@ CoteSauvage

    Ja natürlich, die unterschiedliche Einstellung ist plausibel. Wir sind offenbar echt am einen und am anderen Ende eines Bogens.


    Aber so viel Kraft, wie pelztier für ihr Leben aufwenden kann, das ist mir fast unheimlich. Da komme ich nicht mit. Auch nicht, wenn ich die obigen Aspekte berücksichtige. Mit einigen Einschränkungen umgehen lernen, dies oder jenes aushalten - das kann ich nachvollziehen. Aber so viel Schmerz, so sehr an der Grenze sein, nein, das übersteigt meine Vorstellungsmöglichkeiten einfach ganz und gar.


    Da denke ich, niemand würde sowas seinem geliebten Haustier zumuten - aber bei sich selber, da darf das sein? Ja, es darf sein, sie darf - genauso wie ich darf. Aber es erschreckt mich zutiefst. Und pelztier geht es vielleicht umgekehrt genauso. Das ist schon ziemlich verrückt.

    Geht mir auch so. Jeder geht halt den Weg der aus dem eigenen Wesen heraus schaffbarer scheint. Wenn man so am Limit steht ist, meiner Meinung nach, jede Entscheidung erlaubt und irgendwie richtig.

    Zitat

    Aber so viel Kraft, wie pelztier für ihr Leben aufwenden kann, das ist mir fast unheimlich. Da komme ich nicht mit. Auch nicht, wenn ich die obigen Aspekte berücksichtige. Mit einigen Einschränkungen umgehen lernen, dies oder jenes aushalten - das kann ich nachvollziehen. Aber so viel Schmerz, so sehr an der Grenze sein, nein, das übersteigt meine Vorstellungsmöglichkeiten einfach ganz und gar.

    Ich muss darüber nachdenken. Aber eins kann ich dir jetzt schon sagen: es ist nicht die Angst vor dem Tod, die mich antreibt, denn ich habe keine Angst vor dem Tod.


    Ich habe früher, schon als ich 10/11 war, gerne Bücher wie Anne Frank, aber auch "Erwachsenen"-Literatur zu dem Thema gelesen (z. B. Anus Mundi). Mich hat schon immer fasziniert, wie der Mensch angesicht von so viel Grauen und Leiden weiterbestehen (und zwar nicht nur in physischer, sondern in mentaler und intellektueller Hinsicht) und sich nicht aufgeben kann. Wie erklärst du dir diesen unbedingten Überlebenswillen der Menschen in dieser Situation?


    Sicher: es haben nicht alle überlebt, die diesen unbedingten Überlebenswillen und die innere Kraft hatten. Schon gar nicht alle, die ihre Menschlichkeit behielten oder versuchten zu behalten.


    Aber alle, die überlebten, sagen, dass sie einen unbedingten Überlebenswillen hatten, dass sie sich nicht auf eine kreatürliche Existenz reduzieren ließen und ihre Menschlichkeit nicht verrieten, auch wenn sie wie Kreaturen behandelt wurden und leben mussten.

    Zitat

    Ich muss darüber nachdenken. Aber eins kann ich dir jetzt schon sagen: es ist nicht die Angst vor dem Tod, die mich antreibt, denn ich habe keine Angst vor dem Tod.

    Vielleicht hat es auch damit etwas zu tun, ob man sich bereit fühlt zu gehen. Wenn man ein erfülltes Leben hatte, egal wie lange dies währte, dann ist es vermutlich viel leichter mit dem Leben abzuschließen und es als vollendet zu empfinden, sich bereit zum Gehen zu fühlen.


    Wenn man aber nie entscheidende Stationen des menschlichen Lebens hat erfahren können, so wird man sich nicht oder nur wenig bereit fühlen oder zumindest viel mehr in Kauf nehmen und aushalten um vielleicht doch noch ein kleines Stück vom Kuchen des Lebens zu erhalten. Man fragt sich, ob es das gewesen sein soll, oder ob es einen individuellen Sinn in seinem Leiden gibt, etwas eine Abfolge von Stationen auf dem persönlichen Weg zur Weiterentwicklung des Geistes. Man denkt, dass man nur noch diese eine Düne überwinden muss, nur noch eine, und vielleicht ist dann die frruchtbare Oase zu sehen. Und selbst wenn man eine zu sehen glaubt, und man gleichzeitg weiß, dass es eine Fata Morgana sein könnte, so fühlt man doch einen inneren Antrieb dies für sich herauszufinden, sicher zu wissen. Zu wissen, dass man alles gegeben hat.


