"Sein wahres Gesicht zeigen"

    Ich hab den Titel bewusst unter Anführungszeichen gesetzt, weil ich weiß, dass es provokant und überzogen formuliert ist und weiß ich auch weiß, dass das Thema, das ich gerne mit euch besprechen möchte, nicht pauschal auf alle Menschen/Beziehungen umgelegt werden kann.

    Dennoch: mir fällt auf – bei meiner eigenen und auch bei einigen anderen Beziehungen, über die man so im Laufe der Zeit ein bissl was mitbekommt – dass es scheinbar wirklich oftmals so ergibt, dass man den wahren Menschen hinter dem Partner erst nach Jahren (gern auch witzigerweise ab dem Zeitpunkt der Hochzeit) kennenlernt.


    Ja, ich weiß, der Zauber des Anfangs lässt uns alle durch die rosarote Brille blicken und man sieht nur das Gute am Partner bzw. sieht anfängliche „Makel“ vielleicht noch als „süß“ und „liebenswert“ an. Das ist mir schon bewusst.

    Es stellt sich Alltag ein, es verfliegt das Gefühl, dass der Himmel voller Geigen hängt und – natürlich – man steht nicht mehr so unter Beobachtung und unter Strom wie zu Beginn einer Beziehung, wo man sich ja immer nur von der besten Seite zeigen will.


    Und doch wage ich zu behaupten: Ich für mich persönlich bin immer noch dieselbe, die ich zu Beginn der Beziehung war. Klar, das Leben verändert und Erlebnisse prägen einen, aber die Grundzüge meines Charakters sind nach wie vor dieselben. ;-)

    Und jetzt komme ich eben zu dem – für mich sehr interessanten und durchaus diskussionswürdigen – Thema, dass ich das Gefühl habe, dass mein Partner sich verändert hat. Leider ins Negative.

    Und ich frage mich gerade: Was hat er die letzten vier Jahre gemacht? War ich so blind? Hat er sich bewusst zusammengerissen und bemüht? Wollte ich es nur nicht sehen?


    Warum passiert so was? Ich war mal wieder so neunmalklug und dachte, dass ich mit einer besseren Menschenkenntnis ausgestattet bin, ich dachte, MIR passiert das nicht, dass man plötzlich aufwacht und in dem Partner, in dem man noch ein paar Wochen zuvor den Lebensmenschen gesehen hat, etwas sieht, das man eigentlich nicht sehen will und mit dem man so eigentlich auch nicht auf Dauer leben will.


    Beispiel 2: Eine Bekannte war drei Jahre mit ihrem Partner zusammen, letzten Sommer dann die Hochzeit. Heuer im Juli die Scheidung. Sie sagt, ihr Mann hätte sich schlagartig mit der Hochzeit so dermaßen verändert, dass sie das nicht mehr mittragen konnte. Klar, ich kenne hier nur eine Seite aber aufgrund meiner eigenen Erfahrungen und auch Austausch mit anderen erscheint es mir nicht (mehr) ganz so abwegig, dass so etwas passieren kann.


    Und nun nochmal: Warum? Reißen sich diese Menschen bewusst zusammen und zeigen erst dann, wenn sie den Partner vermeintlich „im sicheren Hafen“ haben, ihr wahres Gesicht? Warum sollte man sowas tun? Ich kann das einfach nicht glauben und bin auf der Suche nach Erklärungen.


    Ist es wirklich so (auch wissenschaftlich belegt), dass nach ca drei Jahren des Zusammenseins sich „die Chemie“ ändert, das Verliebtsein verfliegt und sich erst danach herausstellt, ob man wirklich zusammenpasst? Aber warum hat man das Gefühl, in dem Partner vorher einen anderen Menschen zu sehen? Ich checks echt nicht und hoffe auf eure Erklärungen, eigenen Erfahrungen und Inputs. @:)

  • 78 Antworten

    Ich hab jetzt nicht so diese mega Erfahrung wie andere, mit ihren scheinbar zahllosen "längeren" Beziehungen. Ich bin schon zu Schulzeiten mit meiner Partnerin zusammengekommen, wir sind in unserem Leben bereits länger zusammen als die Zeit davor. Dennoch sind wir seit über einem Jahr in einer Paartherapie mit ungewissem Ausgang.


