Nochmal zu meinem Beitrag S. 40 Verantwortung-Schuld-Strafe


    Zitat der querschnittgelähmnten Sportlerin:


    Die Antwort kommt prompt: das Risiko sei ihr bekannt gewesen, aber sie selbst habe Stabhochsprung nie als gefährlich empfunden. Dass nur sie selbst die Verantwortung für ihren Unfall trägt, ist für Kira extrem positiv: "Nichts anderes - kein Wind, kein Gerät - ist schuld an meinem Unfall.** Und das hilft mir."**


    Unfälle/Fehler passieren nicht, Fehler werden gemacht, das ist ganz was anderes. Daher eigene Verantwortung, eigene Schuld geht bei mir ganz weit. Selbst bei dem extremen Fall in dem link s.o. würde es der Geschädigten sicherlich deutlich besser gehen, wenn sie sich eine Mitverantwortung ja sogar Mitschuld einräumnt.

    Hm. Ich weiß nicht. Manche zerfleischen sich dann erst recht. Und verlieren das Vertrauen in sich vollständig. Oder besser, stellen fest, dass sie sich selbst offenbar noch nie trauen konnten und vorher wohl einfach Glück hatten, und dieses Mal nicht.


    Man kann nur hoffen, wenn man den Teil, der der eigenen Verantwortung entspringt, erkennt, dass man auch stark genug ist, daraus zu lernen.


    Wie diese Kira Grünberg das macht, ist mir ein Rätsel. Zu wissen, dass ich durch eigene Schuld für den Rest meines Lebens anderen (insbesondere der eigenen Familie) als Pflegefall zur Last fallen werde, würde mir den Rest geben.

    unkompliziert

    Zitat

    Selbst bei dem extremen Fall in dem link s.o. würde es der Geschädigten sicherlich deutlich besser gehen, wenn sie sich eine Mitverantwortung ja sogar Mitschuld einräumnt.

    Sehe ich ähnlich.


    Also jetzt mal bezogen auf die verlinkte Geschichte:


    Ich finde es wird zu wenig differenziert. Die Ehe der Beiden ist doch nicht durch die Lüge kaputt gegangen, genausowenig hat sie wegen der Lüge ihre Arbeit "verloren" - sondern das Alles geschah doch in der Zeit, als sie die Geschichte noch gelaubt haben.


    Die Entscheidungen (Entwicklungen) wurden völlig unabhängig davon getroffen.


    Ich will damit - um Himmels Willen - nicht sagen, dass es nicht ungeheuerlich war was die junge Frau da abgezogen hat. Das ist es ohne Zweifel. Und man kann ihr durchaus den Vorwurf eines Betrugs, bzw. einer arglistigen Täuschung machen und ja, dafür gehört sie auch bestraft.


    Dennoch:


    Was wäre wenn...die Situation gestimmt hätte? Wäre die Ehe dann nicht zerbrochen? Hätte sie ihren Job dann nicht trotzdem verloren? Wer würde dann verantwortlich gemacht werden für diese Entscheidungen - also wenn alles gestimmt hätte?


    Ich dachte beim Lesen immer wieder: Ja, selbst wenn die Geschichte stimmen würde - wieso hat diese Frau so gehandelt? Sich so aufgeopfert, so viel aufgegeben (ihre Ehe, ihre eigenen Kinder, ihren Job)? Sie hätte auch anders für dieses Mädel (wäre die Situation echt gewesen) da sein können, oder nicht?


    Ich will darauf hinaus, dass die Entscheidungen die sie da traf, der Weg den sie gegangen ist - immer noch ihre Verantwortung war und ist.

