Souverän am Arbeitsplatz mit Kollegen

    Hallo zusammen,


    ich bin seit kurzem fertig mit dem Studium und habe nun meine erste "richtige" Stelle. Hab vor/während dem Studium schon gearbeitet und dachte, ich wäre – Ende 20 – auch endlich mal souverän geworden. Leider muss ich feststellen, dass ich gerade doch etwas "überfordert" bin bzw. gerne eure Meinungen hören würde, da mein Freund und Freunde zwar auch tolle Gesprächspartner sind, es mir hier aber wichtig wäre, noch "neutrale" Stimmen zu hören.


    Folgende Situation: der Job, bei dem ich jetzt bin, wurde mir von einem Kollegen dort "verschafft", der mich von meinem 450€ Studi-Job kannte und zusätzliche Hilfe bei seinem Projekt benötigte. Er hat sich schon dafür eingesetzt, dass ich dort reinkomme und auch jetzt, wo ich dort bin, hat er mir geholfen, in dem er zb meine Stundenzahl dort erhöht hat und bemüht ist, dass mein Vertrag verlängert wird. (dazu Hintergrundinfo: fast alle MA sind nur befristet beschäftigt, da es sich um Projektarbeit handelt und wenn keine neuen Projektgelder reinkommen, gibt’s auch keine Arbeit, ähnlich also wie in der Uni/Wissenschaft).


    Natürlich ist das auch nicht vollkommen uneigennützig, er hat natürlich auch ein Interesse daran, dass ich mindestens bis Projektende da bin, v.a. da davor zwei Personen wegen Schwangerschaft das Projekt verlassen mussten, was natürlich zu Verzögerungen und Mehrarbeit führte.


    Mein Problem mit meinem Kollegen (ich nenne ihn mal Hans) ist, dass ich mich in manchen Situationen sehr unwohl/bevormundet/komisch fühle und nicht weiß, wie ich am besten reagieren soll. Ich werde mal ein paar Situationen beschreiben:


    - Er begrüßt mich bei bestimmten Anlässen mit "Küsschen Küsschen", was mir eigentlich überhaupt nicht passt. Habe beim letzten Mal, als er auf mich zukam, probiert, das zu vermeiden, indem ich sitzenblieb und ihm meine Hand hinstreckte, die er dann nahm und mich trotzdem küsste.


    - Wir waren auf einem Meeting, bei dem weitere Projektpartner anwesend waren. Ich ging zu allen hin und stellte mich vor. Irgendwann kam Hans zu mir und wollte, dass ich einen Mann kennenlerne, der sehr wichtig im Projekt ist. Ich hatte gerade schon mit ihm gesprochen, was Hans aber trotz meines Hinweis ignorierte. Der andere und ich grinsten uns etwas an, als Hans uns vorstellte, da wir ja gerade schon länger gesprochen hatten. Daraufhin ermahnte mich Hans (auf Deutsch, der andere spricht zum Glück keines), dass ich mich ordentlich benehmen und vorstellen solle – in etwa so, wie ein Onkel mit einem aufmüpfigen Kind spricht.


    - Hans fragte mich, ob ich noch etwas Zeit hätte, weil er schon länger etwas suchte und nicht finden konnte. Da ich wirklich wenig Zeit hatte an diesem Tag, sagte ich ganz ruhig und freundlich "nein, heute nicht so sehr" worauf er mir entgegnete "zick doch nicht so rum!"


    - Vor diesem Meeting hatte ich eine größere OP und war mehrere Wochen krankgeschrieben. All das hatte ich schon im Vorfeld, d.h. vor Vertragsunterzeichnung kommuniziert. Hans wusste, dass ich eventuell nicht mitkommen würde. Ich bin aber geflogen, da es mir auch wichtig erschien, die Leute dort kennenzulernen. Es war mein erster Arbeitstag nach der OP und sehr anstrengend für mich. Ich habe mich aber natürlich zusammengerissen und versucht, mir nichts anmerken zu lassen, wobei es aber sowieso für alle erkennbar war, dass ich noch körperlich eingeschränkt war. Am zweiten Abend (die meisten TN waren schon abgereist) wollte ich noch abends kurz die Stadt besichtigen. Hans wollte zuerst ins Hotel und dann eventuell später noch etwas trinken gehen, ich solle ihm Bescheid sagen, wenn ich zurückkomme. Das tat ich und sagte auch, dass ich zu fertig wäre, um nochmal rauszugehen – das ich wahrscheinlich zu fertig wäre, hatte ich auch schon davor angekündigt. Er ist dann alleine essen gegangen (ich konnte zu dem Zeitpunkt aufgrund der OP eh fast nichts essen). Gestern gab es nun die für mich sehr absonderliche Situation. dass er mich plötzlich fragte, ob ich Einzelkind sei. Als ich dies bejahte, meinte er, das hätte er sich schon gedacht. Ich wäre sehr einzelgängerisch – das hätte er auf der Reise gemerkt. Überhaupt wäre mit mir zu reisen sehr viel anders als mit meinen Vorgängerinnen. Ehrlich gesagt war ich erstmal sprachlos, habe ihn dann aber darauf hingewiesen, unter welchen Bedingungen ich mitgekommen bin und das mir die Ärzte jederzeit eine weitere Krankschreibung gegeben hätten und das ich das sehr unfair finde.


