Vater gestorben, jetzt schwieriges Verhältnis zur Mutter

    Liebes Forum,


    ich schreibe heute als Alias, weil das Thema für mich sehr persönlich ist und ich mir durch unvoreingenommene Meinungen Hilfe erhoffe. Es geht um folgendes:


    Mein Vater ist im April 2016 unerwartet gestorben.


    Ich (w, Anfang 40) hatte zu meinen Eltern immer ein gutes Verhältnis, meinem Vater stand ich aber stets etwas näher, da wir uns sehr ähnlich sind, gemeinsame Interessen und in vielen Bereichen die gleichen Ansichten hatten.


    Der Tod meines Vaters war für die ganze Familie ein großer Schock, ich kann auch gar nicht zu viel darüber schreiben, weil es für mich sehr emotional ist und hier auch gar nicht Thema sein soll.


    Grund für diesen Faden ist nämlich, dass sich das Verhältnis zu meiner Mutter seither sehr verändert hat. Ich denke, dass das normal ist und vor allem sie ihr Leben ohne meinen Vater neu ordnen muss.


    Es fällt mir schwer es so deutlich zu sagen ohne wie ein egoistisches, herzloses Miststück zu klingen, aber das Problem ist: meine Mutter ist sehr auf mich fixiert, ich möchte fast sagen nur noch auf mich und es wird mir auf Dauer zu viel. Es belastet und bedrängt mich und verschlechtert auf Dauer unsere Beziehung, was ich nicht möchte.


    Angefangen hat es so:


    Wir wohnen 150km von einander entfernt und in den ersten Wochen und Monaten, nachdem mein Vater gestorben war, bin ich sehr oft zu ihr gefahren, am Wochenende aber auch wochentags, wenn ich es so einrichten konnte. In erster Linie, um ihr bei diversen Arbeiten und Erledigungen zu unterstützen (erst die Beerdigung, später Besorgungen, Reparaturen, Gartenarbeit), aber auch einfach um bei ihr zu sein in dieser schweren Zeit. Das hat auch mir gut getan.


    Ab und zu kam sie auch mit der Bahn zu mir, um mal rauszukommen, da es für sie zu Hause ohne meinen Vater sehr bedrückend ist.


    Mit den Monaten wurde ihr Bedürfnis nach Besuchen und nach Kontakt kontinuierlich mehr. Sie bat öfter um Hilfe und Unterstützung bei ihr vor Ort, ihre Besuche bei mir wurden länger und häufiger, sie rief immer öfter an, usw. Parallel dazu nahm mein Bedürfnis nach gemeinsamer Zeit wieder etwas ab, ich würde sagen es entwickelte sich nach der akuten Zeit der Trauer wieder in Richtung eines normalen Ausmaßes.


    Dennoch hielt ich den vermehrten Kontakt zu meiner Mutter und versuchte sie weiterhin zu unterstützen. Sie tat mir leid, weil das alles für sie sehr schwer war und ich beschloss weiterhin für sie da zu sein, solange sie es brauchte.


    Leider hat sich alles aber soweit entwickelt, dass sich für sie alles nur noch um den Kontakt zu mir dreht. Dazu steigert sie sich sehr in Ängste und Sorgen hinein. Wenn ich telefonisch nicht erreichbar bin, ruft sie auch gut und gerne 10x in Folge an und malt sich die wildesten Szenarien aus, was mir passiert sein könnte. Generell würde sie am liebsten um die 3 bis 5x täglich telefonieren. An den Wochenenden rechnet sie fest mit meinem Besuch und auch wenn ich ihr vorher sage, dass es aus verschiedenen Gründen nicht klappen wird, ist sie zutiefst enttäuscht und traurig.


    Ihre Besuche bei uns passieren fast nur noch unangekündigt unter dem Deckmantel "Juhu, Überraschung", dann aber gleich mit Gepäck für eine Woche.


    Vor Ort mischt sie sich leider in alles ein, das geht von ungefragtem Auf- und Umräumen im Haus, eigenmächtigem Entsorgen unserer Sachen, Terminverschiebungen in meinem Namen, usw.


    Ich habe keine Ahnung ob meine Beschreibung auf den Punkt bringt, wie einnehmend und übergriffig ihr Verhalten ist. Es wird zunehmend schlimmer und belastet alle Familienmitglieder mittlerweile sehr.


