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    Also wenn schon, dann bitte "qualsabberei"! ;-D

    Qualsabbelei wär jetzt mein Vorschlag gewesen. :-D

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    Ich glaube daher eher, dass bei solchen Sachen der Verstand der bessere Ratgeber ist als das Gefühl. Ungereimtheiten erkennt man besser mit dem Verstand, glaube ich.

    Ich glaub, ich trenne das nicht so, beziehungsweise meine ich das eigentlich. Wenn mir Ungereimtheiten auffallen, gehe ich davon aus, dass da etwas nicht stimmt, und dieser Wahrnehmung (die ich ganz schwammig Gefühl genannt habe) vertraue ich dann. Und den starken Eindruck von Ungereimtheiten, Unstimmigkeiten, dem vertraue ich dann. Auch und gerade dann, wenn jemand versucht, das alles "wegzuerklären".

    Ich habe auch Erfahrungen damit gemacht, aber nicht als Opfer, sondern als Täter.


    Ich war allerdings ein Teenager, was es natürlich nicht besser macht.


    Ich habe mich in Chats als eine andere Person ausgegeben. Ich blieb weiblich, aber ich machte mich viele Jahre älter, hatte einen spannenden Beruf und war einfach eine tolle Person. Ich suchte Kontakt zu Frauen um die 40 Jahre, denn damals glaubte ich, diese sexuell interessant zu finden und wollte Zugang zu ihnen bekommen.


    Ich habe es nie weit getrieben und ich hatte auch nie im Sinn, jemanden zu verarschen. (Klar, das habe ich getan, aber damals habe ich das nicht so ernst genommen und es einfach für richtig befunden.)


    Über Chatkontakte ging es erstmal nicht heraus und es waren auch nur sehr lose Bekanntschaften. Ich bin jedes Mal aufgeflogen und habe mich dann zurück gezogen.


    In meine schlimmste Tat bin ich wie vorher auch so reingerutscht, ich habe es vorher nicht geplant. Dieses Mal war es extremer, denn ich gab mich als Mann aus und chattete mit einer Frau, die anfing, sich in mich zu verlieben. Ich flog auch dieses Mal auf und im Nachhinein bin ich mir sicher, dass sie den Verdacht schon sehr lange hatte und einfach sichergehen wollte, wenn sie mich enttarnt.


    Realen Kontakt gab es hier aber auch nie.


    Danach habe ich es komplett sein lassen, das hat mich irgendwie wach gerüttelt.


    Parallel dazu habe ich im realen Leben auch viel gelogen. Ich habe mir Freunde, Beziehungen und Hobbies ausgedacht, die es so niemals gegeben hat. Teilweise habe ich meine Lügengeschichten selbst geglaubt.


    Dadurch ist zwar niemand Drittes zu Schaden gekommen und es ist auch niemals herausgekommen, aber es war natürlich trotzdem nicht richtig.


    Und erst jetzt, fast 10 Jahre später, erkenne ich endlich, WARUM zum Teufel ich so viel Mist gebaut habe. Ich weiß nicht, wie die Motive andere "Realfakes" aussehen, aber meine kenne ich.


    Ich hatte ein langweiliges, uninteressantes Leben und wurde von meinen Eltern emotional vernachlässigt. Das ist die Kurzfassung.


    Die Rollen, in die ich geschlüpft bin waren so, wie ich selbst gerne gewesen wäre. Ich wollte einfach nicht mehr ich selbst sein. Ich legte mir sogar einen anderen Rufnamen bei Neukontakten zu, so sehr habe ich mich gehasst und so wenig wollte ich mich mit meinem Selbst identifizieren.


    "Schuld" daran waren meine Eltern, die sich nie emotional auf mich einlassen wollten (oder konnten?). Ich habe die Anerkennung woanders gesucht und das ging meiner Meinung nur als jemand anderes, denn ich selbst war es nicht wert.


    Auch das, wie ich damals glaubte sexuelle Interesse, habe ich mit der Suche nach einer weiblichen Bezugsperson/Mutterersatz verwechselt. Also der typische Ödipuskomplex, von dem ich damals natürlich nichts hören wollte.


    Ich habe es nie weit getrieben, aber entschuldbar ist nichts. Ich schäme mich heute noch dafür und wünsche niemandem, dass er an so jemanden gerät wie mein damaliges Ich.

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    Ich war allerdings ein Teenager, was es natürlich nicht besser macht.

    Ich finde schon, dass es einiges verändert. Vor allem aber, dass Du es so klar benennst und so offen darüber redest. Das erfordert krassen Löwenmut.

    Danke!


    Auch wenn ich nur die "Light-Version" war, vielleicht gibt es doch ein wenig Einblick, wie es in anderen Realfakes aussehen könnte.


    Ich habe das große Glück gehabt, enttarnt zu werden, denn ich kann nicht sagen wie weit ich es sonst getrieben hätte.


    Es ist wie ein Strudel, in dem man gerät, wie eine Sucht.

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    Parallel dazu habe ich im realen Leben auch viel gelogen. Ich habe mir Freunde, Beziehungen und Hobbies ausgedacht, die es so niemals gegeben hat. Teilweise habe ich meine Lügengeschichten selbst geglaubt.

    Gab es damals bei Dir im realen Leben wichtige, enge Beziehungen, in denen Du "ehrlich" warst?

