Liebe ist nicht genug - Leben mit Krankheit und Sterbewunsch

    (Titel auf Wunsch der Nutzerin ergänzt.)




    Dies ist das erste Mal, dass ich mich in diesem Forum melde. Wohin meine Gedanken passen, weiss ich nicht so recht – ich wähle nun mal die Rubrik Beziehungen. Vielleicht ginge auch Abschied und Trauer, aber hier unter Beziehungen spreche ich vielleicht einen grösseren Kreis Menschen an. Zwar ist im Hintergrund Sterben mein Thema, aber im Vordergrund stehen momentan meine Partnerin und mein Umfeld.


    Ob es mir gelingt, so zu formulieren, dass ich verstanden werden kann? Meine Erfahrungen in den letzten zwei Jahren (seit meiner Diagnose) haben mir gezeigt, dass viele Menschen schlecht mit ernsthaften Krankheiten, mit Sterben und allem, was die Betroffenen dabei bewegt, umgehen können. Aber in einem Med.Forum ist es vielleicht anders.


    Meine Krankheit müsste nicht in den nächsten Monaten tödlich enden, es gibt medizinische Möglichkeiten, die ich ausschöpfen könnte. Die Lebensqualität wäre nicht mehr so hoch, aber ich kenne niemanden, der ein Leben mit den Einschränkungen, die mich erwarten, nicht mehr lebenswert findet. Nur ich fühle so und das isoliert mich etwas.


    Die Tatsache, dass ich Zugang zu medizinischer Versorgung habe, zwingt mich dazu, Entscheidungen zu treffen. Ich muss mich entscheiden, ob ich mit maschineller Hilfe weiterlebe oder eben nicht. Lebte ich in Amerika ohne Krankenversicherung, oder mittellos in Afrika – es gäbe nichts zu entscheiden. Es wäre einfach mein Geschick, an einer fiesen Krankheit zu leiden, die mich früh sterben lässt. Aber ich lebe in der Schweiz und es wird allgemein erwartet, dass ich leben will – um jeden Preis. Für mich ist das überhaupt nicht selbstverständlich. Ich wollte schon vor der Diagnose kein Leben in Abhängigkeit führen und nun, nach über 1,5 Jahren intensiver professioneller Begleitung, hat sich daran kaum was verändert. Das heisst, ich möchte natürlich gern leben, aber nicht dieses Leben, das mich erwartet. Nicht dieses Leben mit Krankheit, mit Abhängigkeit von der Schulmedizin.


    Soweit eigentlich kein Problem, ich kann mich ja sterben lassen. Aber so einfach ist es dann eben doch nicht. Da ist eine Partnerin, die mich liebt und nicht verlieren möchte. Da sind Freundinnen und Freunde, denen ich etwas bedeute. Ich fühle mich fies, weil ich sie alle verlassen will. Und doch – es ist doch mein Leben. Mich dünkt, wie immer ich entscheide, es ist falsch. Den anderen gegenüber oder eben mir selber gegenüber. Die Liebe zu den Menschen, die mir nahe stehen, hilft mir offenbar nicht dabei, leben zu wollen, sie macht nur die Entscheidung zu sterben viel schmerzhafter.


    Es wäre schön, wenn ich hier mit Menschen schreiben könnte, die mich über die nächsten Monate begleiten.

  • 404 Antworten

    Ich finde es sehr sehr mutig und aufrichtig, dass Du Dir über so ein spezielles Thema wie dem Tod im Leben - Gedanken machst. Es ist ein Thema, um das viele Menschen einen großen Bogen machen wollen. Dabei umgibt uns dieses Wort Tod so oft im Diesseits. Natürlich sehr oft in abstrakter Form. Von den Fakten her wissen wir, dass ließe sich sehr leicht recherchieren, wieviele Menschen in jeder Sekunde auf dieser Welt den Tod erfahren müssen, ohne das man ihnen jemals die faire Chance auf das Leben gelassen hätte.


    Es wird nur viel viel greifbarer und schreckensgleich, wenn es die eigenen Lieben trifft. Das ungeborene Kind, dass eine Mutter schon wieder hergeben muss, während es noch in ihr atmet oder es eben gerade eingestellt hat. Oder Eltern, die ihre Kinder los lassen müssen, während Ärzte alles versucht haben, um ihr Dasein ein Stück weit zu verbessern ihnen Erleichterung zu bringen.


    Man könnte soviele Fälle aufzählen und viele von uns kennen dieses Gefühl der Ohnmacht, welches uns ergreift, wenn wir mit Diagnosen umgehen müssen, die keine gute zukunftsfähige Aussage in uns hinterlässt. Und doch, da ist diese Hoffnung, die jeden Tag wieder neu beginnt im Kopf und im Herzen.


