Ich bin mit notorischen Lügnern aufgewachsen und habe dadurch ein dermaßen schlechtes Menschenbild, dass ich in Internetforen erst einmal generell davon ausgehe, dass jeder lügt, bis sich die Balken biegen.


    Live habe ich so einen Online-Faker mal erlebt, als dieser sich als ein ehemaliger Partner der vermissten Tanja Mühlinghaus ausgab und eine Räuberpistole nach er anderen erdichtete. Die Kripo ist eingeschritten und hat das ganze dann auch beendet, aber es war richtig krass, weil auch Angehörige der Vermissten das Ganze verfolgten und dadurch neue Hoffnung aufkam, über den Verbleib dieses Mädchens etwas heraus finden.


    Da frage ich mich schon, was in solchen Leuten vorgeht. Welches Motiv dahinter stecken mag. Es geht ja anscheinend nicht darum, andere um Geld zu bescheissen, sondern wohl tatsächlich nur um krankhafte Aufmerksamkeit.

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    Die Vorstellung, solche Faker seien einfach nur erbärmliche Würstchen, ist ja verbreitet und schnell zur Hand, vermutlich, weil der Gedanke so befriedigend ist - "

    Das und wahrscheinlich auch die Vorstellung, dass jemand, der so etwas wahnsinnig Schräges macht, einfach komplett unnormal sein muss. Sozusagen der Klassiker: "Er war ein unauffälliger Nachbar, der jeden Tag freundlich gegrüßt hat." Es macht halt Angst, dass man "gefährliche" Leute nicht immer erkennen kann.

    das vornweg: hab die letzten 10 seiten übersprungen ]:D

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    Aber es besteht halt wahrscheinlich ein gravierender Mangel bei zwischenmenschlichen Bedürfnissen (so könnte ich mir das bei der Bloggerin vorstellen).

    aber im fall der bloggerin (und im von Log Lady geschilderten Fall) kann das zwar passen, ist mir aber nicht eingängig. beide waren in real live nicht langweilig. die psychologin aus dem blogger-fall hat ja auch irgendwie fast "nur" ihr eigenes leben geteilt (fastfood-rechnungen und ähnlich alltägliches). sie konnte äußerst geschickt (sie war ja professionell) auf allen klaviaturen der menschlichen gefühle spielen (ok, fürs schnelle telefon-sex-abenteuer hat sie sehr attraktive fotos benutzt) -- es besteht für mich kein zweifel, dass sie auch im realleben einfach beziehungen aufbauen kann oder könnte. es wird nicht gesagt in der neon, dass sie irgendwie unansehnlich ist oder stinkt ;-). alle von ihr gennanten gründe klingen lahm (homophobie o.ä.).

    Das eigene Leben muss ja nicht langweilig sein um in irgendeiner Form defizitär zu sein oder um als defizitär verstanden zu werden (defizitär bitte beschreibend verstehen, nicht wertend). Zudem man nicht davon ausgehen kann, dass diese Defizite dem Faker bewusst sein müssen. Wäre das ein bewusstes Defizit könnte der selbstachtsame Mensch es ja auf eine für alle Beteiligten gelungene Weise auflösen.

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    Für die nach Fakten und Beispielen lechzenden Menschen hier: war ein Magersuchtsfaden, wo die TE angeblich verstarb.

    Ich ahne, welchen Magersuchtfaden du meinst, es gibt ja auch einen Trauerfaden dazu, der auch nach rund zweieinhalb Jahren immer noch aktiv ist. Aber gerade bei diesem Fall finde ich keinen ernsthaften Anhaltspunkt, an der Echtheit zu zweifeln. Weißt du da mehr? Die damals erkennbare "Dramaturgie" ist ja nun leider wirklich nicht selten, wenn jemand tief in der Magersucht-Falle sitzt, deswegen würde ich daraus nicht unbedingt einen Fake-Verdacht ableiten, geschweige denn eine Gewissheit. Und selbst der Doc hat den Fall sehr, sehr ernst genommen und keinerlei Zweifel erkennen lassen.