    Was ich bzgl. Deines Punktes dabei gelernt habe ist:

    losgetreten schrieb:

    Und doch wage ich zu behaupten: Ich für mich persönlich bin immer noch dieselbe, die ich zu Beginn der Beziehung war. Klar, das Leben verändert und Erlebnisse prägen einen, aber die Grundzüge meines Charakters sind nach wie vor dieselben. ;-)

    Ich behaupte, dass Du Dich verändert hast. Also klar sind die "Grundzüge" die gleichen, aber zu einer Beziehung gehören viele, wenn nicht alle Eigenschaften eines Menschen. Und die verändern sich die ganze Zeit, schleichend, man merkt es kaum, täglich ein bisschen. Man entwickelt sich zusammen, aber auch nebeneinander, weiter. Und manchmal denkt man, man würde sich gemeinsam in eine Richtung entwickeln und merkt erst nach Jahren, dass man ursprünglich das Ziel unterschiedlich aufgefasst hat und sich doch in unterschiedliche Richtungen entwickelte die nur ähnlich klingen.


    Klingt jetzt sehr abstrakt, ich weiß nicht ob Du mit dem Gedankengang etwas anfangen kannst. Wir sind "grundsätzlich" schon noch die gleichen Menschen. Respektvoll, hilfsbereit, humorvoll, gesprächsbereit, etc. Aber es gibt halt auch noch spezifischere Eigenschaften, Einstellungen und Bedürfnisse des einzelnen die sich von Zeit zu Zeit ändern. Manche nennen das dann "auseinander gelebt" denke ich. Aber der Begriff ist blöd, den verwenden viele auch einfach so als Begründung obwohl es bei denen von Anfang an nicht passte.


    Es ist zunächst leicht, diese Veränderungen am Partner festzustellen. Aber man selbst hat auch Veränderungen durchgemacht die man nicht so wahrnimmt, die schwierig festzustellen sind.


    Bei manchen Eigenschaften kann es auch sein, man passt sich "zu sehr" an den Partner an und wird sich "zu ähnlich", sodass dieser das nicht erträgt, weil er die Eigenschaft bei sich selbst schon nicht mochte.


    Eine Beziehung kann an zuviel und an zuwenig Rücksicht scheitern, an zuviel und zuviel Anpassung, an zuviel und zuwenig Gemeinsamkeiten.


    losgetreten schrieb:

    Und nun nochmal: Warum? Reißen sich diese Menschen bewusst zusammen und zeigen erst dann, wenn sie den Partner vermeintlich „im sicheren Hafen“ haben, ihr wahres Gesicht? Warum sollte man sowas tun? Ich kann das einfach nicht glauben und bin auf der Suche nach Erklärungen.

    Ich glaube das auch nicht. Also es mag sein, dass es ein paar so Spezialisten (beider Geschlechts) gibt. Aber eigentlich sollten die Leute heutzutage Wissen, dass eine Ehe auch nichts festes mehr ist, in der man sich in Sicherheit wiegen kann. Eine lange Beziehung funktioniert nur, wenn man von Anfang an ehrlich ist, sodass jeder weiß, worauf er sich einlässt.


    Aber vielleicht bin ich auch zu naiv aufgrund meiner geringen Beziehungserfahrung. Aber ich hatte Anfangs eben auch den Eindruck es gäbe eine Änderung oder ich suchte nach einer Veränderung des Anderen. Das scheint normal zu sein weil man gerne einen "Grund" finden möchte für das "Problem". Wenn man dann alle Karten beider Seiten auf den Tisch legt, merkt man, dass es eben nicht so einfach ist. Zu einer Beziehung gehören immer zwei. Ohne Zahlen zu kennen würde ich hoffen, dass es eher Ausnahmefälle sind, in denen wirklich nur einer der beiden Partner irgendeine "krasse Verwandlung" hinlegt.


    losgetreten schrieb:

    Ist es wirklich so (auch wissenschaftlich belegt), dass nach ca drei Jahren des Zusammenseins sich „die Chemie“ ändert, das Verliebtsein verfliegt und sich erst danach herausstellt, ob man wirklich zusammenpasst? Aber warum hat man das Gefühl, in dem Partner vorher einen anderen Menschen zu sehen? Ich checks echt nicht und hoffe auf eure Erklärungen, eigenen Erfahrungen und Inputs. @:)

    Diese Verliebtheitsphase scheint es schon zu geben, in der man vieles "nicht sieht". Man übervorteilt einzelne Eigenschaften und übersieht andere die eigentlich wichtiger wären für Dauerhaftigkeit. Klassiker sind Leute, die ihren Partner rein optisch auswählen, für ein paar Wochen / Monate überglücklich sind und dann "überrascht" feststellen, dass man mit dem Partner z. B. keine tiefgründigen Gespräche führen kann, komische Hobbies hat oder irgendwelche seltsamen Ansichten. Wenn Leute dann daraus nichts lernen und ständig solche Beziehungen eingehen, werden sie zu den Leuten, die hier im Forum posten "Männer / Frauen sind alle furchtbar!!!".


