• Vater hatte offenbar zweifelhafte Neigungen

    Ich habe diesen Beitrag jetzt schon x mal angefangen zu schreiben und dann doch wieder verworfen, weil ich hin und her gerissen bin, aber ich will jetzt doch mal versuchen, meine Gedanken mit eurer Unterstützung zu ordnen, weil es mir einfach keine Ruhe lässt. Mein Vater ist vor knapp 10 Jahren verstorben und ich vermisse ihn immer noch sehr. Wir hatten…
  • 140 Antworten
    Skolka schrieb:

    Ich bin relativ fassungslos über gewisse Beiträge von Frauen hier, die dazu raten zu schweigen, ruhen zu lassen, wegzulegen, wegzupacken. Hätten Frauen in der Vergangenheit eine derart feige Grundhaltung an den Tag gelegt, wäre eine meToo-Bewegung niemals zustande gekommen, nie wären Sexualstraftäter wie ein Weinstein, Epstein, und so viele andere entlarvt und bestraft worden. Schweigen ist feige.

    Schweigen ist oft feige, manchmal mutig, manchmal klug, manchmal das größere und manchmal das kleinere von zwei Übeln. Das ist kontextabhängig, und Schlagworte helfen hier niemandem.

    Der Tipp mit der Opferhilfe ist gut.

    Ansonsten kann man hier zu nichts raten, da man nichts genaues weiß.

    Wenn auf den Fotos ältere Geschwister zu sehen sind, würden viele hier vielleicht nicht so einfach zu ad acta legen raten.

    Shojo schrieb:
    Skolka schrieb:

    Ich bin relativ fassungslos über gewisse Beiträge von Frauen hier, die dazu raten zu schweigen, ruhen zu lassen, wegzulegen, wegzupacken. Hätten Frauen in der Vergangenheit eine derart feige Grundhaltung an den Tag gelegt, wäre eine meToo-Bewegung niemals zustande gekommen, nie wären Sexualstraftäter wie ein Weinstein, Epstein, und so viele andere entlarvt und bestraft worden. Schweigen ist feige.

    Schweigen ist oft feige, manchmal mutig, manchmal klug, manchmal das größere und manchmal das kleinere von zwei Übeln. Das ist kontextabhängig, und Schlagworte helfen hier niemandem.

    Habe ich doch auch so geschrieben:

    Skolka schrieb:

    Natürlich gibt es die Seite der betroffenen Frau, die für sich genau abwägen muss, was sie aushalten kann und was nicht.

    Bitte doch einfach mal Beiträge genauer lesen.

  • Anzeige
    Skolka schrieb:

    Hätten Frauen in der Vergangenheit eine derart feige Grundhaltung an den Tag gelegt, wäre eine meToo-Bewegung niemals zustande gekommen, nie wären Sexualstraftäter wie ein Weinstein, Epstein, und so viele andere entlarvt und bestraft worden. Schweigen ist feige.


    Natürlich gibt es die Seite der betroffenen Frau, die für sich genau abwägen muss, was sie aushalten kann und was nicht.

    bei mee too und ähnlichen fällen haben die betroffenen selbst die entscheidung getroffen, darüber zu sprechen. aber genau das ist ja das problematische hier: die, die die photos gefunden hat, ist nicht die betroffene.


    so haben beide wege irgendwie einen schalen nachgeschmack: das schweigen fühlt sich schlecht an aus diversen schon genannten gründen, aber das in die "familien-öffentlichkeit" tragen fühlt sich wahrscheinlich genauso scheiße an, weil es den betroffenen die möglichkeit nimmt, selbst die entscheidung darüber zu treffen, was sie aushalten wollen, und was nicht.

    lonalao schrieb:

    so haben beide wege irgendwie einen schalen nachgeschmack: das schweigen fühlt sich schlecht an aus diversen schon genannten gründen, aber das in die "familien-öffentlichkeit" tragen fühlt sich wahrscheinlich genauso scheiße an, weil es den betroffenen die möglichkeit nimmt, selbst die entscheidung darüber zu treffen, was sie aushalten wollen, und was nicht.

    Ja, das ist sicher ein Aspekt.

    gato schrieb:

    Ich finde es sehr naiv zu glauben, dass man mit 60 Jahre alten Fotos irgendeine Wahrheit aufdecken und Traumata heilen kann. Wäre schön, aber so einfach funktioniert das nicht.

