Mindestlohn

    Guten Morgen,


    In einem anderen faden soeben gelesen und mich interessieren eure Meinungen, insbesondere jene, die den Mindestlohn entweder per se ablehnen oder dessen derzeitige Höhe (knapp 9€) für zu viel halten. Dem ist zu entnehmen dass ich pro Mindestlohn bin und auch der Meinung, er müsse angehoben werden. Wer ist dagegen? Warum?


    Viele Grüße,


    Reizende

  • 233 Antworten

    Mindestlohn ist für mich per se sinnvoll. Die aktuelle Höhe halte ich für angemessen, eher dürfte er noch etwas höher liegen. Aber nicht viel höher. Das ist für mich ein Stück "soziale Marktwirtschaft". Es sollte schon Angebot und Nachfrage über den Preis verhandeln, aber die Mindestlohn-Deckelung soll auch Dumping verhindern. Bei einer Vollzeitstelle darf es keine Aufstocker geben - ich habe nie verstanden, warum man Arbeitgebern erlaubt, sich billige Arbeitskräfte heranzuziehen, die vom Staat den Rest zum Leben bekommen. Das gehört sich nicht.


    Bei 9 Euro liegt man bei einer Vollzeitstelle über Hartz-IV-Bezügen. Jemanden zum Grundsicherungseinkommen arbeiten zu lassen und daraus Profit zu schlagen, hat eher was von Sklaverei. Daher sollte der Mindestlohn immer so beschaffen sein, dass eine Vollzeitstelle spürbar mehr einbringt als Hartz-IV.

    Ich bin dagegen, weil er vor allem die Automatisierung fördert. Er hilft denen nicht, die bildungsarm sind. Sondern er schafft eine Barriere, weil man jedem (die verbleibenden Ausnahmen im Gesetz bestätigen die Regel) diesen Mindestlohn zahlen muss.


    Die ganz einfachen Tätigkeiten werden damit automatisiert, weil es sich lohnt, das zu automatisieren.


    Beispiele:


    * Fahrkartentickets verkaufen => macht der Fahrkartenautomat


    * Pfandflaschen/dosen zurücknehmen => macht der Pfandautomat


    * Geld auszahlen => macht der Geldautomat


    * Zigaretten und Süßwaren verkaufen => macht der Automat


    Es nimmt den Menschen mit objektiv gesehen wirklich geringer Bildung/Arbeitsleistung die Chance, ihre Dienste dauerhaft für weniger als Mindestlohn am Arbeitsmarkt anzubieten. Und es schafft ein deutliches Ungleichgewicht zu den Ehrenämtern. Warum soll ich noch ein Ehrenamt machen, wenn ich woanders für quasi jede beliebig simple Aufgabe Mindestlohn bekomme?


    Natürlich verlagert es auch Jobs ins Ausland. Dann wird eben z.B. lkw-weise Hotelwäsche aus Berlin nach Polen gefahren, dort gewaschen und kommt dann lkw-weise zurück. Und das ist nur ein Beispiel.


    Wenn ein Arbeitgeber mindestens z.B. 10 EUR pro Arbeitsstunde zahlen muss, wird er auch die Aufgabe komplex genug machen, damit sich das für ihn lohnt. Und Stellen zusammenstreichen - mit Digitalisierung und Automatisierung, ist doch logisch. Oder seine Mitarbeiter zu höherer Effizienz verpflichten und bei Nicht-Erreichung: schlicht kündigen.


    Aus meiner Sicht ist es ein starker Eingriff in das freie Vertragsrecht zwischen Arbeitgeber und -nehmer, der mit "Zu sozial ist unsozial." gut beschrieben ist.


    Und die zeitbezogene Vergütung von Arbeit (Euro pro Arbeitsstunde) finde ich generell eher schlecht geeignet: sie belohnt rumbummeln, länger machen. Besser: nach abrechenbarem Ergebnis (z.B. pro hergestelltem Produkt oder pro gereinigter Fläche etc.) bezahlen. So wird es automatisch leistungsgerechter.

    Ich glaube, wir haben heute noch gar keine Vorstellung darüber, was alles sehr leicht automatisierbar ist.


    So ein Raspberry Pi kostet 10-35 EUR, und wird tendenziell immer billiger. Steigende CPU-Leistung und Speicher, und einfachere Programmierbarkeit kann und wird die Grundlage sein für alles mögliche an Automatisierung.


    Roboter in der Pflege, Automatenautos zum Ersatz von Taxifahrern, Roboter statt Wach/Schließ/Sicherheitsfirmen, Haushaltsroboter (z.B. Saugroboter) statt Reinigungskraft oder Haushaltshilfe, Rasenmähroboter statt Gärtner.


