Wie kann ich weniger abhängig / anhänglich werden?

    Hallo liebe Forengemeinde,


    ich habe ein Problem, welches mir momentan viel Energie raubt. Und zwar bin ich in einer Beziehung, in der ich sehr stark abhängig und anhänglich bin.


    Kurz zum Hintergrund: Ich bin männlich, 30 Jahre alt, habe einen guten Beruf, in dem ich sicher auftrete, viel Kundenkontakt habe etc. Ich habe mit 11 Jahren meine Mutter verloren (Krebs) – mehr oder weniger von heute auf morgen, und mein Vater war dann auch plötzlich erst einmal für mehrere Monate weg. Ich war 10 Jahre lang in einer Beziehung mit einer Frau und habe mich dann vor eineinhalb Jahren in eine andere verliebt und von heute auf morgen mit der anderen Freundin Schluss gemacht, um es mit der neuen zu versuchen.


    Eigentlich ist auch alles perfekt. Meine Freundin und ich sind – trotz dieser schwierigen Startvoraussetzungen – sehr verliebt gewesen, sind bereits nach knapp 3 Monaten zusammengezogen und wohnen jetzt ein Jahr zusammen (und sind 15 Monate zusammen). Wir verbringen sehr viel Zeit miteinander, haben gemeinsame Hobbies, haben sogar eine Katze adoptiert und reden hin und wieder von Heiraten und Kinder.


    Soweit schön und gut, nur irgendwie bin ich komplett anders in dieser Beziehung. In meiner alten Beziehung war ich selbstständig, selbstsicher, habe oft ein paar Tage lang auswärts geschlafen (Kundenbesuche etc.), auch mal mit Kumpels Urlaub gemacht und jeder von uns hatte seine eigenen Hobbies und Freunde. Alles ok, ich habe mir nie irgendwelche Gedanken gemacht, hatte keine Verlustängste, keine Eifersucht.


    Jetzt ist alles anders. Auf der positiven Seite kann ich sagen, dass ich meine jetzige Freundin mehr liebe. Ich finde, wir passen besser zusammen, ich finde sie hübscher, lustiger als die alte Freundin etc. Aber ich habe auch permanent Angst, sie zu verlieren. Ich habe einfach Angst, dass sie plötzlich weg ist (so wie meine Mutter weg war, oder wie ich plötzlich in der alten Beziehung weg war), dass sie es sich anders überlegt, dass sie sich in einen anderen verliebt etc. Wenn sie am Dienstag sagt, sie geht am Freitag weg, bekomme ich Panik und das Thema belastet mich dann die ganze Woche. Meine Gedanken kreisen dann darum, was sie wohl am Freitag machen wird, ob was passiert, wenn sie betrunken ist, etc…


    Ich kann außerdem ganz schlecht allein sein. Im Prinzip besteht mein Leben in den letzten 15 Monaten daraus, auf meine Freundin zu warten – wenn ich in der Arbeit bin, warte ich den Feierabend ab, um sie wiederzusehen; wenn sie mit Freunden was macht, warte ich darauf, dass sie zurück ist. Es ist fast so, als wäre alles immer schwarz-weiß, und nur dann wieder farbig, wenn sie wieder da ist.


    Phasenweise läuft es ganz gut, phasenweise aber habe ich richtig schlechte Tage, fast schon Depressionen. Zudem bin ich sehr kontrollierend geworden, versuche immer einen Blick auf ihr Handy zu erhaschen, wem sie wohl schreibt etc., und ich zweifle in meinem Kopf alles an, was sie sagt. Wenn sie z.B. sagt, sie trifft eine Freundin, vermute ich instinktiv, dass das unwahr ist.


    Ich frage mich dann oft, warum das so ist und warum ich so geworden bin (da ich ja in der alten Beziehung gar nicht so war…).


    Ich habe schon viel zum Thema Abhängigkeit und Eifersucht gelesen und immer wieder den Tipp gefunden, dass man sich mal Zeit für sich nehmen soll. Doch immer, wenn ich was alleine (oder mit Freunden mache), denke ich mir, dass es Zeitverschwendung ist und dass ich schnellstmöglich wieder bei meiner Freundin sein möchte.


    Ich träume auch ganz oft davon, dass die Beziehung in die Brüche geht, und schleppe die schlechte Laune / Traurigkeit aus dem Traum dann den ganzen Tag mit herum.


    Es kommt mit so vor, als gibt es meine Person nicht mehr, und als würde ich nur noch mit/für meiner Freundin existieren und nur durch sie glücklich werden.


    Dass das ziemlich krankhaft und auf Dauer belastend für die Beziehung ist, ist mir vollkommen klar.


