Che

    "Gott" ist lediglich die deutsche Bezeichnung für eine Macht, die aller Existenz übergeordnet ist. Der altgermanische Begriff "goth" bezeichnete die Gesamtheit der göttlichen Wesen. Diese Bezeichnung wurde in den germanischen Sprachen übernommen. Heute würde wohl "Göttlichheit" besser passen. In anderen Sprachen und Kulturen heißt es logischerweise anders (Allah, Jahwe, Manitou, Nirwana/Samsara ...), gemeint ist prinzipiell das gleiche. Wird im deutschsprachigen Raum von "Gott" gesprochen, so ist allerdings tatsächlich meist der als dreifaltiger Gott (Gott Vater, Gott Sohn und Heiliger Geist) definierte Gott der christlichen Religion gemeint. Wenn ich von "Gott" schreibe, meine aber immer die "Göttlichkeit" im obigen Sinne, d.h. etwas, was allem übergeordnet ist.

    Zitat

    Er ist offensichtlich etwas, das uns Menschen ausmacht, dem Mensch sozusagen innewohnt.

    Ich weiß nicht, ob es verallgemeinerbar ist, dass der Glauben (an höhere Kräfte) dem Menschen innewohnt. Ich glaube, dass es dafür eine gewisse Offenheit bedarf, die u.U. anerzogen ist.

    Che

    Zitat

    Eure Überheblichkeit den nicht Glaubenden gegenüber finde ich unerträglich.

    Aha, und woraus schließt Du eine Überheblichkeit? Ganz ehrlich, ich finde keine Indizien für dieses Urteil! Ich sehe eher das Gegenteil, dass nämlich Glaubenden z.B. psychotische Wahnvorstellungen unterstellt werden, dass Gläubige angeblich missionieren, natürlich für das Elend dieser Welt verantwortlich seien und einem Angst machen. DAS ist überheblich. Eben habe ich die letzten beiden Seiten des Austausches meinem Mann gezeigt. Der meinte dazu nur, dass es offenbar Leute gibt, die anderen ihren Glauben und ihr daraus resultierendes Vertrauen missgönnen. Mein Mann ist Atheist und als solcher zufrieden!

    sensibelmann

    Das ist z.T. sicher richtig, insbesondere was bestimmte religiöse Thesen betrifft (gutes Beispiel ist der Eingangsbeitrag). Ich kenne aber auch genug betont atheistisch erzogene Leute (Elternhaus, Schule), die später einen Glauben entwickelten, aus welchem Grund auch immer. Es sind Menschen mit ganz unterschiedlichen Bildungsniveaus, Berufen, Lebenswegen und Schicksalen.


    Umgekehrt funktioniert es aber auch: Ich bin ich einem streng katholischen Elternhaus groß geworden und habe später sogar kath. Theologie studiert. Im Verlauf des Studiums wurde mir klar, dass der Katholizismus für mich gar nicht mehr passt. Ich trat nach dem Examen aus der Kirche aus. Das liegt nun an über 30 Jahre zurück. Jahrelang empfand ich mich trotzdem noch als Christin, was ich nach meinem ersten Nahtod-Erlebnis Anfang 2004 endgültig abgelegt habe. Seitdem ist mein Glauben pantheistisch bzw. ungefähr so, wie es Hanca beschreibt: Ich (Wir sind) bin eins mit Allem, und Alles ist eins mit mir (uns). Genau das habe ich während aller drei Nahtod-Erlebnisse erfahren. Vom christlichen Glauben ist nichts übrig geblieben, was nicht bedeutet, dass ich nicht in der Bibel lese. Ich lese aber auch in anderen Glaubensschriften und interessiere mich für Naturreligionen, und aus allem ziehe ich etwas für mich heraus. Die Essenz ist interessanterweise immer ähnlich.


    Ich glaube mich daran zu erinnern, dass Du mal geschrieben hast, dass der Glauben etwas Persönliches ist. Das sehe ich genauso und wehre mich u.a. deshalb gegen eine religiöse Bindung. Ich wehre mich aber auch dagegen, weil ich Religionen i.S.v. menschengemachten Konstrukten für unehrlich, weil doppelmoralisch und ihre Regeln für z.T. hirnrissig halte. Und schließlich benötige ich auch keine Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Ich fühle mich für mich und mein Tun selbst verantwortlich und brauche niemanden, der mir vorkaut, wie ich zu handeln habe. Nur mein eigenes Tun hat Bedeutung.

    Zitat

    Ich kenne aber auch genug betont atheistisch erzogene Leute (Elternhaus, Schule), die später einen Glauben entwickelten, aus welchem Grund auch immer.

    Du schreibst gerade über mich ... ;-D


    Das "dumme" ist, ich wurde während meines naturwissenschaftlichem Studiums im Rahmen der "philosophischen Probleme der Physik" gläubig- ich war zuvor ein sehr strenger Atheist, der gläubige Menschen für dumme Spinner hielt ... Ich denke, dass ich Denken von Atheisten verstehe.

    sensibelmann

    Zitat

    Ich denke, dass ich Denken von Atheisten verstehe.

    Dann kannst Du doch sicher auch erklären, wie Che auf "Überheblichkeit" kommt. Bisher habe ich ja nur das Statement von meinem atheistischen Mann gehört.