    Schon die Straßenkehrmaschine hat großflächig die Straßenkehrer ersetzt. Ja, die Niedriglohnjobs der Vergangenheit waren selten wirklich attraktive Jobs, aber sie haben auch fast keine Ansprüche an den Ausführenden gestellt. Besen in die Hand, los geht's. Als Fahrer einer Straßenkehrmaschine braucht es schon eine Fahrerlaubnis mit aller Theorie und Praxis davor.

    Die Automatisierung schreitet mit und ohne Mindestlohn voran. Das hängt nicht zusammen. Es wird immer Tätigkeiten geben, die nicht von einem Automaten erledigt werden können. Ad hoc fällt mir der Friseur ein. Gut, dass dort nicht mehr 3 Euro pro Stunde gezahlt wird.


    In England liegt der Mindestlohn bei 12 Euro, ich meine in Frankreich auch. Die deutsche Regierung hat über 15 Jahre gebraucht, sich zu einem Mindestlohn durchzuringen (die ganze Zeit mit SPD-Beteiligung). Ein Armutszeugnis.


    Man kann sich kaputt sparen wie wir an unserem Gesundheitssystem leider miterleben dürfen :(v Pflege wird auch nicht automatisiert werden. Wer ist denn bereit diesen harten Job für einen Hungerlohn zu machen? Fachkräftemangel 8_) Mangel an entsprechenden Gehältern würde ich sagen :[]


    In Amerika braucht man mehrere Jobs um über die Runden zu kommen. Klasse Idee. Rund um die Uhr arbeiten und 4 Stunden zum schlafen haben.


    Von Leistungsverdichtung ganz zu schweigen: immer weniger Personal soll noch mehr Aufgaben stemmen. Da ist der hiesige Mindestlohn von 8,83 Euro etwas lächerlich.

    Ich bin gegen den Mindestlohn. Allerdings nicht, weil ich möchte das leute weniger verdienen. Sondern ein Arbeitgeber sollte verdammt nochmal soviel zahlen das man davon leben kann und das ohne gesetzliche Vorschriften. Es ist ein Armutszeugnis das wir sowas gesetzlich regeln müssen.

    ich bin eigtl. auch pro mindestlohn und denke auch, dass er angehoben werden sollte - ich verstehe aber auch, dass es ein paar starke argumente gegen einen mindestlohn oder gegen seine erhöhung gibt.


    - es kann nicht mehr nach leistung differenziert werden. wenn 2 arbeitnehmer den lohn in identischer höhe bekommen und der eine sich nicht anstrengt und der andere fleissig ist, wird der fleissige im laufe der zeit eben auch faul werden. sicher, der arbeitgeber könnte den beiden auch einen unterschiedlichen lohn zahlen, dann würde aber der faule auf die barrikaden gehen, weil er weniger bekommt, die gewerkschaft würde protestieren und zu guter letzt - warum sollte er, gibt ja einen gesetzlichen mindestlohn und den zahlt er auch.


    - grade kleine und mittelständische unternehmen kommen kaum über die runden. nehmen wir mal als beispiel eine KFZ-werkstatt. da gibt es einige grosse ketten. wenn die eine neue filiale eröffnen, steckt einiges an geld dahinter - aber auch unternehmerischer erfahrung. wenn otto normal nun auch eine aufmacht, dann muss er lehrlinge anstellen und eben auch den ein oder anderen mitarbeiter. sagen wir mal, er stellt seinen bruder oder seinen neffen oder den sohn seines cousins ein - auch KFZ-mechaniker - dann muss er demjenigen den mindestlohn zahlen. auch, wenn der das ganze als familiären freundschaftsdienst sieht und vielleicht gar nicht den mindestlohn haben möchte, bis das geschäft gut läuft. grosse unternehmen sind da leichter in der lage, die paar euro pro stunde zusätzlich zu zahlen, als kleine.


    - wir machen uns damit international unwirtschaftlicher. die lohnnebenkosten in deutschland sind schon besonders hoch. aber ein kluger arbeitgeber weiss ja, wieso dem so ist und freut sich dann eben über gut ausgebildetes personal, logistische infrastruktur oder einfach ein krankenhaus um die ecke in das ein mitarbeiter bei einem arbeitsunfall schnell eingeliefert werden kann. durch den mindestlohn steigen die lohnkosten insgesamt aber nochmal gut an, grade im feld der geringen einkommen, bei denen die lohnkosten in anderen ländern niedriger sind.