    Mein Problem ist: sie tut mir leid. Eigentlich uns allen. Sie trauert und ist einsam, ihr fehlt mein Vater, der immer da war und im Alltag den Großteil ihrer Aufmerksamkeit und Fürsorge abbekommen hat.


    Ich versuche liebevoll, aber mittlerweile sehr bestimmt meine und unsere Grenzen zu ziehen. Leider bewirkt es nur das Gegenteil und ich weiß auch nicht mehr weiter, was ich noch tun kann.


    Vielleicht noch interessant zu wissen: ich bin nicht das einzige Kind, es gibt noch einen Bruder und eine Schwester. Witzig ist, dass ich von uns drei Kindern das eigenständigste und stabilste Leben führe und meine Geschwister von sich aus mehr Kontakt suchen bzw. brauchen würden.


    Da ist auf der einen Seite mein Bruder. Er lebt bei ihr im Ort und übernimmt von sich aus gerne Arbeiten am Haus oder hilft anderweitig aus, bietet etwa an sie zu Terminen zu fahren oder sonstiges. Das lehnt sie teilweise ab und möchte, dass verschiedene Tätigkeiten, für die mein Bruder Hilfe angeboten hat, von mir übernommen werden. Dann gibt es noch meine Schwester, die leider sehr viele Probleme hat und nicht gut zurecht kommt. Gerade sie sucht die Unterstützung und den Kontakt zu meiner Mutter und würde das auch sehr brauchen.


    Stattdessen ist meine Mutter aber nur auf mich fixiert. Ich kann es schwer verstehen.


    Es ist auch nicht so, dass sie keine anderen Sozialkontakte hat oder hatte. Sie pflegt gute Freundschaften, ist in das Gemeindeleben integriert und verfolgt einige Hobbys. Das alles vernachlässigt sie inzwischen sehr.


    Ich habe schon mehrmals versucht Gespräche mit meiner Mutter zu führen, ihr teilweise sehr klar gesagt, dass es mir zu viel ist, aber es führt zu nichts und bewirkt eigentlich immer nur das Gegenteil. Mein Dilemma ist, dass ich sie natürlich nicht total vor den Kopf stoßen möchte und sie grundsätzlich unterstützen will.


    Hat jemand Rat?

  • 17 Antworten

    Ich würde es mal mit der einfachen Frage versuchen:


    Ist es dir egal, dass ich dabei untergehe?


    Oder auch:


    Ist es dir egal, dass es mein eingerichtetes Reich ist, in dem du Dinge entsorgst von denen du nicht wissen kannst, ob ich daran hänge?!


    Und hierbei auch nicht auf Rechtfertigungsversuche eingehen, sondern ganz klar vermittlen: Da bist du, da ist dein Reich und da sind deine Entscheidungen.


    Du musst dir bewusst machen, dass du deine Mutter vor den Kopf stoßen wirst. Zwangsläufig. Anders wirst du ihr das denke ich kaum vermitteln können.


    Wie alt ist deine Mutter den heute?


    Und wie sieht es mit dem Freundeskreis aus? Hat deine Mutter denn einen Freundeskreis?

    Zitat

    Wie alt ist deine Mutter den heute?

    Ende 60.

    Zitat

    Und wie sieht es mit dem Freundeskreis aus? Hat deine Mutter denn einen Freundeskreis?

    Ja, hat sie. Mein Vater und sie waren immer sehr gesellig und aktiv, sowohl gemeinsam als auch unabhängig von einander.


    Meine Mutter hat eine "Damenrunde", also sehr gute und langjährige Freundinnen, die so wie sie aus ihrem Heimatland nach Deutschland geheiratet haben und sich seit 40, 50 Jahren wöchentlich zum Kaffee trifft. Dazu besucht sie seit vielen Jahren einen Englisch-Kurs und hat über diesen nette Bekanntschaften, mit denen sie regelmäßig das englische Kino oder Theater besucht. In den letzten Jahren hat sie sich gemeinsam mit einigen Freunden über die Kirchengemeinde sehr für die Flüchtlingshilfe engagiert und ist auch hierbei gut eingebunden.


    Das alles macht sie aber nur noch unregelmäßig und vor allem halbherzig. Das heißt, sie trifft ihre Damenrunde nicht mehr wöchentlich, sondern vielleicht 1-2x im Monat und dann eher aus dem Grund, weil ihre Freundinnen sie "liebevoll drängen" und vermissen und nicht, weil sie selbst möchte.