    Aus meiner eigenen Beziehung kann ich da nicht viel sagen, bei uns lief das ziemlich untypisch, vielleicht hielt es deshalb so lange. Aber ich kenne das aus dem Bekanntenkreis. Aber eine "3" oder "7" Jahresregel konnte ich nirgendwo erkennen. Wenn Leute vermehrt nach einem bestimmten Zeitraum Beziehungsprobleme bekommen, liegt das glaube ich eher daran, dass sie oft von Dingen wie "dem verflixten siebten Jahr" gehört haben und deshalb in diesem Jahr besonders genau auf die vermeintlich negativen Eigenschaften des Partners achten. Aber wenn man sich davon nicht verleiten lässt, kann das genauso nach 3 Wochen oder 30 Jahren passieren.

    Also, vielleicht muss ich jetzt hier ein bisschen konkreter werden. Ich habe nicht das Gefühl, dass mein Partner und ich uns auseinandergelebt hätten oder wir in unterschiedliche Richtung wollen. Ganz und gar nicht.

    Was ich hier beschreibe, ist für mich wirklich eine Art "Wesensänderung", die mich eben schon nachdenklich macht.

    Also ganz plakativ formuliert (und bitte nur als Beispiel zu verstehen!): Vorher der aufmerksame, hilfsbereite und großzügige Partner, mit beiden Beinen fest im Leben stehend, dann der nachlässige, egoistische und geizige Kauz, der beim kleinsten Problem oder bei der kleinsten Kritik durch die Decke geht.


    Sowas meine ich.

    Zitat

    Ich behaupte, dass Du Dich verändert hast.

    Das ist sicherlich richtig, schrieb ich ja auch schon im Eingangsbeitrag.


    Aber: Ich mochte nie mit Zahlen arbeiten, mag es auch jetzt nicht und werde es nie mögen. Das sind Grundeigenschaften, die einen Menschen prägen, die sicherlich auch in bestimmten Lebensphasen mal stärker, mal schwächter ausgeprägt sind, aber sie beschreiben den Charakter einen Menschen.

    Und ich glaube nicht, dass sich das bei mir so grundlegend geändert hat.

    Micha2738 schrieb:

    Eine lange Beziehung funktioniert nur, wenn man von Anfang an ehrlich ist, sodass jeder weiß, worauf er sich einlässt.

    Ich denke, das ist der Kern des Themas, ja. Niemand kann für immer eine Fassade aufrecht erhalten, deshalb halte ich sehr viel davon sich von Anfang an authentisch zu verhalten. Bei meinem Partner, den ich vor 5 Jahren kennengelernt und den ich kürzlich geheiratet habe, habe ich das Gefühl, dass er immer noch der Mensch ist, der er damals war. Ich hatte nie das Gefühl, dass er sich in seinen Wesenszügen verändert hat. Er war von Anfang an der "Richtige" und wird es hoffentlich auch bleiben. Auch wenn der ganz lange Langzeittest natürlich noch ausständig ist ;-D


    losgetreten schrieb:

    Also ganz plakativ formuliert (und bitte nur als Beispiel zu verstehen!): Vorher der aufmerksame, hilfsbereite und großzügige Partner, mit beiden Beinen fest im Leben stehend, dann der nachlässige, egoistische und geizige Kauz, der beim kleinsten Problem oder bei der kleinsten Kritik durch die Decke geht.

    Bist du denn da wirklich ehrlich zu dir selbst? Hattest du nicht mehr oder weniger Beginn an Angst vor cholerischen Reaktionen seinerseits?


    Ich glaube, manchmal vernebelt einem die rosarote Brille auch selbst die Sicht - und man will das wahre Gesicht des Partners, so lange es irgendwie geht, nicht sehen.


