Probleme mit der Distanziertheit meiner Frau

    (Urspr. Titel: "Verkehrt?")




    Sicher, ich bin körperbehindert. Als wir vor 20 Jahren zusammenkamen war ich noch ziemlich fit, sicher fitter als die meisten. Wir haben sehr viel miteinander unternahmen: Konzerte, Ausstellungen, Radfahren, Bergwandern, Skifahren usw. Von meiner Erkrankung wusste sie vom ersten Tag an. Den Ausbau unserer gemeinsamen Wohnung habe ich nicht nur geplant, sondern auch zu einem guten Teil manuell durchgeführt. Mit der Krankheit wurde es danach allerdings bald schlechter, über Jahre halt. Wir haben zwei Kinder, die sind jetzt beide im Teenageralter. Seit ungefähr elf Jahren bin ich gesundheitsbedingt in Frühpension und im Rollstuhl.


    Bei beiden Kindern war ich ein Jahr in Vaterkarenz. Sehr oft habe ich darunter gelitten, worüber Ehefrauen oft klagen: meine Frau war einfach sehr viel im Betrieb, macht es sehr viele Überstunden, wie schon vor unserer Beziehung. Das sind die Randbedingungen.


    Womit ich ein Problem habe, ist einfach die Distanziertheit meiner Frau. Natürlich bleibt ihr viel an Arbeit, aber für vieles habe ich Helfer engagiert, die ich nur zum Teil für mich beanspruche. Es ist meines Erachtens also schon Zeit vorhanden. Es ist auch legitim, dass sie sich untertags einmal hinlegt und schläft oder einfach döst.


    Allerdings habe ich sie heute angesprochen, die Kinder waren unterwegs, warum nicht einmal Zeit für uns sei. Da meinte sie, sie könne ja nicht dauernd für MICH da sein. Seit für uns empfindet sie also als Zeit für mich!


    Und im Prinzip geht das jetzt schon viele Jahre so. Natürlich, wäre ich fit, könnte ich unterwegs sein und sie würde mich vielleicht sogar wertschätzen.


    Einerseits macht mir meine immer noch zunehmende Unfähigkeit, die Einschränkungen durch die Krankheit zu schaffen, darüber hinaus aber das Nichtge- und -beachtetwerden durch meine Frau.


    Was könnte ich tun? Was soll ich tun?

  • 16 Antworten

    Ich würde das:

    Zitat

    Da meinte sie, sie könne ja nicht dauernd für MICH da sein. Seit für uns empfindet sie also als Zeit für mich!

    ansprechen. Wieso und warum sie das so empfindet und ob sie noch ein "uns" sieht und wie das aussehen könnte.


    Was hast du denn bzw. wie viel an Unternehmungen etc. geht noch?

    Ist deine Frau nur dir gegenüber distanziert oder ist sie einfach eher der Distanz-Typ, der auch mal Zeit für sich braucht? Ich brauche nach einem stressigen Arbeitstag auch mal Zeit für MICH und das heißt, Zeit alleine. Ich liebe meinen Partner und gemeinsame Zeit mit ihm ist schön, aber ich brauche eben auch mal komplett meine Ruhe.

    Zitat

    Und im Prinzip geht das jetzt schon viele Jahre so. Natürlich, wäre ich fit, könnte ich unterwegs sein und sie würde mich vielleicht sogar wertschätzen.

    Da hilft nur ein offenes Gespräch. Du fühlst dich von ihr nicht wertgeschätzt. Die Frage ist, ob sie dich tatsächlich nicht wertschätzt oder ob du das nur so empfindest. Wie ist das denn bei anderen? Fühlst du dich von anderen Menschen wertgeschätzt, von deinen Kindern z.B.?

    In Deinem Text schwing eine große Unsicherheit mit, ob Deine Frau Dich angesichts Deiner körperlichen Defizite noch ehrlich liebt oder nicht. Immerhin bist Du nicht mehr in der Lage ihr den physisch hochwertigen Lebenspartner zu bieten, den sie mal hatte.