    Zitat

    Du sagst reden führt zu nichts. Wie reagiert sie denn?

    Sie versteht es erstmal überhaupt nicht, denn alles, was sie tut, macht sie nur weil sie a) mein Bestes will oder b) sich Sorgen gemacht hat. Sie sieht überhaupt nicht, dass sie sich in Dinge einmischt, die sie nichts angehen, denn sie handelt nur mit den besten Hintergedanken. Es braucht schon sehr deutliche Worte, die nahe an einen Streit gehen, bis sie zugibt, dass sie weit über's Ziel hinaus geschossen hat. Darüber verliert sie aber höchstens ein, zwei kleinlaute Sätze, meint dann, wir sollten das am besten gleich wieder vergessen, weil es nicht wieder vorkommen wird, nur um wenig später noch mehr zu klammern und noch einen draufzusetzen.

    Hm.. ich denke sie klammert sich genau an dich, eben weil du die starke Persönlichkeit bist, die sie gerade braucht. Deine Mutter hat mit sich selbst gerade genug zu tun, dass sie deine Schwester vielleicht gar nicht unterstützen könnte, bzw. es unbewusst ablehnt, da sie gerade selbst Hilfe braucht.


    Erschwerend kommt hinzu, dass du so weit weg wohnst. D. h. erstens kommt sie dann aus ihrem Umfeld raus, welches sie täglich an deinen Vater erinnert und sie vielleicht runterzieht und zweitens hat sie durch den Tot vielleicht auch Verlustängste entwickelt, weshalb sie dich nicht loslassen kann / will. Denn dich würde sie ja sonst am wenigsten sehen von den Geschwistern. Das ist jetzt mal meine Mutmaßung, warum es ist, wie es ist.


    Hilft dir erstmal nicht weiter, das ist klar. Am Ende hilft leider nur das, was auch Vorschreiber schon schrieben.. Du wirst ihr vor den Kopf stossen müssen.


    Ich lese aus deinem Text heraus, dass du nicht allein lebst. Also mit Mann... Kindern? Da wird ja sicher auch die ganze Familie belastet und es betrifft nicht nur dich? Evtl. gibt es in deiner kleinen FAmilie sogar schon Streit oder Unmut deswegen?


    Du wirst klare Grenzen ziehen müssen und den Kontakt runterschrauben müssen. Es wird sicher hart für deine Mutter, aber sie ist ja nicht allein. Sie wird lernen müssen, wieder ein normales Leben zu leben, ohne deinen Vater. Da ist ja noch dein Bruder und eben auch deine Schwester vor Ort, die mal Hilfestellung leisten können. Und da sind Freundinnen, Hobbies etc... also ein normales, geregeltes Leben, welches deine Mutter gerade verdrängt, weil sie noch zu tief in der Trauer steckt und davonläuft. Aber ewig davonlaufen kann sie nicht. Was würde sie zu einer Verhaltenstherapie sagen? Vielleicht könntest du sie in diese Richtung stimmen?


    Ansonsten wie gesagt, musst du ganz klar Grenzen setzen. Sag ihr, dass du keine Überraschungsbesuche von ihr möchtest. Sie kann gerne kommen, aber bitte mit vorheriger Absprache. Überleg dir, wie oft im Monat / Jahr das für dich ok ist. Einmal im Monat, alle zwei Monate ...? Überleg dir, wie oft du gerne zu ihr fahren möchtest und mach ihr klar, dass du nur zu diesen Terminen kommen wirst. Du hast ja auch noch eine Familie, die dich gerne gerade am Wochenende um sich hätte.


    Überleg dir ganz genau, was für dich ein guter Kompromiss wäre und wieviel Kontakt du gerne haben möchtest. Telefonieren einmal die Woche? Dann einmal die Woche! Das wird sie nicht akzeptieren, aber da muss man wohl leider eiskalt sein und viel Geduld haben. Du hilfst deiner Mutter glaube ich mehr, wenn du sie wieder in ihr normales Leben zurück"schubst", als wenn du dich aufopferst und dabei selbst zu Grunde gehst.