    Der Bergsteiger, der sich abquält um einen 8 Tausender zu besteigen und das in Gefahr sein Leben dort zu verlieren, macht dies nur für wenige Minuten: nämlich die, der auf dem Berggipfel steht. Die Minuten, die ihm beweisen, dass er äußere wie innere Grenzen überwunden hat. Daher spricht auch Reinhold Messner davon Grenzgänger zu sein. In gewisser Weise bin ich und viele andere in ähnlicher Situation auch. Und es ist trotzdem nie sicher, wie der nächste Grenzgang ausgehen wird. Es ist jedes Mal trotzdem eine neue Entscheidung, noch die eine, nächste Düne zu erklimmen oder zumindest es zu versuchen. Und irgendwann, das ist sicher, wird die Entscheidung fallen, sich in den Sand fallen zu lassen und dort, wo man ist, von ihm begraben zu lassen.


    Anne Frank schrieb lange Zeit selbst in der Isolation so, als ob sie hoffe, dass es ein besseres Morgen gäbe, in dem sie verliebt wäre und eben ein ganz normales Leben hätte. All das nachholen könnte, was die Deutschen und der Krieg ihr genommen hatten.


    Ich selbst habe durch den frühen Beginn meiner starken Beschwerden mit den dadurch verbundenen Einschränkungen keine auch nur anähernd normale Jugend erlebt. Ich kenne keine Berührungen des anderen Geschlechts, ich kenne keine realen Beziehungen außerhalb derer in der Familie und derer, die ich in der Kindheit zu wenigen Kindern hatte. Ich kenne fast keine normalen Sorgen eines Heranwachsenden und jungen Erwachsenen, kenne aber Sorgen und innere wie äußere Konflikte, denen man sich in dem Alter für gewöhnlich nicht stellen muss. Ich habe meinen Körper nie anders als in gewisser Weise defizitär erfahren, und neben meiner charakterlichen Neigung trug dies mit Sicherheit dazu bei, dass ich den Geist und den Intellekt über den Körper zu erhöhen begann.

    Zitat

    Der Bergsteiger, der sich abquält um einen Achttausender zu besteigen und das in Gefahr sein Leben dort zu verlieren, macht dies nur für wenige Minuten: nämlich die, in denen er auf dem Berggipfel steht.

    Zitat

    Ich kenne keine Berührungen des anderen Geschlechts

    Okay, um die Stimmung hier etwas aufzuheitern und meinen Galgenhumor (ein nicht zu unterschätzendes Instrument beim Kampf gegen die Dominanz der Verzweiflung) zu bemühen:


    Ich sollte hier präzisieren, denn die Aussage stimmt so nicht ganz. ;-)


    Ich kenne zu genüge Berührungen des anderen Geschlechts, auf die ich aber gerne verzichten könnte. Ich weiß nicht, wie oft mich Ärzte schon berührt und an mir in irgendeiner Form herumgewerkelt haben. Operationen, Sondenlegungen im wachen Zustand über die Nase, Untersuchungen ("Schlauch rein und raus"), Blutabnahmen über 2-3 Stunden etc pp. sei "Dank".


    Also: ich kenne keine partnerschafliche Beziehungen und keine liebevollen Berührungen des anderen Geschlechts.


    Eine kleine Anekdote dazu am Rande: Vor wenigen Monaten hatte ich mal wieder eine Episode mit starken akuten Bauchschmerzen, abdomineller Distension und der Unfähigkeit etwas zu mir zu nehmen. Also ging es mal wieder in die Notfallaufnahme. Dort war man dieses Mal ganz gründlich und wollte andere Ursachen als die bekannte ausschließen. Man sah, dass ich eine größere Eierstockzyste hatte, und schickte mich nach einigen stabilisierenden Infusionen zu den Gynäkologen. Wie ich es mir dachte, kam dabei nichts heraus; die Zyste war jedenfalls nicht für die Symptome verantwortlich. Die diensthabende Ärztin war noch jung und eigentlich ganz nett, doch mit meiner Situation wohl unerfahren, wer könnte es ihr übelnehmen. Dazu muss man sagen, dass ich aufgrund meiner starken Beschwerden nur ein einziges Mal, zu Beginn meiner Periode mit 14 Jahren, bei einer Frauenärztin war. Danach war ich mit diesem Thema nie mehr in Berührung gekommen; es war angesichts der anderen Probleme einfach nie mehr wieder in Erscheinung für mich getreten, weil es auch mal ein System war (und bis heute ist), das, obwohl es ebenfalls dysfunktional ist, mir persönlich nie Probleme bereitete.


