Bedeutet Euch der 17. Juni (1953) etwas?

    Ich hab in den letzten Tagen bestimmt 10 Zeitungsseiten darüber gelesen. Am Ende bin ich (wieder) der Meinung, daß in dieses Datum viel mehr hineingelegt wurde, als es ursprünglich enthielt. Selbst Egon Bahr (als damaliger Chef des RIAS Berlin) schrieb, daß erst der RIAS einige Forderungen zu Papier brachte (und ausstrahlte), während ansonsten nirgendwo so etwas wie Organisation existierte.


    Gibt Euch das Datum etwas? Seid Ihr stolz darauf? Fühlt Ihr Euch mißbraucht? Ist es eher peinlich? Oder ist es Euch egal?

  • 20 Antworten

    Da

    schwelt zu allererst in mir die Frage, lieber Kathrin, wer zur Hölle ist denn mit "Ihr" angesprochen?


    Dieses Datum ist historisch in mehrerlei Hinsicht ein einschneidendes. Vor allem aber die zum greifen nahe Perspektive, es hätte nacht dem 17.06.1953 unmittelbar der 03.10.1990 folgen können, scheiterte an diesem Tag. Die Wiedervereinigung also.


    Aber nicht nur der gescheiterte Aufstand im Osten, sondern auch die berechtigte Furcht, einen dritten Weltkrieg heraufzubeschwören, ließen dieses Datum wie kein anderes in den Köpfen einbrennen.


    Was es heute bedeutet? Es ist bis heute - gottseidank - das letzte Mal gewesen, daß eine beträchtliche Zahl von Leuten in Deutschland von Staatsgewalt sterben mußten. Ein schwarzer Tag, der auch heute noch zumindest nachdenklich stimmen sollte.

    die

    sog. deutsche frage ist nun zwar inzwischen formell ad acta, aber niemand ist zufrieden damit


    die ostdeutschen sind zerknischt weil alles viel länger dauert bis ihr wirtschaftliches level insgesamt angeglichen ist und die westdeutschen sind angefressen, ebenso weil alles viel länger dauert und enorm viel teurer ist als damals angenommen.


    ich vermute frühestens die leute die heute in den kinderwägen liegen werden die wiedervereinigung als historisch und die verhältnisse als normal empfinden.

    wär schön, wenn Du recht hättest, suddenly...

    ich befürchte, das klappt nur, wenn sie tolerante Vorbilder haben... wie oft muß ich die Schimpftiraden der älteren Generation anhören, egal aus welchem Teil Deutschlands sie kommen. Auch das prägt die heute Kinderwagengeneration mit.

    Fesselman, wen soll ich schon

    mit "Ihr" absprechen? Die Leser und potentiellen Schreiber natürlich.

    Zitat

    die zum greifen nahe Perspektive, ... , scheiterte an diesem Tag. Die Wiedervereinigung also.

    Ich dachte ehrlich nicht, daß diese Meinung immer noch so vertreten ist. Immerhin ging die Spaltung (Juni 1948 Währungsreform, Mai 1949 Inkrafttreten des Grundgesetzes) von Seiten der Westalliierten aus. Ich habe auch noch nicht gehört, daß am 17. Juni 1953 außenpolitische Ziele verfolgt wurden. Die Unzufriedenheit wurzelte wohl in Versorgungsengpässen, entzündete sich an der Normenfrage und ließen vereinzelt den Wunsch nach Wahlen hochkommen.


    Manches klingt wie nachgeplappert (ja, kannst Du mir auch vorwerfen, ist aber nicht so ;-) ), aber WER sollte diesen befürchteten Weltkrieg eigentlich führen?? Weder die USA noch die SU waren auch nur annähernd auf so einen Krieg vorbereitet (das Koreaproblem war da viel aktueller), und die DDR hatte 1953 noch nicht mal eine Armee. Soweit ich weiß, haben beide Alliertenseiten die Unruhen als innenpolitische Angelegenheit gesehen und keine hat Anstalten gemacht, die Grenzen zu überschreiten. Auf das Thema WW 3 überhaupt kommen, konnte auch nur ein Berliner, weil da alles aneinander saß. 90% der Unruhen fanden aber irgendwo in "den Weiten" der DDR statt, und es hat teilweise Jahre gedauert, bis man in der BRD überhaupt davon erfuhr.