    Allerdings, es gibt auch diesen Punkt wo man anfängt sich Fragen zu stellen, wie sinnvoll ist es gegen Schmerz, den eigenen Verfall und abnehmender Lebensenergie anzukämpfen. Um jeden einzelnen Tag zu ringen, der wieder Atem schenkt und die Gewissheit, dass gerade die moderne Medizin für einen selbst noch nicht die Antwort gefunden hat, die Gesundung ermöglicht. Hätte man diese Sicherheit, man würde in dem meisten Fällen alles mobilisieren und focussieren, was an Lebenssäften und Erfolgswillen möglich ist.


    Ich kann und werde Dir nicht schreiben, was DU machen sollst. Das darf ich nicht, dass kann ich auch nicht. Aber ich kann Dir eine Sichtweise von sicher ganz vielen anbieten.


    Ich habe in sehr jungen Jahren hautnah erlebt, wie ein Kind sich jeden Tag ins Leben gekämpft hat, habe Menschen leiden sehen ihre Traurigkeit in den Augen gesehen, weil sie doch so sehr leben wollten und wussten an manchem Tag es geht nicht oder nicht so, wie man es für sich haben will.


    Ich hätte auch ein Stück weit Angst, Menschen zu enttäuschen, wenn ich einen Entschluss gefasst hätte nicht auf den Tag X zu warten, wenn mich eine Krankheit ereilt, der nicht zu entkommen ist.


    Aber ich würde den Weg gehen, meine Lieben um mich zu scharen. Ihnen offen meine Gedanken näher bringen, wie genau ich es tun würde, käme auf die Zeit an, die ich noch habe. Ich habe erlebt, wie Menschen leiden, wenn man ihnen nicht die Gelegenheit gab, mitzuentscheiden - Begleitung anzubieten für das Unvermeidliche.


    Natürlich müssen diese Menschen Zeit haben, sich an den Weg einer Entscheidung zu gewöhnen. Das kann und wird nicht über Nacht passieren. Damit wären Menschen die lieben und Hoffnung haben endlos überfordert. Wir wurden nicht gefragt, ob wir als Individuum in dieses oft nicht leicht verständliche Leben geboren werden wollen. Dennoch lebt dieses RECHT in uns entscheiden zu dürfen, was wir mit diesem Leben anfangen wollen. Der Tod gehört zu einem Menschenleben, der ist der unvermeidbare Teil den wir alle akzeptieren lernen müssen. Egal ob als überlebende Angehörige oder als selbst Betroffener.


    Einige haben gar keine Zeit darüber lange nachzudenken, es ereilt quasi von einer Sekunde zur anderen diesen Übergang von einem Zustand in den anderen.


    Liebe, wenn sie eine ehrliche ist, darf nicht egoistisch sein. Sie sollte ermöglichen, dass der Mensch frei sein darf. Nicht von Zwängen gekoppelt, die einen der unterschiedlichen Interessengruppen benachteiligt. Immer dann, wenn zuviel Egoismus im Spiel ist, und das ist er immer in zwischenmenschlichen Beziehungen - dann kann es ungerecht werden. Wir können dieses Ideal nicht leben, indem jeder Einzelne das lebt, was gerecht genannt wird.


    Schmerz, Verlust und los lassen können, ist auch ein Teil der Liebe, wenn auch jener der nicht offen beklatscht wird. Über den Tod sollten wir lernen dankbar zu sein, hört sich erst einmal provokant an - ist es aber nicht. Ja, er ist etwas endgültiges, (außer bei gläubigen Menschen die uns in einer überirdischen Existenz sehen).


    Gerade, wenn es um unheilbare Krankheiten geht, die dem Betroffenen soviel Verzicht abverlangen - sollten Angehörigen, Freunden eben jene soziale Personen der unmittelbaren Umgebung bewusst machen, dass nicht sie selbst diejenigen sind, den Leben um das eigene Dasein kämpfen müssen. Sondern, dass es der Andere ist der diesen Mut aufbringen muss, sich Dingen zu stellen, von denen selbst oft Ärzte nicht alles wissen.


    Ich habe nicht nur einmal im Leben einem Sterbenden gesagt, es ist Deine Entscheidung - wenn Du nicht mehr kämpfen willst ist ein los lassen können eine gute Entscheidung. Die letzte Freiheit die wir in einem selbstbestimmten Leben behalten dürfen. Gutheißen würde ich allerdings nicht, wenn man sich ohne Abschied davon stiehlt, weil es in den Überlebenden soviel Selbstanklage, Unverständnis und tiefe Wut hinterlässt. Mit offenem Visier so eine Entscheidung zu treffen ist verdammt schwer. Kostet viele Nächte von Zweifeln, lange Gespräche, immer wieder innere Gedankengrenzen, die überwunden werden müssen - Gefühle, denen man die Chance lassen sollte Akezeptanz zu erfahren.


