• Realfakes - Das Spiel mit den Gefühlen anderer

    Es gibt eine besondere Klasse von Foren-Fakern, die ihr Spiel viel weiter treiben als der sonstige allseits bekannte Internet-Troll. Es gibt, glaube ich, kein einschlägiges Wort für diesen Typ User mit gefälschten Internetpersönlichkeiten, aber gelegentlich werden sie wohl Realfakes genannt und im Englischen kennt man den Ausdruck catfish hierfür. Diese…
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    Ich finde das, was hier zur Unterscheidung von Verantwortung und Schuld gesagt wurde enorm wichtig. Ich hatte das früher nie so wahrgenommen. Im Alltag werden die Begriffe, so ist mein Eindruck, häufig durcheinander geworfen. Dabei ergibt es viel mehr Sinn, diese Begriffe zu differenzieren.

    Ja, deutlich mehr. Mir gefällt Dein Beitrag auch gut, Lewian.

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    Der Mensch entscheidet sich bewusst, zu helfen und sich zu oeffnen, trotz dieser Gefahr. Ich interpretiere das so, dass er eine Verantwortung wahrnimmt vor sich selber.

    Genau das ist meine Haltung dazu, eben eine bewusste Entscheidung mit dem Bewusstsein, dass ich da unter Umständen auch mal auf die Fresse fliegen kann. Das macht das Verhalten eines Fakers mitnichten besser, und es macht es nicht leicht, mit so etwas umzugehen, aber ich kalkuliere die Möglichkeit von vornherein mit ein, so wie auch Danae es ja schon beschrieb. Es kann eben passieren. Im "Kleinen" ist es das ja auch schon - in Fake-Fäden zum Beispiel, in denen irgendwer Räuberpistolen erfindet. Da sieht man ja auch immer wieder, wie Leute dann ihre vertane Zeit beklagen, wenn der Fake auffliegt. Und ja, der Faker "stiehlt" anderen Leuten die Zeit, er erschleicht sich die Aufmerksamkeit, es ist nicht in Ordnung, was er tut. Aber man selbst kann trotzdem für sich entscheiden, ob man die Zeit und Aufmerksamkeit investiert oder eben nicht, in dem Bewusstsein, dass dieses Faken von Fäden ein gar nicht so seltenes Phänomen ist, manche Fäden mit "krassen" Themen aber trotzdem wahr sind und man das nicht immer von Anfang an klar unterscheiden kann. Man muss da ja auch nicht immer gleich entscheiden - wenn ich gerade die Energie dafür habe, lasse ich mich womöglich drauf ein, ein andermal nicht. Das Bewusstsein, dass man kein Automat ist, bei dem Knöpfe gedrückt werden (anonymer Hilfsappell in die Runde bei einem solchen Faden zum Beispiel) und der dann unwillkürlich reagieren muss, sondern dass man solche Entscheidungen bewusst treffen kann, schenkt einem viel Freiheit.

    Lewian

    Zitat

    Ich finde das, was hier zur Unterscheidung von Verantwortung und Schuld gesagt wurde enorm wichtig. Ich hatte das früher nie so wahrgenommen. Im Alltag werden die Begriffe, so ist mein Eindruck, häufig durcheinander geworfen. Dabei ergibt es viel mehr Sinn, diese Begriffe zu differenzieren.

    Sehe ich auch so. Allerdings finde ich es im allgemeinen Diskurs sehr schwer, weil da immer ein "selber Schuld" mitschwingt, wenn man sich wissentlich auf ein Risiko einlässt. Dabei wird der zu zahlende Preis gerne völlig ausgeblendet den man bei Verzicht gezahlt hätte. Keine soziale Kontakte mehr einzugehen wäre ja keine wirklich gangbare Alternative, genauso wenig wie das Haus nicht mehr zu verlassen oder nicht mehr zu putzen weil dabei immerhin die meisten Haushaltsunfälle passieren (obwohl.. im letzten Fall :=o :=o ).


    Schwerer finde ich das schon bei anderen Feldern. Wenn ich dieser Tage im Irak eine Rucksacktour mache ist eine Entführung natürlich immer noch nicht gerechtfertigt, aber das es da doch schon gangbare Alternativen gegeben hätte finde ich das da Verantwortung und Schuld schon bedeutend näher aneinander stehen.


    Aber ich mag das Wort Schuld eh nicht so furchtbar gerne. :-/

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    aber das es da doch schon gangbare Alternativen gegeben hätte finde ich das da Verantwortung und Schuld schon bedeutend näher aneinander stehen.

    Wie bekommt man diese Unterscheidung überhaupt klar hin, wenn man in diesem Sinne sich selbst gegenüber ziemlich "verantwortungslos" entschieden hat?(unzutreffende Wort, man gebe mir ein besseres).


    Nehmen wir den sich selbst überschätzenden Extremsportler. Da kann ich die "Schuld" auch nicht dem Wetterumschwung zuschreiben, wenn es mich in der Nordwand "kalt erwischt". Deckt sich dann Schuld mit Verantwortung?