    Ich wünsche dir ganz viel Kraft, das ist keine leichte Situation... :)*

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    Hm.. ich denke sie klammert sich genau an dich, eben weil du die starke Persönlichkeit bist, die sie gerade braucht. Deine Mutter hat mit sich selbst gerade genug zu tun, dass sie deine Schwester vielleicht gar nicht unterstützen könnte, bzw. es unbewusst ablehnt, da sie gerade selbst Hilfe braucht.

    Das paradoxe ist aber, dass sie in meinem Alltag und Leben geradezu nach Problemen zu suchen scheint und aus jeder Mücke einen Elefanten macht, um vor Sorge halb umzukommen und als Retterin in die Presche zu springen.


    Beispiel: Sie schlägt mal wieder unangekündigt ihre Zelte hier auf, bemerkt, dass mein Sohn übermüdet ist, rote Augen hat und häufig gähnt. Ihre Annahme: Drogen. Ich beruhige sie, erkläre, dass er für's Abi lernt und das auch schon mal bis zum frühen Morgen, er sagt dann selbst, dass er weniger Schlaf bekommt als er bräuchte und auch noch sehr schlecht schläft, weil das alles ziemlich aufregend und stressig ist. Meine Mutter konsultiert daraufhin von ihrem Hausarzt bishin zum Gemeindepastor jeden, der ihr einfällt, um sich über Drogenkonsum beraten zu lassen, schickt Bücher, will meinen Sohn zum Beratungstermin holen und steigert sich ohne Ende in nichts und wieder nichts hinein.


    Und daneben gibt es eben ihre andere Tochter, die wirklich schwer mit realen Problemen zu kämpfen hat.


    Dass meine Mutter in ihrer Trauer keine Unterstützung für andere leisten kann, würde ich also durchaus verstehen können und auch, dass sie sich in die stabilsten Verhältnisse einklinkt. Aber hier bei uns sucht sie Drama und Probleme, um sich aus Sorge und guten Willen in blinden Aktionismus zu stürzen, der an anderer Stelle viel zielführender wäre. Ich verstehe es nicht.

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    Erschwerend kommt hinzu, dass du so weit weg wohnst. D. h. erstens kommt sie dann aus ihrem Umfeld raus, welches sie täglich an deinen Vater erinnert und sie vielleicht runterzieht und zweitens hat sie durch den Tot vielleicht auch Verlustängste entwickelt, weshalb sie dich nicht loslassen kann / will. Denn dich würde sie ja sonst am wenigsten sehen von den Geschwistern.

    Dass es ihr Zuhause nicht gut geht, sagt sie immer wieder, das stimmt. Das kann ich auch nachvollziehen, immerhin haben meine Eltern Jahrzehnte zusammen gewohnt, sich Haus und Garten gemeinsam aufgebaut und mit den Jahren zu ihrem Zuhause gemacht. Wenn einer fehlt, ist es auf einen Schlag anders. Mein Bruder wohnt, wie gesagt, noch im selben Ort, aber wir Schwestern nun beide in derselben Stadt, rund 150km entfernt.

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    Ich lese aus deinem Text heraus, dass du nicht allein lebst. Also mit Mann... Kindern? Da wird ja sicher auch die ganze Familie belastet und es betrifft nicht nur dich? Evtl. gibt es in deiner kleinen FAmilie sogar schon Streit oder Unmut deswegen?

    Streit gibt es zum Glück nicht und ich bin auch froh, dass sowohl mein Mann und meine schon großen Kinder ein sehr gutes Verhältnis zu Oma und früher auch Opa hatten. Wenn meine Mutter ein paar Tage bei uns verbringt, ist das also kein Problem, alle freuen sich, aber mittlerweile ist es eben die Häufigkeit und die übergriffige Art, die nun leider schon alle belastet und nervt. Ich kann von Glück sagen, dass meine Söhne vieles mit Humor nehmen und unter "typisch Oma" verbuchen, aber inzwischen gab es auch schon so einiges, was sie direkt betroffen hat und die Stimmung ändert sich langsam aber sicher auch. Verstehe ich auch, die sollen ihr Leben in Ruhe leben können und nicht ständig der Oma Rede und Antwort stehen müssen.

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    Du wirst klare Grenzen ziehen müssen und den Kontakt runterschrauben müssen. Es wird sicher hart für deine Mutter, aber sie ist ja nicht allein. Sie wird lernen müssen, wieder ein normales Leben zu leben, ohne deinen Vater.