    Ein Weg wäre auch sich dafür Rat und Hilfe von professioneller Seite zu holen, denn nicht jedem ist es gegeben mit tiefgreifenden Entscheidungen seinen eigenen Frieden zu machen. Aber es lebt sich damit besser, dass weiß ich aus eigener Erfahrung und möchte das nicht missen wollen.


    Dir für Deinen persönlichen Weg der Entscheidungsfindung viel Kraft, Mut und Menschen, die Dich verstehen lernen. Das ist ein Prozess, ein Weg der allen viel menschliches abverlangt, aber wir sind dazu fähig, wenn wir es zulassen. Dir einen guten Weg und alles Gute gesundheitlich und persönlich. :)* :)*

    Himmelgrün, es gibt einen Teil in deinem Beitrag, den ich absolut nachvollziehen kann. Ich würde auch meiner Frau gegenüber ein Gefühl der Verantwortung haben, dass ich sie nicht alleinlassen möchte. Um ihr diesen Schmerz des Loslassens zu ersparen. Ich wünsche mir immer, dass wir einfach zusammen alt werden und morgens irgendwann nicht mehr aufwachen. Um mir solche Gedanken zu ersparen. Aber insgeheim verweigere ich mich der Idee, dass ich vor ihr sterbe und sie alleinlasse. Das ist für mich ein unaussprechlicher Gedanke. Ich möchte sie natürlich auch nicht verlieren, aber wenn ich im natürlichen Ableben eine Wahl hätte, dann würde ich lieber alt zurückbleiben, damit sie nicht trauern muss - nicht, weil ich als Egoist länger leben möchte.


    Der Unterschied ist das "natürliche Ableben". Bei dir geht es nicht um Altersschwäche nach einem erfüllten Leben, sondern es geht dir um die Wahl, ein eingeschränktes Leben weiterzuführen, oder dich von diesen Strapazen einfach zu befreien und dieses Dasein zu verlassen. Du siehst ein Leben, wo du nie als Rentner mit deiner Partnerin auf der Parkbank sitzt und zufrieden in den Sonnenuntergang schaust. Stattdessen wirst du abhängig sein, eingeschränkt und dauerhaft behindert. Viele Dinge stehen dir nicht mehr offen. Aber du wärst an der Seite eines Menschen, der dich liebt.


    Ich erspare uns allen einfach Plattheiten wie "überleg dir das gut". Natürlich tust du das. Aber gibt es nicht auch einen Mittelweg? Kannst du nicht die Situation, durch Maschinen leben zu können, einfach auf dich zukommen lassen? Umentscheiden kannst du dich immer noch. Aber vielleicht muss die Entscheidung noch gar nicht entweder/oder lauten, sondern "ich gehe meinen Weg einfach mal weiter, bis ich nicht mehr möchte"?


    Vieles stellt man sich irgendwie vor, aber alle Lebenssituationen stellen sich oft anders dar, wenn man mal unausweichlich drin ist. Das hängt auch stark davon ab, wieviel Rückhalt man hat und ob man sich in sein eingeschränktes Leben noch ein paar Highlights setzen kann und will.


    Die Entscheidung abnehmen kann dir niemand und es gibt auch keinen Königsweg. Vermutlich werden die meisten auch aus gesellschaftlich/ethischen Aspekten zum Weiterleben raten. Ich gehöre nicht dazu und befürworte den freien Willen auch für die letzte Stunde. Aber ich bin auch kein Mensch, der gerne etwas unversucht lässt. Insofern denke ich: lass die Entscheidung einfach noch offen und finde dich erst einmal in die Rolle der lebensverlängernden Maßnahmen. Sollten Risiken damit verbunden sein oder Einschränkungen in der Willensäußerung, kannst du einem Menschen deines Vertrauens - z.B. deiner Partnerin, wenn sie felsenfest hinter deinem Willen steht - diese Dinge für den Notfall übertragen. Es soll nicht länger sein und anders laufen, als du es möchtest.


    Auch von mir alles Gute für die kommende Zeit, egal, wie du sie gestaltest. :)*

    Danke an DieDosismachtdasGift und Comran für eure guten Wünsche.


    Ja, die berühmte Parkbank. Bei uns steht diese Bank vor dem Haus. Wir haben uns auch vorgestellt, dass wir zusammen alt werden, dass wir da als zwei alte Weibchen (zum Verständnis, ich bin w/55 Jahre alt) auf der Bank sitzen und in die Strasse schauen, gucken, was es noch so zu sehen gibt, wenn die Füsse nicht mehr spazieren mögen.. Genau wegen solcher Vorstellungen hadere ich nun mit mir und meiner eigentlich schon lange getroffenen Entscheidung.


