• Vater hatte offenbar zweifelhafte Neigungen

    Ich habe diesen Beitrag jetzt schon x mal angefangen zu schreiben und dann doch wieder verworfen, weil ich hin und her gerissen bin, aber ich will jetzt doch mal versuchen, meine Gedanken mit eurer Unterstützung zu ordnen, weil es mir einfach keine Ruhe lässt. Mein Vater ist vor knapp 10 Jahren verstorben und ich vermisse ihn immer noch sehr. Wir hatten…
  • 140 Antworten
    Paul-Kling schrieb:

    (Beispiel aus meinem Umfeld: der Nachlass meines Großvaters, der nicht nur ein toller kreativer Mensch, sondern 1945 auch ein Ausbilder für den Volkssturm war, sprich Kinder in den Tod geschickt hat, wurde von meiner Tante, die immerhin Familientherapeutin ist, gereinigt.)

    Ich bin froh, dass meine Familie da anders tickt und offen damit umgeht, dass einer meiner Großväter ein richtig übler Nazi war. Und ich persönlich hab tatsächlich Probleme damit, einen Menschen als toll zu bezeichnen, der so was im Lebenslauf hat, insofern verstehe ich die Ambivalenz der TE verflixt gut.

    Ich weiß nicht, wie es der TE geht, aber ich würde mich die ganze Zeit fragen was mein Vater noch alles für Leichen im Keller hat.

    Shojo schrieb:
    Paul-Kling schrieb:

    (Beispiel aus meinem Umfeld: der Nachlass meines Großvaters, der nicht nur ein toller kreativer Mensch, sondern 1945 auch ein Ausbilder für den Volkssturm war, sprich Kinder in den Tod geschickt hat, wurde von meiner Tante, die immerhin Familientherapeutin ist, gereinigt.)

    Ich bin froh, dass meine Familie da anders tickt und offen damit umgeht, dass einer meiner Großväter ein richtig übler Nazi war. Und ich persönlich hab tatsächlich Probleme damit, einen Menschen als toll zu bezeichnen, der so was im Lebenslauf hat, insofern verstehe ich die Ambivalenz der TE verflixt gut.

    Ja. Ein Mensch kann zwar (extrem) unterschiedlicher Seiten haben, dennoch ist er im Gesamtpaket nicht mehr "toll" zu bezeichnen wenn er Kinder ermordet hat bzw ihren Tod organisiert bzw mit veranlasst hat :-o

  • Anzeige

    Ich liefere die Anführungszeichen bei "toll" gerne nach. Der Punkt ist der, dass die Ambivalenz bleibt. Nicht so sehr bei mir persönlich (ich könnte mich auch meiner Schwester anschließen, die ihn einfach für ein Arschloch hält), aber z.B. bei meiner Mutter, die ihn irgendwie immer noch bewundert, seine Gedichte herausgegeben und illustriert hat usw., und ihn trotzdem auch für ganz furchtbar hält.

  • Anzeige
    Paul-Kling schrieb:

    hat sicher so einige gewöhnungsbedürftige Seiten, aber eine Alternative sehe ich nicht.

    nicht oder doch?;-)

    Ich sehe keine. Die Optik mag anders sein, die Rolle des Betreibers auch (sehe ich aber eher positiv). Ein paar Regeln mehr zur Freischaltung am Anfang.


    Alternative: Man zerstreut sich in alle Winde. Gofeminin hier, Facebook da, manche kennen sich auch persönlich.

  • Anzeige
    Paul-Kling schrieb:

    (also keine Alternative zu Moccato, anders gesagt: Moccato als Alternative zu Med1)

    ah, ok. ich war mir nicht sicher, wie ich das verstehen sollte.;-)

  • Anzeige
    Paul-Kling schrieb:

    Der Punkt ist der, dass die Ambivalenz bleibt.

    die ambivalenz zwischen "lieber opa" und "nazi" und wie man damit individuell umgeht, das ist eine sache, die wohl in der einen oder anderen form jeder kennt. ich hatte aber hier das gefühl, daß es nicht nur um die ambivalenz selbst geht, sondern auch um diese ungeklärten, offenen fragen, die evtl. die sache nicht ganz so eindeutig machen, wie wenn man weiß "opa war nicht nur ein dichter, sondern auch für die ermordung von menschen verantwortlich"- da weiß man sozusagen, was sache war. da hat man vielleicht noch den opa selbst oder andere verwandte oder die geschichtsbücher danach fragen können, um sich ein bild zu machen oder auch zu einer lösung zu kommen, wie man mit der ambivalenz umgeht- hier in dem fall fällt das irgendwie weg, weil es zum jetzigen zeitpunkt einfach nur ein paar bilder gibt, keine aussagen dazu, keinen kontext, in den man es irgendwie einordnen könnte.