    :)z

  • Anzeige

    lonalao

    Zitat

    bei mee too und ähnlichen fällen haben die betroffenen selbst die entscheidung getroffen, darüber zu sprechen. aber genau das ist ja das problematische hier: die, die die photos gefunden hat, ist nicht die betroffene.

    Genau da liegt für mich ein eklatanter Unterschied! Das konnte ich in meinem vorherigen Post nicht so klar in Worte fassen. Aber ein Aktionismus, der von jemand anderem als einem Betroffenen ausgeht kann auch leicht einen schalen Beigeschmack haben in Richtung: erneute Entmachtung, jemand anderes entscheidet über meinen Willen und mein Wohlergehen:)z:)^

    Dementsprechend schräg fand ich diesen Beitrag:

    Zitat

    Aber Fakt ist doch, dass auf dem Bildern vermutlich Opfer zu sehen sind. Menschen, denen man damals vielleicht nicht geglaubt hat, als sie sich jemandem anvertraut haben. Menschen denen das passiert ist und die heute damit leben müssen. Da dein Vater tot ist; wird es sowieso zu keinem Prozess kommen. Aber vielleicht hilft es den Opfern trotzdem wenn die Wahrheit zumindest ans Licht kommt und sie gehört werden - wenn sie es aus irgendeinem Grund bisher selber nicht geschafft haben, sich Gehör zu verschaffen.

    So tragisch es ist, aber all jene, die den Opfern damals nicht geglaubt haben, sind heute vermutlich selber längst tot. Und die Opfer sind weit mehr als die damals hilflosen Kinder, sondern mündige Erwachsene.

    Ich kenne selber aus Klinik- und Therapieerfahrung einge Menschen mit den selben oder ähnlich grauenhaften Kindheitserfahrungen. Aber Fakt ist: Wer jemanden liebt, der braucht keine Beweisfotos, keine Videos, keine Gerichtsakten. Kein Psychologe und keine Klinik, die ich kenne, hat jemals entsprechendes verlangt. Wer glauben will, der sieht die Wahrheit in den Augen, den Worten, den Biographien der Betroffenen. Wer verdrängen will, den wird auch kein physischer Beweis umstimmen. Verdrängung ist ein starker Mechanismus.

    Das Bild, das bei diesem Beitrag vor mir auftauchte ist ein völlig bizarres: Nämlich das von einem Familien-Kaffeekränzchen, bei dem man gemeinschaftlich die Missbrauchsbilder begutachtet und dann auch zufriedenstellend auflöst. Sorry, wenn das bei mir so hochkommt, aber das war meine Assoziation zu dem Beitrag - völlig naiv, idealistisch und neben der Spur.

    Skolka

    Zitat

    Ich bin relativ fassungslos über gewisse Beiträge von Frauen hier, die dazu raten zu schweigen, ruhen zu lassen, wegzulegen, wegzupacken. Hätten Frauen in der Vergangenheit eine derart feige Grundhaltung an den Tag gelegt, wäre eine meToo-Bewegung niemals zustande gekommen


    Auch wenn du später in deinem Beitrag noch relativierst, finde ich die Bezeichnung "feige" im Zusammenhang mit Opfern sexueller Übergriffe nicht gerade angebracht, sondern nur stigmatisierend. Vielleicht als Info: Man geht davon aus, dass die Dunkelziffer bei sexuellen Delikten 90% beträgt, d.h. 9 von 10 Übergriffen werden niemals polizeilich angezeigt.

    Sind das alles feige Wesen, wenn man bedenkt, dass die Umstände millionenfach variieren können?

    Fühlt es sich gut an, auf traumatisierte Menschen mit so einer Bezeichnung nochmal draufzutreten?

    Ich habe viel über mein damaliges Erlebnis nachgedacht und mir hat sich letztlich die Frage gestellt: Warum gibt es kein gesellschaftlich offen kommuniziertes "Handbuch" dazu, wie man im Falle eines sexuellen Übergriffs vorgehen soll? Warum findet dazu nicht eine dementsprechende Aufklärung (z.B. in Schulen oder zuhause) statt? Warum erwartet man sich von traumatisierten Opfern das Vorgehen xyz, wenn sie gerade emotional komplett durch den Wind sind, gebeutelt von Scham, Selbstvorwürfen, körperlich misshandelt und wortwörtlich missbraucht?