    Übrigens hab ich heute schon zum zweiten Mal die "Berliner Morgenpost" dabei ertappt, daß sie Bilderserien in der Reihenfolge vertauscht haben, um eine ihnen genehme Abfolge von Vorgängen zu erhalten...

    derKatrin

    Irgendwie eine komische Art von Dir, erst in den Raum nach der persönlichen Bedeutung zu fragen, um alsdann die Keule zu schwingen. Aber bitte sehr...


    Nachplappern... Selbst dabeigewesen bin ich nicht. Ich muß mich schon auf andere Quellen stützen. Da bist Du als alter friedrichshainer Bauarbeiter klar im Vorteil. ;-)


    Daß sie Spaltung der beiden deutschen Staaten 1953 schon recht weit fortgeschritten war, ist mir duchaus bewußt. Die Aufregung drehte sich im Kern um die 10%ige Steigerung des Plansolls. Die Arbeiter fühlten sich überfordert und prangerten gleichzeitig die bestehenden Versorgungsengpässe an. Aber im Laufe des 17. Juni 1953 wurden dann vermehrt Forderungen wie freie Wahlen laut. Nicht weiter verwunderlich, denn wenn ein System offensichtlich nicht funktioniert, stellt man es denn gern auch grundsätzlich in Frage. Und daß dies auf eine Wiedervereinigung hinausgelaufen wäre, bedarf keiner besonderen Fantasie.


    Daß die SU die Unruhen an diesem Tage nicht als innenpolitische Angelegenheit sah, zeigte sich doch im Verlaufe dieses Tages mehr als deutlich. Katrin, es waren sowjetische Panzer, die die Masse aufmischte! Jegliches Eingreifen der Westalliierten wäre als Angriff empfunden worden. Gerade wenn es so ist, wie Du sagst, daß nämlich beide Seiten (Westalliierte und SU) nicht auf einen Krieg vorbereiten gewesen waren, wäre zu befürchten gewesen, daß sie mit Kanonen auf Spatzen geschossen hätten.


    Daß der Aufstand in Berlin als besonders brenzlig einzustufen war, liegt vielleicht an der besonderen politischen und territorialen Lage. Schon mal daran gedacht?


    Und was wird Deiner Ansicht nach von den heutigen Medien in welcher Weise verdreht und was soll damit Deiner Ansicht nach bezweckt werden?

    persönliche Meinung

    Eigentlich wählen Völker ihre Gedenktage aufgrund siegreicher Ereignisse!


    Wer aber damals hautnah davon betroffen war, wird auch heute das Datum für bedeutungsvoll halten.


    Den Satz (derKatrin) , es sei zu viel hineingelegt worden, verstehe ich nicht ganz. Damals? Heute?


    Der 17.6.53 ist GESCHICHTE. Die damaligen Vorgänge lassen sich in die Formulierung einbetten "welche Bedeutung hat Geschichte für mich?"


    Ich hörte schon die Forderung, dieses Schulfach abzuschaffen.


    Die Meutereien bei der deutschen Kriegsmarine 1918 mit der Abdankung des Kaisers oder die verhinderte Revolution von 1848, die die Aristokratie demütigte, wären "vergleichbare" Ereignisse.


    Wir hatten jetzt 50 Jahre Wohlstand und Frieden. Aber die Geschichte zeigt uns, dass es darauf keinen Garantieschein gibt.

    @ FesselMan:

    Wenn du die sechziger Jahre mit einbeziehst: Die Kuba-Krise von 1962 war für den Weltfrieden hundertmal gefährlicher!

