Liebe, die letzte Hoffnung einer desaströsen Gesellschaft?

    Es gibt einen Zusammenhang zwischen unserer desolaten Gesellschaft und dem "Schrei nach Liebe". Der Zusammenhang ist folgender: Jeder Akteur der Gesellschaft, jedes einzelne Individuum.


    Es ist ein und dasselbe Individuum, welches sich von gesellschaftlicher Verantwortung und Tätigkeit zurückzieht, tatenlos zuschaut, wie die Gesellschaft langsam verrottet, und gleichzeitig versucht, sein Glück in einer Mikro-Gesellschaft, mit den Attributen "Beziehung" oder "Liebe", zu finden. Das ist irgendwie paradox.


    Wer unter Solidarität nichts anderes versteht, als eine zusätzliche Steuer, und wer tatenlos zuschauen kann, wie weit entfernt und ein paar Straßen weiter, Erwachsene und Kinder körperlich und psychisch zugrunde gehen, der hat Grundlegendes nicht verstanden.


    Wer sich die Gesellschaft genau anschaut, der wird viel Elend und Ungerechtigkeit sehen. Und das Einfachste ist natürlich, zu sagen: "Kenn ich nicht. Verstehe ich nicht. Ich bin nicht betroffen". Versteht mich nicht falsch, niemand muss irgendjemandem helfen oder irgendetwas verstehen. Darum geht es nicht. Wir sind alle ein faules Pack, und es reicht vollkommen aus, sich selbst zu helfen.


    Die Sache ist nur die, wenn man sich nicht mit dem "Abschaum" und den Abgründen der Gesellschaft beschäftigt, also, mit "Pennern", Arbeitlsosen, Sozialfällen, körperlich und psychisch Kranken, perspektivlosen Jugendlichen und Kindern, wenn man nicht versucht, zu verstehen und zu helfen, dann gibt man seine Möglichkeit auf "Problembehandlungsfähigkeit" auf. Man gibt seine Möglichkeit auf, zu einem vollwertigen Menschen zu reifen. Man gibt nicht nur die Möglichkeit auf, einem anderen zu helfen, man gibt auch die Möglichkeit auf, dass man sich selbst helfen kann, und gleichzeitig die Hoffnung darauf, dass einem Hilfe zuteil wird, wenn man selbst in einer Notlage ist. Wir befinden uns alle nicht in Notlagen, und wir müssen die Notlagen anderer nicht verstehen. Aber manchmal wird uns das Verständnis beigebracht, und wir würden hoffen, dass uns jemand hilft. Das Schwert des Schicksals kann diesbezüglich manchmal gnadenlos zuschlagen.


    Es ist dieser Mangel an Fähigkeit zur "Problembehandlung", welcher verschiedenste Beziehungen oder die Liebe vorzeitig oder sinnlos beendet.


    Ich habe keine Fragen. Vielleicht habt ihr ja welche?

  • 256 Antworten
    Zitat

    Es ist ein und dasselbe Individuum, welches sich von gesellschaftlicher Verantwortung und Tätigkeit zurückzieht, tatenlos zuschaut, wie die Gesellschaft langsam verrottet, und gleichzeitig versucht, sein Glück in einer Mikro-Gesellschaft, mit den Attributen "Beziehung" oder "Liebe", zu finden. Das ist irgendwie paradox.

    Das ist nicht paradox, sondern ganz normal. Jeder möchte glücklich sein. Und auch nur, wer glücklich ist, ist in der Lage, anderen Menschen zu helfen. Erst muss mal dieses Bedürfnis erfüllt sein, damit man sich imstande sieht, sich um die Bedürfnisse anderer Menschen zu kümmern.


    Was verstehst du darunter, dass die Gesellschaft "langsam verrottet"?:-/

    Daneben

    Könntest du deine Antwort vielleicht ein wenig elaborieren? Heißt das jetzt, "Nö, ich habe keine Frage." oder "Nö, ich stimme dir nicht zu."?

    gwendolynn

    Zitat

    Was verstehst du darunter, dass die Gesellschaft "langsam verrottet"? :-/

    Nun denn. Dann werde ich mal in die "Trickkiste" greifen.


    Beispiel Berlin. Ganz aktuell. Vor ca. 1 Woche wurde der "Brand-Brief" veröffentlicht. Das war ein Brief der Direktoren und Schulleiter des Bezirks Mitte an den Bezirksbürgermeister.


    Tenor des Briefs war, dass es um den Zustand der Schulen und die Perspektive der Schüler sehr schlecht steht. Original-Wortlaut:


    "Mit Einstimmigkeit wurde festgestellt, dass der Bezirk Mitte vor seinem bildungspolitischen Aus steht!"


    "Die Schulleitungen sind der Auffassungen, dass sie zurzeit den vom Berliner Schulgesetz auferlegten Auftrag nicht mehr guten Gewissens erfüllen können".


    Um das Ganze mit etwas mehr Leben zu füllen. So ziemlich alle Berliner Schulen pfeifen auf dem letzten Loch. Toiletten sind komplett versifft oder abgesperrt. Bibliotheken, Sportanlagen, angemessene PC-Ausstattung? Fehlanzeige. Eine Sekretärin auf mehrere hundert Schüler. Flure, die nicht beheizt sind. Klassenzimmer, wo die Schüler in ihren Jacken sitzen, weil der Kitt aus den Fenstern fällt. Von Jahr zu Jahr verringert sich die Anzahl der Schulen (Hauptschulen, Realschulen, Gesamtschulen, Gymnasien). Elterninitiativen, insbesondere sogenannte "Kinderläden" werden sukzessive "plattgemacht".


    In den letzten 15-20 Jahren wurde keine nennenswerte Investition in Renovierungs- oder Sanierungsmaßnahmen für Berliner Schulen vorgenommen.


    Es gibt viel zu viele 8-Klässler, die die Schule abbrechen - weil sie nicht mehr können oder wollen. Wenn du diese Schüler fragst, was sie später mal werden wollen, dann erhälst du folgende Antworten. Entweder: Hartz IV (weil sie aus ihrer Familie oder Nachbarschaft nichts anderes kennen). Oder: Piloten, Anwälte Ärzte. Diese Antwort entbehrt einer gewissen Tragik nicht.

    Vielen Dank für das Lesen und Antworten. Es hat mich enorm weitergebracht. Also, vielen herzlichen Dank und alles Gute!

    Entweder du willst über etwas diskutieren oder nicht.


    Wenn du keine Fragen hast, werde ich mir keine ausdenken.


    Schade. Ich fand deinen Eingangsbeitrag durchaus interessant.

    Highball

    find ich auch,stimme dir zu:)z


    Lieber TE,sag doch mal konkret was du mit deinem EP versuchst zu erreichen,bzw.uns damit sagen möchtest(nicht negativ gemeint)?


    LG @:)*:)

    hey tsunami,


    jedem einzelnen bleibt doch nur, im kleinen rahmen dazu beizutragen, dass die welt etwas besser wird.


    was kostet mich ein gruß, wenn ich einen raum betrete - egal, ob wartezimmer oder büro oder ladenlokal?


    was kostet es mich persönlich, den menschen mit einem freundlichen lächeln zu begegnen?


    was kostet es mich, wenn ich einer frau mit kinderwagen in den zug helfe?


    was kostet es, meinen sitzplatz einem menschen anzubieten, der nicht so gut stehen kann?


    hm, was ich damit sagen will: im kleinen fängts an.


    lg