    In der Beziehung mit meinem Ex sind die Stolpersteine nüchtern betrachtet von Anfang an glasklar auf der Hand gelegen. Ich wollte halt lieber kleine Kieselsteinchen sehen, die man mit einem ordentlichen Besen schon zur Seite kehren kann. Die Realität hat dann gezeigt, dass das ein Trugbild und ein hoffnungsloses Unterfangen war. Das hatte aber nichts damit zu tun, dass mein Ex sich in seinen grundsätzlichen Wesenszügen verändert hatte (hat er trotz Zunahme seiner Probleme nicht), sondern damit, dass mich der Lauf der Zeit auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und ernüchtert hat.

    Ich bin eigentlich recht überzeugt davon, dass man, wenn man ehrlich zu sich selbst ist, schon recht frühzeitig einschätzen kann, ob eine Beziehung das Potential hat dauerhaft Bestand zu haben. Kleinigkeiten ändern sich immer, grundlegende Wesenszüge meinen bescheidenen Erfahrungen nach praktisch nie.

    eine gewisse Grundunzufriedenheit führt zu Wesensveränderungen wie mieser Stimmung und allem was damit zusammenhängt


    manche fühlen sich nach der Hochzeit evtl. so sicher dass sie sich gehen lassen, das ist respektlos gegenüber dem Partner - egal ob es sich um eine Trägheit handelt im Sinne von ich mache nichts mehr im Haushalt, oder um eine stetige Gewichtszunahme


    manche Menschen haben ein gewisses Ziel vor Augen und wenn sie es erreicht haben fällt die Begeisterung dafür und es kommt zu dieser Unzufriedenheit


    es gibt mehrere Erklärungsansätze, manchmal ist es auch ein externer Faktor wie neue Freundschaften, Umzug, neuer Job etc. das alles verändert einen


    darum sollte auch vorher darüber gesprochen werden welches Beziehungsverständnis man hat, wie man sich das Zusammenleben wünscht, man muss aufeinander achten um nicht das Gefühl und die Bindung zum anderen zu verlieren, ich denke viele sind nicht bereit für die Beziehung Energie aufzuwenden, auch nach Jahren

    ein sehr spannendes Thema wie ich finde...

    Darüber habe ich mir in meiner ersten Beziehung und auch danach als ich mich getrennt hatte viele Gedanken gemacht... auf eine allgemein für alle geltende Antwort bin ich nicht gekommen. Eine individuelle warum es bei uns nicht geklappt hatte schon.

    Ich glaube pauschal kann man da nicht viel zu sagen. Menschen sind verschieden genauso wie ihre Entwicklung und den Weg den sie gehen. Und genau das, wird es wohl bei vielen sein. Trotz einer Beziehung, geht jeder ja noch seinen " eigenen" Weg. Auf diesem Weg macht jeder seine eigenen Erfahrungen hat seine eigenen Probleme und trifft seine eigenen Entscheidungen. Der Partner macht das gleiche. Nur weil man zusammen (er)lebt und zusammen ist heisst es ja nicht das bei beiden alles gleich abläuft alle Gefühle und Empfindungen gleich sind nur, weil man den selben Weg läuft.


    Mein Ex warf mir mal vor nach dem Tod meines Vaters hätte ich mich total negative Verändert. -das fand ich nicht so ich war doch noch immer die selbe!


    Er war in meinen Augen der, der sich verändert hatte ständig agressive war und mich wie Dreck bahandelt hat. Jahre später wurde mir erst bewusst er hatte recht allerdings sein empfundenes "negative" war halt nur seine Empfindung, weil es nicht in seine Vorstellungen passte, das ich "Erwachsen" geworden bin. Er wollte eine Frau die ihn anhimmelt, seine Entscheidungen für toll empfindet (egal wie dumm sie waren) und nichts hinterfragt. Als mein Vater noch lebte hat er mir wenn es mal dumm gelaufen ist ausgeholfen er war mein Rettungsboot. Damit waren Probleme gelösst und ich musste es nicht hinterfragen. Nach seinem Tod musste ich alleine für scheisse gerade stehen, natürlich fing ich an alle Entscheidungen nochmal zu überdenken und zu hinterfragen. Ich sagte öfter nein war misstrauischer und nicht mehr so offen für seine fixen Ideen. Das fasste mein zuvor liebevoller, netter Partner als Kritik an ihm auf er wurde agressive, launisch und unberechenbar für mich. Heute würde ich sagen er hat sich so Verhalten weil er wieder das naive dummchen zurück haben wollte was ihn einfach nur Toll findet, egal um welchen Preis und wenn durch Einschüchterung und Erpressung.