    Mittelweg – ja, davon redet meine Therapeutin auch. Es ist das, was ich im Moment auf eine Weise praktiziere. Im Gegensatz zur ersten Zeit nach der Diagnose, wo ich am liebsten sofort Schluss gemacht hätte, will ich nun auf jeden Fall so lange weiterleben, wie der Körper ohne Maschine mitmacht. Mich auf mehr einzulassen kann ich mir (noch) nicht vorstellen. Mir ist, als gäbe ich damit meine starken Überzeugungen auf, als würde ich mir untreu. Ich empfinde es als nicht konsequent gegenüber dem, was ich immer vertreten habe. Ich war immer eine, die bei Gesprächen über Organspenden oder Chemo etc. gesagt hat "nein, für mich nicht". Und jetzt, wo es mir selber an den Kragen geht, soll ich plötzlich doch wollen? Daran beiss ich mir schon etwas die Zähne aus.


    Ich fürchte mich regelrecht davor, dass sich – wenn es dann wirklich konkret wird – irgendwelche Überlebenstriebe melden, die mich "zwingen" weiterzumachen. Die ganze Sache überfordert mich. Meine Strategie ist zwar "einfach mal weiterlaufen lassen", aber das gelingt nicht jeden Tag. Immer wieder Gedankenkarussell.

    Ich habe jetzt keine Ahnung, worum es bei deiner Krankheit geht, aber ich kann mich meinen Vorschreibern nur anschließen.


    Letztendlich ist es deine Entscheidung, aber du solltest sie deinen Lieben mitteilen, so dass sie deine Entscheidung mit tragen können.


    Was ich mich frage:


    Was wäre so schlimm, wenn du deinen "Überlebenstrieben" nachgeben würdest?


    Wäre es für dich dann ein Zeichen von Schwäche? Verletzt du damit deinen eigenen Stolz? Würdest du dich dann verachten?


    Oder solltest du dich einfach von solchen Gedanken - sofern sie vorhanden sind - befreien und einfach das tun, was du wirklich tun WILLST, auch wenn das heißt, du willst noch länger leben, mit allen Einschränkungen, die dich erwarten.


    Kannst du - wenn du von Maschinen abhängig bist - immer noch entscheiden, diese Maschinen dann abzustellen, wenn es zu viel, zu schwer wird? Oder musst du es dann bis zu einem eventuell bitteren Ende durchziehen? Dies würde ich vor allem in meine Überlegungen mit einbeziehen.


    Ich habe auch schon einige Menschen beim Sterben begleitet. Irgendwann muss man loslassen, als der Sterbende und als Angehöriger. Meine Mutter hat damals im Beisein des Arztes entschieden, dass es genug sei, dass sie nie wieder auf eine Intensivstation wollte. Sie hatte eine längere Leidenszeit hinter sich, ihr Wunsch wurde respektiert. Wir haben sie gehen lassen, so schwer es war :°(


    Diese Pflicht hat man als Angehöriger, darum ist es unumgänglich, dass dein Umfeld weiß, was DIR wichtig ist.


    Ich wünsche dir alles Gute für deine Zukunft, egal wie sie aussehen mag. :)*

    Zitat

    Ich muss mich entscheiden, ob ich mit maschineller Hilfe weiterlebe oder eben nicht.

    Wenn ich fragen darf: was heißt das konkret?


    Mein Vater musste während seiner letzten Lebensjahre 3x wöchtentlich zur Dialyse. Er war also auch von einer Maschine abhängig. Er hat das aber relativ bereitwillig auf sich genommen, weil er es als gewonnene Lebenszeit angesehen hat. Aber er hat es wohl auch meiner Mutter zuliebe getan.

    Zitat

    Mich auf mehr einzulassen kann ich mir (noch) nicht vorstellen. Mir ist, als gäbe ich damit meine starken Überzeugungen auf, als würde ich mir untreu. Ich empfinde es als nicht konsequent gegenüber dem, was ich immer vertreten habe.

    Es scheint, als wärst du zerrissen zwischen deinem Überlebenswunsch und deinen Prinzipien. Sie stehen im Widerspruch.


    Prinzipien gelten in der umsetzbaren Gegenwart, in denen man diese fasst, und dienen als Leitlinien für zukünftiges Handeln. Aber Lebensbedingungen verändern sich. Unabhängig von deiner Entscheidung sehe ich in Prinzipien wagemutige Risiken. Ich möchte z.B. nie töten. Aber wer verspricht mir, dass mein Leben nie in eine Situation kommt, wo ich mich anders entscheide, um z.B. mein Leben oder das einer nahestehenden Person zu retten? Diese Situation kann ich mir nicht vorstellen, also formuliere ich Prinzipien, ohne alle möglichen Grundlagen dafür bewerten zu können. Es kann aber sein, dass ich irgendwann gezwungen werde, diese zu vergessen.