    Ich glaube, mir hätte so ein Training geholfen. Statt dessen saß ich 3 Stunden heulend in der Dusche und habe versucht, mir die Schande abzuwaschen, wieder einen klaren Gedanken zu finden. Den Geschmack von IHM aus dem Mund zu bekommen, nachdem er mich anal und oral vergewaltigt hatte.

    Mein Vergewaltiger war vielleicht keiner. Jedenfalls war ich nicht nüchtern, ich hatte nicht erwartet, dass er mir die Kleider vom Leib reisst, sobald die Wohnungstür zu ist. Ich hätte nicht erwartet, dass er mich unvermittelt anal penentriert. Ich hatte nicht erwartet, dass er mir ins Gesicht schlägt und mir büschelweise Haare ausreißt. Ich konnte das alles nicht einordnen, nachdem ich eine härtere Gangart durchaus mag und ich kann es bis heute nicht. Er war damals wegen verschiedener Delikte auf Bewährung und ich weiß bis heute nicht, ob es mehr meine oder seine Schuld war und ich hatte mich auch nicht "genug" gewehrt. Ich weiß nur, dass es sich danach absolut scheiße anfühlte und er mich behandelt hat wie ein Stück Dreck.

    Ich habe schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht im Bereich häusliche Gewalt, ich wollte weder ihn im Gefängnis sehen noch mich auf eine Polizeistation setzen noch das irgendwie öffentlich haben.

    Und ich denke, so geht es vielen Frauen. Und kein Mensch sagt einem vorher, wie man mit so einer Situation umgeht. Und dann wird man als "feige" betitelt. So schwarz-weiß ist die Welt nicht.

    schnecke1985 schrieb:

    Auch wenn du später in deinem Beitrag noch relativierst, finde ich die Bezeichnung "feige" im Zusammenhang mit Opfern sexueller Übergriffe nicht gerade angebracht, sondern nur stigmatisierend. Vielleicht als Info: Man geht davon aus, dass die Dunkelziffer bei sexuellen Delikten 90% beträgt, d.h. 9 von 10 Übergriffen werden niemals polizeilich angezeigt.

    Sind das alles feige Wesen, wenn man bedenkt, dass die Umstände millionenfach variieren können?

    Fühlt es sich gut an, auf traumatisierte Menschen mit so einer Bezeichnung nochmal draufzutreten?

    Du hast recht. Ich habe mich ungut ausgedrückt und meine Worte zu unbedacht gewählt. Sorry. Auf gar keinen Fall wollte ich "drauftreten".


    Vielleicht meinte ich, dass Menschen Mitwisser sind und schweigen, manchmal auch Mütter. Vielleicht aber auch, dass ich mir wünschen würde, dass wir eine Gesellschaft/ Gesetze/ Hilfe/ Aufklärung hätten, die es Betroffenen eher ermöglicht, nicht schweigen zu müssen, im Wissen drum, wie schwer der Weg des Nichtschweigens ist.

  • Anzeige

    Skolka


    Danke @:)

    Damit gehen wir in eine Richtung. Es ist einfach ein verdammt, verdammt, verdammt schwieriges Thema, wo es kein generelles richtig und falsch gibt.

    In einer idealen Welt natürlich schon, aber im konkreten Einzelfall eher nicht. Deshalb finde ich jede/n einzelnen Fall, der sich damit in die Öffentlichkeit bzw. vor die Justiz traut so unglaublich stark und bewundernswert! Ich weiß nicht, ob ich das könnte.

    Zumindest nicht, so lange diese Themen oft so tabusiert und sexuelle Übergriffe sooo oft familienintern geschehen, wo man als Opfer wiederum selber in einem riesen Gewissenskonflikt steckt.

    Deswegen finde ich es richtig, wenn sich die TE an eine gemeinnützige Organisation wendet, die sich mit der Thematik auskennt. Denn ich glaube, SIE braucht gerade am Dringendsten eine Anlaufstelle. Bei Taten, die so lang her sind besteht zumindest auf Opferseite imho jetzt kein so unmittelbar dringender Handlungsbedarf.

