@ yukumu

    Ja, solche Gespräche sind eine Option. Wir haben diese Möglichkeit auch vor einem halben Jahr mehrmals genutzt. Ich halte unser Kommunikationsverhalten für überdurchschnittlich gut, ich kann recht gut reflektieren und "die Dinge hinter den Dingen" erkennen – aber es ist, wie du sagst: Wir sind sehr komplexe Wesen und auch wir können Unterstützung brauchen. Von den damaligen Sitzungen haben wir zweifelsohne profitiert. Wir sind so verblieben, dass wir uns wieder melden, wenn es nötig wird. Das haben wir auch vor. Ich will mich hier aber Katjas Tempo anpassen. Solange sie andere Prioritäten setzt, werde ich sie nicht drängen.


    Insbesondere beim "sich-bewusst-machen, was dahinter steckt" möchte ich noch mehr verweilen. Ich glaube, dass ich darin geübter bin als Katja und das schafft ein Ungleichgewicht.

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    So weit sind wir nicht. Wir können uns nicht vorstellen, dass wir unsere Verbindung lösen.

    Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass dies ganz automatisch passiert, ohne dass einer von beiden - oder beide - dies anstreben. Das Gehirn macht sich ja gern mal selbständig, trifft eine Entscheidung, die man einerseits spürt, andererseits nicht will, und dieser Zwiespalt zerreißt einen irgendwann. Fragt sich, welcher Teil gewinnt… Nur dass man zusammen wohnt bedeutet nicht, dass eine innere Loslösung nicht trotzdem passieren kann. Und die kann man allem Willen zum Trotz manchmal nicht verhindern.


    Ich will damit jetzt nicht sagen, dass dies bei Euch so kommen muss - will nur ein paar Gedanken äußern.

    Himmelgrün,


    Da es mir immer schlechter geht, nur kurz dazu:

    Zitat

    Ist Hoffnung eben nicht genau das? An etwas glauben oder es ersehnen ohne Sicherheiten, ohne Rationalität?

    Njein ;-) - nicht unbedingt. Anders hat es mal jemand (wie ich finde ziemlich treffend) formuliert:


    "Hoffnung ist nicht Optimismus, ist nicht Überzeugung, dass etwas gut ausgeht - sondern dass etwas Sinn hat, ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht." (Vaclav Havel)


    Ich empfinde diese Aussage als für mich korrekt. Leider gibt es Menschen, die sich einfacher damit tun überzeugt zu sein, dass etwas Sinn hat - auch ohne dass sie den Sinn kennen bzw. zu kennen glauben. Ich gehöre wiederum zu den Menschen, die alles hinterfragen und reflektieren und sich schwer tun "einfach" anzunehmen, dass das eigene Schicksal einen Sinn hat, auch wenn sich dieser einem nicht oder nur bedingt erschließt.

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    Die Freude über letzten Blutwerte hielt nicht lange an. Sehr bald empfand ich es als Last, dass ich nun noch eine längere Zeitdauer vor mir habe.

    Das klingt ehrlich gesagt furchtbar

    Klingt für mich vollkommen logisch. Wenn man primär einen Sterbewunsch hat und einem es eine Krankheit ermöglicht, ihn sich ohne technischen Suizid zu erfüllen, dann möchte man nicht, daß sich die Verschlechterung verlangsamt.

    Hoffnung...


    Hoffnung in Extremsituationen..


    Ich frage mich, ob Hoffnung nicht zwingend gekoppelt ist an Liebe und sei es auch nur die rein theoretische Möglichkeit einer solchen in einer unbestimmten Zukunft... alleine schon die Möglichkeit.. Dass Liebe zumindest nicht vollkommen ausgeschlossen ist..


    Sinn, ohne Liebe in sich? Ohne Liebe an das Leben? Und sei es auch nur ein winziges Körnchen, begraben unter einem Berg von Problemen.. Ein Körnchen aber, das eben nicht aufhört, seine Strahlen hin und wieder durch diesen Berg hinauszusenden, die den Menschen Hoffnung empfinden lässt oder einen Sinn sehen..

    Inzwischen geht es uns wieder viel besser.


    Der Streit blieb eine einmalige Sache, passiert in einer Periode, wo Katja durch ihre Weiterbildung sehr angespannt war. Rückblickend find ich es gar nicht so schlecht, dass es so gekommen ist - immerhin fanden dadurch wieder vertiefte Gespräche statt und die jeweiligen Standpunkte sind (für den Moment) wieder geklärt.