    - Dann hatte er noch ein zweites Beispiel für mein "typisch Einzelkind" Verhalten: am Tag zuvor war eine Bürofeier mit Kaffee und Kuchen. Zwischen mir und Hans war noch ein Platz frei. Ich war gerade von meiner Sitznachbarin in ein Gespräch verwickelt werden, was ich auch sehr schön fand, da ich gern die anderen Kollegen besser kennenlernen möchte. Hans bat mich, auf den anderen Platz zu sitzen, damit seine "Todfeindin" (eine Kollegin, mit der er gar nicht klar kommt) nicht dorthin sitzen würde. Ich wollte aber nicht mein Gespräch unterbrechen und sagte scherzhaft, falls sie wirklich käme, könne er doch als Vorsatz fürs neue Jahr nochmal versuchen ein gutes Verhältnis mit ihr zu bekommen. Ich hätte diese kleine Episode sofort wieder vergessen, wenn er mir sie nicht gestern als mein angeblich "Einzelkind-Verhalten" unter die Nase gerieben hätte.


    So. Das waren mal ein paar Beispiele. Natürlich ist es schwer, sowas in aller Tiefe zu beschreiben (zwischenmenschliche Beziehungen halt :=o )


    Mir geht es darum: ich finde es nett, dass er sehr locker ist und wir auch mal Scherze machen können. Als er gestern mit dieser Einzelkind Sache anfing, war es auch nicht "böse" gemeint. Trotzdem beschäftigt mich das ganze schon sehr (immerhin habe ich diesen Thread eröffnet) und in diesen Situationen fühle ich mich oft "machtlos" bzw.es fällt mir schwer, da "gut" zu handeln. Ich glaube schon, dass er mich mag und wertschätzt, sich allerdings null Gedanken darüber macht, wie manche seiner daher geworfenen Aussagen bei mir ankommen. Mein Gefühl sagt mir, dass er mich – wenn ich mich zb gegen das Küsschen eindeutig aussprechen würde – als "typische emanzipierte Zicke" hinstellen würde.


    Einerseits denke ich, sollte ich dem ganzen nicht zu viel bemessen. Aber wie macht man das? Mich beschäftigt es schon. Härte ich noch ab?? Andererseits möchte ich nicht, dass meine Grenzen überschritten werden. Ich finde z.B. diese "Einzelkindgeschichte" ganz absonderlich. So etwas hat man in der Grundschule gesagt um den anderen zu ärgern. Am Arbitsplatz finde ich es höchst unprofessionell.


    Im Bezug auf weitere Geschäftsreisen mit ihm, bin ich jetzt natürlich voreingenommen. Hänge ich nach der Arbeit noch mit ihm herum, damit ich mir nicht solche Kommentare anhören muss, oder folge ich meinem eigenen Willen und bin lieber allein im Hotelzimmer?!


    Es fällt mir aber schwer, dies souverän zu vermitteln. Ich möchte auch kein angespanntes Verhältnis, da wir zusammen in dem Projekt arbeiten und er zudem schon sehr lange dort ist, somit jeden kennt und auch etwas zu sagen hat. Und sich natürlich auch für mich einsetzt vertragsmäßig.


    Puh. Ganz schwierig. Ich freue mich über jeden, der sich durch diesen Text kämpf und etwas schreiben möchte *:)

  • 14 Antworten

    @ ElGusto:

    äh, ne ich hoffe nicht ;-) Altersunterschied sind auch 30 Jahre...