    - die preise passen sich einfach an. wenn die mehrheit des arbeitsvolkes 100 euro mehr im monat zur verfügung hat, steigen bald die mieten, energiekosten und lebensmittelpreise. die zuverdienste landen dann in den taschen einiger weniger. bei einer gesellschaft ohne mindestlohn muss es eben auch noch mietraum, energie und lebensmittel für menschen geben, die vollzeit arbeiten und nur 3 oder 4 euro die stunde verdienen - andere preise wären ja ggf. sittenwidrig. bei einer mindestlohngesellschaft aber kann man eben argumentieren, dass jeder der vollzeit arbeitet eine bestimmte mindestsumme einnimmt. wer nicht arbeitet bezieht ALG2 oder eine andere art der grundsicherung und hat auch ausreichend einkommen für steigende miet-, energie- und lebensmittelpreise.


    alles in allem denke ich aber, dass die vorteile die nachteile überwiegen und auch, dass er zu gering ist. grade, wenn wir uns mit ländern wie luxemburg (11,55), frankreich (9,88) oder den niederlanden (9,68) vergleichen ist da noch ein bisschen luft nach oben.

    Zitat

    Sondern ein Arbeitgeber sollte verdammt nochmal soviel zahlen das man davon leben kann und das ohne gesetzliche Vorschriften. Es ist ein Armutszeugnis das wir sowas gesetzlich regeln müssen.

    Also können wir gleich alle Gesetze absschaffen? Ein Bürger sollte verdammt nochmal doch keinen anderen umbringen, beklauen, schädigen, etc. etc.

    Zitat

    wenn die mehrheit des arbeitsvolkes 100 euro mehr im monat zur verfügung hat, steigen bald die mieten, energiekosten und lebensmittelpreise.

    Bald? Wo lebst du? :D

    Wir hatten jahrelang keinen Mindestlohn und trotzdem kamen die Automaten.


    Und überhaupt: warum soll sich ein Arbeitgeber ohne Mindestlohn einen unterbezahlen Menschen hinstellen, der Null Identifikation mit seinem Job hat, auch mal eine Null-Bock-Phase, Beiträge zur Berufsgenossenschaft kostet und Pauschalabgaben an die Sozialversicherung? Der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall bekommt und Anspruch auf bezahlten Urlaub hat?


    Auch ohne Mindestlohn werden solche Stellen durch Automaten besetzt.

    Menschen brauchen für die meisten Dinge im Leben neben der Bedürfnisbefriedigung ein Motiv für ihr Handeln. Je langfristiger dieses Handeln angelegt ist/sein soll (hier die Bindung an den Arbeitsplatz mit einem für das Unternehmen vorteilhaften Basis - kein Verlustgeschäft), desto sinnvoller ist es den Anreiz in ein positives Verhältnis zum Ergebnis zu bringen.


    Wir haben in vielen Bereichen der Volkswirtschaft eine Mangelwirtschaft erarbeitet. Wichtige soziale Bereiche sind zugunsten der reinen Wirtschaftskraft als Wirtschaftsstandort zurückgeblieben.


    Einen zu geringen Mindestlohn als Basisfaktor produziert in vielen Jahren Menschen die lustlos und unmotiviert ihren Job erledigen. Vielfach wird gerade im Dienstleistungssektor bemängelt, dass Menschen unfreundlich und zum Teil respektlos ihren Job "absitzen".


    Natürlich ist Deutschland, wie jedes andere Land ein Konkurrent in Sachen Faktor Arbeit, Produkterzeugung, sozialer Sicherheit und dem Faktor Mensch als wichtiger Kostenfaktor. Dennoch bringt es nichts Arbeit nur nach der Maßgabe wirtschaftlich abrechenbar oder nicht zu klassifizieren.


    Wie wichtig uns ein gutes gesellschaftliches Miteinander ist, mit geringen Verbrechenszahlen, wenig kostenintensiven Staatsaufgaben etc. spüren wir in der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung im Land bzw. der europäischen Nachbarn.


    Einkalkulierte Transferleistungen an die Arbeitnehmer vom Staat übernommen, lässt Unternehmer die Stellschraube der Gewinn-Maximierung immer weiter zu ihren Gunsten drehen. Damit wird ein langfristiges Ziel, dass der Nachhaltigkeit in den Industrie-Leitstandorten immer weniger ins Kalkül gezogen. Die natürlichen Ressourcen nehmen in jeder Generation weiter ab und sind nicht amortisierbar.


    Wer heute zu viel spart, könnte bald die Erfahrung machen, dass ein Kollektiv alters armer und durch die frühzeitiger Gesundheitsprophylaxe länger lebende Menschen sich dagegen wehren werden, trotz Arbeit und damit einher gehender körperlichen Verfalls, lebendig "begraben" zu sein, weil ein menschenwürdiges Dasein, nach einem aktiven Arbeitsleben über Pension und Rente nicht möglich, ist, weil die private angemessene Vorsorge mit einem Mindeslohn deutlich unter 10 Euro bei steigender Inflationsrate/Staatsverschuldung nicht möglich ist.