    Körperlich geht es mir leider weniger gut. Ständig Juckreiz und die Muskel- und Nervenschmerzen sind nun tägliche Begleitung, oft ist mir übel. Richtig eine Nacht durchgeschlafen habe ich schon lange nicht mehr. Es gibt viele Tage voller Trauer und schliesslich die Erkenntnis, dass es in meinem Leben immerhin Dinge gibt, um die ich weinen kann. Hätte es nicht so viel Schönes gegeben, gäbe es keinen Grund zu trauern. So ist es zwar immer mal wieder schwer - aber doch besser so. Es ist eben alles vergänglich. Nicht nur ich muss das akzeptieren. :)z


    Schön sind auch immer wieder Gespräche mit Menschen, die mich lieb haben und stützen. Mein Exmann konnte mich besuchen kommen, nächsten Sonntag ist wieder ein Feier mit Freunden und neuen Bekannten geplant. Und es ist Sommer, ich besuche Flohmärkte und frische die Balkonmöbel auf.


    Wenn ich traurig werde, sage ich mir: Hey, pass auf du! Das verpasste Heute kann morgen schon etwas sein, worum du weinst, weil es dir morgen schlechter geht. - Das hilft sehr dabei, die Momente auszukosten.

    Zitat

    Hey, pass auf du! Das verpasste Heute kann morgen schon etwas sein, worum du weinst, weil es dir morgen schlechter geht.

    diesen satz könnten sich wohl sehr viele menschen einfach mal jeden morgen laut im spiegel ins gesicht sagen :-D

    On ira tous au paradis


    Inspiriert durch einen anderen Faden höre ich mir "meine" Musik (von früher und auch heute noch) an, Lieder und Stücke, die mich immer wieder fröhlich oder traurig stimmen. Dazu gehört auch das Lebenswerk von Michel Polnareff. Der folgende Text bringt ein Lächeln auf mein Gesicht.


    On ira tous au paradis mêm' moi


    Qu'on soit béni ou qu'on soit maudit, on ira


    Tout' les bonn' soeurs et tous les voleurs


    Tout' les brebis et tous les bandits


    On ira tous au paradis [...]

    Ich weiß nicht mal, ob auch kritische Beiträge hier gewünscht sind. Ich habe mir jeden einzelnen deiner Beiträge durchgelesen Himmelgrün und ich bin vor allem eins: Wütend auf Dich!


    Ich möchte Dir auch sagen warum. In meinen Augen verhältst Du Dich furchtbar egoistisch und das in gleich mehreren Punkten. Gut, niemand kann Dir absprechen, dass Du nicht mehr bereit bist zu leben. Ihr habt in der Schweiz nun mal diese Optionen, das kann man gut heißen oder auch nicht, aber das sollte nicht Diskussionsgrundlage sein.


    Ich finde es erschreckend und in ganz starkem Maße egoistisch was Du Katja antust. Nicht nur, dass sie monatelang in Hoffnung lebt, in der Hoffnung dass Du Dich vielleicht anders entscheidest, nein sie soll auch noch Deinen Endweg mit Dir gehen, bei Deinem Exit dabei sein? Ich weiß nicht wie diese Frau das aushält. In meinen Augen hättest Du gehen sollen, Du hättest sie verlassen sollen, denn das was Du ihr antust wird sie vielleicht zerbrechen. Sie lebt ein Leben in Zerrissenheit, sie weiß dass sie allein gelassen wird und trotzdem ist die Frau an Deiner Seite.


    Mal abgesehen davon, dass ich seit 16 Jahren eine Dialysepatientin betreue, die am Anfang der Dialysezeit auch absolut keine Lust mehr hatte auf alles und ähnlich gedacht hat wie Du, bin ich auch seit bald 20 Jahren in einer Partnerschaft. Da Nierenerkrankungen in seiner Familie liegen ist es nicht mal unwahrscheinlich, dass er eines Tages an die Dialyse muss. Ich würde so unendlich wütend auf ihn sein, wenn er mich deswegen durch einen Freitod allein lassen würde, dass ich damit vermutlich nie klar käme. Ich bin da einfach egoistisch, ich weiß nicht ob ich bei ihm bleiben könnte. Ich liebe ihn über alle Maßen und ihn zu verlieren, weil er zu feige ist zu schauen, was das Leben noch bereit hält, nein das könnte ich nicht akzeptieren.


    Du hast nicht einmal versucht den Weg zu gehen, Du willst Dich feige aus Deiner Verantwortung stehlen OHNE sagen zu können, Du hast den Weg beschritten und es ging nicht.