    Das Vereinnahmende kann ich mir ein Stück weit so erklären, dass er alleinstehend ist (und soweit ich weiß keine Kinder hat). Er hat zb auf der Geschäftsreise für "die anderen Mädels" (wie er sie nennt) im Büro Sachen gekauft und mitgebracht. Einerseits natürlich super nett, andererseits für mich schon "too much". Ich bring ja nichtmal meinen Eltern odern Freunden was aus nem langen Urlaub mit ]:D

    @ Matze:

    Ja... aber WIE? Ich habe das Gefühl, dass ich noch nicht richtig weiß, wie ich das anstellen soll. Wenn ich mir vorstelle, wie meine Freundinnen in der Situation auf der Reise reagiert hätten, die meisten hätten sich wohl keine Gedanken gemacht, ob Hans jetzt vielleicht traurig ist, weil er abends einsam und allein essen muss. Ich hab mich schlecht gefühlt und kurz überlegt, es trotz OP-Nachwehen "durchzuziehen", letztendlich bin ich abe standhaft geblieben und war auch stolz, dass ich mich nicht verstellt habe. Jetzt kommt er mir mit dieser Einzelkindsache (lächerlich, ich weiß eigentlich, dass ich sozial fähig bin, aber dennoch nagt das ein bisschen an mir) und mache mir Gedanken, wie ich solche Situationen auf der nächsten Reise handle...

    Ich bin der ehrliche Typ. Ich würde dafür plädieren, alles was dir nicht gefällt ihm zu kommunizieren. Ich vermute mindestens non-verbal hast du über Körperspache etc ihm das eigentlich mitgeteilt, aber er scheint in die Kategorie zu gehören, die Sachverhalte nur versteht, wenn man diese klar und präzise ausdrückt.


    Sag halt direkt, dass dich das mit dem Einzelkind verletzt hat und du nicht der große Freund vom Socializen bist. Dass du gerne mal deine Ruhe hast.

    Man wächst in die Arbeitswelt hinein. Stolpersteine wie 'Hans' gibt es in jedem Team rund um die Welt. Man wird damit fertig. Bleib dir selbst treu und Arbeit gibt es immer genug. Ob dort bei Hans oder anders wo.

    De Typ ist übergriffig und belästigt dich sexuell, da gibt's nicht so viele Auswege. Der eine ist, sich einen andere Job zu suchen, der andere, dem Mann klar die Grenzen aufzuzeigen.


    Das geht damit los, dass Du ihm vielleicht vor dem nächsten Meeting mal nett unter 4 Augen erklärst, dass Du das mit den Küsschen nicht magst und er das bitte sein lassen soll. Ich würd da keine Diskussion anzetteln sondern nach der Ansage einfach gehen, soll er mal selber drüber nachdenken.


    Der Rest.. Ja mein... Das mit der Vorstellung, da hat er sich bestenfalls selber blamiert, das kann man überspielen, einfach mitdackeln und wenn der Chef einen vorstellen will ein einfaches "hey, wir kennen uns ja"...


    Was diese Reisen angeht... Klar ist eine Reise immer auch eine Chance, sich privat näher zu kommen und wenn da eine nette charmante Kollegin dabei ist und dann wird das nichts, ist der Mann enttäuscht. Das ist menschlich. Aber da sollte man sich im Griff haben und nicht beleidigend werden. Da hätte es dann allerdings zeitnah einer entsprechenden Antwort von Dir bedurft, vielleicht per E-Mail etwa in dem Stil - "Ich habe nach einer OP und längerer Krankheit gegen den Rat meiner Ärztin eine Reise auf mich genommen. Dass mir das honoriert wird indem meine Müdigkeit gegen Abend mit Kommentaren von wegen Einzelkind vorgehalten wird, finde ich ziemlich enttäuschend. Meine Familiengeschichte ist im übrigen meine Privatsache."


    Ob der männliche ältere Kollege damit klar kommt, in seine Schranken gewiesen zu werden, wird sich zeigen, aber Angst vor der Reaktion darf kein Grund sein, sich alles bieten zu lassen.

    Da musst du jetzt tatsächlich etwas abgebrühter rangehen. Ist ja schön dass der Hans dir zum Job verholfen hat, das ist erstmal was ganz normales im Arbeitsleben. Jeder möchte mit Menschen zusammenarbeiten die man kennt und mag. Wer etwas Einfluss und Möglichkeiten hat, wird sich mit seinen Lieblingsschäfchen umgeben. Ich hab davon schon profitiert und mache das heute auch selber so.


    Wenn Hans aber denkt du wärst nun sein Püppchen, das ihm ewigen Dank schuldet und das er nach belieben rumschubsen kann, dann ist er schief gewickelt und du musst du ihm ganz deutlich Grenzen setzen und dich ggfalls distanzieren. Der hat sich mit dem Job kein Recht auf Übergriffigkeiten erkauft und das darfst du auch kommunizieren. Sowas kann man durchaus sachlich und freundlich machen.


