Will er mehr?

    Hallo liebe Ratsuchende und -gebende!


    Ich arbeite seit ein paar Monaten in einer neuen Abteilung. Mein neuer Abteilungsleiter ist sehr bemüht, dass ich mich wohl fühle. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob er sich nicht mehr erwartet. Es kam zu folgender Situation. Ich war nach einem Streit nervlich etwas angeschlagen und hatte kurz Tränen in den Augen. Er kam zu mir an meinen Bürostuhl und massierte mir kurz die Schultern, sodass ich seinen Oberkörper an meinem Rücken spürte. Ich bin mir nicht sicher, ob er mich nur väterlich trösten wollte (er ist sicher 15 Jahre älter). Haltet ihr das für einen normalen Umgang unter Kollegen?


    Dank für eure Meinungen :-)


    Mia

  • 43 Antworten

    Das ist nicht irgendein Kumpel-"Kollege", mit dem du schon seit Jahren befreundet bist, sondern dein neuer Chef.


    Nein, das ist kein "normaler Umgang".


    Was hat er währenddessen zu dir gesagt?


    War dir das unangenehm? Magst du deinen neuen Chef?


    Wie geht es allgemein in eurer Firma zu? Eher locker, duzt ihr euch alle quer durch die Ebenen?

    Wir sind ein kleines Team und dutzen uns alle. Wir treffen uns auch regelmäßig zur Teambesprechung. Wir gehen alle sehr freundschaftlich miteinander um. Er ist verheiratet und hat Kinder. Ich weiß, dass bedeutet nich, dass er nicht fremd geht. Ich bin nur einfach etwas verwirrt. Ich kann solche Gesten nie richtig deuten. Ich hab es nicht als unangenehm empfunden. Er hat auch nur gemeint, dass ich mir den Streit nicht zu Herzen nehmen soll und dass er sich darum kümmert. Das fand ich nett und "väterlich".


    Ich finde meinen Chef sympathisch, aber beruflich kann ich mich auf so etwas nicht einlassen.

    Hm ... Dann kann ich dir nur raten, vorsichtig zu sein, ohne dass das zickig rüberkommt. Könnte eine schwierige Gratwanderung werden. (Deswegen finde ich sollten Chefs sowas unterlassen - also weibliche Mitarbeiter anfassen.)

    Zitat

    Er kam zu mir an meinen Bürostuhl und massierte mir kurz die Schultern, sodass ich seinen Oberkörper an meinem Rücken spürte. Ich bin mir nicht sicher, ob er mich nur väterlich trösten wollte (er ist sicher 15 Jahre älter). Haltet ihr das für einen normalen Umgang unter Kollegen?

    Nö, halte ich nicht. Wenn ihr nicht gerade Physiotherapeuten von Beruf seid, ist gegenseitiges Massieren am Arbeitsplatz aus meiner Sicht ganz sicher kein kollegialer Umgang.


    Ein "Das ist bestimmt nett gemeint von dir, aber ich möchte nicht massiert werden und empfinde das als übergriffig." und gleichzeitig mit deinen Händen seine Hände von deinen Schultern wegdrücken löst das in der Situation schnell, eindeutig und kollegial, ohne verletzend zu sein.

    Zitat

    Ich könnte auch nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten, wenn wir etwas miteinander anfangen würden.

    Zum Miteinander etwas anfangen braucht es zwei. It takes two to tango. :-)

    Wie gesagt, eine Affäre am Arbeitsplatz kommt nicht infrage. Dafür möchte ich meine Karriere nicht aufs Spiel setzen. Vielleicht macht er das ja auch mit den anderen Kolleginnen. Ich werde mal ein Auge darauf haben. ;-)

    ZiaMia

    Zitat

    Wie gesagt, Dafüreine Affäre am Arbeitsplatz kommt nicht infrage. Dafür möchte ich meine Karriere nicht aufs Spiel setzen. Vielleicht macht er das ja auch mit den anderen Kolleginnen. Ich werde mal ein Auge darauf haben.

    Das Maß der Dinge legst Du für DICH fest. Dafür würde ich nicht den Umgang mit anderen weiblichen Kolleginnen heran ziehen. Du bist erst seit kurzem in diesem Arbeitsteam, deshalb haben Dein Chef und Du eine weniger gefestigte persönliche Ebene zueinander.