    Ich hab ein Problem:

    ich kenne keine Zeitzeugen, die die Wahrheit für sich gepachtet haben oder doch an maßgeblicher Stelle saßen. Mein Vater war 17 und zog als Lehrling mit, als die Arbeiter auf die Straße gingen. Warum sie gingen, obwohl die Normerhöhungen schon tags zuvor zurückgenommen worden waren ? Ich müßte ihn mal fragen.


    Die Erfahrung der von mir bewußt erlebten Weltgeschichte zeigt mir aber, daß die Mächtigen der Welt es immer verstanden, ihr Süppchen am Feuer anderer zu kochen und deshalb so manche Feuer entfachten oder dabei mit zündelten und Brennmaterial lieferten. Und vor und nach diesem 17.6.53 hat "der Westen" stets alles begrüßt, was zur Schwächung "des Ostens" beitrug. Andersrum war es ebenso, keine Frage.


    Sollte also die Unzufriedenheit der Arbeiter NICHT vom Westen ausgenutzt, angeheizt, mehr oder weniger sanft gelenkt worden sein, so wäre dies eine einzigartige Blödheit des Westens gewesen. Man soll doch, nur weil es schief gegangen ist, nicht so tun, als hätte man mit der Sache nichts zu schaffen. Wäre es damals zur Wiedervereinigung gekommen, die viele im Westen nicht wollten, die damals aber noch in unserer Hymne beschworen wurde, also dann würden sich die, welche damals die Fäden zogen von BND bis RIAS, gar sehr ihrer Taten rühmen...


    Übrigens, damals wurden einfache Schutzpolizisten gelyncht... Eine Berghütte trug bis 1990 den Namen des ABV Janello... war das im Interesse der Arbeiter, oder waren es Versuche, die Stimmung anzuheizen, den Arbeitern ein "Zurück" unmöglich zu machen ?


    so viele Fragen...

    Ja, Fesselman

    war nicht ganz fair von mir, aber ich hab ja extra erst gewartet, welche Meinungen auftauchen. Vielleicht hätte ich sonst auch gar nichts gesagt.


    Das mit innenpolitisch war meinerseits falsch ausgedrückt. Ich meinte damit sowj. Panzer und DDR auf der einen und amerik. Panzer und Westberlin auf der anderen Seite. Also innenpolitisch im Sinne von nicht-außenpolitisch.

    Zitat

    Und was wird Deiner Ansicht nach von den heutigen Medien in welcher Weise verdreht und was soll damit Deiner Ansicht nach bezweckt werden?

    Solche Aussprüche, wie:


    Die Deutschen können stolz auf diesen Tag sein! Find ich persönlich Blödsinn. Die Westdeutschen hatten damals den Tag und seine evtl. Bedeutung fast komplett verschlafen (einschließlich Adenauer), und geplant war der Tag auf DDR-Seite auch nicht. Es ist mir heute noch unklar, warum sich alles auf den 17.6. konzentrierte, die Normerhöhung war da schon wieder rückgängig gemacht worden (hab leider die Quelle nicht mehr) und man hat bis heute nichts gefunden, was auf eine Organusation hinweist.


    Der 17.6. ist in einer Linie mit den Aufständen in Ungarn 1956(?). CSSR 1968 und Polen 1980 zu sehen. Schon weil es verschiedene Länder sind und teils Jahrzehnte dazwischenliegen, sehe ich das anders. Ich habe den 21. August 1968 in der CSSR miterlebt. Die Tschechen fühlten sich durch den Einmarsch der Russen in ihrer Selbstbestimmung bedroht, sie zogen Parallelen zum Einmarsch Hitlers, von der DDR und dem 17.6.1953 sprach kein Mensch.