    Werde ich die Schuld nur dann los, wenn andere Menschen involviert sind?

    Zitat

    Deckt sich dann Schuld mit Verantwortung?

    Wie wäre es vor Gericht?


    Der Extremsportler muss im Vorfeld die Situation so gut es geht einschätzen und dabei alle Risiken sorgsam berücksichtigen. Dabei muss er alle relevanten Faktoren (auch mögliche eigene Unzulänglichkeiten) berücksichtigten. Die liegt in seiner Verantwortung. Weißt man ihm nach, dass er dieser Verantwortung nicht gerecht geworden ist, weil er wesentlichen Faktoren unzulänglich berücksichtigt hat, fällt der Schuldspruch. Sonst nicht. Er ist seiner Verantwortung nachgekommen und nicht schuldig.

    Schuldgefühle verhindern manchmal sogar, dass man aufsteht und Verantwortung für sein Handeln übernimmt, das Problem angeht.


    Ich empfinde Schuldgefühle lähmend, drückend.


    Wir brauchen ein Gewissen - ist das dasselbe wie ein Schuldgefühl?

    Das dumme ist in meinen Augen das die Abwägung was man gewinnt und verliert sehr individuell ist. Es gab hier ja mehrfach Threads ob man als Frau nachts draussen rumlaufen sollte/dürfte. Und da fanden es einige schon verantwortungslos, abseits aller Wahrscheinlichkeiten, wenn man, also frau, es tat. Betreffende Personen sahen auch gar keinen Grund darin, ich aber brauch das hin und wieder und es wäre ein echter Verlust für mich wenn ich das nicht mehr dürfte weil ich dann bei einem Übergriff Teilschuld bekäme.


    Eben wegen dieser rechtlichen Komponente von "Schuld" mag ich das Wort nicht. Bei dem Extremsportler würde ich das, bei entsprechender Vorbereitung lieber als "Pech gehabt" bezeichnen. Schuld kann es meiner Meinung nach nur geben wenn es um willentliche Verletzungen, egal in welchem Bereich geht.

    Manche sind ganz gut darin , anderen das "Selberschuld " an den Kopf zu werfen, wenn etwas passiert ist . Vielleicht machen das Menschen , die das Thema von sich weg haben wollen (da sind wir wieder bei dem : "Mir kann das nicht/nie passieren" )

    Zitat

    Schuld kann es meiner Meinung nach nur geben wenn es um willentliche Verletzungen, egal in welchem Bereich geht.

    Stimmt

    Darf ich mich mal ganz kurz, leise und vorsichtig einmischen? Mich würde interessieren, ob ich allein so abgestumpft bin, dass ich ca 2-3 aktuelle Threads nicht ernst nehmen kann... oder geht es jemandem ähnlich? Wäre es echt, würde ich sofort und gern unterstützen und tun, was ich kann (auch wenns nur Worte in einem Forum sind). Aber in mir sitzt der Trollverdacht und ich werd ihn einfach nicht los, sobald ein typischer Thread eröffnet wird.

    Zitat

    Manche sind ganz gut darin , anderen das "Selberschuld " an den Kopf zu werfen, wenn etwas passiert ist . Vielleicht machen das Menschen , die das Thema von sich weg haben wollen (da sind wir wieder bei dem : "Mir kann das nicht/nie passieren" )


    (Porzellanseele)

    Ja, wahrscheinlich.


    Häufig erlebe ich auch zunächst Betroffenheit - "ach, du Arme, das ist ja schrecklich" - und nachdem ein bisschen überlegt wurde: "andererseits… wer in diesem Aufzug nachts durch einsame Gassen läuft, muss sich jetzt auch nicht sooo sehr wundern" und noch später "etwas risikofreudig war sie ja schon immer, es musste einmal so kommen". Ziel ist wohl wirklich: "Ich mache das nicht, also bin ich sicher." Außerdem ist Schuld zuschieben weniger schmerzhaft als Mitgefühl. Und man ist aus der eigenen Verantwortung (eventuell zu helfen/beizustehen) raus.

    Mh ja, aber ich schau dann immer ob da gerade was geht oder nicht. Am Ende denke ich mir bei bestimmten Themen auch oft: Selbst wenn es nen Troll ist, es gibt nichts was es nicht gibt und vielleicht findet es mal jemand im WWW der gerade echt in der Lage steckt oder sich die Frage stellt.

    Ich mag da jetzt auch keine nennen. Es kam in letzter Zeit nur so oft vor, dass so ein typischer Thread eröffnet wurde. Früher hab ich mich da involviert, zu helfen versucht, Tipps gegeben, mitgetrauert... Und dann kam ein Fake nach dem anderen. Ein angeblich 15jähriges Mädchen mit Eierstockkrebs, eine Mutter, deren Tochter nach einem Sturz im Koma lag, Frauen, die misshandelt wurden, und so weiter. Und ich hab einfach das doofe Gefühl, jeden Tag kommt (mindestens) ein Fake dazu. Ich sag ja, ich fühl mich irgendwie abgestumpft und überhaupt nicht mehr hilfsbereit. Doofes Gefühl.