Lasst uns die Welt zerstören! (oder: Warum nicht?)

    Liebes Forum,


    dass Fliegen und Auto fahren der Umwelt schadet, für unsere Kleidung in anderen Ländern Menschen ausgebeutet werden, in der Massentierhaltung die Tiere kein schönes Dasein fristen - das ist uns allen wohl bekannt. Dass das vegane Schnitzel aus der Plastikverpackung, das Elektroauto und die zehnte Jeans des fairen Modelabels die Welt nicht retten werden, ist wohl auch ersichtlich. Der eine nimmt in seinem Leben mehr Rücksicht auf die Konsequenzen seines Handelns, der andere weniger.

    Ich selbst versuche vermehrt darauf zu achten, wenn schon Schaden, dann möglichst nicht zu viel Schaden anzurichten. Ich nehme mir seit einigen Jahren regelmäßig alle paar Monate ein weiteres Projekt vor, wie ich diese Bilanz noch verbessern kann: Ab sofort kein Fleisch mehr, nicht mehr fliegen, keine Plastikflaschen mehr usw. Daher, dass ich nicht alles auf einmal umstelle, fällt es mir auch nicht so schwer.


    Vor einigen Wochen veränderte sich meine Weltsicht jedoch ein bisschen. Plötzlich war da dieser Gedanke: Der Mensch ist eben ein Schädling, ein Virus, was die Erde befallen hat. Er wird sich ausbreiten, sie zerstören, sich selbst dadurch zerstören.

    Der Gedanke ist nicht neu (gibt es überhaupt neue Gedanken?), nach kurzer Recherche fand ich heraus, dass er auch schon im Film "Matrix" einmal ähnlich formuliert und dadurch einem breiten Publikum auf nette Weise präsentiert wurde:


    Würde ich weiterrecherchieren, so kämen da wahrscheinlich noch etwas angesehenere Quellen heraus. Und wahrscheinlich gibt es auch unter euch einige, die diesen Gedanken schon hatten.


    Nun habe ich jedoch ein Problem:

    Wenn ich mich selbst als Schädling sehe - wieso sollte ich dann gegen meine Natur ankämpfen? Wieso sollte ich, unter all diesen Milliarden Schädlingen, darauf achten, möglichst wenig zu schaden?

    Natürlich bin ich nicht die einzige Person, die darauf achtet, wie und ob sie konsumiert. Wenn ich mir jedoch meine Familie, meine Freunde oder meine Arbeitskollegen ansehe, zählt da der Grundsatz "Hauptsache bequem und einfach", "Ich denke lieber nicht darüber nach" und "Ich will das aber haben, also kaufe ich das".

    Auch hier im Forum ist mir eben wieder ein Faden ins Auge gesprungen, in dem es um ein mögliches Urlaubsziel geht - Mallorca, es gäbe einen günstigen Flug.

    Meine ersten Gedanken waren, dass Mallorca gerade sehr gegen die Überflutung mit Touristen kämpft und Billigfliegen abgeschafft werden sollte :-p Ja, ich bin ein Spielverderber.

    Ich möchte mich nicht davon freisprechen, auch bequem zu sein und auch neue Waren zu kaufen, Plastik zu kaufen und auch mal mit Freunden im Auto mitzufahren, statt sie von einer Zugfahrt zu überzeugen. Ich lebe noch alles andere als wirklich nachhaltig. Vorhin habe ich mit schlechtem Gewissen zwei Paprikas und eine Orange in den Müll geworfen, weil ich mich beim Einkaufen mal wieder verschätzt habe. Aber ich werde besser.


    Ich selbst habe meine Familienplanung mit 0 Kindern abgeschlossen. Für meine eigenen Nachkommen erhalte ich die Welt also nicht. Und ob die Nachkommen meiner Freunde und Nachbarn mein Engagement als netter Schädling zu schätzen wissen, wage ich zu bezweifeln.


    Wäre eine rasche Eskalation der Situation nicht vielleicht sogar nützlicher, als sie zu bremsen?

    Was für die einzelnen eine Katastrophe bedeutet, wäre insgesamt und im Nachhinein betrachtet vielleicht die beste Lösung?


    In diesem Fall sollte ich alles daran setzen, den Klimawandel voranzutreiben, die Bienen auszurotten und das Grundwasser zu verpesten, oder? ;-)


    Das mal als kurzer Einblick in meine aktuell riesige, wirre Gedankenwolke.


    Was meint ihr?

    Ich würde mich über Meinungen und eine Diskussion zu diesem komplexen Thema freuen.


    P.S.: Ein wenig vermische ich Schaden an der Umwelt und Schaden am Menschen, aber es ist meiner Meinung nach auch nicht vollständig zu trennen. Vielleicht kann es jemand auch besser aufdröseln.

  • 14 Antworten

    Um an Deine Frage heranzukommen, fange ich mal anders an.