    Ich dachte immer, es wäre für ihn einfach einfacher die Schuld auf mich zu schieben und mich als sein sündenbock da stehen zu lassen...


    Erst nach der Trennung kam mir der Gedanke das da viel mehr hinter gestexkt hat, dass ich mich wirklich verändert hatte und warscheinlich ich der Auslöser seiner Veränderung war (was sein Verhalten nicht entschuldigt) Wir passten einfach nicht mehr zusammen, weil wir beide einen eigenen Weg gegangen sind der mit dem Weg des anderen nicht zu vereinbaren war.

    Rückblickend hatte "seine" Veränderung genau mit dem Tod meines Vaters angefangen obwohl ich mich zuerst verändert hatte

    Ich will damit sagen man merkt seine eigene Veränderung meist gar nicht oder erst weit aus später (bei mir 6 Jahre später) wenn man so mache sachen reflektiert. (was auch nicht entschuldigt dass er einfach ein A.... geworden war)


    Ich glaube nicht das es eine pauschale Antwort darauf gibt.

    Graógramán schrieb:

    Ich bin eigentlich recht überzeugt davon, dass man, wenn man ehrlich zu sich selbst ist, schon recht frühzeitig einschätzen kann, ob eine Beziehung das Potential hat dauerhaft Bestand zu haben. Kleinigkeiten ändern sich immer, grundlegende Wesenszüge meinen bescheidenen Erfahrungen nach praktisch nie.

    So auch meine Erfahrung. Und noch ein ganz wichtiger Punkt: Ich glaub, dass viele Leute nur drauf schauen, wie sich der andere ihnen gegenüber verhält, und Menschen, die der andere nicht mag und zu denen er scheiße ist, fallen aus der Wahrnehmung raus. Man selbst ist ja "was anderes". Nur denke ich, dass sich das auf lange Sicht nur bedingt oder gar nicht halten lässt, und wenn dann die "Werbephase" vorbei ist, merkt man das irgendwann auch, spätestens bei Konflikten.

    Wenn also beispielsweise jemand, den ich noch nicht ein halbes Leben lang kenne, notorisch mit anderen aneinandergerät, mir gegenüber aber lammgleich sanft ist, würde ich das notorische Aneinandergeraten als den Normalzustand betrachten und sein Verhalten mir gegenüber als Ausnahme und nicht als "sein wahres Wesen, das er anderen gegenüber nur nicht zum Ausdruck bringen kann, weil er ihnen im Gegensatz zu mir nicht wirklich vertraut" oder wie auch immer man sich das gern hübschschwindelt.

    Graógramán schrieb:
    Micha2738 schrieb:

    Eine lange Beziehung funktioniert nur, wenn man von Anfang an ehrlich ist, sodass jeder weiß, worauf er sich einlässt.

    Ich denke, das ist der Kern des Themas, ja. Niemand kann für immer eine Fassade aufrecht erhalten, deshalb halte ich sehr viel davon sich von Anfang an authentisch zu verhalten.

    Das sehe ich genauso. Was bringt es mir, mich zu verstellen und vorzugeben, anders zu sein, als ich tatsächlich bin? Das wird früher oder später zu Problemen führen und deshalb meine ich es wirklich ernst, wenn ich sage, dass die Wesenszüge, die mich für meinen Partner wohl so anziehend gemacht haben, definitiv noch da sind. Ich bin kein anderer geworden. Ja, ich bin mal schlecht gelaunt, undgeduldig, vielleicht auch mal kritisch, aber ich bin immer noch zugewandt, präsent, großherzig, lache gerne und hab einfach gerne eine gute Zeit.


    Zitat

    Bist du denn da wirklich ehrlich zu dir selbst? Hattest du nicht mehr oder weniger Beginn an Angst vor cholerischen Reaktionen seinerseits?


    Ich glaube, manchmal vernebelt einem die rosarote Brille auch selbst die Sicht - und man will das wahre Gesicht des Partners, so lange es irgendwie geht, nicht sehen.

