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    Was solche Eltern ihrem Kind einprogrammieren ist ja, dass sie keine eigenen emotionalen Bedürfnisse haben dürfen, oder anders, dass es unnormal ist, als ein Kind, dem es ja soooo gut geht, negative Gefühle zu haben.

    Die Denkweise meiner Eltern perfekt zusammengefasst!!

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    Und das muss dem Kind erstmal klar werden. Es hat dasselbe Recht auf die Erfüllung emotionaler Bedürfnisse wie alle anderen auch.

    Das habe ich bis heute nicht verinnerlichen können. Ich stecke ständig zurück und schaffe es innerhalb von Sekundenbruchteilen eine Ausrede für mein Gegenüber zu finden, die mir selbst quasi deutlich macht, dass derjenige sich ja vermeintlich richtig verhält.


    Jüngstes Beispiel: Heute wäre ein wichtiges Gespräch mit unserer neuen Vermieterin dran. Mein Freund wollte heute und morgen seine Eltern besuchen, das Gespräch wäre um vier. Seine Eltern haben gerade angerufen wo er bleibt (Fahrt dauert ein paar Stunden). Er sagt also jetzt kurz vor knapp der neuen Vermieterin ab, was natürlich einen super Eindruck macht, und fährt gleich los. Seine Eltern kann er ständig sehen, er fährt nach dem Termin los und wäre morgen noch den ganzen Tag da. Aber was macht er? Fährt lieber dorthin (es gibt übrigens keinen Anlaß außer "mal wieder treffen") und unser neues Zuhause ist ihm scheißegal.


    Und ich? ich könnte ihm dafür den Hals umdrehen, zeitgleich sucht mein Hirn ne Ausrede, warum ich falsch liege und das ja alles gar nicht schlimm ist und ich mich selbst mal nicht so wichtig nehmen soll. Bin ja nur seine Partnerin und das ist nur unser neues Zuhause - bzw. soll es werden. Das andere sind immerhin seine Eltern. Und es kotzt mich noch viel mehr an, dass ich so denke. Ich kotze mich grad selbst an und die Situation dazu. :-X

    Ich finde das auch schwierig. Manchmal empfinde ich trotz allem noch Mitleid mit ihnen.


    Der Verstand kann das Gefühl nicht ausschalten. Aber mir hilft es trotzdem, zu versuchen, es auf der logischen Schiene zu betrachten.


    Wenn meine Eltern sich so verhalten, dass ich mich schlecht fühle, und nehmen das hin bzw. beabsichtigen es sogar (!), welchen erklärbaren Grund gäbe es für mich da, Rücksicht zu nehmen? Warum sollte ich?


    Klingt zwar etwas nach "Auge um Auge...", "wie du mir, so ich dir", ist es aber nicht. Denn im Gegensatz zu meinen Eltern tue ich ja nichts aktiv von mir aus, damit es ihnen schlecht geht. Ich wehre mich ja nur, ziehe eine Grenze, mache, dass es mir gut geht und nehme mal ganz egoistisch in Kauf, dass ihnen das nicht passt.

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    Gegen Gedanken wie "nun geht es meinen Eltern schlecht" hat mir sehr geholfen, mir klar zu machen, dass die Eltern es ja auch ohne mit der Wimper zu zucken in Kauf nehmen, dass es mir schlecht geht. Es ist ihnen scheißegal.

    Das stimmt so ja (leider) nicht. Die Eltern befinden sich in ihrer eigenen Welt, ihrem eigenen "Denksystem", und in diesem haben sie recht und wir unrecht und unser Leiden belastet sie wirklich, aber noch mehr leiden sie darunter, dass wir so uneinsichtig sind und nicht die richtigen Dinge tun.


    Klingt erstmal paradox aber ist mir auch schon öfter aufgefallen.. die Vorwürfe sind fast dieselben, quasi wortwörtlich. Wir lasten unseren Eltern dieselben Anschuldigungen an wie sie uns. Problem ist eigentlich nur die alte Sandkastenfrage, wer "Recht" hat.


    Man kann nicht mal das objektiv sagen, fürchte ich.. wenn mein Vater solche Dinge sagt wie "ob einen die Eltern lieb haben oder nicht ist doch sch**ßegal, man reisst sich halt zusammen und tut die Dinge, die angesagt sind", dann ist das halt seine Lebensrealität. Wir können nicht mal vorwerfen "Ihr klammert euch eisern an eure beknackten Ansichten und zieht nichtmal in Erwägung, dass ihr unrecht habt!", denn das tun wir genauso.


    Natürlich führt deren System dazu, dass die Kinder schwer verletzt werden, aber auch das kann Teil der Weltsicht sein.. Kinder haben sich halt aufzuopfern und für die Wünsche der Eltern zu unterwerfen, das haben wir selber doch schließlich auch getan, das ist doch normal, man hat doch Verantwortung für seine Eltern, usw usf.


    Also, irgendwie.. alles doof ;-).


