Aber schon interessant, wie viel Mitgefühl einem todkranken Menschen entgegen gebracht wird und wenn sich dann herausstellt, dass derjenige offenbar nicht unter einen tödlichen, aber dafür schweren psychischen Krankheit leidet, dann ist die Empörung riesig. Ich kann die Motivation von so jemandem grundsätzlich schon nachvollziehen.

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    Ich kann die Motivation von so jemandem grundsätzlich schon nachvollziehen.

    Ich auch. Und abgesehen von Fällen, in denen der Täuschende einen Helfenden tatsächlich in den Ruin getrieben hat (finanziell, Familie kaputt etc. - da ist der Zorn auf den Täuschenden mehr als berechtigt), frage ich mich: Was kränkt einen am meisten daran, dass man jemandem geholfen hat, der z.B. eine Krankheit nur erfunden hat?

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    Was kränkt einen am meisten daran, dass man jemandem geholfen hat, der z.B. eine Krankheit nur erfunden hat?

    * Dass man belogen und manipuliert wurde.


    * Dass man sich fragt, inwiefern man Eigenschaften mitbringt, die einen Faker "eingeladen" haben, sich ausgerechnet einen selbst als Opfer seiner Manipulationen auszusuchen. (Das zumindest sorgt im Nachhinein vielleicht noch für nen Lerneffekt - da könnte man noch etwas Positives heraus ziehen.)


    * Dass man, wenn man sich um jemanden kümmert, der (tod)krank ist, auch viel von sich selbst einbringt. Dass man sich monatelang Sorgen macht, Angst um den anderen hat, emotional involviert ist, sich mit dem Tod eines (vielleicht geliebten) Menschen auseinandersetzt, sich möglicherweise jeden Tag überlegt, dass der Mensch morgen schon nicht mehr da sein könnte. Dass man für diesen Menschen über seine eigenen Grenzen geht - zum einen, weil man das aus Respekt vor dem Menschen und seiner Krankheit tun möchte, zum anderen, weil man denkt, dass das der letzte Gefallen sein könnte, den man diesem Menschen jemals tun kann. Dass man dann feststellt, dass man selbst emotional und vielleicht auch körperlich am Stock geht, weil man für jemanden da sein wollte, der es auf eine andere Weise nötig gehabt hätte. Sich mit einer psychischen Erkrankungen auseinanderzusetzen, ist etwas ganz anderes als zu denken, der Mensch könnte jederzeit (oder wird bald) sterben.


    * Dass man selbst authentisch war und emotional ganz viel Echtes gegeben, einen Seelenstriptease gemacht hat, während der andere Mensch dies ahnen musste, es aber trotzdem fertig gebracht hat, einen immer und immer wieder anzulügen.


    * Scham, dass man "das mit sich hat machen lassen" - dass man keine Menschenkenntnis hat o.ä.


    Ach, das hat so viele Facetten...

    Log Lady

    Dem kann ich viel entnehmen. Ein paar Gedanken, die mir in den Kopf schossen beim Lesen:


    - Gehe nie über deine Grenzen in der Annahme, der andere bräuchte das.


    - Sei immer echt - nach außen aber im Rahmen deiner Grenzen. Sei also auch echt in der Abgrenzung - siehe erster Punkt.


    - Verhalte dich so, dass du dein Verhalten als gute Übung für den Ernstfall sehen kannst, falls sich herausstellt, dass der vermeintlich bestehende Ernstfall ein Fake war.


    - "dass der Mensch morgen schon nicht mehr da sein könnte" - für wen gilt das nicht? Man muss sich mit dem Thema auseinandersetzen, aber darf sein Denken nicht täglich davon beherrschen lassen. Wenn der Anlass der Auseinandersetzung sich als Fake herausstellt, so muss die Auseinandersetzung deshalb nicht umsonst gewesen sein - siehe dritter Punkt.

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    Verhalte dich so, dass du dein Verhalten als gute Übung für den Ernstfall sehen kannst, falls sich herausstellt, dass der vermeintlich bestehende Ernstfall ein Fake war.

    Das ist der ganz entscheidende Punkt, und auch der Punkt, an dem die Aufopferung so schmerzhaft wird. Wie ich schon sagte: Für einen todkranken Menschen geht man vielleicht doch immer noch einmal mehr über seine Grenzen, weil man weiß (bzw. in dem Fall des Fakes: sich denkt), dass es das Letzte ist, das man für diesen Menschen tun kann. Vielleicht kommen sogar Überlegungen auf wie "Natürlich ist mir das gerade zuviel, aber in drei Monaten ist der andere tot, und zum einen kann ich dann nichts mehr für ihn tun, aber auf der anderen Seite kann ich dann durchschnaufen und mich von der stressigen Phase regenerieren" (Trauerarbeit mal nicht eingerechnet). (Aber wo ich gerade Trauerarbeit schreibe - einem todkranken Menschen etwas Gutes zu tun, ist Teil der Trauerarbeit und des Abschieds und damit etwas, das man auch für seine eigene Psyche tut, nicht nur für den Kranken.)