    Man könnte den nach Fakten und Beispielen lechzenden Menschen aber auch ein anderes Beispiel nennen; die Forumsälteren werden sich erinnern: "Gefühle für meinen Gastvater" war die hochdramatische Story einer Deutschen, die als AuPair-Kindermädchen in den USA eine Affäre mit ihrem verheirateten Gastvater hatte. Dann gab es Zuspitzungen, Unfälle, Krankenhaus, usw... Das halbe Forum hat damals mehr als ein halbes Jahr lang mitgefiebert. Nie wurde auch nur der geringste Zweifel an der Story geäußert - zumidnest nicht im Faden. Aber dann ist der wohl doch als Fake aufgeflogen, denn eines Tages war er komplett verschwunden, und die eifrige Schreiberin "mrsbojangles" gleich mit.

    An den kann ich mich gut erinnern, hab ich gestern dran gedacht:-) Relativ zeitgleich gab es noch nen anderen Faden, oder? Irgendne Schülerin, die ne Beziehung mit ihrem Lehrer hatte vielleicht? Hab aber nur noch ne diffuse Erinnerung.


    Der mrsbojangles-Thread passt absolut in die Kategorie, gleichzeitig kann ich mich gar nicht erinnern, dass es da ne große Empörung gab hinterher. In dem Fall war das hinterher für mich abgehakt als hübsche Geschichte, die mich unterhalten hat, ich war aber auch nicht aktiv dabei. Oder trügt mich die Erinnerung und einige hier waren echt betroffen?


    Was ist denn mit dem Faden mit der Zahnärztin die ihren Patienten so toll fand, dann hatten die auch ein Date und ich glaub, dann kam nix mehr. War das ein Fake?


    Ich glaube, ich bin unsensibel für fakethreads;-D

    Individualist

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    Aber dann ist der wohl doch als Fake aufgeflogen, denn eines Tages war er komplett verschwunden, und die eifrige Schreiberin "mrsbojangles" gleich mit.

    Ja - sie ist aufgeflogen, weil sie sich irgendwann als ihre "beste Freundin" ausgab, die hier dann auch schrieb und "völlig überrascht war", dass sie sich hier dann trafen. Das war wohl ein Ticken zuviel des Guten ;-). Ein Verdacht bestand allerdings schon vorher.


    Shojo

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    "Ja, mag sein, dass sie andere Leute verarschen, aber in Wirklichkeit sind sie erbärmlich auf allen Ebenen, richtige Versager, sie sind hässlich, arbeitslos, haben keine Freunde, keinen Sex und sind zu Silvester immer ganz allein." Die Vorstellung disqualifiziert den Faker ab, macht ihn damit auch harmloser, straft ihn ab: Aber: Ist es auch wahr?

    Ehrlich gesagt denke ich gar nicht soweit. Bzw. ich habe da gar kein solches Bild vor mir.


    In meinem Verständnis ist irgendwie das was Faker tun, sowas wie "erweitertes Tagträumen". Ich meine, wer von uns hat sich nicht mal vorgestellt vor allem wenn er damit konfrontiert wird (sei es real oder durch Filme/Bücher) wie es ist in Situation X oder Y zu sein. Sei diese nun positiv oder negativ.


    Oder wer von uns "tagträumt" nicht mal in irgendwelchen anderen Situationen zu sein, unter anderen Umständen zu leben? Ohne es wirklich zu wollen - eben als Traum, als Vorstellung "was wäre wenn?".


    Ein Faker erweitert dies dann. Lebt seinen Traum sozusagen innerhalb gewisser -gegebener- Grenzen aus. Leider eben (oft) auf Kosten Anderer.


