Meine Gedanken zu "Ausprobieren, wie es wäre, wenn ich Behandlung zuliesse"


    Immer wieder werde ich von den unterschiedlichsten Menschen auf diese Möglichkeit hingewiesen. Die Frage lautet dann "warum denn nicht mal schauen?" Ja, warum nicht? Was ist es eigentlich genau, das mich hier so widerborstig sein lässt? Eine Antwort kommt nicht spontan, es ist "nur" ein Gefühl, stark und kompromisslos: ich will nicht. Punkt. Also habe ich versucht, in mich hineinzuhorchen. Das ist dabei rausgekommen:


    Warum sollte ich das "künstliche Leben" ausprobieren wollen, wo ich doch gar keine Motivation dazu spüre? Warum sollte ich Erwartungen von anderen erfüllen? Woran liegt es, dass Sterben wollen derart mit einem Tabu belastet ist, dass so viele Menschen mir ein "aber" vermitteln müssen? Die einzige, die ein Recht dazu hätte, ist wohl meine Frau, sie hat in erster Linie mit einem grossen Verlust klarzukommen. Sie ist aber diejenige, die es am wenigsten tut.


    Es ist ja nicht so, dass ich mein Leben gewaltsam beenden will. Was ich will, ist zulassen, dass dieser Körper stirbt. Weil er eben sterben wird, wenn ich nichts unternehme. Was ist daran so schlimm, so beängstigend? Was soll dieses Klammern ans Leben? Mich dünkt, in unserer Gesellschaft ist das normale Sterben abnormal geworden, weil wir die Möglichkeiten haben, es hinauszuzögern. Der Tod wird nicht einfach mehr hingenommen. Andererseits sind Abtreibungen in den Augen der meisten eine akzeptierte Lösung bei ungewollten Schwangerschaften. Passt das zusammen?


    Ja natürlich, länger leben bedeutet unter anderem, weitere gute Erfahrungen zu machen. Schönes zu erleben. Genauso wie weniger Schönes zu erleben. Aber warum muss es denn "mehr" sein? Warum nochmal? Warum länger? Reichen 55 Jahre denn nicht? Kanarienente schreibt von "Leben wegschmeissen" – ist es das, was ich tue, wenn ich nicht gewillt bin, "der Natur ihren Lauf zu lassen"? Ich stolpere über diese Ansicht und gleichzeitig bin ich froh darum, diese Sichtweise zu lesen. Sie ermöglicht mir, weiter darüber nachzudenken, was für mich stimmig ist. Eine andere Meinung kann meine eigene auch bestärken.

    @ Himmelgrün

    Ich teile Deine Sicht auf das Thema. Ich bin auch der Meinung, sollte ich je an einer schweren Krankheit leiden (beispielsweise Krebs), würde ich auf eine Behandlung verzichten und den Dingen ihren Lauf lassen. Ob ich das dann wirklich täte, weiß ich nicht. Ich kenne aber persönlich niemanden, der Krebs überlebt hat. Es gibt sie, die es überleben und bei denen die Behandlung fruchtet. Das weiß ich auch. Die ich kenne sind aber trotz Behandlung relativ schnell nach der Diagnose verstorben. Das hat mich zu der Sicht gebracht, mir eine Behandlung zu ersparen - und die damit zusammenhängenden Qualen - dafür, dass das Leben unter lebensunwürdigen Umständen nur ein wenig verlängert wird, um am Ende doch zu sterben.


    Etwas lässt mich vermuten, dass Du Dir Deiner Entscheidung doch nicht ganz so sicher bist. Sonst gäbe es nichts und niemanden, der/das sie erschüttern kann. Oder ist es eher der Druck von außen, den Du am liebsten abschalten möchtest, aber nicht kannst?


    Ich glaube übrigens auch nicht, dass man sein Leben wegschmeißt, wenn man es nicht künstlich verlängert. Es kommt nicht auf Quantität an, sondern auf Qualität.

    Zitat

    Noch was zu den Tagebüchern: Es handelt sich da um Aufzeichnungen von über 40 Jahren aus meinem Leben und um Briefe von anderen Menschen. Das gehört nicht in andere Hände, auch nicht in die meiner Frau.

