danae

    Zitat

    Ich finde an dem Interview auch interessant das es durchaus eine große Anzahl an ganz stabilen Leuten trifft die dann in der Verarbeitung ganz gut damit klar kommen, aber dennoch vorher offensichtlich angreifbar waren. Hier gab es ja die Diskussion ob man selbst ein Defizit haben muss um so eine Beziehung zu führen, aber in ihren Fällen scheint sich ja zu spiegeln das dem nicht so ist.

    Wir hatten auch die Diskussion, ob man mit einem hängenbleibenden Defizit aus so einer Erfahrung rauskommt, nur noch mit heruntergelassenem Visier lebt, was wir schrecklich finden würden. Da finde ich tröstlich, bestätigt zu sehen, dass es offenbar möglich ist, in der Verarbeitung dann doch ganz gut klarkommen zu können.

    Meiner Meinung nach sind Krankheiten /Übertreibungen eher selten bei den "richtigen"Realfakers. Da würden die Betroffenen auch schneller hellhörig werden.


    Das sind ganz normale Begegnungen ohne Drama , es wird Vertrauen aufgebaut , tiefe Gespräche geführt, selbst Menschen- die eben nicht so vertrauenselig sind, fangen an sich zu öffnen, erzählen vielleicht Dinge, die sie vorher nur mit sich selber ausgemacht haben.


    Das ist ja das Bittere an der ganzen Sache , gerade diese Menschen erschüttert es dann ganz besonders, wenn sie merken ,dass es nur ein "Spiel" war. Vielleicht ist ja gerade das der Reiz mancher Faker ?


    Die erfundene Krankheit , der Unfall oder sogar Tod ist eher ein Mittel, das ganze zu beenden.

    Du hast weiter oben an ein zeckenartiges Verhalten gedacht. Ich denke immer mal wieder an ein vampirartiges Vorgehen bei Realfakern. Ich vermute irgendwie schon eine Störung bei manchen dieser Menschen. Wie diese Störung aussieht ist aber vielleicht vielfältig. Bei einigen erzeugt es vielleicht eine Lust an der Kontrolle, bei anderen ist es vielleicht eine schwache Form von Sadismus. Oder eben eine Art Sucht nach einem anderen Leben.


    Aber wer so tief in das Leben einer anderen Person einsteigt, um zu Spielen, scheint mir jedenfalls ein möglicherweise pathologisch unterdrücktes Verantwortungsgefühl zu gaben.

    @ Porzellanseele

    Vielleicht hast Du Recht. Ich glaube der Mensch hat eine Tendenz gerade extrem verletzendes und sadistischen Verhalten so erklären zu wollen, indem eben nicht Bosheit als Begründung da steht sondern eine wie auch immer geartete Krankheit.


    Als mein Achtjähriger in den Kindernachrichten sah, dass es Menschen gibt die andere nur wegen der Hautfarbe ablehnen war seine erste Reaktion "Aber die, die so was sagen, sind doch krank im Kopf". Ich glaube es ist einfach zutiefst menschlich erstmal nicht Bosheit zu vermuten sondern Krankheit, weil das irgendwie erträglicher ist als die Vorstellung das jemand einfach nur sadistisch und machtgeil ist.

    Thalina


    ja - "krank" ist leichter anzunehmen /zu begreifen als Bosheit, für sich selber und für andere. :-)


    Muff Potter

    Zitat

    . Bei einigen erzeugt es vielleicht eine Lust an der Kontrolle, bei anderen ist es vielleicht eine schwache Form von Sadismus. Oder eben eine Art Sucht nach einem anderen Leben.

    Die Suche/Sucht an einem anderen Leben kann ich mir auch gut vorstellen , denke auch, dass es vielschichtige Gründe dafür gibt.



    Zitat

    So erinnere ich mich beispielsweise an einen Faden hier im Forum, in dem eine Frau ihre Beziehung zu einer anderen Frau fast ihrem gesamten Umfeld - in diesem Fall im "realen Leben" - verschwiegen und einen Freund erfunden hat und sogar Fotos des "Freundes" gezeigt hat. Die Lügen bezogen sich bei ihr allerdings nur auf diesen Aspekt ihres Lebens und ich konnte es im Hinblick auf ihre Vergangenheit gut nachvollziehen, wie sie in die Situation "gerutscht" ist.


    quacksalberei

    das hat mir zu Denken gegeben .


    Könnte auch ein Grund für manchen Faker sein.


    Ein Mensch, der etwas nicht leben darf/ kann und einen Menschen findet bei dem es möglich ist , anonym . Das Außengebäude ist gefälscht aber das Innere nicht.