    Und nebenbei andere Allianzen bilden 8-) :)z #don't trust Hans

    Zitat

    Trotzdem beschäftigt mich das ganze schon sehr (immerhin habe ich diesen Thread eröffnet) und in diesen Situationen fühle ich mich oft "machtlos"

    Genau darin sehe ich den tieferen Sinn seines Handelns – also klarzustellen, wer mehr "Macht" hat von euch beiden. Das macht er zwar unbewusst, aber nachhaltig. Und wenn er keine Reaktion bekommt, legt er noch ne Schüppe nach. Er scheint ja soweit oben in der Hackordnung zu stehen, dass er sich das erlauben kann.

    Zitat

    Ich glaube schon, dass er mich mag und wertschätzt

    Davon gehe ich ganz sicher aus, sonst hätte er sich wohl kaum so stark für dich gemacht. Protektion will aber belohnt werden, durch was auch immer. Und da könnte er ein Belohnungsdefizit verspüren. Die entlarvende Frage wäre also: "Du hast dich wirklich sehr für mich eingesetzt, dafür bin ich dir sehr dankbar. Mit welchen Erwartungen verbindest du das?" Ich gehe aber nicht davon aus, dass du dich das traust. Denn du müsstest dich auf eine heftige Reaktion einstellen.

    Zitat

    , sich allerdings null Gedanken darüber macht, wie manche seiner daher geworfenen Aussagen bei mir ankommen.

    Das ist oft der Fall, wenn man die innerbetriebliche Leiter höher klettert. Es wird dann auch immer schwieriger, weil viele Mitarbeiter sich lieber wortlos unterordnen statt ihre Position zu gefährden. Das führt beim "Leiter" dazu, dass er der Meinung ist, durchweg angemessen zu handeln. Denn es wehrt sich ja niemand von unten. Es sagt ihm niemand.

    Zitat

    Mein Gefühl sagt mir, dass er mich – wenn ich mich zb gegen das Küsschen eindeutig aussprechen würde – als "typische emanzipierte Zicke" hinstellen würde.

    Das ist bisher reine Theorie. Dass du solche Vermutungen (mehrfach) äußerst, zeigt aber, dass er offensichtlich bei dir ein paar "Knöpfe" gefunden hat, mit denen er dich triggern kann. Und die benutzt er dann auch.

    Zitat

    "Was mir so beim Lesen für Gedanken kamen, kann es sein, dass er mehr von dir will als eine rein berufliche und locker freundschaftliche Beziehung? Sein Verhalten klingt schon recht vereinnahmend."

    Der Gedanke kam mir auch sofort

    Zitat

    äh, ne ich hoffe nicht. Altersunterschied sind auch 30 Jahre...

    Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Er kann doch seine Träume und Wünsche diesbezüglich haben, sie aber nicht äußern und ausleben. Die Symptome werden dann subtil sichtbar, es würde also nicht zu Übergriffigkeiten (im sexuellen Sinne) kommen; wohl aber zu übergriffigem Reden im machtspezifischen Bereich. Denn "Macht" macht attraktiv, zumindest sind Menschen, die danach streben, oft der Meinung.


    Wenn du die Position behalten möchtest, die er dir verschafft, dann solltest du dir (für dich selbst) klare Grenzen setzen, bis zu denen du gehen würdest, darüber hinaus aber nicht mehr. Gehe das in Ruhe an, denn an anderen Arbeitsplätzen mag es noch erheblich krudere Spielchen geben. Versuche das alles in einem Gleichgewicht zu halten, mit dem du so leben kannst, dass es nach der Arbeit unwichtig wird. Wenn es dich aber auch in der Freizeit weiter verfolgt, wirst du wohl die ein oder andere Ansage machen müssen. Dabei ist dann klar, dass das für dich auch unangenehme Konsequenzen haben kann, zu denen müsstest du dann stehen können.

    Danke erstmal für ie Antworten. Bisher seid ihr ja alle der Meinung, dass sein Verhalten nicht okay ist. Das finde ich schon mal gut zu wissen, denn ich habe mich zwischendurch auch gefragt, ob ich vielleicht zu sensibel bin und aus einer Fliege einen Elefanten mache ...

    Zitat

    Stolpersteine wie 'Hans' gibt es in jedem Team rund um die Welt. Man wird damit fertig. Bleib dir selbst treu und Arbeit gibt es immer genug. Ob dort bei Hans oder anders wo.