    Schweigen ist oft, aber nicht in jedem Einzelfall falsch. Manch Opfer hat sich nach Jahrzehnten so damit eingerichtet, dass es zufrieden ist. Und absolut nicht wieder damit konfrontiert werden will. Auch das ist eine Entscheidung, die man zu akzeptieren hat. Und so jemanden dann nicht aus "eigener Überzeugung" mit Informationen, Funden oder sonstwas zu konfrontieren hat, aus "Mut", die die Betroffene Person vielleicht gar nicht mehr unter die Nase gerieben haben will. Das wäre abermals ein völliges Übergehen des Willens des Opfers, wenn auch "gut gemeint".

    schnecke1985 schrieb:

    ein Aktionismus, der von jemand anderem als einem Betroffenen ausgeht kann auch leicht einen schalen Beigeschmack haben in Richtung: erneute Entmachtung, jemand anderes entscheidet über meinen Willen und mein Wohlergehen :)z

    Schön zusammengefasst, so ist es.

  • Anzeige
    mnef schrieb:

    Schweigen ist oft, aber nicht in jedem Einzelfall falsch. Manch Opfer hat sich nach Jahrzehnten so damit eingerichtet, dass es zufrieden ist. Und absolut nicht wieder damit konfrontiert werden will. Auch das ist eine Entscheidung, die man zu akzeptieren hat. Und so jemanden dann nicht aus "eigener Überzeugung" mit Informationen, Funden oder sonstwas zu konfrontieren hat, aus "Mut", die die Betroffene Person vielleicht gar nicht mehr unter die Nase gerieben haben will. Das wäre abermals ein völliges Übergehen des Willens des Opfers, wenn auch "gut gemeint".

    Ja. Und manchmal weiß das Umfeld eben nichts, und dann weiß es auf einmal doch etwas oder meint etwas zu wissen, das das Bild von demjenigen stark verändern kann. Nicht sollte, aber leider ist es oft so.

    Man weiß halt nicht, was man heilt oder anrichtet, und deshalb finde ich Schweigen hier nicht feige, sondern die Situation einfach irre schwierig.

    Ja, so ist das. Es gibt keine einfache Antwort dafür, wie genau wir auf die Vergangenheit schauen sollen. Ich wäre ja tendenziell immer für Offenheit, aber im Konkreten sieht man dann, dass das so ganz schematisch nicht geht.


    Irritierend finde ich, dass man bei der Vergangenheit von Familien leicht zu diesem Schluss kommen kann. (Beispiel aus meinem Umfeld: der Nachlass meines Großvaters, der nicht nur ein toller kreativer Mensch, sondern 1945 auch ein Ausbilder für den Volkssturm war, sprich Kinder in den Tod geschickt hat, wurde von meiner Tante, die immerhin Familientherapeutin ist, gereinigt.) Wenn andere soziale Gruppen betroffen sind, sagen wir ein Jugendheim oder eine Ordensgemeinschaft oder eine Schule, möchten wir als Öffentlichkeit eigentlich immer. dass aufgeklärt wird. Ist das falsch?

    Paul-Kling schrieb:

    Wenn andere soziale Gruppen betroffen sind, sagen wir ein Jugendheim oder eine Ordensgemeinschaft oder eine Schule, möchten wir als Öffentlichkeit eigentlich immer. dass aufgeklärt wird. Ist das falsch?

    Ich sehe es so: Es sollte zentral immer um die Frage gehen, welche Schäden angerichtet oder verhindert werden können. Das ist bei der Nachlassverwaltung einer toten Privatperson, die ihren mutmaßlich viele Jahrzehnte zurückliegenden Scheiß natürlich nach Möglichkeit geheimgehalten hat, einfach eine ganz andere Chose als bei einer Organisation, die Leute schützt und weiterbeschäftigt, die Schutzbefohlenen aktiv schaden und mutmaßlich weiterhin schaden werden, und damit die Geschädigten, die Anklage erheben, zum Schweigen zu bringen (oder es zumindest nach Kräften zu versuchen).


    Hier wäre es ja auch was ganz anderes, wenn jemand vor der Tür gestanden und gesagt hätte, so, das und das ist passiert, ich will das aufarbeiten, ich vermute, da könnte sich noch Material im Nachlass befinden. Oder?

  • Anzeige