    OK, in Bezug auf die Briefe Dritter ist das korrekt. Bei den Tagebüchern bin ich jetzt direkt ins Grübeln gekommen. Hab ich bisher noch nicht drüber nachgedacht, aber ist wahrscheinlich auch korrekt ...

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    Mich dünkt, in unserer Gesellschaft ist das normale Sterben abnormal geworden, weil wir die Möglichkeiten haben, es hinauszuzögern. Der Tod wird nicht einfach mehr hingenommen. Andererseits sind Abtreibungen in den Augen der meisten eine akzeptierte Lösung bei ungewollten Schwangerschaften. Passt das zusammen?

    Ich könnte mir vorstellen, dass, soweit die Menschen darüber überhaupt nachdenken, es im Wesentlichen Dieselben sein werden, die es in Ordnung finden, wenn Jemand sein Leben in freier Entscheidung beendet bzw wenn Jemand sich für eine Abtreibung entscheidet. Wobei ich finde, dass es schon noch ein sehr großer Unterschied ist, ob man über eigenes oder fremdes Leben entscheidet.


    Bist du eigentlich religiös? Was glaubst du geschieht, wenn "dieser Körper gestorben" ist?

    Zitat

    Ich kenne aber persönlich niemanden, der Krebs überlebt hat.

    Ich schon. Da kommt es wohl auch sehr auf die Krebsart an. ZB kenne ich etliche Frauen, die Brustkrebs überlebt haben, die letzte die daran gestorben ist, ist vor ca 30 Jahren gestorben. Da ist die Medizin wohl sehr viel weiter gekommen. (Natürlich könnte man sich dann fragen: Will man ohne diese wegoperierten weiblichen Attribute leben?) Auch kenne ich jemanden, der Leukämie überlebt hat. Ich kenne auch Männer, die sehr schwere Herzinfarkte überlebt haben, einer davon wurde nach 1/4 h reanimiert und hat eine "Nahtodesoerfahrung" gemacht. So könnte ich mit Beispielen weitermachen.


    Jeder davon kommt mit seinem aktuellen Leben gut klar, manche sogar besser, denn die haben jetzt erfahren, worauf es wirklich ankommt.


    Besonders krass ist mir das bei einer Freundin aufgefallen, die Brustkrebs hatte. Das glaubt man nicht, wenn man es nicht selber mitbekommen hat - seit dem Krebs hat sie eine positive Ausstrahlung, sie mag jetzt ihren Körper (!), hat Selbstbewusstsein, konnte sich aus einer schlechten Ehe lösen und erzieht ihre Kinder jetzt alleine, hat es geschafft ihren Job (sie ist selbstständig) zu behalten ... Sie sagt, der Krebs hat ihr Leben zum Positiven gewendet. Also sowas gibts auch.


    Ein anderer krasser Fall ist der eines Mannes, der innerhalb von ein paar Jahren 2 verschiedene Krebsarten hatte (und jetzt wieder gesund ist). Den haben seine Krankheiten auch geprägt, wenngleich er wahrscheinlich schon immer ein eher zufriedener, in sich ruhender Mensch war. Es ist sehr interessant und tiefsinnig, sich mit ihm zu unterhalten. Er hat ein für einen Mann ungewöhnlich sicheres Gespür für das was in anderen Menschen vorgeht. Er hat anderen viel zu geben.

    Zitat

    Woran liegt es, dass Sterben wollen derart mit einem Tabu belastet ist, dass so viele Menschen mir ein "aber" vermitteln müssen?

    Es liegt vermutlich daran, dass die wenigsten Menschen, mit denen du darüber reden und schreiben kannst, jemals in dieser Situation waren. Dazu baut man auch zu Gesprächspartnern eine Empathie auf. Und wenn es nur etwas Oberflächliches ist wie hier im anonymen Forum. Wir haben ein Stück von dir kennengelernt, das was du hier virtuell preisgibst. Dein Umfeld kennt dich noch besser. Auch wir malen uns einen Menschen aus - jeder denkt sich was bei dir, und irgendwo wirst du auch einsortiert zwischen "ganz nett" und "ganz doof". Je nachdem, wie du rüberkommst. Das mit dem "ganz doof" ist vermutlich hier nicht der Fall.