    Zitat

    Manche zerfleischen sich dann erst recht

    Erfahrungsgemäß (zumindest meiner) ist genau das Gegenteil häufiger. Ich kenne es aus Querschnittzentren und da sagen alle -Pfleger, Ärzte usw., wer nicht von Glück, Pech oder "ist passiert" redet, kommt viel leichter mit der Situation klar. Einfach deshalb es fehlt eine Fluchtmöglichkeit zum jammern. Im Sinne von "wäre ich an diesem Tag zuhause geblieben, hätte es nicht geregnet wäre ich vom Motorrad gefallen. usw" Gerade bei schweren Schicksalsschlägen ( eigentlich vermeide ich das Wort sonst) ist Eigenverantwortung für sein zukünftiges Leben das A und O. Dies führt nicht selten zu einem überaus gesunden Sebstbewußtsein.


    Ich bin selbst querschnittgelähmnt (Halswirbelbruch durch einen Badeunfall) Ich habe in den zig Jahren noch nie gesagt "der Unfall ist passiert" ich sage immer "ich bin in Baggersee gesprungen" War zwar keine Absicht, aber eigene Dummheit - eigene Schuld.


    Btw. Mit einem Querschnitt vom 5ten Halswirbel ist und bleibt man pflegeabhängig. Mit zur Last fallen hat dies aber nichts zu tun. Es gibt genügend Lebensmodell ohne, dass man von den Eltern abhängig ist. Wäre ja eh keine Dauerlösung.

    @ Isabell

    :)= :)=


    eben es war ihre Entscheidung und damit auch ihre Verantwortung. Und wie ich sagte war die Entscheidung falsch, hilft das Abwälzen auf andere gar nichts. Sich einzugestehen mein Gott, wie war ich blöd. sprich irgendwie auch selbst schuld. macht das Darüberhinwegkommen erheblich einfacher.

    unkompliziert


    Es ist einfach ein Unterschied ob mich Jemand durch eine Lüge zu etwas treibt - oder ob ich selber einfach nur auf eine mir gegebene Situation reagiere und dann entscheide.


    Hätte also z.B. dieses Mädel in der o.g. Geschichte (glaubhaft) behauptet, der Ehemann würde sie mißbrauchen, bedrängen oder was auch immer - das wäre wieder was ganz Anderes. Aber die Lüge an sich, das Konstrukt, hatte nichts damit zu tun.


    Bzw. klar, dann später dieser erfundene Arzt Dr. John - da sehe ich es auch wieder anders.


    Aber so wie sich das Ganze darstellt hat weder das Zerbrechen der Ehe noch der Verlust des Jobs damit zu tun ob die Geschichte echt oder falsch war.


    Oder anderes Beispiel:


    Hätte zu Dir Jemand gesagt (Dir vorgelogen), dass da unten im Baggersee ein Mensch in Lebensgefahr ist und Du wärest daraufhin gesprungen - das wäre auch wieder was ganz Anderes gewesen. So aber - ja - es war Deine völlig freie Entscheidung.


    Wobei (jetzt ein wenig ot): Das soll jetzt nicht so rüberkommen als würde ich zu Dir sagen: "Ach so...na dann...selbst schuld" - jetzt kommen wir wieder zu dem blöden Wort "Schuld" ;-)) -. Nein, das sehe ich nicht so. Ich denke mal kaum Einer von uns hat nicht schon mal Dinge getan die echt hätten übel ausgehen können.


    Aber ich denke schon ich weiß worauf Du hinaus willst und ich finde Deine Haltung absolut :)^ - und ja, ich verstehe auch was Du damit meinst, dass es ein Darüberhinwegkommen einfacher macht. Da ticke ich ähnlich.

    @ Isabell

    Ich sehe das ganz genauso wie Du. Dass die Geschichte von der jungen Frau erfunden war, ist hier ja fast nebensächlich… Das Verhalten der Dozentin ist in jedem Fall, nun ja, nicht unbedingt alltäglich und auch nicht wirklich normal.

    @ unkompliziert

    Mir fehlt da eigene Erfahrung, deshalb kann ich nur vermuten. Sicher hängt es aber auch von der persönlichen Vorgeschichte ab, die man mitbringt. (Optimistisch? Pessimistisch? Macher-Typ, Opfer-Typ? Und so weiter)

    Zitat

    Btw. Mit einem Querschnitt vom 5ten Halswirbel ist und bleibt man pflegeabhängig. Mit zur Last fallen hat dies aber nichts zu tun.