    Ich bin ehrlich ja. Ich hatte nie Angst vor seinen Reaktionen, Angst hab ich auch jetzt nicht, das wäre wirklich fatal. Aber ich hab schon das Gefühl, dass mein Freund extrem nachlässig mit sich selbst geworden ist. Und damit meine ich nicht sein Aussehen, das pflegt er nach wie vor tip top. Aber er pflegt die Beziehung nicht mehr in den Ausmaß, wie ich glaube, dass es aber für ein Fortbestehen derselben wichtig wäre. Ich pflege sie ja auch, bew. versuche es. Aber ein Hölzchen alleine brennt nicht.

    Ich zweifle auch nicht an seiner Liebe zu mir. Ich hab einfach das Gefühl, dass er jetzt glaubt, sich nicht mehr "anstrengen" zu müssen. Ich schreib das deshalb unter Anführungszeichen, weil ich persönlich ja der Meinung bin, dass, sobald sich einer "anstrengen" muss in der Beziehung, irgendwas schief läuft. All das, was ich investiere in unsere Beziehung, investiere ich gerne, ich empfinde es nicht als anstrengend. Hingegen hab ich das Gefühl, dass mein Partner es schon "anstrengend" findet, darauf zu achten, dass es nicht nur ihm gut geht, sondern auch mir.


    Zitat

    In der Beziehung mit meinem Ex sind die Stolpersteine nüchtern betrachtet von Anfang an glasklar auf der Hand gelegen. Ich wollte halt lieber kleine Kieselsteinchen sehen, die man mit einem ordentlichen Besen schon zur Seite kehren kann. Die Realität hat dann gezeigt, dass das ein Trugbild und ein hoffnungsloses Unterfangen war. Das hatte aber nichts damit zu tun, dass mein Ex sich in seinen grundsätzlichen Wesenszügen verändert hatte (hat er trotz Zunahme seiner Probleme nicht), sondern damit, dass mich der Lauf der Zeit auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und ernüchtert hat.


    Ich bin eigentlich recht überzeugt davon, dass man, wenn man ehrlich zu sich selbst ist, schon recht frühzeitig einschätzen kann, ob eine Beziehung das Potential hat dauerhaft Bestand zu haben. Kleinigkeiten ändern sich immer, grundlegende Wesenszüge meinen bescheidenen Erfahrungen nach praktisch nie.

    Ok. Diese Erkenntnis habe ich bisher noch nicht, kann ja aber noch kommen. ":/

    Ich hatte eigentlich schon das Gefühl, dass diese Beziehung wirklich Potential hat und dass ich nicht idealisiert habe (also halt nicht mehr wie andere auch, wenn sie noch frisch verliebt sind ;-)).

    Dadurch, dass ich vorher jahrelang in einer unerfüllten Beziehung festgesteckt bin, war mir sehr bewusst, was ich zumindest NICHT mehr will.

    Und ich will bzw. wollte keine Beziehung mehr, bei der ich das Gefühl habe, nicht auf Augenhöhe mit meinem Partner zu sein und mich nicht austauschen zu können, nicht für dieselben Dinge zu brennen.

    Deshalb hab ich da meiner Meinung nach schon sehr darauf geachtet, als ich meinen jetzigen Partner kennengelernt habe. Und wie gesagt - ich dachte auch, das passt.

    TenshiMaus schrieb:

    Ich will damit sagen man merkt seine eigene Veränderung meist gar nicht oder erst weit aus später (bei mir 6 Jahre später) wenn man so mache sachen reflektiert. (was auch nicht entschuldigt dass er einfach ein A.... geworden war)

    Hm, da könnte man darüber diskutieren, ob du oder ihr beide euch wirklich in eurem Wesen verändert habt - oder ob sich nur euer Verhalten verändert hat, was zu einer geänderten Paardynamik geführt hat.


    Shojo schrieb:

    Nur denke ich, dass sich das auf lange Sicht nur bedingt oder gar nicht halten lässt, und wenn dann die "Werbephase" vorbei ist, merkt man das irgendwann auch, spätestens bei Konflikten.

    Das mit den Konflikten halte ich auch für einen entscheidenden Punkt. Nicht nur ob es welche gibt, sondern auch wie man damit umgeht.


    Der Mann an meiner Seite und ich sind meist einer Meinung, aber längst nicht immer. Was für mich wahnsinnig angenehm ist, ist, dass wir dennoch vernünftig und auf Augenhöhe miteinander reden und auch heftig diskutieren können. Wir haben bislang im Schnitt so alle 1,5 Jahre mal für ein paar Stunden Krach, was aber immer an Missverständnissen und ungeschickter Kommunikation lag - und dementsprechend nach Klärung und Entschuldigungen auch wieder beigelegt werden konnte, ohne dass böses Blut geblieben wäre.