    Irgendwann wird es eng , der andere möchte das ganze Haus kennenlernen, nicht nur diesen einen Raum und es stürzt alles ein. Da passt auch die Bezeichnung von Shojo "der Illusionist" ganz gut. :-)


    Eigentlich für beide Seiten ein Verlust, nur auf eine andere schmerzliche Art.

    Das ist ja auch was die Psychiaterin angegeben hat. Sie sagte sie sei lesbisch, das sei aber in ihrem Umfeld in den USA nicht lebbar und so sei sie auf dieses Fakelebena usgewichen, die Gefühöe aber seien durchaus echt gewesen. In dem Interview stand dann das dies Motiv gehäuft auftritt. Ich verstehe allerdings nicht so ganz weshalb ein Umzug nicht erwogen wird, das stelle ich mir am Ende sehr viel leichter und angenehmer vor. Und so bin ich mir nicht ganz sicher ob das nicht auch vorgeschoben ist.

    Zitat

    Sie sagte sie sei lesbisch, das sei aber in ihrem Umfeld in den USA nicht lebbar und so sei sie auf dieses Fakelebena usgewichen, die Gefühöe aber seien durchaus echt gewesen. In dem Interview stand dann das dies Motiv gehäuft auftritt.

    Ich glaube gerade in dem Bereich gibt es viel grenzwertiges. Ich hatte hier schon mal über eine Italienerin geschrieben, die eben im tatsächlichen Leben ein transsexueller Mann war. Teilweise konnte ich schon nachvollziehen warum sie sich online als Frau ausgab - aber es ändert nichts daran, dass es nichts weiter als Betrug an anderen und an sich selbst ist. Das Paradoxon mit dem so jemand fertig werden muss ist allerdings immens. Die gefakte Identität kann sich in so einem Fall ja richtiger anfühlen als die tatsächliche körperliche. Das stell ich mir schon extrem übel vor.


    Die Motivation kann also unter Umständen ein sehr verzweifelter Hilferuf sein. Ich denke auch, dass diese Form realtiv häufig vorkommt, gerade bei Menschen, die sich seeehr viel Mühe geben alles zu faken.


    Es ändert nichts daran, dass es auf Dauer immer für alle Beteilligten schief gehen muss und es für die vorher Unbeteilligten schlimme Folgen haben kann. Entweder muss der so agierende seinen "Tod" inszinieren oder irgendwann mit den Konsequenzen des Outings leben. Damit muss das Gegenüber auch umgehen und das kämpft im Zweifelsfall mit immensem Selbstvertrauensverlust und VErtrauensverlust. Das ist keine Kleinigkeit.

    Hä? Du meinst also, es ist eine Kleinigkeit?

    Zitat

    Und so bin ich mir nicht ganz sicher ob das nicht auch vorgeschoben ist.

    Das kann man wohl letztschließlich nicht ergründen, vielleicht nicht einmal der/die Faker*in selber. Realitätsflucht aus welchen Gründen auch immer halte ich jedenfalls für ein starkes und häufiges Motiv. Eine tatsächliche Veränderung des Lebensumfelds ist mit größeren Konsequenzen und vielen Schwierigkeiten verbunden und wenn so eine Flcuthmöglichkeit besteht, wird es ja vielleicht auch wieder erträglich..

    Zitat

    Hä? Wie kommst du zu dem Schluss? ":/

    Dein Satz vom 03.06.16 18:32 ist insgesamt, sowohl im Kontext zum Beitrag davor, also auch alleinstehend, nicht eindeutig.


    Ich glaube du wolltest sagen:


    Die Suche nach Dingen denen eine Wichtigkeit, eine Wesentlichkeit, eine Relevanz innewohnt, die also "keine Kleinigkeit" sind, diese Suche treibt "schon seltsame Blüten".


    ...was immer das bedeutet. Alles eher schwammig, gell.

    Zitat

    Ich glaube du wolltest sagen:


    Die Suche nach Dingen denen eine Wichtigkeit, eine Wesentlichkeit, eine Relevanz innewohnt, die also "keine Kleinigkeit" sind, diese Suche treibt "schon seltsame Blüten".

    Das ist auf jeden Fall im Rahmen meiner Schwammigkeit so lesbar. Im Kontext diese Fadens entsprechen Realfake-Konstruktionen den seltsamen Blüten.


    Präziser wäre meine Aussage also: Mancher Realfake lässt sich möglicherweise als Versuch verstehen, der eigenen gefühlten Bedeutungslosigkeit einen Anstrich von Bedeutung zu verleihen, die es verdient, ernst genommen zu werden. Und wenn der Ernst schon nicht ernst bleiben kann, da auf Lügen aufbauend, so doch zumindest wahrgenommen zu werden.


    Oder auch denkbar (andere Blüte): Mancher Realfake lässt sich mögicherweise als Versuch verstehen, nicht mehr der einzige auf der Welt zu sein, der sich ernst nimmt.