    Versuche wenigstens, deine Prinzipien loszulassen, um freier entscheiden zu können. In solchen Situationen, die sich niemand wünscht, ist alles anders als vorher. Es ist nicht schlimm, wenn dabei ein paar Regeln nicht mehr gelten. Lass dich mehr von der inneren Stimme treiben als von der Ratio.


    Ist eure Beziehung gefestigt genug, dass deine Partnerin auch im Falle der lebenserhaltenden Behandlung an deiner Seite bleiben würde und dir ein behütetes Leben ermöglicht? Wie sprecht ihr darüber, wie dieses Leben aussehen könnte und wie sicher ist sie sich, dass sie das erträgt? Das ist auch wichtig, dass man sich des Rückhalts sicher ist. Vieles wird unwichtig, wenn man leidet. Aber es können auch viele vorher kleine Dinge auf einmal ganz groß werden. Ich kann mich erinnern, dass mir - wenn ich mal wirklich krank war - die bloße Anwesenheit eines lieben Menschen immer noch viel wertvoller war, als ich es an normalen Tagen wahrgenommen habe. Auch meiner Mutter, die die letzten Lebensmonate stark unter ihrer Krebserkrankung litt, war die Anwesenheit von Menschen viel wichtiger als der Zeitraum, den sie durchstehen musste.


    Aber jeder tickt anders. Deswegen ist es für dich wichtig, deinen wahren Wunsch zu finden, der vielleicht noch irgendwo unter alten Meinungen vergraben liegt. :)z

    Zitat

    Es scheint, als wärst du zerrissen zwischen deinem Überlebenswunsch und deinen Prinzipien. Sie stehen im Widerspruch.

    Das hat wohl weniger mit Überlebenswunsch zu tun als mit Erwartungen, die von außen an sie heran getragen werden.

    Nochmal Danke an alle, die schreiben. Ich werde im Folgenden auf einzelne Punkte eingehen, sollte ich was überlesen haben, das eine Antwort benötigt, einfach nochmal fragen.


    Die Entscheidung mitteilen


    Das mache ich natürlich. Ich bin ein kommunikativer Mensch und ich habe nie ein Geheimnis aus meinen Absichten gemacht. Die Reaktionen aus dem näheren und weiteren Umfeld reichen von "versteh ich, würde ich allenfalls auch so machen" über "ich möchte nicht, dass du stirbst, aber ich kann dich ja nicht hindern" bis "das ist doch alles nicht so schlimm, damit kannst du noch gut leben, ich weiss vom Onkel von XY, der auch und der kommt gut klar, blablabla". Eine Freundin, von der ich es nicht gedacht hätte, hat sich zurückgezogen, weil sie mit dem Thema nicht klar kam (ich unterstelle mal eigene Angst vor dem Sterben oder sowas).


    Die letzten beiden Jahre habe ich genutzt, um meine Tagebücher und Briefe zu entsorgen (damit meine Frau das nicht tun muss), meinen Kram ganz allgemein zu ordnen und Ballast zu verschenken oder zu verkaufen. Heute geht es mir vor allem darum, mit Freunden noch schöne Stunden zu verbringen, ich möchte nicht mehr über meine Entscheidung reden. Jene, die verstehen, brauchen keine Erklärungen und bei den anderen helfen auch all meine Erklärungen nichts. Ich mag mich nicht mehr erklären und rechtfertigen.


    @Mirsanmir - "Die Entscheidung mittragen" kann mein Umfeld nicht, es bleibt meine Entscheidung. Oder wie ist das gemeint? Die, die wissen wollen, was mir wichtig ist, wissen es. Aber es gibt auch welche, die fühlen sich hilflos und sind traurig. Die spreche ich nicht ständig wieder darauf an, es schmerzt nur. Aber ich glaube, es gibt niemanden, der aus allen Wolken fallen wird.


    Den "Überlebenstrieben" nachgeben


    Nein, hassen würde ich mich deswegen nicht. Es ist eher so, dass ich fürchte, nicht mehr jenes Ich zu sein, das ich bin oder sein will. Als Kind musste ich mich sehr unterwerfen, fühlte mich hilf- und machtlos. Sobald es mir möglich war, habe ich aber mein Leben in die eigenen Hände genommen und mich nicht mehr gebeugt (mein Empfinden). Ich habe Arbeitsstellen verlassen, wenn sie nicht mehr den Erwartungen entsprachen. Ich habe mich von Menschen gelöst, die mir nicht gut taten. Es gab immer genug Alternativen. Am wichtigsten war mir immer die Unabhängigkeit. Ich habe einen sehr starken Anteil in mir, der mich über viele Jahre getragen und beschützt hat. Es ist dieser Anteil, der mich wieder bewahren will vor einem Leben, das ich so nicht will. Blöd nur, dass die Alternative diesmal das Ende von allem sein wird.


