und sogar bis einschließlich meiner Einschulung.


    Mein Leben bestand leider, auch wenn du es Erziehung nennst, nicht aus Konsequenzen, sondern aus schlichter Disziplin.


    - Ich hatte zu schweigen, grundsätzlich, bis ich angesprochen wurde. Andere Erwachsene hatten recht, wenn ich mich verteidigte, log ich. Das war besonders lustig, als mich ein angetrunkener, alter Mann auf einer Spielstraße mit Tempo 60 anfuhr. Seitdem werde ich immer wieder als "dummes Toastbrot" bezeichnet, auch heute noch, weil ich meine Mutter nicht davon überzeugen konnte, dass ich am Straßenrand gewartet habe, bis das Auto vorbeifuhr. Ich war sechs Jahre alt.


    - Duschen oder generelle Hygiene war ein Privileg, das mir zur Strafe entzogen wurde, wenn ich mal Geld für einen Schulausflug brauchte. Sie musste sich die zehn Mark ja woanders absparen. Ich bekam in Zeiten, in denen ich teurer wurde (neue Hose, Schuhe, weil ich gewachsen war?) gerne auch die Strafe, ohne Essen ins Bett gehen zu müssen. Dazu reichte der kleinste Auslöser.


    - Taschengeld hatte ich sogar. Hin und wieder durfte ich es dann auch mal behalten, musste mich aber damit selbst versorgen (Essen und Trinken). Da war ich acht Jahre alt.


    - Wenn ich eine tolle Barbiepuppe zum Geburtstag bekommen habe, fing es an: "Sowas habe ich noch nie bekommen. Du willst eh nicht damit spielen. Du weißt es nicht zu schätzen. Ich habe mir das immer gewünscht und bin jetzt furchtbar traurig, dass du es hast. Und du willst doch nicht, dass die Mama traurig ist?" Manchmal nahm sie es mir aber auch vor lauter Disziplin weg.


    - Apropos Geburtstag: Wenn meine Mutter die Familie einlud, bekam jeder außer mir ein Geschenk von ihr. Die anderen sollten sich doch nicht schlecht fühlen, weil nur ich was bekomme. Ihr Lieblingskind (mein Cousin, sie hatte sich immer einen Jungen gewünscht) bekam generell ein Geschenk, von dem sie wusste, dass ich es mir wünschte - sie beobachtete mich, während er es auspackte. Ich kann mich heute noch an diesen Blick erinnern. Als ich gefragt habe, wieso das so ist, hat sie mir gesagt, dass ich so ein ekliges Kind wäre und sie mir damit zeigen wollte, wie ich sein muss, um sowas zu bekommen.


    - Wenn ich krank war, musste ich mich selbst versorgen, denn ich verursachte so viel Arbeit, dass sie das nicht auch noch stemmen könnte. Ich sei ja schon so groß.


    - Wenn sie krank war, war ich eine schlechte Tochter, weil ich nicht von mir aus Tee brachte, sie zudeckte etc. Das war einer der Strafauslöser. Manchmal habe ich auch das Falsche gemacht, weil ich nicht richtig geraten hatte, was sie wollte. Dann warf sie mir vor, ich würde sie nicht lieben, denn sonst wüsste ich doch, was sie sich von mir wünscht.


    Das sind alles Beispiele aus meinem Leben vor meinem vierzehnten Geburtstag. Nur Beispiele - es gab so viele Geschehnisse, wie es Tage gab.

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    Aber vielleicht auch mit einer Gegenreaktion von Dir, von der Du kein Wort schreibst.

    Meine Gegenreaktion bestand bis zu meiner Teenagerzeit maximal aus Tränen. Mir wurde recht deutlich klargemacht, dass mich jederzeit eine sehr empfindliche Strafe treffen könne - oder auch nicht. Ich war verängstigt und eingeschüchtert. Ich weiß heute noch, wie eine Lehrerin mich fragte, warum ich so still sei und ob bei mir zuhause alles okay wäre. Ich habe kein Wort gesagt.


    Was ich damit sagen will: Ich war kein rebellisches Kind. Und egal, was ein Kind tut, eine solche Kindheit verdient es nicht. Terror in jeder Sekunde. Ich hatte keinerlei Selbstbewusstsein und kein Selbstwertgefühl.


    Und weil meine Kindheit so eindeutig traumatisch war, habe ich im Eingangspost nichts dazu geschrieben. Aus dem einfachen Grund, dass es da nichts zu diskutieren gibt und weil mir niemand einreden kann, ich würde irgendeine Schuld daran tragen.


    Dass ich mit vierzehn gegen diese Menschen rebelliert habe, indem ich sie so behandelt habe, wie sie mich behandelt haben, war vielleicht nicht fair. Vielleicht war es auch nicht wohlerzogen oder sonstwas. Aber zutiefst menschlich, wie ich meine.