    Eine Krankheit erfinden weil man Aufmerksamkeit bekommt, mehr Verständnis, es wird Einem viel mehr verziehen als wenn man gesund wäre einen anderen Menschen unter erlogenen Umständen anbaggern weil die eigene Beziehung irgendwie langweilig geworden ist, der Alltag langweilig ist oder, oder....dafür muß man kein kompletter Versager im RL sein.


    Mir fällt in diesem Zusammenhang auch das Münchhausen-Syndrom (bzw. Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom) ein.

    Nochmal Shojo:

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    Aber im Grunde kann man doch sagen: Bei einem Faker wird vor allem erst einmal ein Bedürfnis vorliegen, das er durch diese Fakes zu stillen sucht. Aufmerksamkeit, der Entwurf anderer Persönlichkeiten (aus Ekel vor sich selbst, aus Langeweile, vielleicht aber auch aus Neugier, in manchen Fällen womöglich aus einem Erzähldrang und einem Fabuliertalent heraus, das konstruktiv genutzt durchaus Bewunderung erregen würde), Kontrolle beziehungsweise Macht, überhaupt Einflussnahme auf die Welt. Die Erschaffung paralleler Wirklichkeiten, in denen Raum für etwas ist, das der Faker oder die Fakerin im normalen Leben nicht unterbekommt oder für das Raum vorhanden, aber viel zu klein ist.

    :)z


    Das meine ich. "Nur" Tagträumen reicht ihm nicht. Er braucht die Verschmelzung von Beidem: Traum und Realität.

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    In dem Fall war das hinterher für mich abgehakt als hübsche Geschichte, die mich unterhalten hat, ich war aber auch nicht aktiv dabei. Oder trügt mich die Erinnerung und einige hier waren echt betroffen?

    Doch, da gab es Einige.

    Hm, ok, ich würde das für mich nämlich ähnlich einordnen wie avanti, also dass so eine allgemein erzählte Geschichte in einem Forum (sofern man nicht per PN sehr viel Hilfe angeboten hat) einen nicht so sehr tangiert wie wenn man ganz persönlich individuell so sehr beschissen wird...


    Übrigens würde ich da nicht so sehr zwischen Internet und Real Life unterscheiden, was die Mechanismen bzw. die zwischenmenschliche Dynamik angeht. Selbst wenn man im Internet die Identität noch mehr verschleiern kann, so gibt es doch auch hier draußen Leute, die sehr lange auf Heiratsshwindler hereinfliegen trotz persönlichen Kennens...

    Luis08


    Naja, es war ja nicht nur eine erzählte Geschichte, es gab viel Drama, eine oftmals verzweifelte TE, weit weg von zu Hause....und soweit ich weiß, standen da schon Einige mit ihr in PN (Mail? Telefon?) -Kontakt. Die ganze Story lief ja -ich glaube- ca. 1,5 Jahre.


    Und die TE war ja auf der sicheren Seite, da sie sich in den USA befand.

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    Naja, es war ja nicht nur eine erzählte Geschichte, es gab viel Drama, eine oftmals verzweifelte TE, weit weg von zu Hause....und soweit ich weiß, standen da schon Einige mit ihr in PN (Mail? Telefon?) -Kontakt. Die ganze Story lief ja -ich glaube- ca. 1,5 Jahre.


    Und die TE war ja auf der sicheren Seite, da sie sich in den USA befand.

    Ja klar. Natürlich nimmer es einen umso mehr mit, je mehr man involviert ist oder mit der TE mitfühlt. Aber wirklich krass, mehrere Leute so nach seine Pfeiffe tanzen zu lassen und zu verarschen :-X

    Zitat

    Hm, ok, ich würde das für mich nämlich ähnlich einordnen wie avanti, also dass so eine allgemein erzählte Geschichte in einem Forum (sofern man nicht per PN sehr viel Hilfe angeboten hat) einen nicht so sehr tangiert wie wenn man ganz persönlich individuell so sehr beschissen wird...