    Zitat

    sie würde mich vielleicht sogar wertschätzen.

    Du fühlst Dich offenbar schon gar nicht mehr wert geschätzt. Daraus entwickelt sich eine große Angst, sie danach zu fragen, Angst davor, dass herauskommt, dass da keine Liebe mehr da ist, sondern nur noch Mitleid, ein Zusammenleben mit einem Pflegefall. Du hast so große Angst davor, dass Du versuchst ihr alles Recht zu machen, Du rechtfertigst sogar hier im Forum schon mal proaktiv den Umstand, dass sie mal tagsüber schläft.


    Aber Du wirst nicht drum rum kommen, genau das in Euren Gesprächen mal zum Thema zu machen. Liebt ihr Euch noch? Wenn ja, wie könnte Euer gemeinsames Leben aussehen? Wo bleibt die Zeit für Euch zwei? Das ist ein extrem wichtiges Thema und das kann man nicht verdrängen aus lauter Rücksichtnahme auf Deine Frau, die ja mit Dir ein schweres Los zu tragen hat. Eine Beziehung funktioniert emotional in der Regel nur auf Augenhöhe und das auch, wenn einer der Partner körperlich nicht fit ist. Auch Du im Rollstuhl hast in einer Beziehung berechtigte Wünsche nach Nähe. Fehlt diese Nähe, muss man darüber reden. Das zu ignorieren, weil ein Rollstuhl nun mal bedeutet, dass alles anders ist, ist falsch, denn alles ist halt nicht anders. Die Bedürfnisse in einer Beziehung bleiben die selben.

    Danke für eure Antworten.


    PocketMouse: Genau das habe ich sie natürlich gefragt. In dem Fall entschuldigt sie sich und es ist ihr scheints peinlich. Aber so ähnliche Aussagen hatte sie schon öfter. Also kann ich die Entschuldigung und das Peinlichsein nicht ganz ernst nehmen. An gemeinsamen Unternehmungen sind uns Wanderungen geblieben – sie geht, ich rolle.


    Stella80: Ja, sie ist sicher generell eher verschlossen. Bei mir war sie es die ersten Jahre natürlich nicht.


    Gespräche – – – daran kann es nicht scheitern. Als ich anfing ihren Rückzug zu problematisieren, hatten wir-auf meine Initiative, sie war da ziemlich passiv-sehr viele Gespräche, sehr viele Stunden. Sie sagt es sogar mehrmals, dass sie meine diesbezügliche Initiative sehr schätzt. Bei diesen Gesprächen, die durchaus lebendig, echt und offen waren, war sie schlussendlich meist meiner Meinung und sah ein, dass man an einer Beziehung auch arbeiten muss, dass es nicht genügt, einfach so dahin zu leben. Nur, am nächsten Tag war von allen Erkenntnissen und Vorsätzen und Vereinbarungen schlagartig einfach nichts mehr da.


    NotMichaelCaine: bin für meine Familie da, wahrscheinlich kann sich kaum jemand vorstellen, wie viel ich da bin. Bin schon fast ein Küchenkästchen. Ich vermute ja, dass das ständige da Sein nicht als solches wahrgenommen wird und ein Problem ist.


    Ralph_HH: Ich zweifle nicht nur an meiner körperlichen Qualität, es ist ganz offensichtlich, was ich alles nicht mehr kann. Es geht allenfalls um die Diskussion, was man als Behinderter für Ansprüche haben darf – aber das ist eine sehr große Diskussion.


    Wenn du die meiste Zeit des Jahres so herum sitzt, dann wirst du ganz einfach komisch. Bist du komisch, dann bist du komisch und wenn du in dieser Situation versuchst normal zu tun, dann bist du auch komisch.