    Es tut mir leid, mich nimmt das Thema sehr mit, aber ich kann Deine Haltung absolut nicht nachvollziehen. Ich habe Verständnis für Sterbehilfe, wenn ein Mensch körperlich und seelisch nicht mehr in der Lage ist zu leben. Aber ich habe kein Verständnis dafür aus Feigheit und Angst nicht zu probieren was geht. Was vergibst Du Dir? Einen Shunt zu legen ist kein Drama! Du kannst immer noch gehen wenn Du merkst es geht nicht.


    Und wenn Du so egoistisch bist hast Du eigentlich keine Partnerin wie Katja verdient, die ihr Leben mit so einem Leid überwirft, obwohl Du nicht bereit bist auch nur einen Funken über Deinen Schatten zu springen und es zu probieren. Was muss diese Frau aushalten, nur damit Du die Ruhe in Dir selbst finden kannst. Unglaublich.


    Es tut mir leid, man möge mich steinigen, aber diese Wut hat sich mit jedem weiteren Beitrag in mir so genährt, dass ich explodieren musste.

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    Ja, das ist schon eine Sache mit dem Egoismus.


    Auch wenn du (EineGuteFrage) schreibst, dass du meine Beiträge gelesen hast, so hast du doch offensichtlich nicht sehr viel von mir erfasst und noch weniger von der Art der Beziehung zwischen mir und meiner Frau. Allein schon deine Emotionalität zeigt mir, dass dich hier etwas plagt, was wohl mit dir selber zu tun hat – vielleicht magst du dich ja mal fragen, was dich da so trifft, dass dich mein Verhalten so wütend macht?


    Mit Feigheit hat meine Entscheidung sehr wenig zu tun. Um das zu erkennen, müsstest du aber den Faden wohl nochmal gut lesen und mit etwas Abstand auf dich wirken lassen. Mir ist allerdings klar, dass es einige Menschen gibt da draussen, denen es nicht möglich ist, zu verstehen. Das ist auch nicht nötig.


    Ist der Egoismus, die Partnerin zu verlassen (den du für dich in Anspruch nehmen würdest, wenn ich das richtig verstanden habe) besser als der zu bleiben?


    Ich gehe nicht mit dir einig, dass ich Katja "etwas antue", ich gehe auch nicht mit dir einig, dass ich sie sozusagen dazu nötige, meinen Weg mit mir zu gehen. Alles, was zwischen uns geschieht oder nicht, basiert auf Entscheidungen, die wir gemeinsam treffen. Sie verbiegt sich nicht und ich auch nicht.


    Mache ich es ihr leichter, wenn ich sie verlasse und allein lasse mit ihrer Trauer? Ja, ich hätte gehen können, dann müsste ich mich nicht mit ihrem Leid und ihren Reaktionen auseinander setzen, müsste es nicht sehen – und das wäre dann nicht egoistisch? Ich meine doch, vor allem vor dem Hintergrund, dass sie absolut nicht will, dass ich (jetzt schon) gehe.


    Wir begleiten uns ja gegenseitig. Ich bin genauso für sie da wie sie für mich. Ich unterstütze sie auf ihrem Weg, bei den Dingen, die sie tut. Und das bezieht sich auf weitere Bereiche als nur auf das, was gerade in unserer Beziehung läuft. Sie hat klar geäussert, dass es ihr wichtig ist, dass wir Zeit zusammen verbringen, dass wir zusammen trauern – soll es da egoistisch sein von mir, wenn ich diesen Wunsch erfülle? Wenn ich mir das so überlege, dann wäre es vielleicht einfacher für mich gewesen, gleich nach der Diagnose abzuhauen, aber das ist nicht das, was sie sich wünschte. Und wie gesagt, wir gehen den Weg zusammen – mit allen Hochs und Tiefs. Das ist, was wir unter "in einer Beziehung leben" verstehen.


    Und nein, sie wird nicht daran zerbrechen, dass sie mich verliert. Ich bin zwar vielleicht momentan der wichtigste Mensch in ihrem Leben, aber sie ist durchaus lebensfähig ohne mich. Sie war das vorher und wird es nachher noch immer sein. Ich habe es früher schon erwähnt: In Katjas Leben gibt es noch einiges, das ihr genauso wichtig ist wie ich. Sie ist ein eigenständiger Mensch. Was uns verbindet, ist Liebe, nicht Abhängigkeit. Und selbstverständlich habe ich sie "verdient" und sie mich auch (wenn man überhaupt im Leben etwas "verdienen" kann). Wir sind beide tolle, besondere Menschen. Wir haben uns gegenseitig sehr bereichert.