    So... Und dann ist der andere ein Fake, und die stressige, aufreibende Phase endet nie. Natürlich könnte man sich dann immer noch abgrenzen. Tut man wohl aber nicht - man denkt ja immer noch, dass der andere stirbt. Vielleicht nicht nach 3 Monaten. Dann halt nach 4 oder 6 oder 12 - aber man hält die Situation für erträglich und auszuhalten, weil man denkt, dass sie zeitlich begrenzt ist.


    Wenn man dann nach 12 Monaten herausfindet, dass das Ganze ein Fake war, geht man nicht nur aufgrund der tatsächlichen Aufopferung völlig am Stock, sondern aufgrund des massiven Vertrauensbruchs ist der Schock, das Unverständnis noch viel größer.


    Abgrenzung vom Leid und der Geschichte anderer ist sowieso IMMER Thema. Der große Unterschied ist hier m. E. nur, dass gerade eine vorgegaukelte tödliche Krankheitsgeschichte Menschen dazu bringt, ihre sonst gesund gesteckten Grenzen zu ignorieren. Ich glaube nicht, dass man das trainieren kann. Jeder, der schon mal einen geliebten Menschen nach einem Unfall oder im Falle einer akuten schweren Erkrankung über Wochen (oder Monate) im Krankenhaus hatte, weiß, dass man da ohne groß Fragen zu stellen, Energien in sich freisetzt, von denen man nicht wusste, dass man sie hat. Da kommt man plötzlich mit drei Stunden Schlaf pro Nacht aus. Fährt zum anderen täglich nach der Arbeit 90 km in die Klinik. Klemmt sich ans Telefon oder informiert sich im Internet etc. etc. Lässt Familie, Freunde und Sozialkontakte, Haushalt und Freizeit dafür schleifen, tut in allen Bereichen nur das Nötigste - es gibt ja Wichtigeres.


    Und in einem solchen echten Fall finde ich das auch total in Ordnung! Aus Liebe oder Freundschaft tue ich so etwas für Menschen. Und vielleicht bekomme ich am Ende ja auch etwas dafür zurück, das mir zeigt, dass es die Mühe wert war, und sei es nur ein Lächeln und Dankbarkeit vom anderen, im besten Fall den anderen gesund und wohlbehalten.


    Aber dann möchte ich nicht nach nem halben Jahr, wenn mein eigenes Leben incl. meiner geistigen Gesundheit nur noch auf Sparflamme läuft, hören müssen, dass ich mich umsonst aufgeopfert habe. Da bekomme ich am Ende der Zeit dann statt dem Lächeln einen Tritt in den Solar Plexus, auf den ich gerne verzichte. Da kann ich auch rückwirkend nicht mehr herausziehen, dass ich ja menschlich gereift bin, dass ich was Gutes getan habe oder dass ich im Ernstfall ne dufte Freundin wäre - da bleibt einfach nur ein ganz ekelhaftes Gefühl des missbraucht worden Seins.


    Vorher war die Frage, inwiefern sich voneinander unterscheidet, welche Hilfe man einem vermeintlichen Krebskranken oder einem psychisch kranken Menschen angedeihen lässt, wie weit man dabei geht.


    Der Unterschied liegt zum einen sicher darin, dass die Situationen, die man selbst für sich als nicht mehr tragbar empfindet, stark voneinander abweichen. Einem psychisch kranken Menschen würde man eher professionelle Hilfe suchen, damit wäre man eher aus der ganzen Nummer raus. Die Grundbedingungen sind andere, die Denkweise.


    Außerdem ist dieses perfide Spiel mit Empathie und mit den Verlustängsten anderer etwas, das an einer ganz gemein empfindlichen Stelle sicherlich aller Menschen ansetzt: Da, wo man fürchten muss, den anderen für immer zu verlieren. Mir persönlich würde es an der Stelle sicherlich leichter fallen mich abzugrenzen, wo es nicht um Leben und Tod ginge.

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    Verhalte dich so, dass du dein Verhalten als gute Übung für den Ernstfall sehen kannst, falls sich herausstellt, dass der vermeintlich bestehende Ernstfall ein Fake war.