    Im Naturhistorischen Museum in Wien (alleine das ist den Fernbus wert) gibt es einen kleinen Ausstellungsteil, der von dem gescheiterten (!) Versuch der Schaffung eines abgeschlossenen, künstlichen Ökosystems (Habitat) berichtet. Sicherlich war das auch im Hinblick auf Langzeit-Raumflüge oder gar die Besiedlung anderer Planeten versucht worden. Kurz gesagt, es ging schief, weil man nicht in der Lage war, die Vielzahl der bekannten und unbekannten Faktoren ins Gleichgewicht zu bringen. Das gilt aber gleichermaßen sowohl für den Raubbau als auch für den "Umweltschutz"!

    Schauen wir zurück. Das Leben auf der Erde vor der industriellen Revolution (=Verbrennung fossiler Energieträger) war ein halbwegs ausgependeltes Ökosystem, was aber auch nicht komplikationslos lief. Denk mal an die Pest, die die Bevölkerung Europas um ein Drittel reduzierte. Geschähe so etwas heute (es ist nur die Frage wann und nicht ob) würde man das als die größte denkbare Katastrophe überhaupt ansehen. Und man könnte niemand dafür zur Verantwortung ziehen. Nun vergleiche.

    Du hast den Menschen mit einem Virus verglichen. Das stimmt so nicht. Der Unterschied liegt darin, dass der Mensch gelernt hat, die Umwelt für sich zu "nutzen", je nachdem, was er gerade will. Andere höhere Lebewesen tun das nicht, sie haben sich in Jahrmillionen an ihr Milieu angepasst und verändern es kaum, verändern sich damit aber auch selbst nicht. Das kann man nicht bewerten, sondern nur hinnehmen.

    "Umweltschutz" ist also das prinzipiell richtige Bestreben, das konkrete Ökosystem zu erhalten, das uns hervorgebracht hat; verschwindet es, verschwinden wir auch. Insekten und Pilze müsste das möglicherweise nicht stören. Die Entwicklung des Ldbens verlief schon öfter in Schleifen (siehe Reptilien).

    Um es noch einmal zusammenzufassen: Die Erhaltung des (fast ehemaligen) Ökosystems ist nur aus menschlicher Sicht notwendig. Aus Sicht der "Natur" oder der "Schöpfung", was immer man will, ist das bedeutungslos. Eine (kurze) Episode eben.

    bruma schrieb:

    Würde ich weiterrecherchieren, so kämen da wahrscheinlich noch etwas angesehenere Quellen heraus. Und wahrscheinlich gibt es auch unter euch einige, die diesen Gedanken schon hatten.

    Es gibt einen alten Witz:


    Treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine:

    „Hey, wie geht´s?“

    Antwortet der andere:

    „Ach, nicht so gut. Ich glaub, ich hab Menschen…“

    „Oh, das ist schlimm“, sagt der erste. „Das hatte ich auch schon. Aber weißt du was? Das geht vorüber.“


    Da wird der Planete personifiziert. Menschen sind vom Planeten und der Umwelt abhängig. Umgekehrt ist es aber nicht so. Die Zerstörung der Ressourcen, des Klimas bezieht sich auch nur auf den Menschen. Sonst ist es doch völlig egal, wie das Klima auf der Erde ist. Siehe, andere Planeten. Ein Schaden an der Umwelt ist es ja auch nur, weil sich der Mensch für so unglaublich wichtig hält. Dabei ist nicht nur das Ende eines Lebens sicher, sondern auch der Menschheit. Ob das nun früher oder später geschieht - für wen soll das eine Rolle spielen? Doch wieder nur für den Menschen oder eben aus subjektiver Sicht. Schädling, Virus, egal was an deinem Text, so ist er nur auf Menschen bezogen. Gibt es keine Menschen, gibt es keinen Anfang oder Ende, keinen Schaden, kein Virus, kein Gut und kein Böse, worauf es ein Mensch bezieht.

    Wenn es lediglich nur Frauen auf dieser Welt geben würde, dann wäre diese Erde wohl ein Paradies. Vielleicht kommt es ja noch dazu, dass sich die Frauen ohne Hilfe der Männer vervielfältigen können. Dann bräuchte man den kriegstreiberischen Erfindungsgeist der Männer (und diese eben jenige) nicht mehr. Ich denke, dass Frauen der erträglichere Virus dieses Planeten wären. Alles würde binnen Monaten in die Steinzeit zurück geschleudert und lediglich ein unverständliches Grunzen würde die Ahnung einer einmal dagewesenen Sprache erahnen lassen.

    Die Welt wäre wieder in Ordnung.

    Außer! Irgendwer dieser neuen Fraktion würde so etwas wie den Mann erfinden...