    Zitat

    wie Che auf "Überheblichkeit" kommt

    Naja, es kann Verärgerung hervorrufen, wenn jemand gesagt bekommt, dass es nicht normal wäre, dass man ungläubig ist. Nach dem Motto: "Da ist bei dir irgendwas kaputt"

    Aber das hatte ich doch nirgends geschrieben. Ich hatte lediglich geschrieben, dass der Glauben etwas ist, was dem Menschen natürlicherweise innewohnt. Dazu brachte ich Beispiele des kindlichen Glaubens. Ich z.B. hatte völlig unabhängig von meiner katholischen Erziehung Angst vor Kellern, weil ich mich darin von irgendwelchen Gespenstern verfolgt fühlte. Oft hatte ich mich abends ganz in der Bettdecke verpackt, nur mit einem kleinen Loch zum Atmen, weil ich vor nächtlichen Geistern Angst hatte. Ich glaubte auch an Engel, die mich beschützen und an den Nikolaus, der sich nachts ins Zimmer schleicht und mir die Schuhe füllt. Ich glaube, solche oder ähnliche Erlebnisse kennt jedes Kind, und auch das Kind ist ein Mensch.

    Liebt Gott den Triops cancriformis mehr als uns Menschen? Triops cancriformis ist ein Kiemenfußkrebs der Gattung Triops aus Europa. Er gilt als die stammesgeschichtlich älteste rezente (heute lebende) Tierart. Er ist älter als jede Menschengattung und noch älter als die Dinosaurier.


    Was sollte Gott Spezielles für uns Menschen tun, was er nicht auch für den Rest seiner Schöpfung tun würde? Waren seine tierischen Geschöpfe dankbarer als wir Menschen es sind, damit er uns mit Not und Elend "bestraft"? Und was haben die Dinosaurier und alle anderen ausgestorbenen Lebewesen verbrochen, dass es sie nicht mehr gibt? Warum hat Gott das zugelassen? Alles nur biologischer Abfall?


    Es sollte klar werden, dass der Mensch sich mächtig was einbildet, wenn er Gott immer nur in Bezug auf sich betrachtet.


    Seit es Menschen gibt basteln diese an einem Götter- und oder Gottesbild. Naturvölker haben Naturgötter, wir haben unseren neoliberalen kapitalistischen Gott. In ferner Zukunft wird sich der Mensch womöglich eine gänzlich andere Vorstellung von Gott oder einer Gottheit zurecht gelegt haben und das Neue Testament ist dann kalter Kaffee und wird noch altmodischer erscheinen als das Alte Testament bereits heute. All dies sollte einem zu denken geben.


    Fakt ist, es gibt keinen Gottesbeweis, in keiner Religion. Realität ist ebenso, nur weil etwas mit unseren heutigen Mitteln nicht nachweisbar ist, heißt das nicht, es existiert nicht.


    Deshalb heißt für mich die Frage nach Gott: Wozu braucht der Mensch ihn denn, was will er von ihm? Vielleicht gehen wir Gott ja am Arsch vorbei, so wie andere Kreaturen die aussterben und gefressen werden.


    So lange ein Mensch sich nicht selbst versteht, wird er die Frage nach Gott nicht beantworten können.

    individuelles Sterben, aber auch aussterben einer ganzen Population, gehört gleichzeitig zum Evolutionsprozess und gleichzeitig nicht. Gehört dazu, denn wenn jedes Lebewesen ewig leben würde, gäbe es keine Nahrung, keine Nahrungskette, keine Selektion, keine Evolution. Gehört nicht dazu, denn die Evolution hat kein Gehirn und sie weiss nicht, wie sie funktioniert, sie hat KEINEN Plan, KEINE Absicht, KENEN "Sinn". Evolution ist schlicht etwas das Objekte tun.


    Wenn dabei Gott ins Spiel gebracht wird, was erst durch das Gehirn des Menschen möglich ist, dann taucht nicht nur die Frage nach dem "was" sondern auch "wie" auf, und ich und andere, mit einen Funken gehirn-fabrizierten sogenannten "Mitgefühl" mit der Kreatur, die da lebendig aufgefressen oder per Krankheit erbärmlichst langsam zum Tode gebracht wird, so dass (NICHT: "Damit"=Absicht) der Evolutionsprozess weitergeht wird einen Gott, einen Erschaffer für das Szenario, WENN der ein mit Absicht handelndes Personen-Aequivalent ist, für etwas anders halten als im Thema-Titel adressiert.

    Zitat

    So lange ein Mensch sich nicht selbst versteht, wird er die Frage nach Gott nicht beantworten können.

    Das halte ich für einen wichtigen Satz. Und ja, wir Menschen haben im Laufe der Zeit eine erhebliche Arroganz entwickelt, empfinden uns mehr denn je als Maßstab aller Dinge und beuten unsere Lebensgrundlage rücksichtslos aus, ignorierend, dass die Erde uns ein Dasein ermöglicht und wir im Vergleich zum Kosmos nicht einmal ein Staubpartikel sind.


    Eine Naturkatastrophe wird nur dann als solche bezeichnet, wenn von einem Ereignis Menschen und die von ihnen genutzten Areale betroffen sind. Bricht in der menschenleeren Antarktis ein riesiger Eisberg weg, interessiert das außer vielleicht ein paar Forschern niemanden. Kommt es in einem besiedelten Gebiet zu einem Murenabgang, der Häuser, Verkehrswege und Wirtschaftsflächen zerstört, so gilt dies als Naturkatastrophe. Dabei ist ein Murenabgang genauso nur ein Naturereignis wie der brechende Eisberg in der Antarktis - erst mal weder gut noch schlecht.