    Diese Mischung macht es. Nur wenige können sich in deine Situation richtig reinspüren. Aber für viele Menschen bist du mehr oder weniger ins Leben getreten. Manchmal reichen 2-3 Beiträge auch hier, um jemanden interessant oder auch bereichernd zu finden. Und wer sagt da schon "Du willst dich sterben lassen, verstehe ich. Ist OK, der nächste bitte.". Es ist teilweise der gleiche "Egoismus", aus dem deine Partnerin dich nicht verlieren will. Nur eben in einer viel schwächeren Form.


    Dazu kommt eine gesellschaftliche Haltung, die Leben - manchmal um jeden Preis - bewahren möchte.


    Es ist daher vermutlich sehr schwer, von anderen echte Hilfe bei dieser Entscheidung zu bekommen, mit der man sich selbst besser versteht und bestätigen kann.

    Zitat

    Andererseits sind Abtreibungen in den Augen der meisten eine akzeptierte Lösung bei ungewollten Schwangerschaften. Passt das zusammen?

    Ja, weil man diese oben erwähnte empathische Bindung zu dem Fötus noch nie aufbauen konnte. Er ist anonymer als du es bist.

    @ LichtAmHorizont

    Der Eindruck, dass ich mir nicht ganz sicher bin, entsteht dadurch, dass ich mich schwer tue damit, meine Frau zu verlassen, sie loszulassen. Wenn ich es genau betrachte, habe ich noch nie einen Menschen verlassen, den ich liebte. Das kenne ich gar nicht. Zwei langjährige Beziehungen wurden beendet, ja, aber es sind tiefe Freundschaften daraus entstanden. Oder nein, das trifft es nicht ganz. Die Liebe blieb einfach bestehen, nur wurde keine Liebesbeziehung mehr gelebt. Gespräche, Berührungen, Nähe – alles war/ist noch möglich – solange die geliebten Menschen leben.


    Was ich für mich selber möchte und richtig finde, bedeutet für meine Frau nicht nur Verlust der engsten Bezugsperson, es bedeutet auch Verlust von allen Hoffnungen und zukünftigen Begegnungen mit mir. Ich kann mich nicht aufopfern, um ihr dies zu ersparen, aber es wär wirklich schöner gewesen, wir wären einfach verschont geblieben. Aber so ist Leben halt nicht.

    @ CoteSauvage

    Nein, religiös bin ich wohl nicht, da fehlt mir der Zugang. Wenn ich davon schreibe, dass der Körper stirbt, dann deshalb, weil der ja dann weg ist, während alles andere von mir in den Erinnerungen und Gedanken meiner Lieben bleibt. In dem Sinne sterbe ich noch lange nicht.


    Vor acht Monaten ist mein liebster Freund verstorben. Er war 40 Jahre Teil meines Lebens und ist mir heute noch jeden Tag ganz nah. In seinen letzten Stunden durfte ich bei ihm sein und da habe ich eine seltsame "Durchlässigkeit" der Welt hier und einem "Was-auch-immer" gefühlt. Das war vielleicht spirituell, aber da ich mich nicht wirklich mit diesem Thema beschäftige, weiss ich nicht, ob das der richtige Begriff ist.


    Deine Berichte über Menschen, die erfahren haben "worauf es wirklich ankommt", sind schön zu lesen. Es freut mich, wenn jemand seinem Leben eine positive Richtung geben kann, egal, was der Auslöser dazu ist. Bei mir war kein Krebs nötig, um mir (immer wieder) bewusst zu machen, wie privilegiert ich bin, wie viel ich habe und wie schön das Leben ist. Ich schau mit ganz viel Dankbarkeit zurück auf die vergangenen Jahre und bin sehr glücklich über all die schönen Begegnungen, die ich hatte, die bereichernden Freundschaften, die Liebe, die ich gegeben und bekommen habe. Auch die gemeisterten Herausforderungen möchte ich nicht missen.