    Das es sowas (fast) überall gibt, ist mir klar. Deswegen will ich ja auch versuchen, eine Strategie zu entwickeln, wie ich das besser handlen kann. Und Hans ist ja auch kein mobbender Bösewicht, weswegen ich jetzt gleich das Handtuch werfen will. Bisher gefällt es mir schon ganz gut da und ich hoffe, die anderen Kollegen und Projekte noch besser kennenlernen zu können.

    Zitat

    Das geht damit los, dass Du ihm vielleicht vor dem nächsten Meeting mal nett unter 4 Augen erklärst, dass Du das mit den Küsschen nicht magst und er das bitte sein lassen soll. Ich würd da keine Diskussion anzetteln sondern nach der Ansage einfach gehen, soll er mal selber drüber nachdenken.

    Ich hab beobachtet, dass er das bei den anderen "Mädels" auch macht. Ist wohl seine Art. Du hast ja an sich völlig Recht und einer Freundin würde ich das gleiche raten. Am Montag (erster Tag nach Neujahr) wollte ich das auch machen, da ich mir schon dachte, dass er das als Anlass für Küsschen Küsschen nimmt. Als er dann schon aufstand und rüberkam, bin ich wie o.g. sitzen geblieben und streckte meinen Arm weeeeiiiit aus. Den Wink hat er aber übersehen und ich hab mich dann doch nicht getraut, zu sagen, dass ich es nicht mag.


    So wie ich ihn einschätze, würde er nach einer Ansage meinerseits das Ganze halt nicht einfach nur "anhören und verarbeiten", sondern wieder mit seinen komischen Psychonummern kommen ("du bist so und so ein Mensch"). Weggehen ist relativ schwer, da wir in einem Büro sitzen. Dann denke ich mir "ach komm, du machst da voll das Fass auf, wegen diesen paar Küsschen ab un zu, die anderen Kolleginnen scheinen sich ja auch nicht dran zu stören, willst du deswegen echt das Verhältnis verschlechtern, ab und zu stirbst du doch daran nicht".


    Joa. Bescheuert, ich weiß.


    Als er mit das mit dem "Einzelgängerisch auf der Reise" vorgehalten hat, habe ich auch sofort reagiert (etwa in der Art wie Ralph_HH schreibt). Aber zum Einen denke ich im Nachhinein, hab ich mich viel zu sehr "bemüht", es wäre wahrscheinlich besser gewesen, viel "kühler" zu reagieren. Ich neige aber generell dazu, sehr auf andere Menschen zu reagieren (also ich bin nicht hysterisch oder so, ich kann nur einfach sehr schlecht abgebrüht und "leck mich am Arsch" mäßig wirken, man merkt es mir wahrscheinlich schon an, wenn mich etwas ärgert, aber ich wünschte, ich könnte da "cooler" sein).


    Zum anderen ärgert es mich, weil ich eben nun schon die nächste Reise fürchte, bei der ich ja dann keine gesundheitlichen Gründe mehr habe und dann entweder noch abends mit ihm rumhängen muss (ihm macht das großen Spass, reist daher immer einen Tag früher an und einen später ab - finde ich an sich toll, aber eben nicht mit ihm), obwohl ich nach 8 h Meeting (mit ihm) dann einfach mal genug habe - oder er wird mir das wieder vorwerfen. Und dann möchte ich eben schon souveränder reagieren können.


    Fanny, du hast ebenfalls vollkommen recht (und andere Allianzen möchte ich sowieso finden :-D ), es ist nur nicht so leicht für mich. In meinem Kopf spiele ich alles durch und weiß, wie ich mich verhalten sollte - und in der Praxis knick ich dann allzu leicht ein.


    Oldie,

    Zitat

    Die entlarvende Frage wäre also: "Du hast dich wirklich sehr für mich eingesetzt, dafür bin ich dir sehr dankbar. Mit welchen Erwartungen verbindest du das?" Ich gehe aber nicht davon aus, dass du dich das traust. Denn du müsstest dich auf eine heftige Reaktion einstellen.

    du hast Recht, das traue ich mich sicher erstmal nicht X-

    Zitat

    Das ist oft der Fall, wenn man die innerbetriebliche Leiter höher klettert. Es wird dann auch immer schwieriger, weil viele Mitarbeiter sich lieber wortlos unterordnen statt ihre Position zu gefährden. Das führt beim "Leiter" dazu, dass er der Meinung ist, durchweg angemessen zu handeln. Denn es wehrt sich ja niemand von unten. Es sagt ihm niemand.