    Ich denke auch nicht, dass die allgemeinen Fake-Fäden das Problem sind. Manche ärgern sich vielleicht, dass sie Zeit und Gedanken investiert haben, um auf ein ausgedachtes Problem zu reagieren. Aber im Normalfall hat man zwar seine Meinung zu diesem Problem geschrieben, jedoch nichts von seinem Privatleben "dazugetan" bzw. nur unverfängliche Dinge, die man eben öffentlich auch Unbekannten preisgeben möchte.


    Solche Fäden sind hier ziemlich häufig vertreten. Aber ich denke, das bringt allein die Tatsache mit sich, dass hier medizinische Themen inkl. Psychologie etc. diskutiert werden. So ein Forum bietet sich förmlich dafür an.


    Leider eben auch für Leute, die das Ganze über so einen Faden hinaus weiter führen und hier auf andere treffen, die vielleicht momentan seelisch nicht ganz so gut aufgestellt sind und anfällig(er) dafür.


    Soweit ich das beurteilen kann - also mal nur auf die Fäden bezogen, bei denen man sicher sein konnte, da es auch kommuniziert wurde - fliegen vorwiegend plumpe und übertriebene Fäden auf. Oder der/die TE macht eben einen Fehler (mit Zweitaccount sich selbst bestätigen etc.). Da sehe ich tatsächlich keinen großen Schaden für irgendwen.


    Problematisch wird es aus meiner Sicht in dem Moment, wenn sich (erst über PN, später über Mails, ev. Telefon, Briefe usw.) ein direkter Austausch ergibt. Man beginnt, das Gegenüber zu mögen. Das kann man ja auch, wenn man sich noch nicht live getroffen hat - jemanden mögen. Man erzählt immer mal ein wenig mehr von sich. Da man ja auch das Gefühl hat, das Gegenüber tut dies ebenso. So beginnen nun mal heute auch Kontakte. Und daran ist grundsätzlich nichts Schlechtes.


    Erst aus dem näheren Austausch entsteht dann irgendwann der Wunsch, den anderen real kennenzulernen (bei mir ist das so, vielleicht nicht bei jedem). Wenn das eben möglich ist. Manchmal ist es das aus den verschiedensten Gründen nicht.


    Ich muss sagen, in der überwiegenden Mehrheit habe ich damit postive Erfahrungen gemacht und nach einer Zeit des Austausches ganz tolle Menschen auch im RL kennengelernt. Ich bin sehr froh, diese zu kennen. Einige davon sind inzwischen gute Freunde seit Jahren.


    Daher würde ich diese Form der Kontaktanbahnung ungern missen wollen.


    Aber dann gibt es da eben noch die anderen. :-|

    Ja, das meinte ich damit, dass es auch damit zu tun hat, inwieweit man persönlich involviert ist. Nicht nur zeitmäßig sondern dass man sich einfach so schrecklich verarscht fühlt, wenn man so belogen wird, sich geöffnet hat, sich Gedanken gemacht hat usw.

    gauloise


    Ich glaube für einen realfake mit nahmen Kontakt braucht man wirklich Zeit die da investiert wird. Weil man ja nicht nur das eigene falsche FB-Profil/Twitter/Instagram füttert sondern auch noch die der anderen zu der einen Figur erdachten Personen. Familie, engere Freunde und soweiter. Für all die muss man sich ja ausenken wo sie sind, was sie so machen und soweiter.


    Vielleicht erkennt man das Bedürfnis das ein Faker stillen will am ehesten an dem was diese ganze GRuppe ausgedachter Charaktäre vereint. Denn wenn das so dringend ist das es sich in diesem Formen Luft macht und so unbewusst das man es nicht anders lösen kann, dann kann man es vermutlich auch nicht bewussst verstecken. Im Falle der Psychologin war das ja dies Element der keuschen Frau die keinerlei Bikiibilder oder so postet. Da waren sich der Hautfake-Charakter und der Fake-Kumpel-Charakter und auch die Fake-Freundin-Charakter total einig.