    Hat jemand schon etwas ähnliches durchgemacht und hat Tipps für mich?


    Vielen Dank euch!


    Liebe Grüße

  • 6 Antworten

    Hallo Marc,


    ich habe ein paar Rückfragen an dich:


    Gibt deine Freundin dir Anlass zur Unsicherheit? Fühlst du dich von ihr "vernachlässigt", hat sie oft andere Prioritäten oder sowas in der Art?


    Was sagt sie dazu, habt ihr schon mal über deine Abhängigkeit und Kontrolle gesprochen?


    Warst du vor der Beziehung zufrieden mit deinem Freundeskreis und deinen Hobbys, waren sie dir wichtig?


    Ich kenne diese Gefühle, wenn auch nicht in so extremer Ausprägung. Die Gefahr ist, dass es eine sich selbst erfüllende Prophezeihung wird...

    hey marc

    du könntest ich sein!!! :-o :-o nur in männlicher form. ;-D


    ich habe exakt die gleichen probleme wie du, aber wirklich auf den punkt genau (außer das mit dem handy, da vertrau ich meinem freund gottseidank total).


    auch ich bin seit einem jahr mit meinem freund zusammen und seither total gestresst, wenn er auch nur eine minute ohne mich verbringt. was er ja ohnehin selten tut, aber ich weiß, dass die zeit kommen wird, wo wir beide (!!!) wieder "normal" werden und auch mal getrennt was unternehmen müssen. und es ist mir peinlich, zugeben zu müssen: ich fürchte mich schon davor.


    und gleichzeitig weiß ich nicht (bzw. eigentlich weiß ich es doch, nur hilft mir dieses wissen nichts), woher diese plötzlichen verlustängste kommen, denn bei meinem exfreund war das total normal, dass jeder mal was für sich unternommen hat.


    tut mir leid, wenn ich dir damit vielleicht noch nicht weiterhelfen kann, aber ich wollte dir nur sagen, dass ich dich zu 100% verstehen kann. :)_


    um deinen ängsten auf den grund zu gehen, wäre es vermutlich zu einfach, zu sagen, dass der tod deiner mama mitverantwortlich ist. und selbst wenn es so wäre, hilft dir das aktuell leider wenig, um aktiv etwas zu verändern.


    das heißt, wir stehen am selben punkt:


    wir ahnen, woher diese argen verlustängste kommen, aber es hilft uns trotzdem nicht, uns zu verändern.


    würdest du eine therapie in erwägung ziehen?


    weiß deine freundin von deinen ängsten und wenn ja, was sagt sie dazu?


    fühl dich ganz ganz lieb gegrüßt und vor allem verstanden. @:) :)_

    Hallo ihr beiden,


    erst einmal tausend Dank für eure Nachrichten! Hier meine detaillierte Antwort an euch beide:

    @ Keyti:

    Nein, meine Freundin gibt mir überhaupt nicht das Gefühl. Ganz im Gegenteil, sie vebringt fast jede freie Minute mit mir und gibt mir sehr viele Anzeichen, dass ich der "Richtige" für sie bin. Mehr Anzeichen als meine Ex-Freundin.


    Ja, wir reden sehr viel darüber. Sie ist sehr geduldig, kann mir aber natürlich nur bedingt helfen. Ich glaube, dass ich diese Probleme allein lösen muss... sie ist wirklich sehr hilfsbereit, aber das hat auch Grenzen. Irgendwann wird sie dann auch genervt, was ich ja auch verstehen kann.


    Ja, vor der Beziehung hatte ich auf jeden Fall einen größeren Freundeskreis und mehr Hobbies! Das habe ich alles sehr vernachlässigt.


    Du hast vollkommen Recht, irgendwann wird das alles eine selbsterfüllende Prophezeiung. An manchen Tagen kommt es mir so vor, als steuere ich sehenden Auges dem Abgrund zu... aber kann nicht bremsen :(

    @ losgetreten:

    Ich denke, es gibt mehr Leute mit diesem Problem, als man denkt! Schön, jemand gefunden zu haben, der das alles versteht :) Du hast natürlich Recht, zum Teil ist diese Verlustangst im Tod meiner Mutter zu begründen. Aber ich frage mich, warum das in der alten Beziehung gar nicht der Fall war und jetzt schon...


    Zum Thema Therapie: war deswegen ca. 7 Monate in Verhaltenstherapie. Entweder VT ist nicht das richtige für mich, oder ich hatte keinen guten Draht zu meiner Therapeutin - jedenfalls habe ich damt aufgehört. Will es aber auf jeden Fall noch mal probieren, vllt. dieses Mal mit Tiefenanalyse.