    Dazu noch kurz eine Info: es gibt dort keinen richtigen Chef. Es gibt einen Geschäftsführer (der kein Geschäftsführer sein will, aber anderes Thema). Die Leute arbeiten in verschiedenen Projekten und wer es schafft, ein neues an Land zu ziehen, bestimmt dann auch, wer da Stunden dafür bekommt. Innerhalb der Projekte gibt es dann keine Hierarchien... theoretisch ist Hans also nichmal mein Chef, de facto ist er natürlich schon seit vielen Jahren dort, ich hingegen erst seit kurzer Zeit, "unser Projekt" bearbeitet er seit Beginn, ich finde mich gerade erst rein. Und natürlich ist er als einer der ältesten MA dort (mit einem der wenigen unbefristeten Verträge) mit allen bekannt und in einer völlig anderen Position als ich.


    Ja... es bleibt mir wohl nur übrig, weiter an mir selbst zu arbeiten. Ich finde es schon mal hilfreich eure Einschätzungen gehört zu haben.


    Ich möchte versuchen, "kälter" zu werden, im Sinne von, dass ich nicht immer gleich reagiere. Oldie hat das ja schon geschrieben. Wenn ich mir die Situation mit der "Einzelkind - Platz rüberrutschen weil andere Kollegin böse ist" nochmal durchspiele, hätte ich zb einfach nur ruhig sagen sollen "Hans, du bist ein erwachsener Mann und bekommst deine Probleme mit Kolleginnen sicher selbst in den Griff. Mein Familienstatus hat damit nichts zu tun" und mich dann auch nicht weiter auf Diskussionen einlassen sollen.


    Stattdessen habe ich mich da viel zu sehr reinziehen und verwickeln lassen. Hach. Jetzt brauch ich nur noch einen "Stopp-Schalter" damit ich das auch in den Situationen umsetzen kann. Hat jemand einen übrig? ]:D

    Zitat

    - Er begrüßt mich bei bestimmten Anlässen mit "Küsschen Küsschen", was mir eigentlich überhaupt nicht passt. Habe beim letzten Mal, als er auf mich zukam, probiert, das zu vermeiden, indem ich sitzenblieb und ihm meine Hand hinstreckte, die er dann nahm und mich trotzdem küsste.

    Als Bevormundung würde ich das nicht empfinden, auch wenn es dir unangenehm ist. Da bleibt wohl nur, es anzusprechen (auch wenn deine Befürchtung durchaus berechtigt ist) oder eben als seine Art hinzunehmen. Du musst dich schlichtweg erstmal entscheiden, ob du es für deine Vorteile durch Hans schlucken willst oder dir dein Empfinden wichtiger ist / wichtig genug ist, um Nachteile in kauf zu nehmen. Vorher braucht man sich keine Gedanken zu machen, wie genau du da was kommunizierst.

    Zitat

    Daraufhin ermahnte mich Hans (auf Deutsch, der andere spricht zum Glück keines), dass ich mich ordentlich benehmen und vorstellen solle – in etwa so, wie ein Onkel mit einem aufmüpfigen Kind spricht.

    Und was hat Hans auf ein einfaches "Das habe ich eben bereits :-) " geantwortet? (Im übrigen von Hans sehr unhöflich, vor dem nicht-deutschprachigen, wichtigen Geschäftskontakt ins Deutsche zu switchen um dich zu Ermahnen. Auch wenn der andere es inhaltlich nicht versteht, kann der sich denken, was das soll. Nicht gut aber eben auch nicht dein Problem. Wie das Grinsen des anderen dir gezeigt hat, wirst damit nicht du bloßgestellt, sondern Hans selbst).


    Generell kommt Hans wie ein Nervbeutel mit dem ein oder anderen Spleen rüber. Souveränität wäre da in meinen Augen, nicht alles persönlich zu nehmen oder Angst zu haben, blamiert zu werden (s.o.). Also Dinge, die du weitestgehend erstmal mit dir selbst ausmachen musst und dann bestenfalls von alleine laufen, ohne sich einen Hans-Schlachtplan zurechtzulegen.

    Zitat

    Da ich wirklich wenig Zeit hatte an diesem Tag, sagte ich ganz ruhig und freundlich "nein, heute nicht so sehr" worauf er mir entgegnete "zick doch nicht so rum!"

    Kann man hier nicht beurteilen. Vielleicht kamst du anders rüber, als du dachtest, vielleicht ist Hans so.