    Meine Schwägerin ist der Meinung, dass ich sein wahres Gesicht immer noch nicht gesehen hätte oder er es mir nicht zeigen würde. Was sie übersieht: Sowohl sie, als auch ihre Mutter haben eine sehr.. anstrengende Streitkultur, in der schnell die Faktenebene verlassen wird und sich auf der emotionalen Ebene total in Sachverhalte reingesteigert wird, die so empfunden wurden, die aber keiner jemals so gesagt hat. Mein Mann streitet viel rationaler und was bei ihm tatsächlich angenehm ist: Er meint, was er sagt. Und wenn er was Blödes sagt, steht er dazu und entschuldigt sich. Seine Familie kann das nicht, weil es beim Streiten rein um Gefühlswahrheiten geht und keiner von seinen Glaubenssätzen abrücken kann.


    Deshalb kann man, glaube ich, auch nicht alle zwischenmenschlichen Beziehungen direkt miteinander vergleichen.


    Was ich bei der Schwiegersippe und ihrer Streitkultur spannend finde ist, dass nur wenig später alle bereit sind das Geschehene unter den Teppich zu kehren und aufrichtig wieder gut miteinander zu sein.


    Das ist in meiner Familie anders. Da wird kaum wirklich gestritten und es wird dazu geneigt Brandherde so lange vor sich hin schwelen zu lassen, bis sie irgendwann explodieren und größeren Schaden anrichten.


    Sich damit zu beschäftigen wie Kommunikation funktioniert und welche Mechanismen bewusst und unterbewusst ablaufen, war für mich und meine Fähigkeit Beziehungen führen zu können, in Summe ein sehr großes Plus.

    Ich kann für mich sagen, dass ich in meinen vorigen Beziehungen "eigentlich" recht schnell Anzeichen bemerkt habe, die mir deutlich machten, dass diese Beziehung keinen langen Bestand hat. Aber ich wollte den entsprechenden Kerl in der Lebensphase halt unbedingt und hab jeweils lange über dieses und jenes hinweg gesehen. Interessanterweise war damit jeweils (3x) nach beinahe exakt 5 Jahren Schluss. Ich beendete die Beziehung immer aus Gründen, vor denen ich vorher mehr und immer weniger erfolgreich die Augen verschlossen hatte. Bei einer Familienfeier fragte dann mein Onkel mal meinen jetzigen Partner, wie lange wir denn jetzt zusammen wären. Das waren damals so 7 oder 8 Jahre. Und dann meinte er zu mir "hey dolorous, da ist der P. ja jetzt Dein Rekordmann". Mir war bis dahin gar nicht bewusst geworden, dass wir die - meine - magischen 5 Jahre geschafft und überwunden hatten, das war richtig schön x:)

    Heute, 18 Jahre später kann ich konstatieren, dass unsere Zahnräder immer besser ineinander greifen, aber wir gelegentlich auch Meinungsverschiedenheiten haben, die dann auch ausgetragen werden. Aber wie bei Graógramán haben wir eine sehr gute Streitkultur und ich sehe diese als Hauptschlüssel für unsere gute Beziehung. Es wird sich nicht gegenseitig verletzt, es gibt keine Wunden, die verheilen müssen und wo womöglich Narben bleiben. Und die richtige Bewährungsprobe kommt, wenn einer in einer Krise steckt. Wenn mein Partner, der mein Hobby akzeptiert, aber nicht teilt, plötzlich die tägliche Verantwortung über Monate hinweg übernimmt, dann wächst die Liebe daran immens! Und wie ich in Reha und Co. mitbekam, ist das keine Selbstverständlichkeit, eher sogar die Ausnahme.

    Graógramán schrieb:
    Micha2738 schrieb:

    Eine lange Beziehung funktioniert nur, wenn man von Anfang an ehrlich ist, sodass jeder weiß, worauf er sich einlässt.

    Ich denke, das ist der Kern des Themas, ja. Niemand kann für immer eine Fassade aufrecht erhalten, deshalb halte ich sehr viel davon sich von Anfang an authentisch zu verhalten.