    Deshalb könntest Du genau das für Dich in der Bewertung/Überlegung der Situation mit heran ziehen. Warum geht es Dir in der Hauptsache um die eigene Karriere in Deiner Sichtweise? Wie empfindest Du allgemein in Deinem Alltag, wenn Dich weniger vertraute Menschen körperlich intensiver berühren?


    Es hätte in dieser Situation ausgereicht Dir mit Worten zu signalisieren, dass er die Streitsituation nicht negativ bewertet. Dir zusätzlich als Tipp an die Hand gebend es gelassener zu sehen, weil Dir noch die Erfahrung im beruflichen Alltag fehlt. (wenn es beim Streit rein um berufliche Themen ging)

    Diese Situation hatte ich aktuell im Bekanntenkreis. Ein Chef hatte meiner Bekannten am Arbeitsplatz den Rücken/Nacken massiert. Das kam öfter vor. Meiner Bekannten war das aber eher suspekt und sie hatte das auch geäußert. Jedoch nicht ausdrücklich genug. Das ging dann so weit, dass es Zoff zwischen dem oberen Chef, dem Abteilungsleiter, dem Betriebsrat usw gab. Das ganze endete schließlich mit Depression und Krankschreibung. So ein Verhalten des/eines Chefs gehört nicht an den Arbeitsplatz. Nie.

    Du hast schon Recht wenn du sagst, dass ich für mich entscheiden muss, wie nahe ich Menschen an mich heranlasse. Die Abteilung in der ich arbeite ist sehr klein und die Leute verbringen eben, dadurch dass sie den ganzen Tag zusammenarbeiten, viel Zeit zusammen. Das heißt in dem Fall auch, dass man sich auch von einer privateren Seite kennen lernt. Ich habe diese Geste nicht als unangenehm empfunden, nur fand ich sie zwischen Kollegen untypisch. Ich bin nur etwas unsicher, weil ich ein Meister darin bin, Signale zu übersehen. Vielleicht interpretiere ich aber auch zu viel hinein und es war nur als Unterstützung gedacht.

    Zitat

    Ich habe diese Geste nicht als unangenehm empfunden, nur fand ich sie zwischen Kollegen untypisch

    Also ich habe auch einen Kollegen mit dem ich mich sehr gut verstehe und er hat diese Berührungen auch schon bei mir gemacht. Da hat mich das gar nicht gestört. Aber wenn mein Chef das machen würde, dann wäre ich doch sehr verdutzt und würde es nicht gut finden. Weiß aber auch nicht, ob ich ihn dann zurechtweisen könnte. :-/

    Prinzipiell ist das sexuelle Belästigung und ein Kündigungsgrund. Als Chef sollte man mit sowas vorsichtig sein. Es ist gleichsam natürlich ein Dilemma, wenn man als Mann seinen Beschützerinstinkten folgt und eine weinende Frau in den Arm nehmen will, ganz ohne böse sexuelle Absichten. Ansich sollte man das als Chef aber hinbekommen, da einen kühlen Kopf zu bewahren und respektvoll die Finger von der Dame zu lassen.


    Aber wenn es Dir gefallen hat... Warum nicht. Ich hätte hier mitunter gerne mal jemanden, der mir den Nacken massiert, egal ob männlich oder weiblich. Guck sorgfältig, wo Deine Grenzen sind und zieh sie dann auch deutlich.

    Zitat

    Er kam zu mir an meinen Bürostuhl und massierte mir kurz die Schultern, sodass ich seinen Oberkörper an meinem Rücken spürte.

    Ist er kleinwüchsig? Hat dein Bürostuhl keine Rückenlehne? Wenn du sitzt, er hinter dir steht und deine Schultern massiert, müßte er schon sehr klein sein, wenn sein Oberkörper an deinem Rücken ist. Und bormalerweise ist doch gerade der Rücken des Sitzenden von der Rückenlehne bedeckt.

    Zitat

    Prinzipiell ist das sexuelle Belästigung

    Finde ich nicht. Ich sehe keinen Aspekt von sexuell. Und was Belästigung ist, entscheidet sie. Wenn sie sagt, ihr war es in der Situation nicht unangenehm, ist es keine Belästigung.

    Zitat

    Vielleicht macht er das ja auch mit den anderen Kolleginnen. Ich werde mal ein Auge darauf haben. ;-)

    Aber was soll das ändern? Es geht nicht um seinen Umgang mit anderen. Wenn er andere Kolleginnen massiert und sich diese von ihm massieren lassen, dann ist es auch für dich ok, dich massieren zu lassen? Was andere miteinander machen, ist deren Sache. Hier geht es um dich.