    Ja, ich rede viel mit meiner Freundin darüber. Das hilft mir auch immer. Aber mehr als "Ich liebe dich, geht das nicht bald in deinen Kopf rein?" etc. kann sie mir auch nicht sagen. Sie sagt oft, dass sie in den Momenten, wo es "schlimm" ist bei mir, nicht an mich rankommt (und das stimmt auch). Wie ist es bei dir? Redest du mit deinem Freund offen darüber?


    Ich hatte (so wie du wahrscheinlich auch) die Hoffnung, dass diese Gedanken im Laufe der Zeit verschwinden, je länger wir zusammen sind. Scheint aber nicht der Fall zu sein :(


    Hast du denn irgendwelche Lösungen gefunden?


    Ganz liebe Grüße zurück, an euch beide! :)

    dieses grundgefühl kenne auch ich durchaus - obwohl ich meinen kerl jetzt seit 11 jahren an meiner seite habe (wir uns aber schon seit fast 30 jahren lieben) ;-)


    was mir geholfen hat, mich wieder auf spur zu bringen: ich habe mir dieses angst zugestanden! ich habe in der angst die positive seite gesehen. die seite, dass ich diesen kerl wirklich von ganzem herzen lieb und in meinem leben halten will. und dann habe ich mir klar gemacht: ja, es kann jederzeit etwas passieren - krankheiten, unfälle, eine neue frau!


    in diese realität habe ich mich dann nicht schlotternd hineinfallen lassen, sondern mir gesagt: mit diesen risiken muss ich leben, aber dieses wissen um die risiken darf mir das leben nicht vermiesen. so leidenschaftlich zu lieben und geliebt zu werden ist eine gnade, also mach was draus und genieße jeden tag!

    Hallo Marc,

    Zitat

    Nein, meine Freundin gibt mir überhaupt nicht das Gefühl. Ganz im Gegenteil, sie vebringt fast jede freie Minute mit mir und gibt mir sehr viele Anzeichen, dass ich der "Richtige" für sie bin. Mehr Anzeichen als meine Ex-Freundin.

    Das klingt doch sehr gut!

    Zitat

    Ja, wir reden sehr viel darüber. Sie ist sehr geduldig, kann mir aber natürlich nur bedingt helfen. Ich glaube, dass ich diese Probleme allein lösen muss... sie ist wirklich sehr hilfsbereit, aber das hat auch Grenzen. Irgendwann wird sie dann auch genervt, was ich ja auch verstehen kann.

    Zitat

    Ja, ich rede viel mit meiner Freundin darüber. Das hilft mir auch immer. Aber mehr als "Ich liebe dich, geht das nicht bald in deinen Kopf rein?" etc. kann sie mir auch nicht sagen. Sie sagt oft, dass sie in den Momenten, wo es "schlimm" ist bei mir, nicht an mich rankommt (und das stimmt auch).

    Toll, dass ihr offen darüber reden könnt. Die Gefahr, dass sie irgendwann genervt ist, ist natürlich gegeben. Gibt es denn etwas, was sie TUN kann, um dir deine Unsicherheit zu nehmen?


    Bei meinem Partner war es ähnlich wie bei dir, er traute meinen Aussagen manchmal nicht, obwohl es dazu keinerlei Grund gab. Er fand dann heraus, dass es ihm half, wenn ich ihm gerade "kritische" Dinge, die so ein Unwohlsein auslösen konnten, von mir aus und sehr detailreich erzählte. Mit der Zeit besserte sich dann die Situation.


    Redet deine Freundin offen und detailreich von ihren Erlebnissen, die ohne dich stattfinden?

    Schatz bist du das?


    Haha nein aber wirklich das hätte auch mein Freund schreiben können.


    Leider musstest du in deiner Vergangenheit schlechte Erfahrungen machen. Ich kenne das gleiche auch von mir. Das ist in manchen Beziehungen kein Thema gewesen und in meiner jetzigen sind mein Freund ich etwa gleich.. was leider manchmal sehr anstrengend ist.


    Ich kann dir nur dazu raten dir professionelle Hilfe zu suchen. Eventuell liegt es auch an deinem Selbstbewusstsein? Oder gibt sie dir das Gefühl sie könnte dich verlassen?


    Eigentlich sollte iwann ja ein positives Gefühl da sein, dass man sich auf den anderen verlassen kann .. das man Angst hat den anderen zu verlieren ist bis zu einem gewissen Grad ja normal. Allerdings bei dir schon sehr extrem..


    Hast du mir deiner Freundin offen über die Ängste geredet? Was sagt sie dazu? Nimmt sie dich ernst?