    Wir haben auch das schon versucht. Als wir im Urlaub waren, haben wir ihr klar gesagt, dass wir kurz Bescheid geben, wenn wir angekommen sind und den Rest der Zeit nicht erreichbar sind. Das Ergebnis davon war, dass sie trotz Ankündigung und ausgeschaltetem Handy mehrmals täglich angerufen hat (haben wir erst später gesehen) und letztendlich unserem daheimgebliebenen Sohn Überraschungsbesuche abgestattet hat, damit der arme Junge nicht verhungert oder ohne gebügelte T-Shirts aus dem Haus muss.


    Aber du hast recht, ich muss an der Stelle einfach konsequenter sein und härter zu meinem Wort stehen. Alles Reden kommt bei ihr nicht an, also müssen wir klare Absprachen für geplante Besuche treffen und uns strikt daran halten. Im Grunde weiß ich, dass sie vor Ort bei kleinen Notfällen genügend Ansprechpartner hat (es gibt neben meinem Bruder auch viele hilfsbereite, befreundete Nachbarn) und sollte wirklich etwas gröberes vorfallen, wären wir ja auch zur Stelle.


    Es fällt mir leider schwer, auch wenn ich im Grunde es genauso sehe wie du. Ich tue meiner Mutter keinen Gefallen wenn ich sie so sehr an mich binden lasse, sie muss alleine wieder in ihr Leben finden und sich um ihr Sozialleben kümmern. Es ist sehr schwer, das bestimmt, aber auf Dauer kann es so nicht weiter gehen.

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    Beispiel: Sie schlägt mal wieder unangekündigt ihre Zelte hier auf

    Das ist ein Verhalten, dass ich aus meinen Familienkreisen nicht kenne! Aber, aus welchen Kreisen stammt deine Mutter? Ist dieses Verhalten dort eingeübter Alltag? Wenn ja, dann ist es doppelt so schwer ihr Grenzen zu setzen und diese Grenzen auch zu erklären. Manchmal kann ein energischer Schwiegersohn sagen: "Schwiegermutter, das geht und das geht nicht. Ich bin zwangsläufig beteiligte Person und ich möchte solche unangekündigten Besuche hier nicht! Bitte, halte dich dran!"

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    Das ist ein Verhalten, dass ich aus meinen Familienkreisen nicht kenne! Aber, aus welchen Kreisen stammt deine Mutter? Ist dieses Verhalten dort eingeübter Alltag? Wenn ja, dann ist es doppelt so schwer ihr Grenzen zu setzen und diese Grenzen auch zu erklären.

    Meine Mutter stammt aus normalen Kreisen, wobei ich mir nicht sicher bin worauf du hinaus willst. Bei uns in der Familie war Vorbeikommen ohne Ankündigung nicht üblich, hat sich als spontaner Überraschungsbesuch aber etabliert, als unsere Kinder noch klein waren. Wenn meine Eltern in unserer Stadt zu tun hatten (Freunde besuchen, Arzttermin,...), kam es schon mal vor, dass sie nachmittags überraschend vor der Tür standen. War für alle Beteiligten schön so, es wurde Kaffee getrunken, gequatscht, Kinder waren happy und sie sind später wieder los.


    Übernachtungsbesuche kamen früher nur sehr selten vor und waren immer gemeinsam vereinbart und geplant. Aber das habe ich nun so angefangen, nur wenige Wochen nachdem mein Vater gestorben war. Ich fand es eine gute Idee, dass nicht immer wir zu meiner Mutter hinfahren, vor allem wenn sie sich im Haus ohnehin unwohl fühlt, und meinte, sie könne ruhig ein paar Tage bei uns verbringen. Das hat sie angenommen, kam dann aber plötzlich immer regelmäßiger vor und zuletzt auch immer öfter unangekündigt. Es hat sich mit der Zeit also so entwickelt, leider.

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    Manchmal kann ein energischer Schwiegersohn sagen: "Schwiegermutter, das geht und das geht nicht. Ich bin zwangsläufig beteiligte Person und ich möchte solche unangekündigten Besuche hier nicht! Bitte, halte dich dran!"

    Das mache ich schon selbst, ich muss da niemanden vorschicken. Vor allem weil mein Mann in dem Punkt unendlich gutmütig und geduldig ist. Mittlerweile nervt ihn das ganze zwar auch schon ein bisschen, aber bei ihm liegt die Grenze deutlich höher als bei mir.