    Details zur Krankheit / zur Maschine


    Ich scheue mich noch davor, genauer zu schreiben, worum es geht. Der Grund dafür sind verständnislose Reaktionen. Natürlich gibt es Menschen, die kämen mit meiner Krankheit und ihren Folgen gut zurecht – oder es sieht jedenfalls für Aussenstehende so aus. Wer weiss schon genau, wie es innen drin aussieht? Es hilft mir aber nichts, wenn andere meine Zukunft nicht als unerträglich wahrnehmen. Es gibt viele Menschen im Rollstuhl, die kommen klar, andere gar nicht. Es gibt welche, die können sich ein Leben mit Blindheit nicht vorstellen, aber unzählige Blinde empfinden ihre Einschränkung nicht als schlimm. Ich möchte vermeiden, dass gewertet und beurteilt wird. Wichtig ist, dass für mich dieses Leben mit Krankheit, das ohne die Technik nicht möglich wäre, nicht erstrebenswert, nicht gewünscht ist.


    Meine Beziehung


    Ja, die ist gefestigt. Wir sind seit 11 Jahren zusammen, leben im eigenen Haus, materiell geht es uns gut. Meine Partnerin steht auf jeden Fall zu mir. Sie wünscht sich sehr, dass ich weiterlebe, egal wie eingeschränkt mein oder unser gemeinsames Leben sein wird. Für mich ist diese Vorstellung aber beängstigend. Wir haben beide gute Ausbildungen, sind erfolgreich im Beruf und begegneten uns auf Augenhöhe. Da ich ab März nicht mehr arbeiten kann/will, ergibt sich nun ein grosses Ungleichgewicht. Ich müsste neue Aufgaben suchen und finden, müsste das, was mir die Bestätigung im Beruf gegeben hat, woanders finden. Aber dazu habe ich gar nicht die Energie. Ich bin mut- und kraftlos, manchmal auch schwermütig. Dann empfinde ich mich als Klotz an ihrem Bein. Für mich stellt es sich so dar: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Ich fürchte, dass ihre Liebe, ihre Kraft und Energie irgendwann aufgebraucht sein werden, wenn ich mich nicht fange und mich nicht mit den veränderten Lebensumständen arrangieren kann. Und dass ich das könnte, erscheint mir einfach nicht wahrscheinlich.

    @ Stuhlbein – ja,

    ganz richtig verstanden. Ich habe keinen "Überlebenswunsch". Wenn, dann hätte ich gerne mein altes, gesundes Leben zurück. :°(

    Ich glaube, ich verstehe dich ganz gut. Ich hasse es, von der Medizin, vom ärztlichen Können abhängig zu sein, ich hasse es, jedesmal wieder dankbar sein zu müssen, dass ich einigermaßen gesund weiterleben kann und das Gerede der Leute "das wird schon wieder, siehst du, war ja alles nicht so schlimm" :-X , die haben alle keine Ahnung. Ich habe schon oft daran gedacht, es einfach laufen zu lassen und mich nicht mehr unters Messer zu legen, wenn es mal wieder notwendig ist.


    Aber natürlich habe ich ansonsten ein selbstbestimmtes Leben, kein Vergleich mit dir, daher fällt mir die Entscheidung nicht schwer.


    Die Entscheidung mittragen, damit meine ich vor allem die Folgen deiner Entscheidung. Bist du ein Pflegefall, musst du gepflegt werden, entscheidest du dich für das Sterben, werden deine Angehörigen trauern, so oder so, die Entscheidung fällst du zwar alleine, aber mittragen müssen deine Angehörigen. Das ist einfach so, du stehst nicht alleine in dieser Welt, daher finde ich es wichtig, sie über deine Entscheidungen zu informieren. Das tust du aber sowieso, wie du schreibst.


    Rechtfertigen würde ich mich nicht. Musst du auch nicht. Du kannst deine Gründe nennen aber verteidigen musst du deine Gründe nicht, denn niemand steckt in deiner Haut und niemand kann dir dein Leiden abnehmen.


    Was ich (also nur aus meiner Sicht) vor allem in Betracht ziehen würde bei meiner Entscheidung, wenn du dich nun in die Hand der Maschinen begibst, einfach um zu sehen, wie es dann ist und ob du nicht doch damit leben könntest, könntest du dann die Maschinen noch abschalten? Den Weg, den du ursprünglich gehen wolltest, gehen? Oder bist du dann ganz auf andere angewiesen und müsstest sie bitten, es zu beenden?


    Das wäre für mich die wichtigste Frage, wie lange kann ich Herr über meine Entscheidungen sein, wie lange kann ich selbst bestimmen, was mit mir passiert?