    Zitat

    Ich wäre sehr einzelgängerisch – das hätte er auf der Reise gemerkt. Überhaupt wäre mit mir zu reisen sehr viel anders als mit meinen Vorgängerinnen. Ehrlich gesagt war ich erstmal sprachlos, habe ihn dann aber darauf hingewiesen, unter welchen Bedingungen ich mitgekommen bin und das mir die Ärzte jederzeit eine weitere Krankschreibung gegeben hätten und das ich das sehr unfair finde.

    Und was hat er dann gesagt?

    Zitat

    Ich hab beobachtet, dass er das bei den anderen "Mädels" auch macht. Ist wohl seine Art.

    Das macht es nicht besser. Jemandem ein Küsschen zu geben, der das nicht mag ist sexuelle Belästigung. In meiner Firma gäb's dafür im Wiederholungsfall die Kündigung. Kenn ich aus der Arbeitswelt überhaupt nicht, Küsschen zur Begrüßung. Das mach ich im Büro nicht mal mit der Kollegin mit der ich privat befreundet bin.

    Zitat

    ich hab mich dann doch nicht getraut, zu sagen, dass ich es nicht mag.

    Du wirst nicht umhin kommen, Deine Interessen selber zu vertreten. Das gilt in allen Bereichen des Lebens, auch in diesem. Niemand sonst wird sich Deiner annehmen und für Dich einstehen. Das macht man bei seinen Kindern, Erwachsene sind da auf sich allein gestellt. Und ohne dass Du ihm das einmal gesagt hast, dass Du das nicht magst, würde ich auch nicht gleich so weit gehen, da den Betriebsrat o.ä. einzuschalten.


    Vielleicht kannst Du auch diese Situation mal mit einer Freundin üben. Wenn Du das nicht verbal kommunizieren möchtest, dann wehre Dich körperlich dagegen. Nein, Du sollst ihn nicht schlagen, aber bei der Begrüßung per Handschlag entweder mit dem 2. Arm auf Abstand halten oder den anderen Arm angewinkelt als Puffer dazwischen verwenden, was auch immer. Ich weiß gar nicht, wie das gehen sollte, jemandem ein Küsschen aufzunötigen. Zieht der sich zu Dir ran, wenn Du ihm die Hand gibst? Ja, dann zieh mit und bleib auf Distanz.

    Es als sexuelle Belästigung zu sehen finde ich schon etwas drüber. Berichtige mich bitte wenn du es anders siehst. Aber aus deiner Beschreibung erkenne ich den Typ Mann dem man als Frau öfter beruflich begegnet. Gerade wenn so einer zu deinen Vorgesetzten gehört. Mir kommt das auch bekannt vor. Man ist anfangs total hilflos und überfordert. Man stumpft aber schnell ab. Und das wichtigste: man lernt damit umzugehen. D.h man macht nichts mehr was einem unwohl ist. Man schweigt nicht mehr. Das mit dem Küsschen ist bei uns auch normal darum schockt mich das nicht. Aber wenn du dich dabei unwohl fühlst, sag es. Da musst du ihm gegenüber nicht dankbar sein für berufliche Hilfe.


    Ich persönlich würde gewisse Äußerungen nicht an mich ran lassen und ihn reden lassen. Alles was körperlich ist, ansprechen! Ohne darüber nachzudenken. Du musst dahingehend nichts aushalten. Das ist kein Job wert. Zeig ihm da klare Grenzen.


    Du wirst öfter auf solche Kerle treffen. Gerade nach dem Studium gibt es Männer die einem helfen wollen und glauben, als Dank müsste Frau ihnen die Füße küssen und sie können sich alles erlauben.


    Wie gesagt, steh über gewisse Dinge drüber. Geh auch mal Abendessen mit ihm wenn ihr auf Reisen seid. Lass ihn reden wenn du Stuhl wechseln sollst. Aber zeig ihm klare Grenzen wenn er dir körperlich zu Nahe kommt.


    Der Berufseinstieg ist immer eine Herausforderung. Man muss sich abhärten und vieles schlucken. Es gibt auch weibliche Vorgesetzte die richtig ätzend sind ;-)


    Ich hoffe für dich, dass du dich schnell zurechtfindest und dich traust, deinem Gefühl zu folgen und auszusprechen was du nicht möchtest.


    Alles Liebe!

    Auch ich finde Hans' Verhalten nicht okay und übergriffig.


    Um Dich adäquat wehren zu können, musst Du aber evtl. noch etwas besser in diese Situation reinwachsen. Du solltest Dich da selbst nicht zu sehr unter Druck setzen. Die Situation ist (noch) neu für Dich.