    Bisher haben energische Ansagen aber nicht viel gebracht. Ich muss eher an der konsequenten Umsetzung arbeiten und genau daran hapert es leider.

    Beispiel von heute: Mutter ruft mich im Laufe des Nachmittags zweimal an. Ich habe keine Zeit um zu sprechen, reagiere nicht. Zum Feierabend ein dritter Anruf. Ich schreibe ihr, dass ich heute nicht mehr zurückrufe und mich morgen melde. Daraufhin folgt ein Nachrichtenhagel. Von "Ich will nur kurz hören, ob alles in Ordnung ist und ob es etwas Neues gibt", über "Es ist doch nichts passiert?" bis zu "Was ist passiert? Melde dich! Bin in Sorge!" habe ich gar nicht auf mein Handy geschaut und dann nur kurz mit "Alles okay, rufe morgen an!" geantwortet. Daraufhin ein Anruf und eine weitere Sms: "Ich merke doch, das etwas passiert ist. Bitte sei ehrlich mit mir. Mache mir große Sorgen! Ruf mich an!"

    Sorry, aber das ist absolut nicht normales Verhalten. Das ist nicht einfach übergriffig, sondern nicht mehr ganz klar. Wie geht sie denn mit der Trauer um? Kann es sein, dass sie zum Beispiel nicht mehr auf sich achtet, dehydriert oder im Über-oder Unterzucker ist (kann Leute ziemlich Gaga machen), oder sogar zum Trost zur Flasche greift?

    Das Beispiel von heute ist wirklich krass und entspricht nicht einem normalen Verhalten. Meine Mutter hat Jahrzehnte ohne Ehemann leben müssen, aber ein solches Kontrollverhalten hat sie gegenüber ihren Kindern nie praktiziert. Gleiches gilt für die verstorbenen Schwiegereltern und ich würde es mir auch nicht erlauben, in solcher Weise mit meinen Kindern umzuspringen.


    Einmal habe ich ein solches Kontrollverhalten von einer Person erlebt, die in ihrer frühen Kindheit keine stabilen Verhältnisse erlebte und deswegen immer wissen wollte, was ich gerade tue; in milder Form führt sie es mit ihren Kindern heute weiter, wobei diese sich unterschiedlich gut abgrenzen können.

    Manchmal kann Trauer und der plötzliche Verlust der gesamten gewohnten und geliebten Lebensstruktur (Alleine ist ja selbst das gewohnte Umfeld ein ganz anderes, als wie man es als Paar erlebt, selbst der eigene Garten) zu einer Art "Angststörung" führen. Und die kann sich durchaus auf andere übertragen, also nicht Angst um sich selbst, sondern Angst um andere. Und dann eben eine zwanghafte Angst, die sich verselbständigt und Kontrolle über Denkvorgänge übernimmt.


    Hast du ihr mal eine Art Trauerbegleitung/-Gruppe vorgeschlagen?

    Zitat

    Wie geht sie denn mit der Trauer um? Kann es sein, dass sie zum Beispiel nicht mehr auf sich achtet, dehydriert oder im Über-oder Unterzucker ist (kann Leute ziemlich Gaga machen), oder sogar zum Trost zur Flasche greift?

    Ihr geht es nicht gut, vor allem mit dem Alleinsein. Deswegen sucht sie auch stark den Kontakt zu uns, ich glaube sie braucht das Gefühl gebraucht zu werden. Unter Leuten ist sie ganz gut drauf, das scheint ihr gut zu tun. Merkt man immer wieder, wenn man sie besucht und sie die erste Stunde eher nachdenklich, traurig wirkt und erst nach und nach wieder redseliger und fröhlicher wird.


    Sie achtet, soweit ich es sehe, sehr gut auf sich. Ihr äußeres Erscheinungsbild war immer etwas, auf das sie viel Wert gelegt hat und auch auf ihre Gesundheit. Sie ernährt sich gut, macht Bewegung,... Dass sie trinkt schließe ich aus.

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    Das Beispiel von heute ist wirklich krass und entspricht nicht einem normalen Verhalten.

    Normal ist es definitiv nicht und es ist auch nur ein Beispiel von vielen. Ich würde ihr sehr gerne aus diesem ungesunden Strudel, in den sie sich da befindet, helfen, aber im Moment ist mein eigenes Bedürfnis einfach nur Abgrenzung. Beides zusammen wird nicht gut funktionieren, fürchte ich und das ist mein großes Dilemma.