    Das fände ich ganz furchtbar. Dann würde ich ja nur noch auf Sparflamme Kontakte eingehen, würde immer mit runtergeklapptem Visir und erhobenem Schild leben. Jeden unter Generalverdacht stellen? So will ich nicht sein. Dann lieber das Risiko tragen den Tritt zu bekommen.


    Liebe8


    Ich finde das sehr verständlich. Wenn ich mich auf eine Sterbebegleitung einlasse dann tue ich bestimmte Dinge um zu helfen, um etwas zu erleichtern. Wenn ich einem Gegenüber bei einer psychischen Erkrankung helfen möchte dann gehe ich ganz andere Schritte, gehe ganz andere Wege und ziehe andere Grenzen weil ich eben wirklich helfen und nicht eine dysfunktionale Situation stabiliseren möchte.


    Welche Aufgabe ich mir zu traue und wie ich welchen Weg zu gehe, um diese Selbstbestimmung werde ich durch sowas betrogen.


    shojo


    Ja, die hat ein Buch darüber geschrieben.


    Ich finde die Erklärung des Psychiaters sehr einleuchtend. Da wird etwas erfunden um Kontakt herzustellen den man sich selbst vorher nicht erlauben konnte, sich nicht traut weil man sich für zu mies hält und soweiter.

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    Welche Aufgabe ich mir zu traue und wie ich welchen Weg zu gehe, um diese Selbstbestimmung werde ich durch sowas betrogen.

    Ja klar. Das ist das Üble daran. Drum die Empörung. Verstehe ich einerseits schon. Andererseits finde ich es aber auch irgendwie schade, dass sie im Zusammenhang mit ihrer echten Erkrankung wohl kaum so viel Zuwendung und Unterstützung von ihren Mitmenschen erfahren hätte. Da harpert's schon irgendwie, finde ich. Kann man aber natürlich nicht erzwingen und sie sich auf die Art zu erschleichen, ist natürlich nicht okay.

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    Andererseits finde ich es aber auch irgendwie schade, dass sie im Zusammenhang mit ihrer echten Erkrankung wohl kaum so viel Zuwendung und Unterstützung von ihren Mitmenschen erfahren hätte.

    Dafür aber vielleicht eine, die besser auf sie zugeschnitten und eine reale Hilfe gewesen wäre.

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    Dafür aber vielleicht eine, die besser auf sie zugeschnitten und eine reale Hilfe gewesen wäre.

    Im therapeutischen Sinne sicherlich. Das ist aber nur ein Aspekt. Ich meinte eher (zwischen)menschliche Zuwendung.

    Ich habe es jedenfalls so erlebt, dass mir als lebensbedrohlich körperlich Erkrankte sehr viel Zuwendung zuteil wurde - wofür ich natürlich sehr dankbar war. Aber gleichzeitig ist mir da so richtig bewusst geworden, wie wenig zwischenmenschliche Unterstützung (Zuwendung, Trost etc.) viele erhalten, die (ggf. auch unheilbar) psychisch erkrankt sind. Mein Partner beispielsweise. Der stand mit seiner affektiven Störung in jungen Jahren ziemlich alleine da, weil seine Diagnose eben nicht "Krebs!!! ojeoje-dem-müssen-wir-jetzt-beistehen" lautete.

    @ Liebe08

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    Ich habe es jedenfalls so erlebt, dass mir als lebensbedrohlich körperlich Erkrankte sehr viel Zuwendung zuteil wurde - wofür ich natürlich sehr dankbar war. Aber gleichzeitig ist mir da so richtig bewusst geworden, wie wenig zwischenmenschliche Unterstützung (Zuwendung, Trost etc.) viele erhalten, die (ggf. auch unheilbar) psychisch erkrankt sind.

    Eine Ahnung davon hatte ich bereits als Kind… War ich körperlich krank, wurde ich gehätschelt und getätschelt. Ging es mir seelisch schlecht, hieß es nur, ich solle mich nicht so anstellen, oder es wurde gleich ganz ignoriert. Allerdings mussten auch meine körperlichen Erkrankungen erst einen gewissen Grad überschreiten und für jedermann sichtbar werden, damit man sie mir glaubte.

    Ich glaube, psychisch Kranken wird oft eine (Mit-)Schuld unterstellt. Bei körperlichen Erkrankungen - wenn es nicht gerade eine vermeidbare Verletzung durch eine Risikosportart o.ä. ist, sondern eine, die einen schicksalshaft ereilt - fehlt dieser Aspekt natürlich.