    Wenn mich meine Familie unentgeltlich pflegen würde und ich sehen würde, dass es sie belastet, mangels Geld aber tun muss, fühlte ich mich schon als Last. Wenn ich ganz viel Geld hätte und mir eine Pflegekraft bezahle, würde ich das wohl anders sehen. Aber auch hier kann ich nur spekulieren.

    Inwiefern es fuer Leute besser ist, sich zu sagen, dass sie selbst schuld waren, oder "verantwortlich fuer ihren Anteil an dem, was passiert ist, aber nicht schuldig", oder es vor allem wichtig ist, sich zu sagen, dass die Schuld ausserhalb ihrer selbst liegt, ist sicherlich von Person zu Person unterschiedlich. Es haengt u.a. davon ab, was fuer Erfahrungen sie so mit dem Begriff "Schuld" gemacht haben (also ob z.B. ihre ltern ihnen oft ein schlechtes Gewissen eingeredet haben), wie ihr Selbstbewisstsein ist etc. Entscheidend ist letztlich, was sich die Leute daraus machen und was sie lernen, denke ich. Und das liegt an ihnen selber. Ich sehe keinen Grund, da von aussen Schuldzuweisungen zu machen. Ich bin kein Richter und "Fakeopfer" oder gutglaeubige Opfer von Betrug haben mir nichts Boeses getan und auch keinem anderen. Ich finde es daher vermessen, sie von aussen "schuldig" zu sprechen, auch wenn sich selber sagen zu koennen: "selbst schuld" manchmal gut "funktionierten" mag als Enstellung. Ich ziehe weiterhin den Begrff "Verantwortung" vor, der bloss sagt, werte fuer dich selber aus, was du warum getan hast, und inwiefern das an der ganzen Sache mitgewirkt hat, und ziehe deine eigenen Konsequenzen daraus.

    Ich finde es ein bisschen manisch, was Du schreibst, Unkompliziert. Ein bisschen übersteigert, ein bisschen missionarisch mit dem Modell, an dem Du Dich festhältst und mit dem Du durch Dein Leben nach dem Unfall navigierst.

    Zitat

    Gerade bei schweren Schicksalsschlägen ( eigentlich vermeide ich das Wort sonst) ist Eigenverantwortung für sein zukünftiges Leben das A und O. Dies führt nicht selten zu einem überaus gesunden Sebstbewußtsein.

    Ja klar, für das zukünftige Leben sicher. Aber das ist ja unabhängig. Nehmen wir jemanden mit einer schweren Erkrankung, sei das nun ein Krebs, MS oder Chorea Huntington. Niemand hat Schuld daran, man hat einfach Pech, eine dumme genetische Disposition irgendwas in der Art. Trotzdem liegt es natürlich in meiner Verantwortung wie ich damit umgehe wenn es mich trifft. Lass ich mich in Selbstmitleid ertrinken oder suche ich mir Hilfe um zu lernen damit umzugehen?


    Das hat ja nichts damit zu tun wer oder was meinen Zustand verschuldet hat. Deswegen finde ich den Begriff von "Schuld" ausserhalb eines Gerichtsverfahrens ehrlich gesagt auch relativ unbedeutend und wenig zielführend. Am Ende ist es nämlich egal ob ich vomS teg gesprungen bin oder geschubst wurde, leben muss nur ich mit er Behinderung und wie sich das gestaltet hängt viel wesentlicher von anderen Faktoren als von der Schuldfrage ab.


    In dem Fall im der Dozentin denke ich eben das wir wieder beim Erschleichen von Dingen sind. Vielleicht hätte die Dozentin gerne Dinge geopfert wenn die sie damit jemandem auf einem schweren Weg hätte beistehen können, vielleicht erschien ihr ihre Karriere nicht so wichtig im Vergleich dazu jemandem das Sterben zu erleichtern der sonst niemanden hätte. Da trifft man eine Abwägung und entscheidet dann so wie man glaubt das man mit sich selbst am Besten leben kann. Sie fand vielleicht für sich raus das sie eben nicht mehr ruhig schlafen könne wenn sie die junge und schwer kranke Frau bei ihren sie beständig misshandelnden Eltern lassen würde. Man darf dabei ja nicht ausser acht lassen das England kein Sozialsystem wie das unsere vorhält.