    Aber für dich stellt sich diese Frage vielleicht gar nicht, weil du schon vorher entschieden hast, dass du kein Leben führen willst, das in deinen Augen kein Leben mehr ist.


    Was die Leute sagen, die reden viel... zzz


    Und niemand kann von dir erwarten, dass du munter durch die Gegend springst und dich wie ein Schnitzel über alles Mögliche freust. Dass du schwermütig bist, ist doch ganz natürlich.


    Aber noch bist du am Leben, ich habe mal ein Buch gelesen, in dem eine Frau über ihren sterbenden Mann schrieb und sie schrieb nie von der Zeit, in der er starb sondern nur von der Zeit, in der er lebte, so nannte sie es. Und sie schrieb von all dem Schönen, das sie zusammen noch erlebten, von der Intensität mit der sie alles empfanden und vom Glück.


    Du bist bestimmt kein Klotz am Bein, sondern du bist für deine Partnerin da, ihr müsst wahrscheinlich neue Rollen finden, aber ich denke, das sind am Ende die Geringsten deiner Probleme, manches muss man einfach auf sich zukommen lassen. Die Hauptsache, ihr redet viel miteinander, ich glaube tatsächlich, das ist das Wichtigste überhaupt.

    ich frage mich wie man deine Situation bewerten soll ohne die Krankheitsdetails zu kennen. Vielleicht bist Du zu depressiv und kannst im moment deine Lage nur sehr pessimistisch wahrnehmen. Vllt. musst Du erst lernen mit dieser Situation umzugehen, das kann Jahre dauern. Vllt. bist Du aber tatsächlich so schwer krank, dass dein Leben wirklich kaum noch Qualität hat UND auch auch ein Umdenken von deiner derzeiten idealen Welt auf Alternativen kaum möglich ist und sinnhaft erscheint.


    Wenn Du darauf nicht näher eingehen willst, dann kann ich zumindest auch keinen wirklich objektiven Ratschlag geben. Ich bin bei Gott kein Schönredner, ich hab mich schon mit dem eigenen Sterben beschäftigt und weiss wie gross das Leid selbst sein kann. Depression kann bspw. manchmal schlimmer als jede körperliche Erkrankung sein, dass selbst der Weg aus dieser nach Fehlschlagen sämtlicher Alternativen manchmal der einzige Ausweg ist.


    Bitte geb uns daher Details, so ein pauschales Leidensgeschreibe ist für ein Gespräch nicht sehr tauglich.


    Liebe Grüsse

    Hallo Mirsanmir


    Hab jetzt verstanden, wie du das mit dem mittragen meintest. Ein Pflegefall bin ich nicht und werde ich nicht werden. Und ich könnte mich (theoretisch) auf eine Behandlung einlassen und sie jederzeit abbrechen. Ich habe eine Patientenverfügung und sollten Schwierigkeiten auftreten, bin ich sicher, dass meine Frau alles so entscheiden würde, wie ich es mir wünsche. Aber wie du ahnst, ich möchte es gar nicht so weit kommen lassen.


    Das mit dem darüber reden mit den Menschen aus meinem Umfeld nehme ich mir zu Herzen. Beim einen oder anderen muss ich vielleicht noch klarer sagen, was ich plane. Es ist wahrscheinlich schon so, dass sich einige noch Hoffnungen machen (dass ich meine Meinung ändere) und die will ich nicht in einem falschen Glauben lassen, bloss weil ich manchmal etwas ambivalent bin. Gespräche und Offenheit sind mir wichtig. Allerdings merke ich auch immer wieder, dass es Menschen gibt, die ganz ungeniert fragen können und andere, die das Thema Sterben/Sterbehilfe lieber umgehen. Die Frager sind mir lieber, da wissen dann beide Seiten, woran sie sind. Und die anderen wollen vielleicht mich, vielleicht auch sich selber schonen – da weiss ich noch nicht so recht, wie damit umgehen.


    Ja, ich bin noch am Leben, und zurzeit geht es mir gar nicht schlecht. Ich geniesse die Tage auch sehr. Mitte Januar habe ich Geburtstag und unser Haus wird von 10 bis 22 Uhr offen sein für Freunde und Freundinnen. Menschen, die ich gern habe und die mir wichtig sind werden den ganzen Tag über kommen und gehen und ich denke, es wird genug Möglichkeiten zu Gesprächen geben. Auf dieses Zusammensein freue ich mich.