    Okay, die Introvertiertheit meiner Frau werde ich nicht ändern können. Das habe ich schon länger hingenommen. Manchmal bedrückt es mich, dass sie unsere Beziehung nicht bewusster wahrnimmt. Wahrscheinlich trifft einfach der Spruch auf mich zu: "Sei froh, es könnte schlimmer sein".


    :)z

    Ach ja, Ralph: ob ich das Etikett "Liebe" anhängen darf oder nicht, dass kümmert mich, ehrlich gesagt, überhaupt nicht. Sollte ich die Frage stellen und würde ein Nein herauskommen, was könnte ich schon tun? Das ist es eben!

    Zitat

    NotMichaelCaine: bin für meine Familie da, wahrscheinlich kann sich kaum jemand vorstellen, wie viel ich da bin. Bin schon fast ein Küchenkästchen. Ich vermute ja, dass das ständige da Sein nicht als solches wahrgenommen wird und ein Problem ist.

    Es ist ein Unterschied ob jemand da ist oder ob jemand kommuniziert: Was kann ich regelmäßig für Dich (nicht für die Familie) tun? Wie stark eingespannt ist Deine Frau im Job? Große Verantwortung dort?

    Natürlich gibt es da Unterschiede in der Anwesenheit oder eben Präsenz. Aber das Nachfragen ließe sich immer maximieren. Nachdem wir uns sowohl den Haushalt als auch das Kindererziehen viele Jahre geteilt haben und der jemals andere gearbeitet hat, sind es beide gewöhnt, auf eigenen Beinen zu stehen. Mir käme es ganz komisch vor wenn sie dächte, mich schaukeln zu müssen und meine Frau würde sich wahrscheinlich in ihren emanzipatorischen Bemühungen sabotiert fühlen. Dieses "Wie geht es dir heute, Schatzilein " ist bei uns nicht gefragt. Was kann ich für dich tun klingt ein bisschen sehr nach dieser Kategorie.


    Sogar die letzten Geschenke haben bei ihr eher Häme ausgelöst.

    Zitat

    Sogar die letzten Geschenke haben bei ihr eher Häme ausgelöst.

    Das klingt als wäre sie emotional schon getrennt... Das auf der "Objektebene" (Geschenke) lösen zu wollen geht zwangsläufig schief. Die Häme könnte eine klare Reaktion auf die falsche Wahl der Mittel sein.


    Wie alt sind eure Kinder? Würdest Du Dich trennen, wenn die Liebe fehlen würde? Oder brauchst Du ihre Versorgung?

    Zitat

    Ach ja, Ralph: ob ich das Etikett "Liebe" anhängen darf oder nicht, dass kümmert mich, ehrlich gesagt, überhaupt nicht. Sollte ich die Frage stellen und würde ein Nein herauskommen, was könnte ich schon tun? Das ist es eben!

    Oha. Dass Du diese wichtigste aller Fragen als so egal abtust, wundert mich. Es ist die Frage, die alles entscheidet. Liebt man sich, dann ist man füreinander da, gibt Gefühle und emfängt auch welche. Man bemüht sich umeinander und redet über Probleme mit einem gemeinsamen Ziel: Die Beziehung zu erhalten, diese kostbare Liebe zu pflegen. Dass dann einer im Rollstuhl sitzt ist zwar unschön, aber ändert an der Liebe nichts.


    Ist die Liebe weg, kippt das auf eine ganz andere Ebene. Man organisiert den Alltag zusammen, die Abfolgen von Beruf, Kinderbetreuung, Haushalt, aber den Rest macht jeder allein für sich. Da gibt es keine "Zeit für uns", die Du im Startpost reklamierst, weil es kein "uns", kein "wir" mehr gibt. Da bist Du kein Partner mehr, mit dem Deine Frau gerne zusammen ist, sondern eine von vielen Aufgaben, die sie erledigen muss.

    ich habe mir gerade vorgestellt, wie es für mich wäre, wenn mein mann frühpensioniert wäre, immer für mich und die lieben da wäre - und die behinderung mal ganz draußen gelassen! ich bin zu dem schluss gekommen, dass mir das tierisch auf den senkel gehen würde!


    verzeih, wenn das so hart klingt, aber ich würde mich erdrückt fühlen... zu sehr gebraucht!


    wie sieht es denn bei dir mit eigenen interessen aus? was machst du in der zeit, in der deine frau arbeiten geht? hast du freunde, ein hobbie? bist du einigermaßen mobil mit deinem rollie?