    Ich erinnere mich da gerne an meine Lehrzeit als Elektroniker. Da herrschte in der Werkstatt ein rauer Ton, mit dem ich einige Zeit überhaupt nicht klar kam. Mit den Monaten und Jahren habe ich mich aber damit arrangiert und habe gelernt, wie ich damit umgehen und mich wehren kann, ohne die anderen Kollegen in unangemessener Weise zu beleidigen.


    Damals fand ich die Kollegen ziemlich zum Kotzen... ;-D Heute bin ich froh darüber, dass ich mir durch diesen Umstand ein dickes Fell und eine gewisse Schlagfertigkeit und Souveränität gegenüber Kollegen und Kunden aneignen konnte.


    Ich möchte damit natürlich nicht sagen, dass Du Hans auch noch dafür dankbar sein sollst... ;-) aber vielleicht macht Dir das ein bisschen Mut, dass Du in diese Sache reinwachsen kannst und nicht alles sofort zu 100% meistern musst.


    Konkrete Tipps, wie Du Hans' Verhalten aushebeln kannst, habe ich leider nicht.


    Ich denke, Du wirst das nur schaffen, wenn Du ihm gegenüber selbstbewusst auftrittst und Dich abgrenzt.

    Zitat

    Und was hat Hans auf ein einfaches "Das habe ich eben bereits :-) " geantwortet? (Im übrigen von Hans sehr unhöflich, vor dem nicht-deutschprachigen, wichtigen Geschäftskontakt ins Deutsche zu switchen um dich zu Ermahnen.

    Hat er überhört. Ich hab ihm immerhin am nächsten Tag (da kamen wir nochmal drauf zu sprechen) dann nochmal gesagt, dass ich das bereits getan hätte und auch eine Erziehung genossen habe ]:D


    Ja, das hat er allerdings eh sehr oft gemacht, also zb beim Essen war noch ein Engländer an unserem Tisch, Hans hat deutsch gesprochen, ich englisch, war etwas awkward, aber ich empfinde es eben auch sehr unfreundlich, so die Leute zu isolieren, selbst wenn nicht alles auf sie bezogen ist. Naja.

    Zitat

    Ich wäre sehr einzelgängerisch – das hätte er auf der Reise gemerkt. Überhaupt wäre mit mir zu reisen sehr viel anders als mit meinen Vorgängerinnen. Ehrlich gesagt war ich erstmal sprachlos, habe ihn dann aber darauf hingewiesen, unter welchen Bedingungen ich mitgekommen bin und das mir die Ärzte jederzeit eine weitere Krankschreibung gegeben hätten und das ich das sehr unfair finde.


    Und was hat er dann gesagt?

    Hat er dann schon eingesehen "joa ja hmm ja doch jaa mmhh. Ja hm hast ja Recht hm." Der ist ja auch kein Unmensch. Gestern zb hat er zu mir gesagt, dass es ihm wichtig wäre, wenn wir eine bestimmte Aufgabe einer anderen Kollegin überlassen, weil die aufgrund von Sprachproblemen nicht sooo viele Aufgaben erledigen kann und er will sie unbedingt weiter beschäftigen können, da sie ein Kind hat. Also der macht sich schon auch Gedanken über die Leute (über die, die er mag, schätze ich. Die anderen stempelt er dann eher gleich ab).

    Zitat

    Generell kommt Hans wie ein Nervbeutel mit dem ein oder anderen Spleen rüber. Souveränität wäre da in meinen Augen, nicht alles persönlich zu nehmen oder Angst zu haben, blamiert zu werden (s.o.). Also Dinge, die du weitestgehend erstmal mit dir selbst ausmachen musst

    Das trifft es ziemlich gut. Und ja, da hast du wohl recht. *:)


    Habe auch nochmal lang mit meinem Freund drüber geredet und er meinte auch, dass ich dabei sicher auch was lernen kann. Er hatte am Anfang auch zwei ganz schreckliche Kolleginnen und ich erinner mich noch gut, wie er sich ja jeden Tag erstmal aufregte ;-)


    Hans ist für mich sicher auch eine "Chance", gelassener zu werden und auch zu üben, die Balance zwischen "freundlichem Umgang auf der Arbeit - aber doch auch nicht zu emotional wie mit Freunden" zu finden.

    @ Lillien84,

    Ralph_HH und Furious: danke für eure Beiträge, insbesondere für die persönlichen Erfahrungen! Das hilft sehr zu lesen, dass es anderen auch manchmal schwer fiel :-)