    Es gibt sowieso ganz viel, was mich freut. Ich kann mich freuen und gleichzeitig denken, dass dies der letzte Herbst war, nun der letzte Jahreswechsel kommt und der nächste Frühling auch mein letzter Frühling sein wird. Heute kann ich schlecht abschätzen, ob ich im Sommer noch lebe oder nicht. So alle 6-7 Wochen mache ich Blutuntersuchungen, die geben dann Aufschluss darüber, wie es aussieht und ich werde sehen, was es mit mir macht, wenn konkret ein Organversagen droht. Manchmal bin ich ganz in Frieden mit mir und manchmal bin ich unruhig. Ich empfinde tiefe Trauer darüber, dass mein Leben nicht einfach so toll weiterging, wie es die letzten 20 Jahre lief, aber ich bin nicht depressiv deswegen. Immerhin bin ich ja nicht mehr 20 – ich habe ein bewusstes Leben gelebt und zwar eins, das sich sehen lassen kann. Ich habe geliebt und bin geliebt worden. Ich habe Ziele gehabt und erreicht. Es gibt nichts, was ich bedauere, nichts, was ich noch unbedingt hätte machen wollen und nun nicht kann.


    Nur meine Frau zu verlassen, das hatte ich nicht geplant. Dass ich sie zurücklasse, wird mich wohl bis zum letzten Tag noch plagen.

    Zitat

    Mich dünkt, wie immer ich entscheide, es ist falsch. Den anderen gegenüber oder eben mir selber gegenüber. Die Liebe zu den Menschen, die mir nahe stehen, hilft mir offenbar nicht dabei, leben zu wollen, sie macht nur die Entscheidung zu sterben viel schmerzhafter.

    Ich glaube du machst dir selbst ein bisschen zu viel Druck.


    Warum muss es eine entweder-oder Entscheidung aus dem Stegreif raus sein?


    Sieh dir doch erstmal an wie du mit einer Behandlung zurecht kommst oder kommen würdest...aber nicht nur theoretisch sondern wirklich ausprobieren.


    Vielleicht ist der Gedanke alleine nur so schlimm für dich, vielleicht empfindest du die Behandlung selbst als gar nicht so schlimm und kannst sie vielleicht als etwas annehmen was zu dir dazu gehört.


    Veränderungen des Lebens sind nicht immer schön aber deswegen muss das eigene Leben doch nicht gleich weggeschmissen werden ohne zu wissen wie es wäre wenn...der Mensch gewöhnt sich an so vieles.


    Ich will dir deine Entscheidung nicht ausreden, aber ich glaube, du bringst dich da selbst um eine Reihe wertvolle Erfahrungen und um ein Leben das dann mit Sicherheit anders aber trotzdem schön sein kann.

    Ich habe vor zig Jahren ein Buch gelesen, das mich damals sehr berührt hat: Diktate über Sterben und Tod von Peter Noll.


    Der hatte die Diagnose "Blasenkrebs" bekommen. Eine OP war, soweit ich mich erinnere, "nur" mit dem Risiko der Impotenz behaftet, ansonsten hätte ihm eine OP durchaus helfen können. Er hat sich, zum Unverständnis zahlreicher ihm nahestehender Menschen, gegen die OP entschieden.


    Vielleicht wäre das Buch was für dich? Es ist wie eine Art literarisches Tagebuch. Peter Noll geht darin sehr ausführlich darauf ein, wieso ihm eine Entscheidung richtig erscheint, die fast allen anderen Menschen um ihn herum falsch erscheint. Eine Partnerin hatte er auch, soweit ich mich erinnere.


    Ich finde jede Entscheidung ok, die du für dich triffst. Aber du solltest eine Entscheidung gegen lebensverlängernde Maßnahmen, Maschinen usw nicht deswegen treffen, weil eine andere Entscheidung mit deinem Bild von Freiheit und Unabhängigkeit vor x Jahren, als du noch gesund warst, nicht vereinbar wäre.


    Dass du deine Tagebücher "entsorgt" hast finde ich schade. Als deine Freundin hätte ich die sicher nicht entsorgt, insofern hättest du mir damit keine Mühe erspart. Ich hätte es eher schön gefunden, etwas von dir zu lesen. Vielleicht lässt du irgendwo einen Link zu diesem Thread für sie? Ich könnte mir vorstellen, dass ihr das dann helfen könnte, mit deiner Entscheidung, wenn sie so ausfällt wie es jetzt aussieht, zurecht zu kommen.

    @ CoteSauvage

    Ganz herzlichen Dank für den Lesetipp. Ich werde mir das Buch umgehend besorgen. Da gibt es also noch einen – oder hat ihn gegeben – der gleich tickte. Ich werde seinen Gedanken bestimmt mit grossem Interesse folgen.


    Noch was zu den Tagebüchern: Es handelt sich da um Aufzeichnungen von über 40 Jahren aus meinem Leben und um Briefe von anderen Menschen. Das gehört nicht in andere Hände, auch nicht in die meiner Frau. Deswegen räume ich diese Dinge auf, solange ich es noch selber kann.