Realfakes - Das Spiel mit den Gefühlen anderer

    Es gibt eine besondere Klasse von Foren-Fakern, die ihr Spiel viel weiter treiben als der sonstige allseits bekannte Internet-Troll. Es gibt, glaube ich, kein einschlägiges Wort für diesen Typ User mit gefälschten Internetpersönlichkeiten, aber gelegentlich werden sie wohl Realfakes genannt und im Englischen kennt man den Ausdruck catfish hierfür.


    Diese Realfakes sind viel schwieriger zu identifizieren als der gewöhnliche Troll, weil ihre Geschichten häufig realitätsnah und plausibel klingen und sehr fein ausgefeilt sind, so dass sich kaum Widersprüche finden lassen. Immer wieder kommen neue tragische Details zu der Geschichte hinzu, was beim Leser sofort eine starke Empathie erzeugt. Dass diese Stories möglicherweise falsch sein könnten, kann man nach einer Weile kaum noch glauben, da das dargelegte "Lebensprofil" durch immer mehr Details an Echtheit zu gewinnen scheint. Dieses in Kombination mit Wortgewandtheit und argumentativer Überzeugungskraft tun ein Übriges.


    Realfakes tauchen häufig mit ganz erstaunlichen und emotional geladenenen Geschichten auf.
    Typische Merkmale sind schwere Schicksalsschläge, wie z.B.:
    - Tod eines nahen Angehörigen oder einer Bezugsperson. Verlust des eigenen Kindes.
    - Opfer einer Vergewaltigung oder des sexuellen Mißbrauchs in der Kindheit.
    - Krebserkrankung oder andere schlimme Erkrankungen oder Drogenmißbrauch.
    - Starke psychische Probleme in Verbindung mit Lebensveränderungen (z. B. Schwangerschaft).
    - usw.


    Dass man diesen Fakern auf den Leim geht liegt an einer Reihe von Gründen:
    - Die meisten Menschen erwarten einfach nicht, dass sie absichtlich belogen werden.
    - Die Leser oder "Follower" eines solchen Fadens haben häufig die entsprechenden Schicksalsschläge wirklich erlebt, suchen deshalb nach Leidensgenossen und können sich kaum vorstellen, dass sich jemand zum Spass eine solche Story ausdenkt.
    - Und überhaupt, warum sollte sich jemand sowas ausdenken? Wozu das Ganze?


    Warum sich jemand regelmäßig neue falsche Identitäten ausdenkt, weiß ich auch nicht. Es gibt jedoch einen Typ von pathologischen Lügnern, also Personen mit einer psychischen Störung, zu der diese Realfakes gehören könnten. (Münchhausen Syndrome, oder Munchausen by Internet, Pseudologie).


    Oftmals kommt es im Lauf der Zeit zu einem persönlicheren Austausch (via PN, E-Mail, facebook usw.) zwischen dem Realfaker und dem "Follower". Es kommt dann zu "Freundschaften", wobei natürlich der Realfaker kein Freund ist, sondern lediglich sein "Bedürfnis" weiter befriedigt. Die Realfakes können dann tief in die Privatsphäre von Usern eindringen, es werden durch die (scheinbare) Basis auf Augenhöhe emotionale Abhängigkeiten geschaffen, die jeden Zweifel und jede gesunde Skepsis im Keim ersticken. Es wird teilweise perfide mit den Ängsten und Unsicherheiten der Unwissenden gespielt. Die Story hinter den Kulissen mit wachsendem Vertrauen des Followers weiter auf die Spitze getrieben. Dies kann über viele Monate und sogar Jahre gehen.


    Wenn sich nach einer Weile doch mal die Wahrheit herauskristallisiert, ist das für den "Follower" meistens ein echter Schlag. Dies umso mehr, da der Follower ja von einem Freund, Vertrauten und möglicherweise Leidensgenossen ausgegangen war. Oft jedoch werden irgendwann, wenn die Katze genug mit der Maus gespielt hat, Abschluss-Szenarien ersponnen, die den Follower in absoluter Ungewissheit zurücklassen, nur mit der Ahnung ausgestattet, dass wohl etwas Schlimmes passiert sein muss und ohne die Möglichkeit, seinerseits wieder Kontakt aufzunehmen. Der Realfaker verschwindet auf Nimmerwiedersehen und beginnt das "Spiel" an anderer Stelle von vorne.


    Ich könnte mir gut vorstellen, dass es hier Betroffene gibt, die schon einmal auf solche Leute hereingefallen sind. Für sie ist dieser Faden gedacht. Aber auch zum allgemeinen Austausch für Interessierte. Vielleicht zweifelt jemand von euch ja auch ganz aktuell an einem scheinbar guten Internetfreund oder einer -freundin. Selbstverständlich wäre es sehr spannend - ist aber höchst unwahrscheinlich - dass sich hier ein Realfaker zu Wort meldet und aus eigener Sicht über seine Motivation aufklärt.

  • 751 Antworten

    Meine beste Freundin aus der Schule war so eine. Da waren wir ca. 16. Sie hat auf ziemlich üble Weise einen Typen im Internet verarscht, der kurz zuvor noch unsere Schule besuchte, der sich online in sie verliebt hat usw. Sie fand das lustig, erzählte dann immer was er schreibt und wie schnulzig sie dieses oder jenes fand. Er tat mir leid, aber ich wusste nicht, wo sie ihn gefunden hatte und konnte ihn nicht warnen. Vielleicht wollte ich das damals auch gar nicht, sie war ja meine beste Freundin.