    @ quacksalbrei,

    mit Schlach


    Mea maxima culpa ]:D


    Glaube, mein Handy lag zu nah an der Funktastatur, oder die Batterien geben bald den Geist auf. ":/ Auf jeden Fall war es nicht die Autokorrektur :-D

    @ Schoko

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    Woah, Nuriyonh, don't drink and surf! ;-D ;-D ;-D

    Ich trinke keinen Allohol. Nur rote Schorle :-q Und Kaffee... x:)

    @ Schnecke

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    Einfach nur kranke Scheiße.

    Das fasst es gut zusammen. :|N Weißt du, wie sie sich später entwickelt hat? War das eine (unbeschreibbar grausame!) Teenagersünde, oder wurde/blieb es pathologisch?

    @ Lemon

    Finde gut, dass du dazu stehst. :)^

    @ Nurarihyon

    Wir waren noch zwei weitere Jahre gemeinsam in der selben Schule / Klasse. Geoutet hat sie sich nie offiziell, sie gab die Geschichte aber nie auf, sondern es gab dann noch eine (vergleichsweise) harmlose Fortsetzung der Story mit dem Bruder des angeblich verstorbenen Freundes (die wiederum von teilweise grotesken Details untermauert wurde).


    Insgesamt fand ich es am Schlimmsten, dass ich nie wirklich herausgefunden habe, wie es zu der Geschichte kam, was die Hintergründe waren, ob vielleicht doch irgendwo ein wahrer Kern hinter den ganzen Stories steckte.


    Sie hat es mir (!!!) nie verziehen, dass ich an einem gewissen Punkt einfach alle Absurditäten auf den Tisch gepackt habe und sie mit meinen Zweifeln konfrontiert habe. Wir haben uns die restlichen zwei Jahre einfach angeschwiegen und sind uns aus dem Weg gegangen.


    Sie hatte zweifellos ihre persönlichen (vielleicht sogar auch psychischen?) Probleme. Wie gesagt, am Ende bin sogar ich als der Arsch aus der Geschichte rausgegangen. Irgendwas war mit ihr aber nicht mehr richtig, sei es, dass sie einen Drogendealer gedatet hat, mit allem geschlafen hat, was ihr irgendwie einen Vorteil verschaffte usw. usw.


    Einfach einen Weg eingeschlagen hat, der überhaupt nicht meiner war.

    @ Schnecke

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    Wie gesagt, am Ende bin sogar ich als der Arsch aus der Geschichte rausgegangen.

    Jupp, ich auch. Es kamen völlig abstruse Vorwürfe, was ich ihr angetan hätte. %-| Sie muss so überzeugend gewesen sein, dass ein Familienmitglied fragte, ob da etwas dran sei. Das war das Schlimmste daran.

    @ quacksalberei

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    Erzähl keine Märchen. Nicht hier! ;-D

    So schnell wurde ich noch nie enttarnt. :-o

    @ topic

    Glaubt ihr, dass man langfristig besser über seine Opferrolle hinwegkommt, wenn man dem Täter verzeiht?


    Ich persönlich habe es verarbeitet und kann ihr verzeihen, auch wenn ich meiner Ex den epischsten Alieneitervaginalpilz ever wünsche, so sehr, dass ich sogar wieder

    in die Kirche ginge, wenn mir der große Boss den Wunsch erfüllt. Widerspricht sich das irgendwie? Nein, das glaube ich nicht, Tim. :-D

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    quacksalbrei

    Wird ja immer besser. :-D Quacksbrei wär auch noch eine Option, bei Hunger! Oder Quacksalbei, gegen Erkältung. ;-D


    Ich finds krass, dass hier vor allem "echte" Geschichten, also face-to-face, Reallife-Realfakes sozusagen, auf den Tisch kommen. Ich war immer ein bisschen geneigt, das hauptsächlich für ein Internet-Phänomen zu halten, aber das ist ja offensichtlich Käse.

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    Glaubt ihr, dass man langfristig besser über seine Opferrolle hinwegkommt, wenn man dem Täter verzeiht?

    Dazu müsste man vielleicht erst einmal klären, was "Verzeihen" überhaupt ist. Das sagt sich so schnell, aber was genau ist das eigentlich, verzeihen?

    @ Shojo

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    Dazu müsste man vielleicht erst einmal klären, was "Verzeihen" überhaupt ist. Das sagt sich so schnell, aber was genau ist das eigentlich, verzeihen?

    Da bin ich jetzt überfragt. Ich kann sagen, dass es so ist, weil es sich so anfühlt. ":/ Der Gedanke daran flasht mich nicht mehr, hängt mir nicht mehr nach, intrudiert meinen Alltag nicht mehr. Ich fühle mich nicht mehr direkt negativ davon beeinflusst. So, ungefähr.

    Verzeihen:


    Ich bin ihr nicht mehr böse, sondern eher fassungslos und mit vielen Fragezeichen. Das ist für mich verzeihen. Sicher gibt es immer einen der macht, und einen der machen lässt. Trotzdem ist es der agierende Part, der sich wie eine Zecke an den geeigneten Wirt (und die Eignung kann sich aus vielen Parametern ergeben) andockt und ihn aussaugt.


    Heute nehme ich ihr weniger das übel, was sie mir vorgespielt hat, sondern die Tatsache, dass sie etwas so unfassbar schreckliches wie Krebs als Instrument für ihr Spiel gebraucht hat. Das ist jenseits von Geschmacklos, es ist eine Beleidigung für jeden Menschen, der wirklich an dieser furchtbare Erkrankung leiden muss. Kurz gesagt: Mich macht es wütend, Leidende nachzuäffen, aus niederen Trieben. Das steht für mich auf einer Stufe mit Leuten, die Schwerkranken Zaubersteine andrehen und von der Schulmedizin abhalten :(v