    Die Helden des 17. Juni... Der 17.6. war für die (viele) "Aufständischen" kein Ruhmesblatt. Es wurden Verwaltungen, Parteibüros und sogar Gefängnisse gestürmt, geplündert und zerstört. Die eigentlichen Zentralen der Macht blieben unangetastet. Normen wurden dadurch ganz sicher nicht gesenkt. Und wählen kann man auch nur die, die zur Verfügung stehen. Zu viele vergessen, daß alles nur 8 Jahre nach Kriegsende war.


    Der Wiedervereinigung stand im wesentlichen der Unterschied der Gesellschaftsordnung entgegen, nicht der Wille der Menschen. Im Statut der SED stand noch bis in die 70er Jahre, daß die Genossen für ein vereinigtes Deutschland kämpfen sollen. Auch die DDR-Nationalhymne sagt es. Das Problem war, daß sich zwischen Sozialismus und Kapitalismus kein Kompromiß finden ließ. Sieh Dir heute Korea an. Es kann auch dort wieder nur ein Beitritt werden.


    Ric: wie ich eben schon schrieb: Hineingelegt wird heute etwas. Es war eher Hilflosigkeit, daß der 17. Juni ein Feiertag wurde. Die Mehrheit der Westdeutschen wußte schon in den 70er Jahren nichts mehr mit diesem Tag anzufangen (Umfragen). In der DDR wäre es peinlich gewesen, dem Tag zu viel Bedeutung bezumessen. Und schon 10 Jahre später gab es ja die meisten damaligen Probleme nicht mehr (auch ohne Marshall-Plan!) Obwohl beide Seiten nach 50 Jahren die Chance hatten, die damaligen Geschehnisse aufzuarbeiten, haben sie das versäumt. Lieber tun sie so, als wären die damaligen Zustände bis zum Herbst 89 vorhanden gewesen. Also: kalter Krieg - aufgewärmt. Mich hätte das Thema wirtschaftlich wie psychologisch wirklich interessiert (immerhin gab es viel Jahre Handelboykotts, die mit eine Ursache für Versorgungsschwierigkeiten waren). Stattdessen tun die Medien heute aber so, als müßten sie das nachholen, was sie 1953 versäumt hatten.

    derKatrin und Ihr alle

    So einfach aus dem Bauch heraus geschrieben: Eure Postings haben bei mir etwas verändert. Die Ereignisse damals sind mir näher gekommen!


    Der 17. Juni war mir jahrelang schitegal. Berlin ist weit weg ( die holländische Nordsee ist in zwei Autostunden erreichbar).


    Als Wessi (scheußlicher Begriff) befasste ich mehr mit der 68-er Revolte und den RAF-Jahren. Allein schon, weil ich bei Fahrzeugkontrollen immer in MP-Rohre blicken musste. ( war damals 18).


    Also aus dem Bauch heraus: Ein verantwortlicher Würdenträger in Berlin oder Moskau müsste am 17.6. im feierlichen Rahmen ein Bekenntnis ablegen oder nur zwei Worte der Entschuldigung sagen. Entschuldigung für den Panzereinsatz gegen ein geknechtetes Volk.


    Es wäre eine versöhnliche Geste für alle, die Leid ertrugen und Opfer brachten, auch für die Folgegeneration.


    Völker brauchen solcher Gesten.

    derKatrin

    Niemand hat behauptet, daß der 17.06.1953 wichtiger gewesen sei als andere, ähnliche Ereignisse. Es ist aber nunmal dieser Tag, der sich just heute zum 50sten Male jährt. Darum gilt ihm heute diese Aufmerksamkeit.


    Stolz können die heute noch lebenden Teilnehmer dieser Aufstände durchaus sein. Auf den Mut, sich gegen ein Regime aufgelehnt zu haben. Daß die Norm bereits zurückgenommen war, stimmt meines Wissens. Wenn aber der Damm einmal gebrochen ist, mag man sich halt ungern mit Kompromissen abgeben. Da brach dann die ganze Unzufriedenheit heraus.