    Zitat

    Ich bin nur etwas unsicher, weil ich ein Meister darin bin, Signale zu übersehen.

    Dann lohnt es sich vielleicht, mal gängige Bedeutungen körperlicher Signale lesen zu lernen. Es gibt Körperspracheseminare (z.B. an der Volkshochschule), die ein bisschen mehr Verständlichkeit in nonverbale Kommunikation bringen. Nonverbale Kommunikation bleibt aber eine sehr vielschichtige und mehrdeutige Kommunikation. Im Zweifel lohnt sich der Wechsel auf die sprachliche Ebene und wenn es das Ausdrücken deiner eigenen Unsicherheit in der Situation ist.

    Zitat

    Vielleicht interpretiere ich aber auch zu viel hinein und es war nur als Unterstützung gedacht.

    Da gibt's doch zwei Seiten: seine "Sende-Seite" (seine Absichten und Motivationen, seine Handlungen) und deine "Empfangs-Seite" (deine Empfindungen dabei, deine Absichten, Ängste, Hoffnungen). Die Sendeseite scheinst du verstehen zu wollen, aber wo ist deine Empfangsseite?


    Ich finde, du solltest deinen Sinn für diese Empfangsseite zu schärfen, und einem komischen Gefühl in dir selbst eine Richtung zu geben. Und danach handeln.


    Er drückt es sehr passend aus, finde ich:

    Zitat

    Guck sorgfältig, wo Deine Grenzen sind und zieh sie dann auch deutlich.


    -- Ralph_HH

    Diese "Bürde" kam mit der Emanzipation. ;-) Vorher wurden die Grenzen für Mann-Frau-Verhalten stark von der Gesellschaft gezogen, heute gibt's mehr Individualität in den menschlichen Beziehungen (auch unter Kollegen), aber auch mehr Verantwortung, das für sich einzuordnen, passend zu machen und eigene Grenzen zu setzen.


    Du hast das enge Arbeitsverhältnis angesprochen: wo ist dein Ausgleich dazu? Familie, Freunde, Trostspender dort? Wenn du das nicht haben solltest, ist klar, dass zwischenmenschliche Bedürfnisse sich unter den Kollegen deutlich machen. In einer Welt, in der es quasi nur die Kollegen gibt, gibt's auch nur dort Platz für Streit, Sympathie, Trost, Lob, Anerkennung, Aufmunterung, Affären, und irgendwann auch Sex, wenn Menschen das nicht mehr wegkontrolliert bekommen. Da gibt's eine (wirklich interessante!) Psychologie in sich abgeschlossener Gruppen.

    Zitat

    Ich arbeite seit ein paar Monaten in einer neuen Abteilung.

    Damit bist du das frische Blut in dieser Gruppe. Und alle anderen Gruppenmitglieder müssen sich erstmal zu dir positionieren, dich einschätzen lernen und du sie. Für erste Eindrücke, Sympathien und Antipathien, Einschätzen körperlicher Attraktivität hingegen reichen einige Sekunden. Und diese ändern sich nur relativ selten im weiteren Verlauf. Die Aspekte von Arbeits- und Aufgabenteilung gehen meist recht schnell und gut (aber auch mit Konfiktpotenzial), das menschlich vertrauliche, gefühlsmäßige braucht etwas länger und manche geben diesem Teil überhaupt keinen Platz am Arbeitsplatz.


    Was ich noch nicht ganz verstanden habe: Konflikte mit deinem Karriere-Vorhaben äußerst du als Hauptgrund dafür, hier wachsam zu bleiben. Wie hängt das zusammen?


    Ein Chef, der dich massiert und tröstet, das signalisiert, dass du noch einen langen Weg vor dir hast, selber Chefin zu werden? Allerdings kann eine kühle, berechnende Karrierefrau kann das schnell umdrehen und die Sympathie des Chefs sehr gut zu ihren Gunsten nutzen.


    Oder eher so, wie es parazellnuss beschrieb: im Einlassen auf eine Affäre siehst du die Gefahr, aus dem Kollektiv wieder ausgeschlossen zu werden, also gekündigt. Und das bedeutet verlorenen Karriereweg, weil du dann woanders wieder neu anfangen müsstest?