    deshalb kann ich irgendwie das bedürftnis der TE schon verstehen, mit diesen fragen sich an andere verwandte zu wenden. gleichzeitig da aber eben das problem dabei ist, evtl. jemanden unfreiwillig "an die öffentlichkeit zu zerren", der oder die das gar nicht möchte. ich weiß auch nicht, wie ich mit so einem zwiespalt umgehen würde...


    mich hat der thread jedenfalls zum nachdenken gebracht, allerdings unter einem ganz anderen aspekt: was macht man mit privaten erinnerungsstücken, die, wenn die "falsche" person sie findet, zu merkwürdigen schlussfolgerungen über "zweifelhafte neigungen" oder- noch schlimmer- zu missbräuchlicher verwendung führen könnten? ich weiß, diese frage führt vom eigentlichen fadenthema weg, und ich will den faden auch nicht sprengen. aber es würde mich wirklich interessieren, ob es leute gibt, die z.b. die eigenen kinder/jugendfotos vom fkk urlaub zerstören, weil die ja u.U. auch so gelesen oder genutzt werden könnten...

    Update: Ich habe gestern eine gemeinnützige Facheinrichtung kontaktiert und noch am selben Tag ein - für mich - sehr gutes und hilfreiches Telefonat mit einer Beraterin führen können. Nachdem ich nun noch einmal eine Nacht darüber geschlafen habe, steht mein Entschluss fest. Ich werde das Material in Zusammenarbeit mit der Hilfsorganisation an die Polizei übergeben. Mir wurde versichert, dass in einer solchen Situation mit äußerstem Fingerspitzengefühl agiert wird und man meine Mutter aus der Sache auch raushalten kann, sofern sich ihr gegenüber keine Verdachtsmomente ergeben.


    Da der mutmaßliche Täter, also mein Vater, bereits verstorben ist, kann im klassischen Sinne nicht mehr gegen ihn ermittelt werden, aber das Material an sich ist auch nach dieser Zeit durchaus von juristischem Interesse, da es möglicherweise Anzeigen und Ermittlungen in der Vergangenheit gab, die auch mit heutigen Straftaten noch in Zusammenhang stehen und der Aufklärung dienen können.


    Ich möchte diesen (für mich durchaus schmerzhaften) Schritt auch und vor allem deshalb gehen, weil mögliche noch lebende Opfer auch nach all diesen Jahren noch Entschädigungsansprüche haben. Diese verfallen mit dem Tod eines Täters nach OEG nämlich nicht (für Taten vor dem 18. Mai 1976 gibt es eine Härtefallregelung).


    Danke nochmal für euren Input, der hat mir auf jeden Fall sehr dabei geholfen meinen eigenen Zwiespalt und die ganzen Bedenken möglichst strukturiert und umfassend beim Gespräch mit der Hilfsorganisation schildern zu können.

    Oh, das sind interessante Informationen und neue Gedanken, vielen Dank!

    Mom I am a rich man schrieb:

    Ich möchte diesen (für mich durchaus schmerzhaften) Schritt auch und vor allem deshalb gehen, weil mögliche noch lebende Opfer auch nach all diesen Jahren noch Entschädigungsansprüche haben.

    Weißt Du, was genau das bedeutet?


    Mein Vertrauen in zugesichertes Fingerspitzengefühl ist nicht gerade grenzenlos, aber ich drück die Daumen, dass da wirklich gute Leute dran sind und es optimal läuft.


    Ich finde es sehr angenehm und souverän, wie Du damit umgehst, wie Du hier den Input aufgenommen, bedacht und in Deinen Entscheidungsprozess hast einfließen lassen, ohne Dich davon allzu sehr verunsichern zu lassen. Wünsche Dir alles Gute, auch und gerade beim Sortieren, was das alles jetzt für Dich bedeutet. Was auch immer Dein Vater getan oder nicht getan haben mag, er hat auf jeden Fall ein bemerkenswertes Kind.

  • Anzeige