    Wobei ich noch ergänzen möchte: Ich glaube Leute die sich am Anfang "anders" geben, tun das auch meistens nicht absichtlich. Sonst klingt das so als wäre deren Plan: "jetzt reiss ich mich ein paar Monate zusammen, dann kann ich sein / ihr Herz erobern, hoffentlich halte ich das lange genug durch". Ich denke eher, dass das häufig eine umgekehrte Form von der rosaroten Brille ist. Man will am Anfang nichts falsch machen, gleichzeitig ist man verunsichert, hat Sorgen, hat Angst vor dem Unbekannten und wie das Unbekannte auf was reagieren wird. Dann legt man unterbewusst diese "Fassade" auf, als Selbstschutz vor dieser Angst. Man denkt vielleicht sogar, man könnte sich ändern, nimmt sich vor "diesmal wird alles besser". Und irgendwann verfällt man dann wieder in alte Muster.


    Und dann kommen auch noch beide Effekte zusammen: Gegenüber sich selbst baut man eine Schutzfassade um "so positiv wie möglich rüberzukommen", wir wissen ja wie wichtig der Ersteindruck ist! Und Gegenüber dem anderen hat man die rosarote Brille auf und übersieht unterbewusst die Probleme, die hier und da durchschimmern.


    Dann ist ja klar, dass sowas passieren kann, selbst wenn es keiner von beiden eigentlich beabsichtigt hat. Beide denken sie haben sich selbst nicht grundlegend verändert, beide denken der andere hat sich verändert.


    losgetreten schrieb:

    Ich zweifle auch nicht an seiner Liebe zu mir. Ich hab einfach das Gefühl, dass er jetzt glaubt, sich nicht mehr "anstrengen" zu müssen. Ich schreib das deshalb unter Anführungszeichen, weil ich persönlich ja der Meinung bin, dass, sobald sich einer "anstrengen" muss in der Beziehung, irgendwas schief läuft. All das, was ich investiere in unsere Beziehung, investiere ich gerne, ich empfinde es nicht als anstrengend. Hingegen hab ich das Gefühl, dass mein Partner es schon "anstrengend" findet, darauf zu achten, dass es nicht nur ihm gut geht, sondern auch mir.

    Ich glaube ich verstehe wie Du das meinst, da bei mir etwas ähnliches passiert ist. In meinem Fall ist es allerdings sogar so, dass wir uns beide in manchen Dingen "anstrengen" und in anderen nicht nur dummerweise in den jeweils falschen Themengebieten sodass jeder denkt, man selbst strengt sich sehr an und der andere gar nicht. Das war schwierig aufzudecken.


    Das andere ist: Der Partner sollte sich nicht "anstregen" müssen denn man ist selbst für die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse zuständig, nicht der Partner. Wenn er es dann doch mal tut: schön, genießen. Aber wenn das "notwendig" ist, damit die Beziehung funktioniert, wird es schwierig.

    losgetreten schrieb:

    Ich bin ehrlich ja. Ich hatte nie Angst vor seinen Reaktionen, Angst hab ich auch jetzt nicht, das wäre wirklich fatal.

    Hm, aber du hattest doch vor Jahren recht zu Anfang eurer Beziehung diesen Faden, in dem du die Sorge geäußert hast, er würde dir den Kopf abreißen (dein Wortlaut!), weil du eine Schramme in die Felge eures gemeinsamen Leasing-Autos gefahren hast? ":/

    Ich halte es für möglich, dass Du Dich dahingehend verändert hast, dass Dir jetzt Dinge auffallen, die Dir Dir vorher nicht aufgefallen sind bzw. dass Dich Dinge jetzt stören, die Dich vorher nicht gestört haben. Eventuell auch in Kombination damit, dass er sich dahingehend verändert hat, dass sich schon angelegte Charakterzüge verstärkt haben und andere vielleicht zurückgetreten sind.

    Graógramán schrieb:

    Hm, aber du hattest doch vor Jahren recht zu Anfang eurer Beziehung diesen Faden, in dem du die Sorge geäußert hast, er würde dir den Kopf abreißen (dein Wortlaut!), weil du eine Schramme in die Felge eures gemeinsamen Leasing-Autos gefahren hast? ":/

    Nun ja, dass mein Freund einen Hang zum Drama hat bzw. recht hitzig veranlagt ist, wusste ich von Anfang an. Aber die Formulierung "Kopf abreißen" verwendet man doch öfters, ohne dass das wirklich mit Angst verbunden ist. War vielleicht mein Fehler, aber ich hatte nie Angst, dass mein Freund mir irgendwas tut oder mich wegen eines Fehlers verlässt.