    Man kann höchstens arugmentieren, dass unsere Sichtweise eher den Standpunkten von Humanismus, Menschenrechten und Demokratie entsprechen.. aber auch hier gibts Leute, die diese Dinge insgesamt anzweifeln. Ein rechtskonserverativer guter Bekannter meiner Eltern meinte mal "'soziale Gerechtigkeit' ist für mich ein Schimpfwort" (wo er hart gearbeitet hat für seinen Wohlstand und meinte, die Schmarotzer sollten dies nicht umsonst bekommen).


    Also, wenn sozusagen das Ideal "es soll mir gut gehen" oder "es soll meinem Kind gut gehen" in Frage gestellt wird, weil es nicht wichtig ist, ob es einem gut geht, sondern es darauf ankommt, dass man pflichtbewusst und diszipliniert ist und sich den Obrigkeiten unterwirft und tut "was angesagt" ist, dann.. ja, worüber soll man dann noch diskutieren.


    Nach "gesundem Menschenverstand" ist das völlig bescheuert, aber objektiv belegen kann man das leider nicht.

    @ Jan

    Ich habe meinen Eltern gesagt, dass es mir schlecht geht, wenn sie sich benehmen wie sie es tun. Wenn sie trotzdem weitermachen, ist das für mich Vorsatz. Da kann man hundertmal argumentieren damit, dass sie das ja gar nicht peilen. Sie haben die Information erhalten, tun es trotzdem (Grund egal), und haben sich damit für mich disqualifiziert. Ist eine gute Stütze für mich, es so zu sehen.

    @ LichtAH

    ich finde, du beschreibst das sehr gut, wie die Kinder die Rolle der Eltern übernehmen.


    ich habe auch den Eindruck, dass du das mit dem Abgrenzen gut hinkriegst. Dieses innerliche Abgrenzen: nach dem Motto: da könnt ihr sagen/machen, was ihr wollt, ich mache mein Ding.

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    objektiv belegen kann man das leider nicht

    ne und das würde ich auch nicht den Eltern gegenüber versuchen. Wenn man will, findet man für alles und jedes die passenden Argumente.


    Da bleibt dann nur mit einer gewissen Sturheit und Eigensinn (EIGEN-Sinn) zu sagen: Es ist mir egal, was ihr sagt und was ihr denkt. Ich sehe es anders, ich fühle es anders und das ist das, was für mich wichtig ist.


    Man muss irgendwie "zu" machen, den Eltern gegenüber. Den Hahn abdrehen. Die Nabelschnur abschneiden.


    Dabei ist letztendlich die innere Trennung, der innere Bruch der wichtigste Teil. Das Äußere kann helfen, aber damit ist es nicht getan.

    Das find ich auch.. viele Leute hängen so viel am offiziellen, äußeren Kontaktabbruch auf. Dabei gehts darum gar nicht so sehr. Im Gegenteil, dieser kann sogar dazu führen dass man sich da viel mehr rein versteift als gut ist. Was mich betrifft hab ich das Gefühl, dass ich mit pseudo-netten "auf Durchzug schalt"-Phasen viel besser fahre als so wie jetzt.


    Aber dennoch, der Entschluß "Ich lasse mich nicht mehr beleidigen" steht fest. Da gibts nun keinen Weg zurück mehr.

    @ Meta4

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    ich habe auch den Eindruck, dass du das mit dem Abgrenzen gut hinkriegst. Dieses innerliche Abgrenzen: nach dem Motto: da könnt ihr sagen/machen, was ihr wollt, ich mache mein Ding.

    Im Großen und Ganzen ja.


    Unter den Spätfolgen ihrer tollen Erziehung leide ich allerdings immer noch.

    @ Jan

    Man muss auch nicht unbedingt den Kontakt abbrechen, wenn man es schafft, alle dummen Kommentare an sich abperlen zu lassen. Halte ich persönlich für eine Meisterleistung...


    Pseudo-nette Kontakte sind für mich keine Option. Denn sie gaukeln etwas vor, was nicht ist. Wenn ich (selten) Kontakt zu meinen Eltern habe, läuft dieser immer wortkarg ab. Kein Smalltalk, kein Geplänkel. Ich habe ihnen nichts mehr zu sagen. Wenn sie anfangen zu bohren, weil sie mich immer noch nicht verstanden haben und nie werden, sage ich "habe ich euch alles schon erklärt".


    Ich sehe, dass sie unter meiner Schweigsamkeit und dem eigenen Nichtverstehen leiden und darunter, dass sie mich wie eine fremde Person empfinden, aber das ist nicht (mehr) mein Problem.

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    Was mich betrifft hab ich das Gefühl, dass ich mit pseudo-netten "auf Durchzug schalt"-Phasen viel besser fahre als so wie jetzt.

    kann auch sein dass sich jetzt nur mehr in dir tut was sich zwar unangenehm anfühlt aber vielleicht letztendlich heilsamer ist.