    Das gemeine daran ist das die Frau aber ihre Entscheidung aufgrund falscher Informationen traf. Sie zahlte den Preis um mit sich selbst gut leben zu können ohne das es nötig gewesen wäre. Ihre wurde etwas gestohlen, sich etwas erschlichen.


    Wenn jetzt jemand in ein Dorf käme, mit gefäschten Gutachten das unter dem Dorf ein altes schwer einsturzgefährdetes Bergwerk liegen würde, würde den Menschen auch niemand einen Vorwurf machen wenn sie ihre Häuser an jene Person zu einem günstigen Preis verkaufen würden weil sie mit dem Grund und Boden angeblich noch etwas anfangen kann. Man hielte das für logisch und vernünftig, selbst wenn man vielleicht nicht soviel Geld dafür bekam wie das Haus ohne die Gutachten wert gewesen wäre. So ein Gutachten anfertigen zu lassen ist als Privatperson kaum bezahlbar, wer immer so eine Nummer durchziehen würde wäre wegen schweren Betrugs dran.


    Aber bei emotionalen Werten ist der Schaden schwerer greifbar. Aber nur weil er sich nicht glasklar beziffern lässt, ist es nicht weniger Betrug um etwas.

    Lewian

    Zitat

    Entscheidend ist letztlich, was sich die Leute daraus machen und was sie lernen, denke ich.

    Denke ich auch. Und möchte damit nicht implizieren, dass der Täter dadurch zu einem wohltätigen Lehrer wird. Du sicher auch nicht. Trotzdem gibt es Leser, die solche Schlüsse ziehen.

    Isabell

    Zitat

    Also jetzt mal bezogen auf die verlinkte Geschichte:


    Ich finde es wird zu wenig differenziert. Die Ehe der Beiden ist doch nicht durch die Lüge kaputt gegangen, genausowenig hat sie wegen der Lüge ihre Arbeit "verloren" - sondern das Alles geschah doch in der Zeit, als sie die Geschichte noch gelaubt haben.


    Die Entscheidungen (Entwicklungen) wurden völlig unabhängig davon getroffen.

    so viel Einblick hat man durch den kurzen Artikel nicht als das man vernünftig differenzieren könnte. Ich vermute da war schon auch eine Form von Liebe und Eifersucht im Spiel. Die Pseudologin hat bei der Frau alle gesunden Instinkte erstickt, was sie scheinbar beim Rest der Familie nicht geschafft hat. Ich kann da leider aus Erfahrung sprechen wie so etwas abläuft. Das ist schon so wie Muff Potter im Eingangspost geschrieben hat, irgendwann ist alle Energie verbraucht, das Gerüst eingestürzt, dann verschwindet der Pseudologe und man bleibt zurück mit einem Scherbenhaufen und versteht die Welt nicht mehr. In der Geschichte war es nur Zufall das der Frau die Augen geöffnet wurden. Da kann man nur erahnen in welch emotionales Loch sie danach gefallen ist und mit Sicherheit hat sie sich auch zuerst mal schuldig, naiv und dumm gefühlt. Die Menschen aus dem direkten Umfeld nehmen sich dann auch nicht mehr die Zeit den Vorgang zu verstehen.


    Problem ist man kann es auch im Grunde nicht verstehen, wer weiß etwas über Pseudologia phantastica? Und selbst wenn, ist es sogar für die meisten Psychologen nicht einfach dazu eine direkte Diagnose zu stellen, weil die meisten Pseudologen sich nicht therapieren lassen und selbst wenn ist es eine langwierige Therapie ohne Garantie auf Erfolg.