    2018 Goto10

    Alfredo C. schrieb:

    Stimmt.Habe ich beide hier,die Bücher


    Das freut mich sehr! :)_Hab ich doch tatsächlich den für mich gültigsten Solaris-Film von Andrej Tarkowski (Mosfilm) gefunden. Er ist für heutiges Empfinden unendlich langsam geschnitten, aber sooo schön. Ich sah ihn genauso - in Russisch mit Untertiteln - in den 70ern im Kino. Was war ich in diese Frau verliebt... Hier in zwei Teilen:


    Danke für eure Denkanregungen.

    Zitat

    Die Erhaltung des (fast ehemaligen) Ökosystems ist nur aus menschlicher Sicht notwendig. Aus Sicht der "Natur" oder der "Schöpfung", was immer man will, ist das bedeutungslos. Eine (kurze) Episode eben.

    Zitat

    Genau.Die Natur wird uns schon überleben.Die Natur hat Zeit.

    Zitat

    Die Zerstörung der Ressourcen, des Klimas bezieht sich auch nur auf den Menschen. Sonst ist es doch völlig egal, wie das Klima auf der Erde ist. Siehe, andere Planeten. Ein Schaden an der Umwelt ist es ja auch nur, weil sich der Mensch für so unglaublich wichtig hält. Dabei ist nicht nur das Ende eines Lebens sicher, sondern auch der Menschheit. Ob das nun früher oder später geschieht - für wen soll das eine Rolle spielen?

    Welche Auswirkungen haben diese Sichtweisen auf euer Leben? Eure Handlungen?

    Das sind Dinge, die mich aktuell am meisten interessieren, da ich selbst eben (noch) nicht weiß, wie ich die Sichtweise in mein Leben integrieren soll und kann.


    Zitat

    Dann bräuchte man den kriegstreiberischen Erfindungsgeist der Männer (und diese eben jenige) nicht mehr. Ich denke, dass Frauen der erträglichere Virus dieses Planeten wären. Alles würde binnen Monaten in die Steinzeit zurück geschleudert und lediglich ein unverständliches Grunzen würde die Ahnung einer einmal dagewesenen Sprache erahnen lassen

    Und wenn es nur noch Männer gäbe? :-p

    --

    Ich habe in den letzten Tagen eure Texte mal sacken lassen und auch ein paar Gedankenspiele verfolgt. Selbst wenn die Zukunft mir egal ist, egal sein kann - die Gegenwart beschäftigt mich.

    Natürlich bin ich egoistisch. Ich habe keine Lust, dass mein bequemes Leben durch Seuchen oder Krieg oder Naturkatastrophen gestört wird.

    Das aktuelle Leid einzelner Menschen und Tiere gefällt mir aber auch einfach nicht.

    Wie kann ich ruhigen Gewissens ein T-Shirt oder ein Steak für 1,99 Euro kaufen?

    parazellnuss schrieb:

    Wenn es lediglich nur Frauen auf dieser Welt geben würde, dann wäre diese Erde wohl ein Paradies. Vielleicht kommt es ja noch dazu, dass sich die Frauen ohne Hilfe der Männer vervielfältigen können. Dann bräuchte man den kriegstreiberischen Erfindungsgeist der Männer (und diese eben jenige) nicht mehr. Ich denke, dass Frauen der erträglichere Virus dieses Planeten wären. Alles würde binnen Monaten in die Steinzeit zurück geschleudert und lediglich ein unverständliches Grunzen würde die Ahnung einer einmal dagewesenen Sprache erahnen lassen.

    Das ist fraglich, wenn ich mir anschaue, wie die Entwicklung während der Geschichte ist und welche Rolle Frauen in den unterschiedlichen Ländern spielen. Die Gruppendynamik in Frauengruppen ergibt meistens genauso Krieg, wie bei Männern. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel und auch da gibt es genug, nur nicht die Mehrheit. Eine andere Art, aber Krieg. Ich denke, dass es eine Illusion ist, dass Frauen keine Kriege führen würden oder es tun und Solidarität unter Frauen ist auch nicht immer und überall vorhanden, sondern nur wenn andere so denken wie sie. Ein friedliches Miteinander auf gleichwertiger Ebene ist bei Frauen genauso Mangelware wie unter Männern, nur dass Frauen oft ihre Kämpfe auch noch durch ihre Männer kämpfen lassen. Männer machen sich andere genauso untertan, wie Frauen. Sie benutzen unterschiedliche Werkzeuge, halt die, die sie zur Verfügung haben und die wenigsten Gesellschaften haben die Ziele in Einklang mit der Natur und im Einkalng miteinander zu leben. Das verlangt selbstverantwortliche und intelligente Menschen, die ja alle bei der Geburt sind, die Fähigkeiten haben. Neid, Eifersucht und Machtgier hat kein Geschlecht. Eigentlich ist es eher verwunderlich, dass es Staaten gibt, in denen es ein Sozialsystem gibt, wenn man sich die Denkweise einzelner Personen anhört.