    Mit fünfzehn wurde ich rausgeworfen, weil sie es nicht mehr ertrugen, mich anzusehen. Ich war ja schon vorher höchstens geduldet, aber als ich mich wehrte, indem ich ihnen stets sagte, was ich dachte, das war zuviel. Diese Undankbarkeit haben sie sich ihrer Meinung nach nicht mehr antun müssen.


    Danach wurde ich von meinen beiden Omas adoptiert, sozusagen. Aber die Kindheit hallte in mir nach und das tut sie heute noch.


    Der Umgang mit meiner Mutter heute besteht darin, ihre Forderungen irgendwie in meinem Leben unterzubringen, weil ich ihnen eine Menge schulde. Das sagt sie mir auch so. Ich schulde ihr, dass ich geboren wurde, die Arbeit, die ich ihr bereitet habe, das ganze Essen, von den anderen Kosten ganz zu schweigen. Deshalb habe ich auch heute noch die Klappe zu halten, wenn die Erwachsenen reden - obwohl ich inzwischen fast 30 bin.


    Jetzt ahnst du hoffentlich auch, warum ich die Polizei angerufen habe. Ich wollte meine Tochter abholen und wurde von der Tür weggedrängt und im Treppenhaus beschimpft. Meine Tochter hat mir später erklärt, dass sie von Oma auf Diät gesetzt wurde und keinen Kuchen essen durfte und daraufhin herumdiskutiert hat. Meine Mutter entschloss sich, sie bei sich zu behalten, damit sie ihr Disziplin beibringen könnte. Ich hatte Angst um mein Kind. Bei mir gibt es nur Erziehung, keinen Terror und ich bin verdammt nochmal für ihren Schutz verantwortlich.


    Deshalb bin ich bei jedem Treffen dabei, lasse mich wegen allem Sichtbaren kritisieren und halte die Klappe. Und werde mein Kind auch in Zukunft nicht dort allein lassen.

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    Dazu empfehle ich Dir eine lockere Beziehung zu Deinen Eltern aufrecht zu erhalten, wo sich solche nächtlichen Anrufe erübrigen, aber auch ein Familientreffen zum Geburtstag oder Weihnachten ermöglichen.

    So war es bisher auch, aber die Anrufe und Forderungen unterbleiben natürlich nicht. Aus ihrer Sicht bin ich ein Loser, sonst hätte sie mich ja nicht rausgeworfen und weil sie sich für mich so schämt, bin ich verpflichtet, ihr alles Unangenehme abzunehmen. Wenn ich das nicht mache, tut ihr das so weh, dass sie sterben will - wenn ich nicht daran Schuld sein will, muss ich tun, was sie verlangt.


    Und verdammt, das wirkt, das tut weh. Ich will geliebt werden, aber das kann ich vergessen. Ich will für meinen Erfolg im Leben trotz des schweren Starts respektiert werden, aber nicht dort, da wird nur gejammert, dass ich ihr das Leben mit meiner Existenz ruiniert habe.


    So, jetzt mache ich hier mal Schluss. Entschuldige bitte, onodisep, falls meine Zeilen wütend klingen. Ähm, ja, das tun sie auch, aber nicht direkt wegen dir. Ich kapiere schon, dass du mit meinem Anfangsbeitrag einfach nichts anfangen konntest, als die Details fehlten. Ich bin wütend darüber, dass ich das immer noch mit mir machen lasse.


    Diese Antwort hat mir übrigens die Erkenntnis gebracht, dass ich den Kontakt auf keinen Fall aufrechterhalten werde. Danke dafür! :)^

    Zitat

    Blut ist dicker als Wasser.

    In diesem Fall wahrscheinlich nicht. ;-)

    Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass du es deiner Tochter schuldig bist, ihr eine solche Großmutter zu erhalten. Außerdem denk ich sowieso, dass es die Kinder noch immer dann am besten haben, wenn die eigenen Eltern zufrieden sind. Das ist doch viel wichtiger als Kuchenessen bei Omma.

    Hallo liebe Little Lamplight,


    ich habe leider keine Zeit, um ausführlich etwas niederzuschreiben, das werde ich dann morgen nachholen; aber eins musste ich einfach schnell loswerden: Deine Eltern sind grauenvoll und du hast absolut NICHTS, was sie dir antaten, jemals verdient. Sprich erstmal mit deiner Tochter, erkläre ihr die Gründe, die für einen Kontaktabbruch sprechen, und frag sie, ob sie es nachvollziehen und akzeptieren könnte. Deine Entscheidung würde ich abhängig von ihrem Empfinden machen. Tu es am besten so schnell wie möglich, umso schneller könntest du diese Monster für immer los sein.


    Ich wünsche dir noch einen schönen Samstagabend @:)

    Okay, jetzt habe ich das von dir eben erfahrene richtig sacken lassen: Du solltest sie vielleicht wirklich nicht fragen, sondern ihr die Gründe ausführlich und verständlich erläutern und den ersehnten Kontaktabbruch schnellstmöglich durchziehen.