    Ich wusste also nicht genau, was mich bei dern Untersuchung erwartete, als die Ärztin meinte, dass sie gerne einen Ultraschall machen würde. Ultraschalls kannst ich zu genüge; ich dachte einfach, dass auch dieser wie gewöhnlich von außen gemacht werde. Umso erstaunter war ich dann, also sie mich fragte, ob das für mich okay sei, nachdem ich ihr gesagt hatte, dass ich trotz meiner 29 Jahre noch Jungfrau sei. Ich war irritiert und fragte nach dem Grund ihrer Frage, was sie wiederum zunächst aus dem Konzept zu bringen schien. Sie fragte, warum ich noch Jungfrei sei und warum ich nie mehr wieder beim Frauenarzt gewesen sei, und ich erklärte ihr bereitwillig, wie meine letzten 10 Jahre ausgesehen haben. Sie sagte mir dann, dass sie gerne einen inneren Ultraschall machen würde, und das es hierbei sein könne, dass das Jungfernhäutchen reiße. Ich hatte davon keine Ahnung (also vom Jungfernhäutchen natürlich schon, aber nicht vom ganzen Rest). Sie wollte wissen, ob mir das etwas ausmache. Ich überlegte kurz und meinte dann: nein. Das stimmte auch, aber irgendwie war es mir in diesem Moment wieder sehr bewusst, wie anormal doch mein Leben verlaufen war und wie anormal es weiterhin ist. Und ein leichtes Bedauern darüber, dass es nun so gelaufen war, konnte auch ich in der Situation nicht ganz unterdrücken.

    Zitat

    Nicht kämpfen und nichts gegen das Sterben tun ist für mich nur in der Formulierung unterschiedlich. (Das Wort Kämpfen in dem Zusammenhang mag ich aber nicht.) In meinem Fall ist der Verzicht auf Behandlung = das Sterben nicht aufhalten. Und Verzicht auf Behandlung ist doch auch = nicht kämpfen? Beides passive Verhaltensweisen. Oder wie meinst du es?

    puh, da fragst du nach einer unterscheidung, die auch mir in der formuleriung unglaublich schwer fällt - nicht im gefühl, aber wie das ganze in worte fassen!?


    das aktiv/passiv-ding ist schon ein kleiner schritt: ich empfinde es noch als aktiv, wenn ich mich dagegen entscheide, eine behandlungsmöglichkeit gegen das länger-leben ablehne. eigentlich finde ich mich auch noch in der aktiven rolle, wenn ich sage, dass ich die krankheit mit all ihren möglichkeiten und grenzen annehme... ach männo...


    ... im grunde bin ich innerlich recht gelassen passiv-aktiv, wenn ich sage: meinekrankheit wird mich sterben lassen und es gibt durchaus möglichkeiten, nicht ganz so schnell zustreben... aber ich empfinde den tod eher als "geliebt-respektierten großen bruder", als dass ich ihn mit einer "psychologisch-durchdacht-reflektierten-familienaufstellung" hintan stehen lassen wollte!?

    nachtrag

    ich habe allerdings schon geliebt, gelitten, eine sehr zerissene kindheit und jugend ge/erlebt, wichtige menschen in meinem leben verloren und dazugewonnen, ich habe kinder und ein enkelkind, meine große liebe hat mir signalisiert, dass alles künftige meine entscheidung sei (und die kinder gestehen mir das - im momentan noch theoretischen level - zu), beruflich habe ich meinen traum erfüllt, ich darf lieben und werde geliebt...

    Und noch ein Gedanke, der mir gerade gekommen ist:


    Wenn man keinerlei Möglichkeiten hat über die Auslebung von persönlichen Zielen und die Ausübung von sinnstiftenden Tätigkeiten seinem Leben einen Sinn aktiv zu geben, so ist man auf sich selbst zurückgeworfen und auf einen dem Leben inhärenten Sinn angewiesen. (Manche Menschen können dann in dieser Situation auf ihren Glauben zurückgreifen, der ihnen Sinn gibt.)


    Darum hat das Leben an sich bei mir einen Wert, der "Respekt" verdient - egal wie es verläuft. Und der Kampf für dieses Leben kann dann das sinnstiftende Moment sein.


    Du hast in dem, was du erlebst hast während deines Lebens, deinen Sinn gefunden, und kannst dieses Leben daher auch relativ einfach "zurückgeben". Ein Kampf für ein Leben, das dir suboptimal erscheint, ist in dieser Perspektive tatsächlich auch nicht unbedingt sinnvoll. Wenn ich dagegen meinen Kampf um das Leben, so beschissen es über große Strecken war und ist, aufgebe, so verliere ich den einzigen Sinn, den ich noch hatte.


    P.s.: ich glaube, ich kann deinen Hintergrund nun besser nachvollziehen :-)

    @ pelztier86

    Die Gedanken aus deinem letzten Beitrag fassen ganz wichtige Erkenntnisse zusammen. :)^


    Und ich bin gerade sehr beeindruckt und erfreut darüber, was da in den letzten Tagen in diesem Faden abgelaufen ist.

    @ :) @:) @:) für dich und alle,

    die daran bisher beteiligt waren.