    Zitat

    Manchmal kann Trauer und der plötzliche Verlust der gesamten gewohnten und geliebten Lebensstruktur (Alleine ist ja selbst das gewohnte Umfeld ein ganz anderes, als wie man es als Paar erlebt, selbst der eigene Garten) zu einer Art "Angststörung" führen. Und die kann sich durchaus auf andere übertragen, also nicht Angst um sich selbst, sondern Angst um andere. Und dann eben eine zwanghafte Angst, die sich verselbständigt und Kontrolle über Denkvorgänge übernimmt.

    Wenn ich das so lese, trifft das sehr auf meine Mutter zu. Mein Vater ist ja vollkommen unerwartet gestorben und ihr hat das einfach den Boden unter den Füßen weggezogen. Sie sagt auch oft, dass sie sich Zuhause nicht wohl fühlt und sie die alte Routine überhaupt nicht mehr weiterführen kann ohne hin. Verständlich.


    Ihre Sorgen und Ängste, die sie auf uns projiziert und in die sie sich endlos hineinsteigert, verselbstständigen sich wirklich oft. Danke für den Ansatz, ich werde das mal weiter durchdenken.

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    Hast du ihr mal eine Art Trauerbegleitung/-Gruppe vorgeschlagen?

    Sie geht zu der Trauergruppe bei ihr im Ort, aber macht das auch nur halbherzig. Irgendwie kann sie sich auch nicht gut mit den anderen Trauernden identifzieren. Obwohl sie selbst sehr darunter leidet, dass mein Vater nicht mehr da ist, sagt sie gleichzeitig über andere Damen, dass deren Männer vor so und so vielen Jahren verstorben sind und sie noch immer nicht darüber hinwegkommen. Sie selbst möchte nicht so Enden, ihr bleibt auch nichts anderes übrig, sie muss ja weitermachen und kann sich nicht so gehen lassen. Also einerseits trauert sie eigentlich sehr, verurteilt aber die Trauer anderer. ":/

    Nach deinem heutigen Beispiel, wäre mir der Kragen geplatzt, ganz ehrlich! Vielleicht braucht sie auch eine ganz klare und vll auch mal unfreundliche Ansage. Dieses "weichgespülte" (ist nicht bös gemeint), kann sie sich immer schönreden und auslegen, wie sie das grade braucht.


    Ich glaube ich hätte sie direkt angerufen und ihr gesagt: pass auf, wenn du mir unterstellst ich würde lügen (denn das tut sie, indem sie in Frage stellt, was du geantwortet hast) und du mir eh nicht glaubst, egal was ich dir antworte, dann frag doch gar nicht erst! Denn die Antwort interessiert dich anscheinend nur, wenn sie so ist, wie du sie gerne hättest und du dich einbringen und "helfen" kannst.


    Das ist mit Sicherheit hart und vielleicht ist sie auch sauer,beleidigt usw, aber vielleicht kommt es dann auch bei ihr an. Bei manchen Menschen muss man manchmal so hart sein. Sie ist gefangen in ihrer Trauer und das ist ja auch irgendwie verständlich, aber wenn sie alle behandeln wie ein rohes Ei und nur innerlich die Augen rollen, dann wird es sich nicht ändern.

    Ich mein du schreibst ihr du hast keine Zeit und sie ignoriert das...sprich sie hat keinerlei Respekt vor deinen/ euren Bedürfnissen, sondern sieht nur ihre. Es wird Zeit das du da echt mal Tacheles redest, sonst eskaliert das irgendwann und damit ist ja keinem geholfen und das ist ja auch nicht gewollt.


    Auch würde ich ein paar Grenzen ziehen, was das helfen angeht. Wenn zB dein Bruder angeboten hat XY zu reparieren und sie lehnt das ab, dann solltest du es nicht machen. Da würde ich ihr sage, X will dir helfen, der wohnt direkt vor Ort und hat Zeit, also nimm seine Hilfe bitte an, denn ich mache es nicht. Ist mit Sicherheit sehr schwer, aber so kann es doch echt nicht weiter laufen. Sicher hilfst du ihr gerne, aber sie kann doch nicht einfach vorraussetzen das du das machst, bzw über deine Zeit verfügen..das wäre was anderes, wenn sonst niemand da wäre.