Zitat

    Was sagt es also über uns, wenn wir den Begriff Ehe so sehr am Verwaltungsakt festmachen?


    Wenn man es nicht täte, wäre eine "wilde Ehe" auch eine Ehe.


    Warum nicht?

    Sachlich gesehen ist es mit anderen, faktisch vorhandenen und keinesfalls rein emotionalen Rechten und Pflichten verbunden. Emotional gesehen ist es eine andere Verbindlichkeit.
    Meine Eltern haben geheiratet, als ihnen klarwurde, dass mein Vater im Fall des Todes meiner Mutter Schwierigkeiten bekommen könnte, was uns Kinder betrifft (das ist zum Glück meines Wissens inzwischen nicht mehr so krass). Als er dann krank wurde, war es sehr gut, dass sie verheiratet waren, denn dann galt sie als nächste Angehörige und war somit bei vielem entscheidungsbefugt, was ansonsten erst einmal zu sortieren gewesen wäre. Die Heirat macht offiziell und auch rechtlich aus nicht verwandten Leuten enge Angehörige. Das ist für mich ein ganz zentraler Punkt, der weit über ein bloßes Hängen an irgendeinem "Verwaltungsakt" hinausgeht.


    Mein Kerl und ich haben geheiratet, weil es für uns zu dem Zeitpunkt sehr wichtig war, es sozusagen offiziell zu "besiegeln", dass wir uns als zusammengehörig empfinden. Ich wollte früher nie heiraten, wollte eigentlich nicht einmal eine feste Beziehung, sondern wäre lieber nicht so verliebt gewesen, wie ich es war, fand und finde viele Männer ansprechend und konnte mir damals auch gut eine offene Beziehung vorstellen. Das war für ihn lange Zeit sehr schwer, er hat sich immer sehr viel mehr Verbindlichkeit gewünscht. Und als mir klar wurde, dass ich genau diese Verbindlichkeit inzwischen zutiefst empfinde und dass ich sie inzwischen sogar selbst wollte, war es für uns beide sehr schön, das sozusagen mit einem auch rechtlich verbindlichen Quasi-Ritual bekräftigen zu können. Ohne Kirche in unserem Falle, klar. ;-D

    Zitat

    Die Heirat macht offiziell und auch rechtlich aus nicht verwandten Leuten enge Angehörige.

    Und die biologische Basis dafür wird hier im TED-Vortrag von Helen Fisher ziemlich gut (allerdings auf Englisch mit deutschen Untertiteln - Untertitel-Sprache kann man neben dem Lautsprechersymbol auswählen) erklärt :)^ : Der Dreischritt von sexuellem Trieb über emotional umfassende, gar obsessive Verliebtheit bis hin zur tiefen Bindung.

    Zitat

    Wie soll das gehen? Es sei denn, es handelt sich um eine Kinderehe oder Zwangsheirat gegen den Willen des einen oder gar beider.

    Bei Kindern als auch bei Zwangsheitrat wird ein schwerer Schaden zugefügt: Kinder und Zwangsverheirateten wir die Freiheit zum selbstbestimmten Handeln entzogen. Insbesondere bei Kindern, die ihre Persönlichkeitsentwicklung noch nicht abgeschlossen haben, wir die Möglichkeit des Kindseins entzogen.

    Zitat

    Wobei ich diese Vormundschaftsregelung (hab leider keine Quelle) für scheinheilig und doppelmoralisch halte. Begründung war aka "das junge Mädchen kennt ja sonst niemand anderen".

    Es sind nach Deutschland zahlreiche Kinder und Jugendliche ohne Betreuung und ohne Ehevertrag nach Deutschland gekommen. Diese werden in entsprechenden Einrichtungen untergebracht und erhalten eine Betreuungszuweisung. Ein Ehevertrag ist dafür vollkommen überflüssig und sollte in Deutschland für null und nichtig erklärt werden, wenn er nicht entsprechend deutschen Gesetzlichkeiten geschlossen wurde (keine Kinderehe, keine Zwangsheirat)

    sensibelmann


    Habe auf die Schnelle mal das gefunden:

    Zitat

    In Deutschland dürfen Ehen grundsätzlich erst mit der Volljährigkeit geschlossen werden, nur in Ausnahmefällen schon mit 16 Jahren. Das Oberlandesgericht Bamberg hatte im Mai aber die Ehe einer Syrerin, die im Alter von 14 mit einem Cousin verheiratet worden war, als wirksam anerkannt. Ehen Jugendlicher werden dem RBB-Bericht zufolge in Berlin generell nicht anerkannt. Einzig für Ehen, bei denen bereits Kinder da sind, gibt es eine Ausnahmeregelung. (Quelle: focus vom 31.08.2016)

    *:)

    Hier geht es wohl um den selben Fall...

    Zitat

    Als das Flüchtlingspaar im August letzten Jahres nach Aschaffenburg im bayerischen Unterfranken kam, trennte das Amt das Mädchen von ihrem Gatten und übernahm die Vormundschaft. Wegen des Protestes des Ehemanns kam es zu einer Verhandlung vor dem Familiengericht Aschaffenburg. Das Jugendamt argumentierte, dass das Mädchen die Tragweite der Eheschließung gar nicht ermessen und in dieser Ehe kein selbstbestimmtes Leben führen könne. Deshalb reklamierte die Behörde für sich das Recht, den Umgang des Mädchens mit ihrem Mann zu bestimmen. ...