    Irgendwann wurden ihre Erzählungen weniger und während ich dachte, dass sie einfach den Spaß verloren hat, hat sie sich wohl auch in ihn verliebt. Oder irgendwas, das sie dafür hielt.


    Nachdem ich in den Sommerferien die Schule gewechselt habe (in eine andere Stadt) hat sie es dann genutzt und sich mit dem Typen im wirklichen Leben getroffen und mir diese Online-Geschichte in die Schuhe geschoben, ohne dass ich davon wusste. Zu mir brach sie den Kontakt von jetzt auf gleich ab (ging nicht mehr ans Telefon usw), während der Typ mich damals noch während der Sommerferien über Schülervz bei sämtlichen Schülern der neuen Schule, die dort in der Schulgruppe online waren, beleidigt und Lügen erzählt hat. Das war echt der Hammer und ich hatte wirklich sehr, sehr lange daran zu knabbern. Seitdem habe ich keine beste Freundin mehr und möchte auch mit niemandem außer meinem Partner mehr so eng sein. Ist mittlerweile 10 Jahre her.


    Keine Ahnung, ob das auch als Erfahrung zählt, aber ich schätze mal schon!? ;-)

    Zitat

    Das war echt der Hammer und ich hatte wirklich sehr, sehr lange daran zu knabbern.

    Glaube ich Dir gerne. Entweder ist es manchen Menschen egal, dass sie das Vertrauen anderer so dermaßen missbrauchen oder sie verstehen es wirklich nicht.

    Es tritt hier im Forum auch in Erscheinung, deswegen danke an Muff-Potter dieses Thema hier in einem eigenen Faden zu thematisieren.


    Ich erinnere mich noch an eine dann gesperrte Userin, die behauptete ihr Freund würde sie schlagen und viel schlimmeres. Am Ende der Story stand ihre Flucht in ein Gartenhaus, als sie in die gemeinsame Wohnung zurück geht um Sachen zu holen, bringt ihr Freund sie fast um, aber irgendwoher kam Polizei ... war nur ein Beispiel.


    Ich gebe auch zu bedenken, dass solche Leute dir im reallife genauso über den Weg laufen können. Im Netz hat man mehr Resonanz als realfreaker.

    Ich musste leider auch eine Erfahrung mit so einem Menschen machen. Ich wollte es anfangs nicht wahrhaben- nicht glauben, dass jemand mich so belügt und mit mir spielt.


    Das war auch mein Fehler , hatte ein ungutes Gefühl und schob es immer wieder von mir weg , da ich auch nicht falsch urteilen wollte . Schlussendlich war es doch nur ein fieses Spiel. Das macht was in einem . Etwas, dass ich nicht will- nämlich mißtrauisch zu werden.

    Zitat

    Wenn ihr denkt einen Troll entdeckt zu haben, was macht ihr hier dann . Die Vermutung z. B. melden ?

    Das ist ja klar den Forenregeln zu entnehmen, dass man dies dann melden sollte.


    Aber in diesem Faden hier, so habe ich den Eingangsbeitrag verstanden, soll es eben nicht um Trollerei gehen.


    Das, was einen Realfaker/eine Realfakerin ausmacht, ist weitaus mehr als Provokation oder ein recht schnell durchschaubares ausgedachtes Szenario.

    Dass es das gibt, weiß ich zwar schon lange, aber die Geschichte hinter NotMichaelCaines Link ist echt extrem. :-o Dass jemand das mit so extrem viel Aufwand (inkl. Geschenken für mehrere Tausend Dollar) betreiben könnte, hätte ich nicht gedacht.


    Danke für den Link! War sehr interessant zu lesen.

    Zitat

    Ich erinnere mich noch an eine dann gesperrte Userin, die behauptete ihr Freund würde sie schlagen und viel schlimmeres.

    Ich habe den Faden damals auch gelesen, aber das war wohl kein Realfake. Die TE dort hat einfach das geschrieben, was ihr übereifrige User als schreckliche Konsequenzen angekündigt haben. Das hat sie offenbar angeregt zu ihren Erzählungen.


    Ich denke, die Faker im Muffschen Sinn sind solche, die die Fäden in der Hand behalten - wie beim Spiel mit Marionetten.

    Mit der Story hinter NotMichaelCaines Link könnte ich mithalten.


    Eine Person, die man wohl einen Realfake nennen könnte, hatte sich vor langer Zeit in mein Herz, mein Leben und meine Familie gelogen und betrogen. Am Ende der ganzen Sache stand ich kurz vor dem Selbstmord. Meine Familie und ich waren irgendwann ausgebrannt und es wurde sich ein neues Opfer gesucht. Das ganze lief über rund 4 Jahre. :|N

    Zitat

    Eine Person, die man wohl einen Realfake nennen könnte, hatte sich vor langer Zeit in mein Herz, mein Leben und meine Familie gelogen und betrogen.

    Was ist denn passiert? Klingt als hättest du deine Partnerin mit sojemandem betrogen?