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    viele Leute hängen so viel am offiziellen, äußeren Kontaktabbruch auf

    damit ist es (Aufarbeitung) nicht getan, da hast du schon recht, aber das ist eben oft ein wichtiger Schritt. Und ich glaube ehrlich gesagt nicht wirklich daran dass man sich weiter drangsalieren lassen kann und sich gleichzeitig kontinuierlich soweit nebenher aufräumt bis es einen wirklich nicht mehr trifft, insofern:

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    Aber dennoch, der Entschluß "Ich lasse mich nicht mehr beleidigen" steht fest. Da gibts nun keinen Weg zurück mehr.

    :)^




    Aber eigentlich wollt ich was anderes bekräftigen was ich letztens hier las aber keine Muse zum schreiben hatte:

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    Ist eigentlich Trauer.. Trauer über die Aussichtslosigkeit, ein bisschen als wären die Eltern verstorben. Diese Trauerphase nicht durchzumachen (sondern zu verdrängen) kommt mir aber nicht sinnvoll vor, im Rahmen einer "Heilung". Ich muss sozusagen aktiv trauern, denke ich.

    damit hast du wirklich recht! Muss selbst wohl auch genau das tun ... (ein Unterschied (von mehreren natürlich) liegt in einer krankheitsbedingten Veränderung meiner Mutter (und dass es da nur um sie geht), deine ist ja schon immer so heftig.) Was ich schwierig finde ist dass diese Trauer so gegensätzlich zu anderen Emotionen wie Wut z.B. ist und sie sich gegenseitig in ihrer Verarbeitung hemmen. Sich all diesem Chaos bewusst zu sein macht's aber möglich vermute ich, langsam halt aber immerhin.

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    kann auch sein dass sich jetzt nur mehr in dir tut was sich zwar unangenehm anfühlt aber vielleicht letztendlich heilsamer ist.

    Ich weiss gar nicht ob sich da "mehr in mir tut", es ist auf jeden Fall anstrengender.


    Vermutlich würde ich mich auf den Kuschelkurs einlassen, wenn über die Vergangenheit der Mantel des Vergessens geworfen wird, und man nun nett zueinander ist. Aber genau das ist ja nicht der Fall, meine Mutter giftet und stichelt ja munter weiter, es wird eher schlimmer als besser. Und von daher.. nee, nee.


    Ausserdem glaube ich, dass ja genau die Gefühle, die einem den Kontaktabbruch beschwerlich machen, die sind, wo man therapeutisch ansetzen muss. Insofern wäre das sonst eigentlich nur ein Vermeiden.


    Was mich ja immer noch beschäftigt, ist die Rolle, die der Alkohol da gespielt hat. Meine Mutter hat ja jeden Abend getrunken, nicht wenig, ca 1 Liter Wein (als Frau!), ist jeden Abend lallend ins Bett (mal entspannt, mal vorher emotional entgleist), hat aber trotzdem auch jeden Tag "funktioniert". Mein Vater hat da irgendwie nie was getan, ausser selber mitzutrinken. Auch mir wurde Alkohol als legitimes Entspannungs- und Schlafmittel früh nahegelegt und plausibel begründet ("darum trinken Erwachsene, Jan. Damit sie schlafen können"). Aber irgendwas stimmt da doch nicht, denk ich mir rückblickend. Mein Vater schiebt auch rückwirkgend diverse Entgleisungen meiner Mutter auf den Alkohol (was gut sein kann), aber auf meinen Einwand, dass er dagegen auch nix getan hätte, wird er wütend ("was weisst Du denn, was zwischen Deiner Mutter und mir passiert ist!"), also falls ers versucht hat, dann auf jeden Fall erfolglos, denn sie hat zwar mittlerweile damit aufgehört, aber viel viel später erst und aus ganz anderen Gründen.


    Frag mich gerade was es mir sagt dass mein Vater seine Frau jeden Abend trinkend vorfindet, bis zum lallend ins Bett torkeln, JEDEN Abend, jahrzehntelang, und rein gar nix unternimmt. Komisch, oder?

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    Vermutlich würde ich mich auf den Kuschelkurs einlassen, wenn über die Vergangenheit der Mantel des Vergessens geworfen wird, und man nun nett zueinander ist.

    geht mir genauso, aber es ist im therapeutischen Sinne wie du sagst wohl wirklich besser so dass es nicht geht.

    @ Meta4

    Naja, ich war ja dabei.. er hat gemeckert, ja, und mitgetrunken, mit der Begründung, er muss der Frau quasi das Zeug wegtrinken, damit sie nicht trinkt (und ist so auch auf 1 Fl Wein am Abend gekommen).


    Das fiese ist ja, wenn man was sagt, und der Partner ändert nix, kann man nix tun, wenn man nicht das Gewicht der drohenden Trennung in die Waagschale werfen kann. Und da er so abhängig ist, konnte er das nicht. Also bliebs (rundum, bei ALLEN Problemen) beim folgenlosen Gemecker.

    @ S. wallisii

    Solange man nicht die Trauer, die "Loslösung aus dem symbiotischen System" hinbekommt, ist man eh nicht über das Thema hinweg. Und "kein Kontaktabbruch" hat ja wohl in-die-eigene-Tasche-lügender-weise genau diese Konsequenz. Das, was weh tut, ist leider der richtige Weg.