    Ralph_HH


    Das mit der romantischen Liebe finde ich eine tolle Sache. Aber seien wir uns ehrlich – erstens ist sie per se schon ein großes Mysterium und wenn man das klären muss, bevor man eine geglückte Beziehung haben kann, dann hat man nie eine Beziehung. Das ganze nebulöse Gequatsche um die Liebe wird heillos überbewertet. Zweitens… es gibt viele Beziehungen die ohne dieses ganze Geschwafel wunderbar funktionieren. Deinen Schluss finde ich einfach zu voreilig. Er erinnert mich an den Witz, hast du kein Aquarium, bist du schwul.


    Die Seherin


    Leider kann ich meine Behinderung nicht ausblenden, so gerne ich es anders möchte, sie bleibt! Ich verstehe schon, welchen Verdacht du hast. Jedoch, erdrückt wird bei uns niemand. Ja, meine Frau und ich haben beide Hobbies, denen wir ohne den jeweilig anderen nachgehen. Wir unternehmen auch mit anderen etwas.


    Vielleicht muss ich es einfach selber anders sehen. Es ist jedenfalls lebendig und nicht tot, und ehrlich.


    :)z

    Zitat

    Sogar die letzten Geschenke haben bei ihr eher Häme ausgelöst.

    Zitat

    Es ist jedenfalls lebendig und nicht tot, und ehrlich.

    Für Dich kein Widerspruch? Wie geht Ehrlichkeit und Häme zusammen?

    Zitat

    Zweitens… es gibt viele Beziehungen die ohne dieses ganze Geschwafel wunderbar funktionieren.

    Ja, aber Deine funktioniert ja nun eben nicht mehr so richtig, wenn ich den Sinn Deines Fadens hier richtig verstehe?


    Ok, lassen wir das mit der Liebe, wenn Dir das romantische Geschwafel nichts sagt. Ohnehin sind viele der Meinung, dass die Liebe mit der Zeit der Gewohnheit und der Freundschaft weicht. Sehe ich anders, aber nun gut...


    Oldie49 zitiert mitunter mal einen Beziehungsforscher, nachdem es in der Beziehung drei Säulen gibt, die projektbezogene, die freundschaftliche und die leidenschaftliche. Die sexuelle Leidenschaft dürfte angesichts Deiner Gebrechen schon länger flach fallen, das ist bei vielen Paaren früher oder später eh der Fall. Bleiben die anderen beiden. Projektbezogen - ein gemeinsamer Haushalt, Hobbies etc. funktioniert bei Euch noch viel. Und die Freundschaft. Die wichtigste, die auch im Alter jenseits der Leidenschaft garantiert, dass man für einander da ist, sich wertschätzt, sich nicht verletzt. Von der Freundschaft ist da in Deiner Schilderung nicht mehr viel zu spüren.


    Sie empfindet die gemeinsame Zeit mit Dir offenbar als Aufgabe, nicht als Freude. Und ob man das nun an fehlender Liebe oder an fehlender Freundschaft festmacht ist letztlich egal. Wichtig ist, dass ihr mal klärt, wie ihr zueinander steht. Und da finde ich die einfache Frage "liebst du mich noch" besser zu beantworten, als wenn Du die Existenz von Liebe leugnest und versuchst, das auf irgendeine andere abstrakte Ebene zu heben und dort zu erklären. Vielleicht kann Deine Frau mit der Frage ja etwas mehr anfangen als Du.