    Das Familiengericht entschied am 7. März 2016 (Aktenzeichen 7 F 2013/15), dass nicht der Schutz einer nach islamischem Recht geschlossenen Ehe gelte, sondern das deutsche Gesetz zum Schutz Minderjähriger.


    Das Oberlandesgericht Bamberg kassierte aber diesen Beschluss am 12. Mai 2016 (Aktenzeichen 2 UF 58/16), weil die Kinderehe ausweislich eines Zivilregisterauszugs und einer Bestätigung seitens des Scharia-Gerichts rechtskräftig sei. Es lägen auch keine Hinweise auf eine sogenannte Zwangsheirat vor, so dass in diesem Fall auch keine Kindeswohlbelange gegen die Rechtmäßigkeit der Ehe gesprochen hätten. (Quelle: berlinjournal.biz)

    *:)

    Zitat

    nur die Vielmännerei fehlt, die konnten nur Menschen fertigbringen.

    Ah, das konnte er nicht wissen, aber sogar dafür gibt es ein paar ganz vereinzelte Beispiele in der Tierwelt. Eine Wasservogelart in Amerika (wenn ich mich nicht falsch erinnere) und noch ein paar andere haben Vielmännerei. ;-D ;-D


    Ich finde das Thema der Kinderehen enorm schwierig. Es sagt sich so einfach, dass man sie trennt und gut, aber was wenn das Mädel später zu ihrer Familie zurück geschickt wird, weil man den Schutz ja zurückgeschraubt hat? Was macht das mit ihrem Ruf? Ich meine, können wir uns wirklich lobend auf die Schulter klopfen wenn wir so ein Mädchen eventuell der Gefahr aussetzen später sozial im Achtung zu stehen, am Ende vielleicht sogar des Fremdgehens bezichtigt zu werden, mit allen vor Ort möglichen Konsequenzen?


    Das ist alles so schön einfach, auf dem Papier, aber halt auch nur da. Und was ist überhaupt mit amerikanischen Kinderehen? Werden die dann auch überprüft? Bis dato sichern internationale Verträge das Hochzeiten die im Ausland rechtskräftig geschloßen werden auch überall sonst anerkannt werden. Darauf bezog sich auch das Urteil in Bamberg. Es gab schlicht keine gesetzliche Grundlage um die Ehe für ungültig zu erklären.


    Also was machen wir mit diesem internationalen Vertrag, wo es doch so viele Länder gibt in denen es anders geregelt ist.


    Alles nicht so einfach wie es aussieht.

    Zitat

    Was macht das mit ihrem Ruf? Ich meine, können wir uns wirklich lobend auf die Schulter klopfen wenn wir so ein Mädchen eventuell der Gefahr aussetzen später sozial im Achtung zu stehen, am Ende vielleicht sogar des Fremdgehens bezichtigt zu werden, mit allen vor Ort möglichen Konsequenzen?

    So ist es. Viel Mädchen sind dann geächtet, "ihr Ruf" zerstört, zum "Freiwild deklariert". Da sind auch welche dabei, die von ihren Eltern schnell noch verheiratet wurden, um sie vor sonstigen sexuellen Übergriffen zu schützen. Das gilt dann nicht mehr. Die sind verstoßen. Schutz für diese Frauen gibt es dann nicht mehr. Messt das nicht mit europäischen Vorstellungen. Da muss jeder Fall einzeln geprüft werden, was das beste für die Betroffene ist und wie man ihr am besten hilft, nicht dass sie dann im Regen stehen gelassen wird. Die haben dann nämlich noch mehr Angst vor ihren Familien als vor ihrem Ehemann, weil sie als "Abtrünnige" gelten.


    Es muss gegen Kinderehen strikt vorgegangen werden,da spielt sich unermessliches Leid ab, gar keine Frage, aber es müssen auch Strukturen und Hilfsangebote eingerichtet werden, die sich speziell an die Bedürfnisse dieser Mädchen sowie ihre möglichen Kinder richten. Denn manche sind schon schwanger.

    Kinderehen geht gar nicht! Da bin ich ausnahmsweise mal rigoros. Kinderehen sollen bei uns nicht anerkannt werden!


    Wenn ein verheiratetes Kind bei uns strandet, dann wird es als Kind betreut, fertig. Was daraus resultieren mag, liegt allein in Verantwortung derer, die diese Kinderehe angestiftet haben, dass geht uns, mit Verlaub, einen Scheiß an. Wollen wir hier etwa auch noch die Sozialarbeit für andere Kulturen erledigen? Irgendwann muss man auch mal die Kirche (in die keiner mehr geht) im Dorf lassen. Wer als verheiratetes Kind nach Deutschland kommt, muss sich eben auch überlegen, ob das der richtige Zufluchtsort ist.


    Die Verunglimpfung des "Gutmenschen" rührt daher, dass er für seine Nächstenliebe kein Maß findet. Wer zu viele Menschen ins Boot holen will, wird mit ihnen zusammen absaufen, so einfach ist das. Der Versuch, bestehende Kinderehen hier in Deutschland in irgend einer Form vor nachteiligen Folgen für die verheirateten Kinder zu schützen, ist kontraproduktiv.


    Was zählt, ist allein der Schutz des Kindes, nicht der Kinderehe.