    Unsere Situation ist anspruchsvoll, aber wir gehen nun seit bereits 2,5 Jahren mit dieser Diagnose und meinem Sterbewunsch um. Alles ist vergänglich, das liegt in der Natur des Lebens. Es ist eine Tatsache, die wir verstanden haben. Momentan üben wir uns darin, mehr zu vertrauen und weniger zu kontrollieren – tut uns beiden gut und ist nötig.


    Noch als Letztes: Du bist als Aussenstehende absolut nicht in der Lage zu beurteilen, ob ich "körperlich und seelisch" (deine Formulierung) in der Lage bin zu leben. Du unterstellst mir einfach, dass ich es wäre. Das zeigt mir, dass du eben sehr wenig von mir verstanden hast. Deshalb: schütte deine Wut nicht über mich aus, schau bei dir selber, was da los ist.

    Inzwischen ist es September geworden. Und ich bin noch immer ziemlich lebendig. :-)


    September und Oktober sind meine Lieblingsmonate, vor allem, wenn das Wetter gut ist. Ich mag es, wenn abends ein Pullover noch genügt, sich aber gleichzeitig der Herbst ankündigt. Es gefällt mir, wenn sich die Blätter langsam verfärben, wenn das Laub am Boden raschelt.


    Die Zeit der (erneuten) grossen Überforderung (Anfang Juli) habe ich hinter mir gelassen. Es ist sowohl Katja als auch mir gelungen, unsere Tage mit Schönem zu füllen und zu geniessen. Wir haben einige Ausflüge unternommen, viele Flohmärkte besucht (machen wir seit jeher gern) und wir haben noch viele Pläne für die kommenden Wochen. Der Wunsch, unsere Lebenssituation (besser) annehmen zu können, hat sich erfüllt. Hinter mir/uns liegt somit ein schöner Sommer.


    Vor drei Wochen habe ich auch den seit Frühjahr geplanten Termin im Hospiz wahrgenommen. Ich hatte ein langes Gespräch mit der leitenden Ärztin und sie konnte mir einiges an Sorgen abnehmen. Es besteht eine grosse Chance für mich, dort aufgenommen zu werden, wenn ich mich für ein Sterben mit Palliative Care entscheide. Leider machen mir diffuse Schmerzen in den Oberarmen, Schultern und vermehrt nun auch in den Händen immer mehr zu schaffen. Ich gönne mir Massagen und nehme Schmerzmittel, aber die Einschränkungen bleiben beträchtlich. Für Exit war ich aber bisher nicht bereit. Offenbar kann ich Schmerzen besser aushalten, als was ich gedacht habe. Aber leicht ist es nicht. Nicht schlafen können z.B. (trotz grosser Müdigkeit) zehrt ganz schön an den Nerven. Ich habe aber Wege gefunden, mich trotzdem aufzubauen.


    Die Vorstellung, in diesem friedlichen Hospiz die letzten Wochen zu verbringen, betreut von den liebevollen Menschen dort, ist besser als die Vorstellung des Exit-Prozedere. Trotzdem bin ich froh, könnte ich auch diesen Weg gehen – wer weiss, ob mir das Sterben im Hospiz dann nicht doch zu lange dauert und ob ich nicht mein Zuhause vermisse. Wie auch immer, ich mache mir jedenfalls weniger Gedanken und bin zuversichtlich, dass sich alles finden wird, wenn die Zeit dann da ist.

    Zitat

    Und ich bin noch immer ziemlich lebendig. :-)

    Und immer geht es irgendwie weiter :)_


    Ich bin nach wie vor beeindruckt, wie du dich damit arrangierst und dein Leben lebst. Jetzt, wo alle Vorkehrungen getroffen sind und sogar mehrere Alternativen im Raum stehen, kannst du dich wieder auf das Leben konzentrieren und es bewusst wahrnehmen.


    Vor allem finde ich schön, dass ihr eure Zeit nicht länger belastet, sondern wieder ein aktives Paarleben habt, welches nach Außen fast "leicht" aussieht - als wäre alles in bester Ordnung. Wenn es mal soweit ist, müsst ihr euch nicht vorwerfen, die letzten Monate unter ihren Wert gestellt zu haben.


    Ich glaube, dass du von innen heraus genug Kraft hast, dass das so noch eine ganze Weile weitergehen kann. Und wünsche dir auf alle Fälle viel Spaß in deinen Lieblingsmonaten! @:)

    Ich hoffe, dass es dir gut geht Himmelgrün. Wo oder wie ich auch immer. Ganz schwierig, etwas zu schreiben. Denn es könnte sein, du bist schon über den Regenbrogenbrücke gegangen, denke ich. Oder nicht?


    Jedenfalls, sende ich dir/euch liebe Grüße :)*