    Und viele weitere Blüten. Diesen Blüten ist der Wunsch gemeinsam, das eigene Leben möge keine Kleinigkeit sein.


    Dies beschreibt eine vielleicht nicht leere Menge an Realfakes. Und sicher gibt es viele Realfakes die nicht in diese Kategorie passen, z.B. jene aus Spaß oder Bosheit. Ebenso gibt es viele Möglichkeiten, dem eben genannten Wunsch Taten folgen zu lassen, die ehrenhaft sind und nichts mit Realfakes zu tun haben. Doch auch diese haben das Potenzial in meiner Botanik seltsamer Blüten für Aufmerksamkeit zu sorgen und können, ohne mich misszuverstehen, mitgedacht werden. Allerdings wären diese in diesem Faden OT.


    Leider gibt all das keinen Hinweis darauf, wie a.fish mich missverstanden haben könnte.

    Der Satz von NotMichaelCaine bezog sich in meiner Lesart nicht auf die Motive der Faker, sondern auf den Schaden, den sie anrichten können und dass dieser eben keine Kleinigkeit sei. Deine Anmerkung dazu las sich für mich wie einer Art verdrehte, etwas spöttische ("seltsame Blüten") doppelte Verneinung, die ich in dem Kontext einfach nicht verstanden habe.


    Deine Erklärung jetzt habe ich verstanden.

    Ah, danke a.fish. Ich stand tatsächlich auf dem Schlauch, weil ich nur gesehen habe, was ich gemeint habe und dann ist es einfach schwer bis unmöglich zu sehen, wie ich noch verstanden werden könnte. Da hilft dann nur die Rückfrage.


    Und in der Tat, meine anderen Beiträge hier (oder auch woanders) könnten sich so lesen lassen, als würde ich den Schaden gerne als Kleinigkeit sehen. Ich kann da nur versichern: Das wäre das Gegenteil meiner Intention, nämlich Wege zu finden, die es ermöglichen, nach so einer Erfahrung Beziehungen nicht nur noch mit heruntergelassenen Visier oder auf Sparflamme und mit einem Grundmisstrauen zu erleben. Und die Bagatellisierung einer schlimmen Erfahrung zu einer "Kleinigkeit" ist kein solcher Weg.


    Was mir vorschwebt ist ein Weg, der von der Dramatisierung, in der das Erleben in all seinen Facetten durchlitten und wahrgenommen wird, um zu verstehen, was da eigentlich abgelaufen ist, zu einer Relativierung führt, in der all die anderen Erlebnisse, gerade auch schöne und glückliche Beziehungsmomente parallel auch wieder da sind, am Ende alle genau so, wie sie waren, nicht größer, nicht kleiner. Und dabei weder das Schöne das Schlimme rosarot färbt noch das Schlimme das Schöne verdrängt. Wenn das gelingt, so meine Überzeugung, ist der Mensch am Schlimmen, wie am Guten gereift und gewachsen.


    So verstanden sind also Dramatisierung und Relativierung zwei ganz wichtige Schritte der Erlebnisverarbeitung, und helfen, einer Bagatellisierung oder einem Steckenbleiben zu entgehen. Leider sind beide Begriffe für viele Menschen negativ besetzt und dann ist es vorprogrammiert, mich misszuverstehen. Z.B. habe ich neulich in einem anderen Faden erlebt, dass "relativieren" und "bagatellisieren" als Synonyme verstanden wurden. Dann ist klar, dass das Gegenteil von dem verstanden wird, was ich gemeint habe.


    Ein anderes Missverständnis, das ich inzwischen erkannt habe und nun schnell ausräumen kann, ist, dass viele Menschen offenbar nicht groß zwischen "verstehen" und "einverstanden sein" unterscheiden. Dabei ist Verstehen gerade dann besonders wichtig, wenn man nicht einverstanden ist.

    Ich glaube, den Betroffenen fällt es oft schwer, diese Unterscheidung zu machen, weil speziell diese Sache oft bagatellisiert und den Betroffenen eher mit Spott und Hähme begegnet wird. Wenn das das Hintergrundrauschen und -gefühl zu einem erlebten Unrecht ist, fällt es sicher doppelt schwer zu sagen: es hatte auch seine guten Seiten und ich verstehe, warum er oder sie das getan hat. Denn man muss ja erst einmal (gefühlt oder tatsächlich) darum kämpfen, dass es überhaupt als echter Schaden und wirkliche Verletzung wahrgenommen wird.


    In dem Maße, in dem das Phänomen breiter bekannt und besprochen und auch ernst genommen wird, wird sicher auch der Umgang damit differenzierter werden.


    Victoria Schwartz hat übrigens eine Selbsthilfegruppe für Betroffene eingerichtet.