    All die Jahre habe ich meine Gesundheit als Basis für dieses geglückte Leben betrachtet. Nun ist das Fundament weg und offenbar bin ich nicht bereit, eine andere Denkweise zuzulassen.

    @ Comran

    Das mit dem Zitieren ist mir grad zu umständlich, deshalb einfach so:


    Was du da schreibst von der empathischen Bindung zum Fötus im Zusammenhang mit der Abtreibungsfrage leuchtet mir ein. Danke dafür.

    @ Alle,

    die hier schreiben


    Ganz allgemein mal Danke an alle. Ich suche hier in erster Linie andere Meinungen und Anregungen, in zweiter Linie vielleicht etwas Verständnis und Trost und gute Wünsche :-) . Und davon hab ich nun schon viel erhalten und das ist toll. Schön, dass ich hier her gefunden habe, find ich.

    @ :) für euch.

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    Zwei langjährige Beziehungen wurden beendet, ja, aber es sind tiefe Freundschaften daraus entstanden. Oder nein, das trifft es nicht ganz. Die Liebe blieb einfach bestehen, nur wurde keine Liebesbeziehung mehr gelebt. Gespräche, Berührungen, Nähe – alles war/ist noch möglich

    Darf ich dich fragen, warum die Beziehungen dann beendet wurden? Musst natürlich nicht drauf antworten wenn dir das zu persönlich ist, aber ich finde soetwas halt sehr ungewöhnlich und somit interessant.

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    In seinen letzten Stunden durfte ich bei ihm sein und da habe ich eine seltsame "Durchlässigkeit" der Welt hier und einem "Was-auch-immer" gefühlt. Das war vielleicht spirituell

    Sowas Ähnliches hat auch eine Freundin von mir berichtet. Da ging es um eine ihr bisher fremde Frau.


    Zu den Nicks: Ja, die Farben zeigen das Geschlecht an. Grün heißt dass es sich um Mann oder Frau handeln kann, derjenige wollte sein Geschlecht nicht öffentlich angeben. Du kannst Elisada (Admin) bitten, deinen Nick in grün zu ändern. Ich denke aber das wird ein wenig dauern, ich glaube die Administration ist grad in Urlaub, wenn man sich den einen oder andern Thread so anschaut ;-)

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    Woran liegt es, dass Sterben wollen derart mit einem Tabu belastet ist, dass so viele Menschen mir ein "aber" vermitteln müssen?

    Es liegt vermutlich daran, dass die wenigsten Menschen, mit denen du darüber reden und schreiben kannst, jemals in dieser Situation waren.

    Aber viele werden sich selber schon mal Gedanken darüber gemacht haben, wie sie sich selber in einer entsprechenden Situation verhalten würden.

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    Dazu baut man auch zu Gesprächspartnern eine Empathie auf.

    Ist es nicht viel empathischer, Entscheidungen anderer zu respektieren, statt ihnen die eigenen Wertvorstellungen aufzudrängen?

    @ Himmelgrün

    Also, wenn ich Dich richtig verstehe, haderst Du mit dem Egoismus (blödes Wort!) Deiner Entscheidung, da sie ja eben nicht nur Dich betrifft, sondern Du für Deine Frau mit entscheidest. Richtig verstanden? Du hast die Wahl, es so zu handhaben, wie Du es willst, oder so wie Du meinst, dass es Deine Frau lieber hätte?


    Wie steht sie dazu? Überlässt sie die Entscheidung Dir oder bittet sie Dich, Dich lebensverlängernd behandeln zu lassen?

    @ LichtAmHorizont

    Zu deiner Frage: Meine Frau respektiert meine Entscheidung. Niemals würde sie mich bitten, etwas zu tun, was ich nicht möchte. Sie fühlt sich ohnmächtig.


    Erst vor kurzem konnte sie klar formulieren, dass sie nicht möchte, dass ich sterbe. Sie sagt nicht, "lass dich behandeln" aber sie kann heute sagen, dass sie mich weiterhin an ihrer Seite möchte.